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Lasst Gerechtigkeit fließen für Wasser

In einer friedlichen Welt wird Wasser
als Gemeingut verstanden.

von Franklin Frederick erschienen in Hagia Chora 39/2013

Ist Wasser Teil der globalen Allmende oder eine auf dem Markt handelbare Ware? Die Antwort auf diese Frage ist für die Menschheit lebensentscheidend – heute und umso mehr in den kommenden Jahrzehnten.

Ist Wasser Teil der globalen Allmende oder eine auf dem Markt handelbare Ware? Die Antwort auf diese Frage ist für die Menschheit lebensentscheidend – heute und umso mehr in den kommenden Jahrzehnten.
Der Prophet Amos sagte: „Lasst Recht fließen wie Wasser …“ (Amos 5,24). Lebte er zu heutigen Zeiten, wäre dieses Sinnbild nicht mehr stimmig, denn das Wasser fließt nicht so frei, wie es zu seiner Zeit noch der Fall war. Weltweit 845 000 Staudämme hindern es daran, dar­unter 40 000 mit einer Dammhöhe von über 15 Metern sowie 300 riesige Stauanlagen wie die Drei-Schluchten-Talsperre in China. Für den Bau der meisten dieser Anlagen verloren Millionen von Menschen ihre Heimat, ohne dafür einen Ausgleich zu bekommen, hilflos zurückgelassen und ums Überleben kämpfend. Nicht nur Dämme verhindern den Fluss des Wassers: Wasserentnahmen und -abgrabungen für landwirtschaftliche und industrielle Zwecke lassen selbst große Flüsse austrocknen, bevor sie das Meer erreichen. Zudem haben Minengesellschaften in den südlichen, armen Ländern der Welt die Vernichtung großer Wassermengen zu verantworten.
Der vollständige Ausspruch von Amos lautet: „Lasst Recht fließen wie Wasser und die Gerechtigkeit wie einen nie versiegenden Bach.“ Heute würde sich Amos vermutlich so äußern: „Lasst Recht fließen für Wasser und für die, die es brauchen.“ Das ist Gerechtigkeit, das ist unsere Verantwortung.
Franz von Assisi hat in seinem „Lob der Schöpfung“ auch über das Wasser gesprochen: „Gelobt seist du, mein Herr, durch Schwester Wasser, gar nützlich ist es und demütig und kostbar und keusch.“ Heute ist Wasser leider nicht mehr so rein. Pes­tizide, Bergbau, giftige Industrieabfälle verseuchen weltweit sowohl Oberflächen- als auch Grundwasser. Laut Aussage der Vereinten Nationen stehen nahezu 80 Prozent der Krankheiten in den sogenannten Entwicklungsländern in Zusammenhang mit Wasser, für rund drei Millionen Menschen jährlich mit tödlichem Ausgang. An Durchfallerkrankungen sterben täglich 5000 Kinder – das bedeutet: alle 17 Sekunden eines. 800 Millionen Menschen haben keinen Zugang zu sauberem Wasser und sanitären Einrichtungen.
Heute würde der heilige Franziskus gewiss auch zur Frage Stellung beziehen, für wen Wasser nützlich und kostbar ist und für welchen Zweck. Er würde sich für diejenigen einsetzen, die es zum Leben brauchen. Weder Amos noch der heilige Franziskus wären einverstanden damit, dass multinationale Konzerne das Wasser kontrollieren. Beide sahen das Wasser als eine Gottesgabe für alle Lebewesen an.

