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Buchbesprechung

Matriarchale Landschaftsmythologie

von Heide Göttner-Abendroth

Buchbesprechung von Gisela Lässig

Als ich das neu erschienene Buch von Heide Göttner-Abendroth – „Matriarchale Landschaftsmythologie“ – vor mir fand, konnte ich gar nicht mehr aufhören zu lesen, so interessant fand ich das Wiedereintauchen in das, was ich bei einer landschaftsmythologischen Führung mit der Autorin selbst erlebte.
Sich mythologisch auf die Landschaft einzulassen, öffnet Horizonte, die der nur konsumierende Massentourismus uns vorenthält. Heide Göttner-Abendroth, Philosophin, freie Wissenschaftlerin und Begründerin der modernen Matriarchatsforschung, lässt Landschaften von der Ostsee bis Süddeutschland durch ihre Entdeckungen lebendig werden, und mit ihnen eine Kultur, die uralt und uns in unserer jeweiligen Heimatlandschaft doch so nahe ist.
Die Analysen der Autorin weisen zurück auf die Jungsteinzeit und machen auf deren matriarchale Merkmale aufmerksam, die heute noch in der Landschaft zu finden sind. Dabei werden Archäologie und lokale Mythologie kombiniert und mit dem Erscheinungsbild der Landschaften in Zusammenhang gebracht: eine dreidimensionale Methode. Diese wird leicht verständlich und exemplarisch in der Einleitung erläutert und in den einzelnen Kapiteln klar und prägnant angewendet.
Auf diese Weise macht Heide Göttner- Abendroth Landschaften als sakrale Räume – so, wie sie einst verstanden wurden – wieder erkennbar und enthüllt die Sichtweise der jungsteinzeitlichen Kulturen und deren matriarchales Verständnis der Welt: Landschaft ist ein Teil der Mutter Erde und daher weiblich. Als Berggöttin, heilige Quelle und Schlucht, heiliger Stein und See formen sich ihre Züge zur jeweils lokalen Landschaftsgöttin. Ausgeprägte weibliche Formen wie zwei gleichförmige Berge als symbolische Busen oder ein Tal als symbolische Vulva waren ihnen besonders heilig. Mit ihren Häusern und Kultbauten formten sie die Landschaft nach und betonten deren weibliche Aspekte. Ebenso werden die astronomischen Linien als Kult- und Kommunikationslinien in das Landschaftsensemble einbezogen. Ihre Verbindungen untereinander formten die ältesten Fernwege.
Die von der Autorin landschaftsmythologisch erarbeiteten Regionen sind die Insel Rügen in der Ostsee, Thüringen und Hessen in Mitteldeutschland, der Rhein von der Schweiz bis Holland, der Schwarzwald bei Freiburg im Südwesten Deutschlands, das bayerische Donautal von Passau bis Straubing sowie der Bayerische und Böhmer Wald in Südostdeutschland. Ihnen sind die einzelnen Kapitel gewidmet, die eine Fülle an gut belegten, lokalen Zügen bieten, welche man gern in der heimischen Region bereisen und erwandern möchte. Jedem Kapitel ist eine Übersichtskarte beigefügt, und Fotos wie auch Skizzen illustrieren die landschaftlichen Besonderheiten.
Auf dieses Buch von Heide Göttner- Abendroth habe ich lange gewartet. Die Autorin lehrt uns mit den Methoden der matriarchalen Landschaftsmythologie, unsere natürliche Umgegend – leider heute oft verbaut – neu zu sehen. Ebenso tritt uns die uralte, weiblich geprägte Kultur der Jungsteinzeit, die diese Landschaften zuerst prägte, wieder deutlich entgegen. So ist ihr Buch auch eine Reise durch die Zeit. Damit ist dieses Werk Lehrbuch, Geschichtsbuch und Geschichtenbuch zugleich. Denn nicht nur der große Schatz an Wissen, den die Autorin in jahrelanger Beschäftigung mit den verschiedenen Landschaften und deren genauer und einfühlsamer Begehung zusammengetragen hat, erfreut und bereichert, sondern auch ihre erhellende Interpretation der jeweiligen lokalen Sagen und Geschichten. Sehr zu empfehlen!
 

Kohlhammer 2014
350 Seiten
29,99 Euro

ISBN: 978-3170223363

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