Innere Architektur

Orte der Identifikation und Belebung in
Stadtplanung, Architektur und Innenarchitektur.

von Kerstin Balthasar erschienen in Hagia Chora 3738/2012

Am Beispiel der historischen Stadt Dinkelsbühl und anderen geschichtsträchtigen Orten stellt die Innenarchitektin Kerstin Balthasar grundlegende Fragen zu einer neuen Baukultur, die das Verbindende unter den Menschen – vor allem unter Planenden und Nicht-Planenden – betont. Bewusst die Ebene des Fühlens in den Planungs- und Ausführungsprozess zu integrieren, kann ein Ergebnis hervorbringen, das jenseits von trennenden Meinungen von allen als stimmig empfunden wird – und so zu einer verbindenden Bauethik führt. Eine solche Ethik fördert die dem Leben zugewandten Werte, so dass lebendige Orte entstehen, die sich ihrer Geschichte bewusst sind.

Baukultur und Grundethik: „Innere Architektur“ ist ein Wortspiel, das sich zum einen aus dem Berufsbild der Innenarchitektur ableitet und zum anderen zeigen will, dass natürliche und nachhaltige Architektur sich nur aus dem Inneren heraus entwickeln kann. Innenarchitektur bedeutet vor allem Umgang mit Bestand, Umbau, Erweiterung und Sanierung. In den Zeiten des Wandels zu Nachhaltigkeit und Achtsamkeit kommt ihr eine entscheidende Bedeutung zu, geht es doch darum, eher zu verdichten und weniger neue Flächen durch Neubauten erschließen zu müssen. Als Wortspiel kann „Innere Architektur“ die Fantasie anregen. Was verbirgt sich im Inneren? Architektur, die sich aus dem Kleinen, aus dem Detail, aus den Bedürfnissen der Menschen, aus archetypischen Formgesetzen, aus Standortuntersuchungen und Beobachtungen entwickeln darf, führt zu einer natürlichen, der menschlichen Proportion angepassten Gestaltung. Betrachtet Architektur hauptsächlich das Außen, den Trend, das Innovative, das Besondere, entstehen Gebäude, die „leer“, „kalt“ und „groß“ wirken. Unsere Welt heute ist voll von diesen Gebäuden und Plätzen. Ihre Klarheit und Offenheit werden in der Fachwelt oft gelobt. Wie gehen wir als Menschen mit der Diskrepanz um, dass wir uns in ihnen nicht wohlfühlen?
Mit der Betonung des Inneren möchte ich auf die Verbindung von Natur und Kultur verweisen. Für mich repräsentiert die Erfahrungslehre der Geomantie diese Verbindung. Die Felder Natur und Kultur gewichten wir in der Geomantie in der Regel nicht gleichwertig. Natur steht viel höher in ihrer Kraft und Möglichkeit, denn sie braucht den Menschen und seine Kultivierung nicht, um zu bestehen, sie hat vielmehr den Menschen hervorgebracht. Wird uns dies bewusst, wächst eine Haltung von Rücksicht und Verantwortung.
Ich bezweifle, dass wir Menschen Kuckuckseier sind, die eines frühen Tages aus dem All heraus auf die Erde gefallen sind. Unsere Existenz hier hat grundlegend mit der Erde selbst zu tun. Der Geomant Siegfried Prumbach geht so weit und sagte auf dem Kongress von „raum & zeit“ im November 2010: „Wir sind die Erde!“