Die Welt wurde zur Ware
Indigene Völker auf der ganzen Erde würden Amos’ und Franziskus’ Vision vom Wasser teilen. Tatsächlich behandeln jede spirituelle Tradition und jede Religion Wasser als Heiligtum und als unverzichtbar für den Fortbestand des Lebens auf der Erde. Westliche Zivilisationen hingegen begannen schon in der Renaissance, sich von der traditionellen Sichtweise zu verabschieden, die Erde sei ein lebendiger Organismus, für den Wasser eine zentrale Rolle spiele. Die damals in Europa einsetzende wissenschaftliche Revolu­tion brachte zwar wunderbare Früchte mit sich, doch damit leider auch die Vorstellung von einem toten Planeten, von einer Natur, die wie ein Objekt genutzt und ausgebeutet werden konnte. Natur wurde nicht länger als Netz feiner Beziehungen verstanden, die es zu respektieren galt. Schon vor der europäischen wissenschaftlichen Revolution entwickelten andere Kulturen Techniken, deren Großartigkeit wir erst heute erkennen – mit dem grundlegenden Unterschied, dass diese Techniken auf einem ­Dialog mit den Pflanzen, den Gesteinen, mit den Erscheinungen der Natur basierten. Als Vertreter dieser alten Traditionen wusste Paracelsus:
„Der Arzt kommt aus der Natur, aus ihr wird er; nur derjenige, der seine Erfahrung aus der Natur erhält, ist ein Arzt, und nicht jener, der mit dem Kopf und mit erklügelten Gedanken wider die Natur und ihre Eigenart schreibt, redet und handelt. Der Arzt ist nur der Diener der Natur und nicht ihr Herr […]. Wer ein rechter Arzt sein will, der muss seinen Glauben im Vernunftlicht der Natur verankern.“
Die Geomantie der heutigen Zeit vertritt gleichfalls alte Traditionen, indem sie einen Weg des feinfühligen Dialogs mit den Erdenergien und den unsichtbaren Strukturen beschreitet. Sie versteht die Natur als Partner, mit dem wir sprechen müssen und von dem wir lernen können. Demgegenüber will die wissenschaftliche Revolution in ihrem Kern die Natur beherrschen. Zwar wissen wir, dass auch ältere Kulturen ökologische Schäden verursacht haben. Früher wurden dagegen allerdings soziale, religiöse, moralische und ethische Sanktionen verhängt, vor allen Dingen gegen die menschliche Herrschaft über die Natur. Die griechische Antike bezeichnet dieses Verhalten als Hybris, als Verlust der dem Menschen angemessenen Position im Verhältnis zu Gott, den Naturwelten und dem Kosmos. Wie viele griechische Tragödien zeigen, verlangt Hybris nach Bestrafung.
Mit dem Beharren auf einer einzigen Sichtweise, der sogenannten Wissenschaft, begab sich die wissenschaftliche Revolution nach und nach auf eine Einbahnstraße, die andere Herangehensweisen ausschloss. Insbesondere solche, die Natur als ein lebendiges und intelligentes Wesen begriffen, wurden ins Feld der Esoterik verbannt. Entsprechend entwickelte die Kirche ihr Konzept von der Ketzerei, das alles betraf, was nicht in Übereinstimmung mit dem offiziellen Dogma stand. Mehr denn je ist es heute notwendig, die Vielfalt an Auffassungen und Formen von Wissen, die verschiedenen Möglichkeiten der Herangehensweisen, die immer noch vom Mantel der Esoterik bedeckt werden, in den öffentlichen Diskurs einfließen zu lassen.
Die Entwicklung des Kapitalismus und die der wissenschaftlichen Revolution weisen starke Parallelen auf. Kapitalismus ist das wirtschaftliche System, das dominieren muss – die Natur, andere Völker – und allen seine Sichtweise aufdrängt. Vor allem verbraucht er natürliche Ressourcen und Menschen zur Verfolgung seiner Ziele. In diesem Sinn ist es aufschlussreich, was Christoph Kolumbus über die indigenen Völker Amerikas im Jahr 1492 schrieb, dem Jahr, in dem Paracelsus geboren wurde:
„Sie sind so arglos und so großzügig mit all dem, was sie besitzen, dass es keiner glauben würde, der es nicht selbst gesehen hat. Sie verweigern nichts, was sie besitzen, wenn danach gefragt wird, im Gegenteil: Sie laden jeden ein, es mit ihnen zu teilen, und zeigen so viel Liebe, wie wenn sie ihre Herzen geben würden.“
Und er fügte hinzu: „Diese Menschen sind sehr unerfahren im Umgang mit Waffen; mit 50 Männern könnten alle unterworfen werden, und sie würden alles tun, was man von ihnen verlangte.“
Wir alle wissen, was danach passierte, und unser gegenwärtiges Wirtschaftssystem lässt sich direkt mit Kolumbus verknüpfen. Wir leben alle unter einem kapitalistischen System in seiner extremsten Form: im Krieg mit dem Planeten und der Menschheit selbst. Nirgends kann man diese Art des Kriegs besser verfolgen und verstehen, als beim Streit ums Wasser.

