Persönlichkeiten der Geomantie: Gustav Freiherr von Pohl

Die Geschichte der Geomantie reicht weit zurück. Sie verknüpft zahllose Disziplinen wie Radiästhesie, Land­schafts­deutung, Analogiesysteme und vieles mehr. In der neuen Reihe „Persönlichkeiten der Geomantie“ stellen wir bekannte ­­historische und mythische Protagonisten vor, die für die Entwicklung der heutigen Geomantie bedeutsam sind.

von Dipl. Ing. Stefan Brönnle erschienen in Hagia Chora 39/2013

1928 kam der ausgesprochen fühlige Radiästhet Gustav Freiherr von Pohl nach Vilsbiburg, um in der nahen Stadt Velden und für die Vilsbiburger Brauerei Urban jeweils einen Trinkwasserbrunnen zu finden.

Ein Meilenstein – etwas überwuchert

Gustav Freiherr von Pohl war ein deutscher Adeliger aus der Stadt Dachau. Er lebte zwischen 1873 und 1938. Mit seinem berühmten Experiment zur Korrespondenz zwischen Krebs­erkrankungen und Wasseradern in der bayerischen Stadt Vilsbiburg erregte er schon zu Lebzeiten großes Aufsehen:
1928 kam der ausgesprochen fühlige Radiästhet Gustav Freiherr von Pohl nach Vilsbiburg, um in der nahen Stadt Velden und für die Vilsbiburger Brauerei Urban jeweils einen Trinkwasserbrunnen zu finden. Während der Tage der Brunnenplatzsuche, die ihm im übrigen gelungen ist, hatte sich von Pohl am Vilsbiburger Stadtplatz im Gasthaus Halsbeck einquartiert. Dort fiel ihm am Haus selbst wie auch an den umliegenden Häusern aufsteigende Feuchtigkeit auf. Das brachte ihn auf die Idee eines später viel zitierten Experiments. Er wollte die unterirdischen Wasserströme von ganz Vilsbiburg untersuchen, von denen es in der an der Vilsaue gelegenen Stadt reichlich gegeben haben dürfte. Ohne vorherige Kenntnis, also in einem Blindversuch, wollte er die ermittelten Ergebnisse mit den örtlichen Krankheitsfällen vergleichen. Weder von Pohl als Testperson noch seine Begleiter kannten die ärztlichen Diagnosen über chronische Erkrankungen bei den Bürgerinnen und Bürgern der Stadt.
Bevor jedoch der Marktrat von Vilsbiburg einer solchen Großuntersuchung zustimmte, musste sich Freiherr von Pohl einer Untersuchung unterziehen, um sich als zuverlässiger Radiästhet auszuweisen: Fünf Einschlagspunkte von Blitzen sollten exakt lokalisiert werden. Von Pohl konnte diese Punkte tatsächlich präzise bestimmen und erhielt die Erlaubnis für sein Experiment.
Zwischen dem 13. und 19. Januar 1929 beging der Radiästhet im Beisein des ersten Bürgermeisters Josef Brandl, des Polizeikommissars Fischer und des Polizeiwachtmeisters Schachtner sowie eines weiteren Rutengängers, der die Kontrolle durchführen sollte, das Gemeindegebiet der Stadt Vilsbiburg und trug die von ihm ermittelten unterirdischen Wasserströme in einen Stadtplan ein. Der Vilsbiburger Bezirksarzt Obermedizinalrat Doktor Bernhuber ermittelte in der Zwischenzeit durch die Leichenschauscheine diejenigen Häuser, in denen zwischen den Jahren 1918 und 1928 Todesfälle in Folge von Krebs vorgekommen waren. Die Zusammenstellung wies 54 letale Krebsfälle auf und wurde erst nach der radiästhetischen Begehung an den Bürgermeister Brandl übergeben. Das Ergebnis war so erstaunlich, dass hier der Wortlaut des Originalprotokolls wiedergegeben werden soll:
„Aus den Karten zeigt sich die verblüffende Tatsache, dass sämtliche Krebstodesfälle in Vilsbiburg auf den von dem Freiherrn von Pohl eingezeichneten starken unterirdischen Wasserläufen liegen. Soweit der über die Todesfälle orientierte 1. Bürgermeister J. Brandl an der Begehung teilnahm, hat, wenn Freiherr von Pohl ein Haus als krebsgefährlich bezeichnete und in diesem auch ein (oder bei mehrstöckigen Häusern zwei übereinander liegende) Zimmer und in diesem von außen auch die Stellung und Lage des Sterbebettes angab, eine Besichtigung der betreffenden Häuser stattgefunden. Die von außen erfolgte Angabe des Freiherrn von Pohl hat sich durch Befragung des Herrn 1. Bürgermeisters bzw. des begleitenden Polizeibeamten bei den Nachkontrollen der Verstorbenen in jedem Falle ausnahmslos als richtig erwiesen; wo in einem Zimmer zwei Betten getrennt standen, verbat sich Freiherr von Pohl sofort jede Auskunft, in welchem Bett der Verstorbene geschlafen hatte und hat dann zur Verblüffung der Anwesenden jedesmal richtig angegeben, in welchem Bett der Krebskranke verschieden war. Sogar im Marktturm konnte in der 22 Meter hoch über dem Erdboden gelegenen Wohnung des Turmwächters die gleiche Feststellung gemacht werden.“

