Die Kunst des Gehens

Zum Tod von Beatrix Pfleiderer, der Autorin der Hagia-Chora-Kolumne „Die Erde in uns“.

von Jutta Gruber erschienen in Hagia Chora 3738/2012

Zum Tod von Beatrix Pfleiderer.

Im Sommer 2010, nur wenige Wochen nach dem Tod ihrer Mutter, begann der Körper meiner Freundin und Kollegin Beatrix Pfleiderer uns mit rätselhaften Symptomen und unerklärlichen Schwächeanfällen auf Trab zu halten. Schulmedizinische Abklärungen bescheinigten ihr beste Gesundheit, was allerdings ganz und gar nicht mit ihrem eigenen Empfinden übereinstimmte: „Wie kann es sein, dass die sagen ich sei kerngesund, und mir geht’s zum Sterben?“ Selbstverordnete Ruhezeiten, Wohlfühl- und Heilbehandlungen blieben ohne gewünschte Wirkung. Dann im September, nach erneuter Untersuchung, der niederschmetternde Befund: „Sie haben Melanom im Stadium vier. Wir können leider nichts mehr für Sie tun.“
Ein Traum unmittelbar vor dieser Diagnose bereitete mich darauf vor, dass es tatsächlich schlechter um meine Freundin stand, als wir bereits befürchteten. Seine Botschaft lautete: Eigentlich ist es unmöglich, aber du kannst sie auffangen. „Sie“ war mein MacBook. Im Traum fiel es mir aus den Händen, und ich fing es auf, gegen jegliches Naturgesetz verstoßend. Eine akrobatische Meisterleistung, die mir nicht nur einen minutenlangen und äußerst schmerzvollen Adrenalinschock durch den Körper jagte, sondern auch die Zuversicht gab, dass Beatrix es, mit meiner Hilfe – obwohl es eigentlich unmöglich schien – schaffen könne.

Leben im Moment
„Und was, wenn ich es nicht schaffe, wo ihr euch doch alle so viel Mühe gebt?“ fragte sie mich sorgenvoll, nachdem sie bereits viele Wochen in einer dänischen Klinik behandelt worden war. Meine Antwort stimmte sie versöhnlich: „Unsere Seelen haben sich entschieden, eine Erfahrung mit dir zu teilen, unabhängig davon, wohin sie führt.“ Dennoch drängte sich uns immer wieder die Frage nach möglichen Ursachen der Erkrankung auf, ebenso die Frage danach, was Beatrix jetzt vielleicht besser tun könnte, um wieder gesund zu werden. Doch letztlich gibt es keine Antworten auf solche Fragen.
Gesundheit wünscht man Niesenden und Geburtstagskindern. Als ich noch klein war, fand ich es unnötig, mir ein gesundes neues Lebensjahr zu wünschen. „Hoch soll sie leben!“ Dieser Teil des Geburtstagslieds machte mir wesentlich mehr Spaß. Hochleben fand ich toll, Gesundheit langweilig. Kranksein war doch außerdem gar nicht schlecht: Man konnte sich Fieberträumen hingeben, Schleim ohne Ende produzieren und von der Mutter Händchen gehalten und vorgelesen bekommen.
Im Lauf der Zeit verabschiedeten Beatrix und ich uns immer mehr von dem Gedanken, dass überhaupt irgendetwas gut ausgehen muss und kamen mehr und mehr im Moment an. Im Jetzt. Die Dinge und Situationen annehmen, wie sie sind. Es uns jetzt schön machen, statt schöne Pläne für den Abend zu schmieden. Akzeptieren, dass wir im Moment leben und nichts planbar ist. Wir reflektierten unsere Zukunftsorientiertheit und schafften sie nach und nach ab.
In dieser eigenartigen und besonderen Zeit hatte ich einen weiteren Traum, der mich erschreckte und zugleich beruhigte: Ich war glücklich schwanger, als ich dessen gewahr wurde, dass ich nur die Leihmutter war und das Kind nach der Entbindung seinen Eltern übergeben musste. Fassungslos erinnerte ich mich daran, dass ich freiwillig und ohne Bedenken zugestimmt hatte, beim Austragen ihres Kindes behilflich zu sein. Nach heftigen Selbstzweifeln, wie ich denn nur solch einer Vereinbarung zustimmen konnte, erinnerte ich mich an das Austragen meiner eigenen Tochter und daran, dass ich – so schön es war, mein Kind in mir wachsen zu fühlen – mit zunehmendem Bauch auch das Ende der Schwangerschaft herbeigesehnt hatte. Der Traum endete, als ich zur Zuversicht gefunden hatte, dass es auch bei dieser Schwangerschaft so sein würde. Dass es mir nicht das Herz brechen würde, das Kind abzugeben, dass ich in die Aufgabe hineinwachsen würde, den Moment der Trennung vielleicht sogar irgendwann herbeisehnen und er eine Erleichterung sein würde. Beatrix erschreckte der Traum noch mehr als mich. Ihr war noch schneller klar als mir, dass sie das Baby war, und es war ihr auch klar, dass ich nicht für immer ihre Leihmutter sein konnte, dass sie eines Tages ohne mein Nähren auskommen musste. Beatrix war es bei der Vorstellung des Getrenntwerdens noch schwerer ums Herz als mir, doch allmählich fand auch sie Vertrauen in die Vorstellung, dass es gut sein würde, was auch immer die Zukunft bringe, und wir beide zum rechten Moment für das bereit sein würden, was noch unvorstellbar schien.

Loslassen
Etwa ein halbes Jahr nach diesem Traum fiel mein MacBook aus meinem Rucksack. Auf Steinboden. Diesmal „in echt“ und ohne jede Chance, aufgefangen zu werden. Gut eingepackt hatte es glücklicherweise keinen Schaden genommen. Ich ahnte, dass Beatrix’ Schicksal jetzt nicht mehr in meiner Hand lag - und dass sie geschützt war. Die Phase des Loslassens begann, und jede von uns wuchs auf ihre Weise ins Abschiednehmen hinein. Zwei Wochen vor Beatrix’ Tod kam ein Seelsorger an ihr Krankenbett. Mit ernstem Blick und bedeutsamem Ton in der Stimme antwortete sie ihm flüsternd auf seine Frage, wer ich denn sei: „Das ist meine Freundin. Sie hilft mir da durch. Nicht raus.“ Und nach einer kleinen Pause fügte sie mit Nachdruck hinzu: „Durch! Wissen Sie, was ich meine?“
Beatrix starb in großer Klarheit und tiefem Frieden. An einem traumhaft schönen Vormittag. Der Himmel war klar und blau wie im Bilderbuch, bedeckt von entzückend zarten, weißen Wölkchen. Die Sonne schien ins Zimmer. Ein leichter Wind ließ die Vorhänge tanzen, und die Vögel im Garten zwitscherten ihre Lieder. Es wirkte wie ein beginnender Frühling, war aber ausgehender Sommer. „Halt mich“ waren ihre letzten Worte. „Halt mich“ wurde zum Wichtigsten, als ihr sonst nichts mehr wichtig schien, als zu erlauben und zu erleben, was seinen Lauf ganz von selbst nahm. Sie war „durch“. Und das Loslassen war leicht. Finis. 


Jutta Gruber war langjährige Kollegin und Vertraute der im August 2011 verstorbenen Medizinanthropologin und TARA-Process Begleiterin Beatrix Pfleiderer. Sie unterstützte auch die Entstehung von deren letztem Buch „Die Kraft der Verbundenheit“, Drachen Verlag, 2008. www.taraprocess.com