Wasser als Gemeingut
Wasser durchdringt alle Aspekte menschlichen Lebens, soziale, ökonomische, kulturelle. Genau genommen, ist Wasser ein mehrdimensionales Gebilde, nicht nur für die Menschheit, sondern für alle Lebewesen. Unter dem Kapitalismus wurde das Wasser wie alles andere auch auf die rein ökonomische Komponente reduziert. Ökonomie wird hier allerdings nicht in der ursprünglichen Bedeutung des Begriffs verstanden. Sowohl Ökonomie als auch Ökologie stammen von oikos, der griechischen Bezeichnung für Haus, ab. Und nomos, der zweite Bestandteil im Wort Ökonomie, meint die Regeln oder das Management des Hauses. Ökologie bezeichnet das grundlegende Prinzip, die Ursache für das Haus, wie es im Johannes-Evangelium steht: „Im Anfang war das Wort“ (logos). Notwendigerweise steht die Ökologie vor der Ökonomie. Ökonomie in ihrer eigentlichen Bedeutung kann sich nur auf dem Boden einer intakten Ökologie entfalten.
Der Kapitalismus in seiner heutigen, extremen Ausformung will diese Grundsätze umkehren. Kurzfristige Profite legitimieren jede Art von Ausbeutung der Natur und der Menschen. Sowohl die herrschende Ökonomie als auch die Wissenschaftsgläubigkeit verhindern eine ernsthafte Diskussion von Alternativen. Der eigentliche Hauptzweck: Schaffe eine Art geistigen Käfig, von dem aus die Welt zu betrachten ist. Für die bestehenden Kräfte erweist sich das als äußerst praktisch. Sie brauchen nur den geistigen Käfig auszudehnen, um an der Macht zu bleiben.
Wasser ist ein maßgebliches Thema unserer Zeit. Gelingt es uns, es als Gemeingut und Menschenrecht vor den Marktmechanismen zu schützen und unter öffentlicher Kontrolle zu halten, gibt uns das einen festen Rückhalt auf dem Weg in eine andere Gesellschaft, eine andere Zivilisation in Frieden und Zusammenarbeit mit der Erde.
Wasser war schon immer ein Gemeingut, etwas, das wir teilen. Viele alte Kulturen kennen überhaupt kein Konzept, das Wasser als Privatbesitz vorsieht. Die japanische Sprache trifft es sehr klar: Das japanische Wort für „Blasphemie“ (Gotteslästerung) vereinigt die beiden Schriftzeichen für „verkaufen“ und „Wasser“. In einer intellektuellen, von spätkapitalistischer Ideologie geprägten Gesellschaft, ist das Prinzip des Teilens dagegen eine fast staatsfeindliche Idee. Deshalb wird dieses Prinzip so angegriffen. Im kapitalistischen Paradies wird nichts geteilt, mit Ausnahme der Kosten – soziale und ökologische –, was die Ökonomen als „externe Effekte“ benennen. Die Verteidigung der gemeinschaftlichen Güter, all dessen, was wir teilen, ist die grundsätzlichste Form des Widerstands, die wir in der heutigen Zeit leisten können.
Und von dort können wir zu einer gemeingüterbasierten Ökonomie zurückkehren – so wie sie in traditionellen Gesellschaften immer existiert hat. Auch der Kapitalismus konnte sich nur entwickeln, indem er sich bei den Gemeingütern bedient hat und in Extremform Sklaverei praktiziert – erzwungene Arbeit. Er bedient sich bei Steuergeldern, wenn private Banken aus ihren selbstgestrickten Krisen gerettet werden müssen. Bei Licht betrachtet, wird aller Wohlstand gemeinschaftlich hergestellt, und so sollte er auch gemeinschaftlich verwaltet werden – demokratisch und im Sinn eines zu schützenden Gemeinguts.
Wenn sich der Trend zur Privatisierung von Wasser durch die multinationalen Konzerne durchsetzt, gewinnen die Weltbank und einige wenige Staaten. Als Gesellschaft würden wir eine der letzten verbliebenen Verbindungen mit unserer eigenen präkapitalistischen Vergangenheit verlieren, als das Leben und die Natur noch einen Selbstwert besaßen. Wenn Wasser zu einer weiteren Handelsware in einer Welt wird, in der der Preis das Maß aller Dinge ist, werden die Menschheit und die Lebewesen, die diesen Planeten mit uns teilen, zunehmend in Gefahr geraten.
Im Kampf ums Wasser steht viel mehr auf dem Spiel als nur das Wasser, so wie ein Fluss auch viel mehr umfasst als nur den Fluss selbst. Lasst uns nicht vergessen, dass im Wasser die innerste Wahrheit liegt, die wir mit allen Lebewesen der Erde teilen, das klarste Zeichen und Symbol für alles, was uns gemeinsam ist.
Lasst Recht fließen für Wasser! Dann fließt Wasser für alle Lebewesen, die Gaia, den blauen Planeten, mit uns teilen. +

 

Übersetzung aus dem Englischen: Joachim Hohmann.

 

Wasserprivatisierung
Es gibt diverse Möglichkeiten, sich für Wasser als Gemeingut zu engagieren. In verschiedenen Städten arbeiten engagierte Bürgerinitiativen, wie der Berliner Wassertisch, der sich unter dem Motto „Wasser gehört in Bürgerhand“ dafür einsetzt, die Teilprivatisierung der Berliner Wasserbetriebe aufzuheben (www. berliner-wassertisch.net).
Die Europäische Bürgerinitiative „right2water“ hat angesichts einer geplanten EU-Richtlinie, die für Konzessionsvergaben im Bereich der Wasserversorgung eine europaweite Ausschreibung vorsieht, inzwischen gut 1,3 Millionen Unterschriften gesammelt. Bis September sollen es 2 Millionen werden (www.right2water.eu).
Die Website des Aufklärungsfilms „Water makes Money“ wurde sabotiert, verweist aber auf eine Liste von öffentlichen Vorführungen (www.watermakesmoney.com).

 

Franklin Frederick setzt sich seit 14 Jahren für das Menschenrecht auf Wasser und gegen seine Privatisierung ein. Er befasst sich mit Geomantie und initiierte 1998 in der Region Circuito das Aguas in seinem Heimatland Brasilien ein Lithopunktur-Projekt.