Theorien zur Wirkung von Wasseradern
Dennoch hielt man Gustav von Pohl später vor, dass seine Ergebnisse wenig stichhaltig seien, da in einer Stadt in Auenlage mit so vielen Wasseradern Treffer praktisch automatisch zustandekämen. Die sogenannte Kolb’sche Liste aus dem Jahr 1914 führte die Krebshäufigkeiten in Bayern auf. Dabei stand die Stadt Vilsbiburg von 167 Orten an 37. Stelle. Die damals „krebsärmste“ Stadt dagegen war Grafenau im Bayerischen Wald. Daher wurde das Experiment im Jahr 1930 auf Wunsch des Deutschen Zentralkomitees zur Erforschung und Bekämpfung der Krebskrankheit in Grafenau wiederholt. Wie schon in Vilsbiburg trug Freiherr von Pohl nach einem eigenen Intensitätsmutungssystem nur die „stärksten“ Wasseradern der Stadt in eine Karte ein. Wiederum waren die Häuser aller 17 Krebsfälle der Stadt, die seit 1914 verzeichnet waren, deckungsgleich mit den eingetragenen Wasser­adern – eine Trefferquote von hundert Prozent!
Für Gustav von Pohl war dies der Nachweis für seine Theorie, dass „negativ-elektrische“, „gammaähnliche“ vertikale Strahlen, die von Wasseradern ausgingen, Krebserkrankungen entstehen ließen. Pohl erklärte sich die Entstehung der Strahlen als vom „Magma“, dem flüssigen Erdkern, ausgehend. Diese Strahlung würde sich „in guten elek­trischen Leitern abbeugen und von diesen weiter zur Erdoberfläche und in die Atmosphäre strahlen“, dabei jedoch ihre Wellenlänge verändern. Wasseradern gehörten für von Pohl zu solchen „guten elek­trischen Leitern“. Da sich aber derartige Erdstrahlen nach seiner Erfahrung praktisch durch nichts – auch nicht durch mehrere Lagen Blei­platten – abschirmen, sondern nur beugen ließen, mussten sie etwas anderes als radioaktive Gammastrahlen sein (daher „gammaähnlich“). Diese Strahlung war für von Pohl ursächlich für die verschiedensten Symptome von Schlaflosigkeit über Migräne und Asthma, bis hin zu Krebs. Seine Forschungsergebnisse veröffentlichte von Pohl 1932 in seinem Buch „Erdstrahlen als Krankheits- und Krebserreger“.
Die Handwerkszeuge des begnadeten Radiästheten waren eine 7 Millimeter dicke Wünschelrute aus Messing und eine dünne Stahlrute. Auch ihre Handhabung ist im Originalprotokoll des Vilsbiburger Versuchs festgehalten: „Es war auffällig, wie verschieden die Ruten über in ihrer Art und Tiefe verschiedenen unterirdischen Wasserläufen ausschlugen. Bei denjenigen unterirdischen Wasserläufen, die Freiherr von Pohl nach der Ermittlung als gesundheitsgefährlich bezeichnete, zuckte die Rute schon in mehr oder weniger großer Entfernung (bis zu ca. 50 Metern) vorher dermaßen in den Händen hin und her, dass Genannter sie kaum festhalten und öfter auch der offen ersichtlichen Anstrengung wegen loslassen musste. Über solchen unterirdischen Wasserläufen schlug dann die Rute stets außerordentlich heftig herum und häufig so heftig, dass sie sich den Händen entwand.“
Von Pohl selbst schreibt in seinem Buch über die geopathogene Wirkung von Wasseradern: „Die Tiefe und Breite eines Untergrundstroms spielt nach meinen Erfahrungen für die Gefährlichkeit seiner Ausstrahlungen weniger eine Rolle als seine Stärke. Ein unter starkem Druck fließender, durch seine Ausstrahlungen nach meinen Erfahrungen sehr krebsgefährlicher Untergrundstrom wird ungefährlicher, wenn er […] weiter abwärts in den sogenannten Auenstrom mündet. Damit ist jedoch nicht gesagt, dass Untergrundströme, die auch unter dem Auenstrom in verschiedensten Tiefen […] fließen, krebsungefährlich sind […]. Diese Erfahrung wird auch von Prinzing bestätigt, der […] fand, dass die in den Tälern gelegenen Gemeinden […] keine geringere Krebssterblichkeit hatten als die höhergelegenen Landesteile.“