Die Aufgabe
Eine Architektur, die sich aus dem Innen heraus entwickelt, nähert sich natürlicher Architektur an, weil sie sowohl dem Bedürfnis des Menschen als auch den spezifischen Eigenschaften eines Orts gerecht wird. Sie nähert sich auch den nicht sichtbaren oder inneren Feldern, der Welt der Energien und des Fühlens. Wir können sie direkt durch Farben, Klänge und Formen erleben. Indirekt erlebbar wird sie durch die Atmosphäre, in der unsere seelischen und geistigen Verbindungen verankert sind. Dazu zähle ich auch die Schwingungen aller lebendigen Wesen und Sys­teme, ihre Kraft, ihre Ausstrahlung, ihre Aura, ihre Präsenz, ihren Ausdruck. In der Atmosphäre sind feinstofflich alle Informationen des Lebendigen enthalten, und wir erhalten Zugang dazu über fokussierte Aufmerksamkeit.
Wie gehen wir nun mit der Diskrepanz um, dass unseren Lebensraumgestaltern Gestaltungen oft wertvoll und nachhaltig erscheinen, während ein Großteil der Bevölkerung über solche Gebäude und Plätze entsetzt ist? Meiner Beobachtung nach setzt sich jeder auf individuelle Weise damit auseinander, aber es findet keine gemeinschaftliche Auseinandersetzung statt. Das stimmt in Zeiten der Globalisierung, in der ein gemeinschaftlicher Geist gefördert werden sollte, mehr als nachdenklich. Für mich fehlt uns Menschen das Verbindende, etwas, das wir als Basiswerte oder eine Grundethik der Gestaltung verstehen. Eine heutige Architektur müsste für mein Empfinden diese Basiswerte herausarbeiten und eine Ethik entwickeln, die die Baukultur unterstützt und prägt. Das Prinzip einer natürlichen Gestaltung bezieht sich dabei keinesfalls nur auf einen Innenraum, sondern auch und gerade auf Außenräume und öffentliche Räume. Die Themengebiete der Stadt-, Landschafts- und Umweltplanung sind hier genauso angesprochen wie die der Architektur und Innenarchitektur.
„Baukultur“ ist ein schöner Begriff, den die freie Internet-Enzyklopädie Wikipedia wie folgt anführt: „Baukultur beschreibt die Summe menschlicher Leistungen, natürliche oder gebaute Umwelt zu verändern. Anders als die Baukunst beinhaltet die Baukultur sämtliche Elemente der gebauten Umwelt; Baukultur geht über die architektonische Gestaltung von Gebäuden weit hinaus und umfasst beispielsweise auch den Städtebau und die Ortsplanung, die Gestaltung von Verkehrsbauwerken durch Ingenieure sowie insbesondere natürlich auch die Kunst am Bau und die Kunst im öffentlichen Raum. Als erweiterter Kulturbegriff stützt sich die Identität der Baukultur auf die Geschichte und Tradition eines Landes oder einer Region. Das Thema betrifft nicht nur professionelle Planer, sondern alle Menschen, da sie mit gebauter Umwelt konfrontiert sind. Auch die Verantwortung für die Qualität der gebauten Umwelt liegt nicht allein bei den Fachleuten, sondern ist eine gesamtgesellschaftliche.“

Der Weg
Wo beginnt nun der Weg zu einer ganzheitlichen Baukultur, einer „Inneren Architektur“?
Wir können Körperübungen machen, und uns gemeinsam einem Gebäude annähern, um unsere Sensibilität aufzuwecken und uns zu öffnen. Die Begehung eines Geländes oder Gebäudes kann in aller Stille passieren, ohne eine Unterhaltung zu führen, damit wir uns auf uns selbst konzentrieren. Anschließend können wir einander ohne Diskussion oder Bewertung unsere Eindrücke mitteilen.
Der demografische Wandel, die Überalterung unserer Gesellschaft, zieht nicht nur Veränderungen innerhalb von Unternehmen oder Familienstrukturen nach sich, sondern auch eine Neuausrichtung von ländlichen und städtischen Kulturräumen. Baukultur muss neu gedacht und umgesetzt werden. Gestalterische Veränderungen brauchen Mut zu Neuem und die Akzeptanz in der Bevölkerung, die erst noch erschlossen werden will.
Menschen möchten sich mit Orten verbinden und sich in ihnen entwickeln können. Dazu ist es wichtig, dass sie sich selbst als Gestalterinnen und Gestalter erleben. Wenn die Bewohner eines Orts gemeinsam dazu beitragen können, den zentralen Dorfplatz neu zu gestalten, entstehen Identifikation und Authentizität. Wir brauchen heute dringend eine Stärkung des ländlichen Raums, ansonsten wird es zu einer starken bis ausschließlichen Verstädterung kommen mit einem exklusiven Innenstadtbereich und verarmten, sehr großen Randzonen. Dörfer werden aussterben, wenn wir sie nicht als kreative Gestaltungszonen begreifen.

