Der gerade Weg

Menhire in Deutschland, Teil 7.

von erschienen in Hagia Chora 3738/2012

Im siebten Artikel über die Menhire in Deutschland beschreibt Johannes Groht drei ­einheimische Steinreihen. Mindestens eine von ihnen stammt tatsächlich aus der Jungsteinzeit. Die rätselhaften Monumente sind bisher fast unbekannt und werfen viele Fragen auf.

Lange Reihen aufgerichteter Steine sind besonders faszinierende Bauwerke. Anders als einzelne Menhire oder Steinkreise, die eher einen Ort akzentuieren und umfangen, scheinen solche Steinreihen primär auf etwas außerhalb ihrer selbst zu deuten. Sie lenken unsere Aufmerksamkeit auf die von ihnen beschriebene Linie und ihre Ausrichtung auf bestimmte Punkte in der Landschaft oder am Himmel.
Viele Steinreihen verbinden andere megalithische Monumente miteinander, manchmal über mehrere Kilometer hinweg. Sowohl die berühmten „Alignments“ (der englische Begriff für lineare Steinsetzungen hat sich bereits eingedeutscht) bei Carnac in der Betagne als auch die Steinreihen im südenglischen Dartmoor verlaufen oft schnurgerade zwischen Großsteingräbern, Grabhügeln oder Steinkreisen, also zwischen Monumenten, die direkt mit der Verehrung der Ahnen in Verbindung standen. Paul Devereux, ein Leylinien-Forscher der ersten Stunde und langjähriger ­Herausgeber der Zeitschrift „The Ley Hunter“, verortet die linearen Strukturen alter Kulturen in der Landschaft im Umfeld schamanischer Erfahrungen. Er beschreibt sie als baulich gefassten, materiellen Ausdruck des geistigen Flugs des Schamanen durch die Anderswelt.

Steinreihen in Deutschland
Auch in Deutschland gibt es alte Berichte über „Mehrfachvorkommen“ von Menhiren, etwa bei Emmendorf nördlich von Uelzen oder „jene gegen 1850 ausgegangenen ‚Reihen von hohen, aufgerichteten, säulenförmigen Steinen‘ bei Wesermünde“ (Kirchner, Die Menhire in Mitteleuropa, 1955, 16). Die einzige heute noch erhaltene Steinreihe, die einigermaßen sicher als prähistorisch gelten kann, ist ein kleines Alignment bei Hekese in Niedersachsen. Es verbindet zwei jungsteinzeitliche Megalithgräber von etwa 2500 v. Chr. miteinander. Die Reihe aus rund 30 niedrigen Steinen verläuft über 53 Meter in nordwest-südöstlicher Richtung. An einem Ende verbreitert sie sich zu einer schmalen Doppelreihe. Wie andere Steinreihen hat sie in der Mitte einen leichten Knick. Nach Süden hin schließen sich drei bronzezeitliche Grabhügel an, die heute durch einen Straßeneinschnitt vom Rest der Anlage getrennt sind. Diese etwa 1000 Jahre jüngeren Bestattungen sprechen für eine kontinuierliche Bedeutung des Orts für die Verehrung der Ahnen und die damit zusammenhägenden Fruchtbar­keitsriten. Es wäre spannend, der Theorie auf den Grund zu gehen, dass das ganze Ensemble auf den Sonnuntergang zur Sommersonnenwende hin ausgerichtet gewesen sein soll.

Die Zwölf Apostel
Erst in den letzten Jahren sind die Zwölf Apostel bei Langenbach in Bayern bekannt geworden. Auf einer Anhöhe steht dort eine Reihe von zwölf grob zugerichteten Steinen. Sie verläuft über 15 Meter ungefähr in nord-südlicher Richtung. Der größte Stein (105 Zentimeter hoch) steht im Norden, der kleinste im Süden.
Diese geheimnisvollen Apostel sind bisher archäologisch nicht untersucht worden. Es wird gemunkelt, dass einmal Steine versetzt wurden. Ein „Judasstein“ sei zeitweise entfernt worden, da er „überflüssig“ gewesen sei. Das Bayerische Landesamt für Denkmalpflege spricht auch nur von „zehn Monolithen, wohl spätmittelalterlich“.
Auffällig sind zwei Bohrlöcher an den nördlichsten Steinen. Sie weisen auf moderne Steinbruchtechnik und ein noch geringeres Alter hin. Auch eine ähnlich eindrucksvolle Anlage in der Schweiz, der Weidhag bei Rifferswil-Mettmenstetten im Kanton Zürich, wurde erst im 18. Jahrhundert errichtet und diente ganz profan als Weidebegrenzung.
Der Name Zwölf Apostel allerdings könnte ein Hinweis darauf sein, dass es sich im Kern tatsächlich um ein älteres kultisch-religiöses Monument handelt. Verschiedene Heimatforscher vermuten einen prähistorischen Ursprung der Steinreihe und meinen, dass sie mittels Sichtlinien zu den Bergen der Umgebung als Kalenderbauwerk gedient haben könnte.

Intentionen und Fakten
Heftig umstritten sind die vermeintlichen Steinreihen im Leistruper Wald bei Detmold. Für rechts-esoterische Kreise handelt es sich dabei um gewaltige prähistorische Anlagen, die sogar denen von Carnac als Vorbild gedient haben sollen. Bei der Betrachtung vor Ort bleibt davon nichts übrig. Das fragliche Areal ist ein ehemaliger Steinbruch. Durch das wilde Durcheinander von Blöcken ließe sich jede beliebige Linie konstruieren. Die angeblich monumentalen Steinreihen bestehen aus kleinen Quadern, die wie zum Abtransport aufgereiht an den Wegrändern liegen – die meis­ten auf der heutigen Oberfläche. Auch die typischen Sprengspuren und Keillöcher, die man an vielen der Steine findet, sind ein klarer Beleg für die neuzeitliche Steinmetztätigkeit.
Manch einer erklärt diese nun einfach zu „rutentechnischen Markierungen“ und beruft sich dabei auf namhafte Radiästheten, die die groben Arbeitsspuren als feinstoffliche „Energieorgeln“ erleben. Sie verdrehen damit Ursache und Wirkung – vermutlich, um das eigene Weltbild vor den lästigen Fakten zu schützen. Dabei ging es den prähistorischen Baumeistern doch gerade darum, den realen, sichtbaren Ort mit dem intensiven persönlichen Erleben in Einklang zu bringen! Ich meine, nur mit offenen Augen lässt sich diese Verbundenheit auch wieder erleben. 

Foto: Johannes Groht.
Johannes Groht lebt als freier Fotograf und Grafiker in Hamburg. Ausstellungen und Veröffentlichungen zum Thema Natur und Kultur. In Vorbereitung: das Buch „Menhire in Deutschland“. www.menhire.net, www.ur-bild.de