Entstörungsversuche scheitern
Diesem Weltbild folgend, machte sich von Pohl auch daran, ein Entstörgerät zu entwickeln, das er schließlich patentieren ließ. Einige der erdachten Geräte sollten die Fähigkeit besitzen, eine ganze Stadt vor Erdstrahlen zu schützen. Von Pohl war überzeugt davon, dass dieses Gerät die von Wasseradern ausgehende Strahlung abschirmen würde. Doch bei der Demonstration in Gegenwart von Wissenschaftlern kam es zum klassischen Placeboeffekt: „Als dann von einer Kontrollperson das Entstrahlungsgerät ausgeschaltet wurde, zeigte sich ein Rutenausschlag, den er trotz größter körperlicher Anstrengung angeblich nicht vermeiden konnte. Dem Baron trat der Schweiß auf die Stirn, er kniff die Lippen zusammen und reckte den Unterkiefer vor und war am Ende des Versuchs von seinem Bemühen, die Rute zu halten und gegen die drehende Kraft der Rute sich zu behaupten, sichtlich erschöpft. Tatsächlich war aber das Entstrahlungsgerät […] nicht ausgeschaltet worden, sondern stand eingeschaltet auf dem Tisch, und eine Wirkung der angeblichen Erdstrahlen hätte nunmehr nicht auftreten dürfen.“ (zitiert nach dem Buch „Wünschelrute, Erdstrahlen, Radiästhesie. Die okkulten Strahlenfühligkeitslehren im Lichte der Wissenschaft“ von Otto Prokop und Wolf Wimmer, Enke Ferdinand Verlag, 1977). Daraufhin wurde das Patent annuliert.
Dennoch gehörte das Vilsbiburger Experiment und das Grafenauer Folgeexperiment zu den erstaunlichsten dokumentierten Leistungen eines Radiästheten. Sein Buch wurde ein Klassiker, das ab den 1970er Jahren mehrfach neu aufgelegt wurde.
Freiherr von Pohl ist mit seinem Vilsbiburger Experiment meines Erachtens ein Meilenstein in der Geschichte der Radiästhesie gelungen, wenn auch einige seiner Theorien zur Entstehung von Krankheitssymp­tomen über Wasseradern heute unter Berücksichtigung neuerer Forschungen in der Physik und Geologie als überholt gelten müssen. Auch die Kernfrage, warum ein Radiästhet überhaupt mit einem Rutenausschlag auf verschiedene Orte reagiert, ließ von Pohl unberücksichtigt, was gerade aus einer erweiterten psychologischen Perspektive aber für die umfassende Interpretation seines Experiments von großer Wichtigkeit wäre. Seine Arbeit und seine Theorien haben auf jeden Fall die radiästhetischen Theorien bis in unsere Zeit hinein mitgeprägt. Sein Experiment mit der erwiesenen unglaublichen Treffsicherheit kann von Kritikern der Radiästhesie bis heute meist nur mit dem Vorwurf des vorsätzlichen Betrugs ausgeräumt werden.
Leider fanden seine Experimente durch die politischen Umbrüche kurz nach Erscheinen des Buchs und den Tod des Forschers kurz vor Kriegsbeginn keine weitere Fortsetzung. Wohl hatte ihn auch sein Versagen bei der Vorführung des „Entstrahlungsgeräts“ tiefer getroffen, als äußerlich zugegeben. So bleibt seine Arbeit ein Meilenstein – beständig, aber etwas zugewachsen und vergessen. +

 

Stefan Brönnle studierte Landschaftsplanung und befasst sich seit über 20 Jahren mit vielen Gebieten der Geomantie. Er leitet gemeinsam mit Sibylle Krähenbühl die Geomantieschule INANA. www.inana.info