Wissen
In meiner beruflichen Praxis versuche ich, in einem Kompetenzteam aus Stadt-, Landschafts- und Umweltplanern, Architekten, Innenarchitekten, Geomanten sowie Experten für systemische Aufstellungen den Weg zu einer „Inneren Architektur“ zu verwirklichen. Diese Methode beeinflusst den gesamten nachfolgenden Planungsprozess auf entscheidende und effektive Weise. Das Innere eines Orts zeigt sich vor allem in der kollektiven Intelligenz derjenigen, die am Ort leben oder denen er ein besonderes Anliegen ist. So unternehmen wir häufig gemeinsame Begehungen der Planerinnen und Planer mit Stadt- und Gemeinderäten, interessierten Bürgerinnen und Bürgern und weiteren Verantwortlichen zu Beginn einer komplexen Planungsaufgabe.
Auch wenn wir uns Orten zuwenden, die verwahrlost oder disharmonisch wirken oder längere Zeit leerstanden, ist gemeinschaftliches Arbeiten wichtig. Dann bedient sich unser Team neben der Begehungsmethodik der systemischen Arbeit, um in Kontakt mit den ursächlichen Ebenen des Ortszustands zu kommen. Beide Methoden sind deswegen sehr wirksam, weil sie die sachlichen und fachlichen Ebenen mit den Gefühlsebenen auf professionelle Weise verknüpfen, so dass ganzheitliches Arbeiten möglich wird.
Mir geht es immer darum, das Verbindende unter uns Menschen zu stärken. Das grundlegend Verbindende ist nicht das „Machen“, denn jeder macht es auf seine Art. Es ist auch nicht das „Wissen“, denn nie wussten wir mehr als heute, und jeder weiß etwas anderes, und vieles davon wissen wir nicht ganz genau und sind uns, wenn wir ehrlich sind, gar nicht so sicher, ob wir es wirklich wissen. Es gab einmal eine Zeit, da gab es eine übersichtliche Auswahl an Baustoffen wie Holz, Lehm, Stein und gebrannter Ziegel. Heute können wir mehrere Semester Baustoffkunde an Hochschulen studieren oder lange Bücher lesen, um annähernd eine Übersicht der heute bestehenden Baustoffe mit ihren speziellen Vor- und Nachteilen sowie ihrem Einsatzgebiet zu erlangen. „Wissen“ verbindet uns nicht, es erschwert uns eine Verbindung, weil in der Fachwelt einer schlauer sein möchte als der andere oder nur die sich untereinander verbinden, die annähernd das gleiche Wissen haben, also einander ebenbürtig sind.
Wesentlich verbindend unter uns ist das „Fühlen“, denn es ist von Grund auf persönlich und hat nicht den Anspruch einer Allgemeingültigkeit. Dazu gehört unser Sprachklang, unser Sprachausdruck, wie wir sprechen und was wir sprechen, wie wir uns bewegen und was uns bewegt, was für eine Sprache unser Körper spricht und welchen Ausdruck er hat, wie wir ihn bekleiden und wie wir uns in einem bestimmten Umfeld benehmen. Das sind die Elemente, mit denen wir in Wirklichkeit miteinander in Kommunikation sind und warum Freundschaften entstehen. Wir Menschen „fühlen“ einander zuerst, und wir „fühlen“ zuerst unsere Umwelt, bevor etwas anderes, nämlich das „Denken“, in uns zu Wort kommt.

Dankbarkeit
Ein anschauliches Beispiel für eine Renaturierung und Ortswiederbelebung stellt die Stadt Pamukkale neben dem antiken Ort Hierapolis in der Türkei dar. Die Stadt wurde durch die kalkhaltigen, weißen Sinterterrassen bekannt, über die warmes Quellwasser hinwegfließt, das mit Calciumhydrogencarbonat angereichert ist. Von den 1960er Jahren bis in die 1990er Jahre wurde rund um dieses Naturschauspiel intensiver Tourismus betrieben, und im Zuge dessen wurde mitten durch die Anlage eine Straße gebaut. Menschen konnten die weißen Terrassen betreten und darin baden. Hotels oberhalb der Terrassen verbrauchten einen Großteil des Wassers und führten es verunreinigt dem weißen Kalk wieder zu. Große Teile der wunderschönen Anlage wurden grau und drohten zu zerfallen. Erst als die ­Unesco drohte, Pamukkale von der Liste des Weltkulturerbes zu streichen, begann man mit den ersten Gegenmaßnahmen, riss die Hotels oberhalb der Terrassen ab, baute sie unterhalb wieder auf und sperrte die Begehung der Anlage bis auf einen kleinen Bereich. Es wird nach Schätzungen weitere 30 Jahre dauern, bis sich das Naturkunstwerk wieder erholt hat.
Rücksicht und Dankbarkeit – wie kann das zur Grundhaltung einer neuen Kultur werden? Der weltbekannte Fotograf Yann Arthus-Bertrand beendet seine aktuelle DVD-Dokumentation „Die Erde von oben, Teil II, Wasser – Seen und Ozeane“ mit den Worten: „Wir haben alles versucht, nur nicht, zu lieben.“
Die Dankbarkeit ist eines der Schlüsselworte einer natürlichen Gestaltung, für einen achtsamen Umgang mit sich selbst und der Umgebung. Ein Bauwerk mit ästhetischen Formen und Proportio­nen weckt Dankbarkeit bei denjenigen, die es betrachten. Um Dankbarkeit überhaupt empfinden zu können, ist es wichtig, die gewohnte Lebens- bzw. Planungsgeschwindigkeit immer wieder wenigstens für einige Momente zu verlassen. Durch Schnelligkeit missachten und verlernen wir das Empfinden von Dankbarkeit und Rücksichtnahme.

Unsere Siedlungen – heilige Stätten
Wenn ein Bauwerk oder eine Außenraumgestaltung in ihrer Schönheit sich der größeren Schönheit der Natur unterordnet bzw. sich nicht wichtiger macht als diese Schönheit, dann entsteht noch stärkere Dankbarkeit, die den Menschen in seiner Kultur an die richtige Stelle, in die richtige Position setzt. Gebäude dürfen durchaus groß und sehr hoch sein, wenn sie eine sakrale Bedeutung haben. Bei Profanbauten ist der Maßstab „Mensch“ hingegen wichtiger.
Bereits in spätrömischer Zeit war in der abendländischen Kultur ein Verwischen des Gegensatzes von Profan- und Sakralbau zu verzeichnen. Die strenge Ostung der Tempel, die bis dahin immer galt, wurde nicht mehr konsequent beachtet. Dies war auch in der barocken Zeit der Fall und zeigt, wie es der Architekt und Baugeschichtler Karl Gruber nennt, eine Kraftlosigkeit der einst wirksamen religiösen Verbindungen. In der griechischen Architektur wurde kein öffentliches Gebäude als Blickpunkt in die Achse einer Straße gestellt. Alle heiligen Bezirke lagen vielmehr innerhalb der Baublöcke, so dass die Straßen an ihnen vorbeiführten. In der römischen Zeit wurden dann die Symmetrieachsen der Städte wichtig (Cardo: Nord-Süd-Achse, Decumanus: Ost-West-Achse), und wichtige Baudenkmäler rückten in den Blickpunkt der Straße.
In seinem Werk „Die Gestalt der deutschen Stadt“ schreibt Karl Gruber: „Dadurch wird der Plan der römischen Stadt sehr viel starrer als der griechischen. Das gesamte Stadtgefüge wird nun abhängig von einer Symmetrieachse, so dass die einzelnen Elemente z. B. am Trajansforum nur noch die Stelle des pars in toto (ein Teil steht für das Ganze), spielen. Es ist dies die Form, in welche alle Zeiten starker staatlicher Machtkonzentration den Städtebau getrieben hat.“
Den Klosterplan von St. Gallen beschreibt Gruber als das wichtigste Dokument für den Beginn des deutschen Städtebaus. „Die Symmetrie der großen Baukörper ist kein Schema, sondern der wesenhafte Ausdruck der inneren Bedeutung.“ Mir gefällt die Bezeichnung „innere Bedeutung“ besonders gut. Doch was hat die mittelalterlichen Erbauer von Klös­tern und Städten inspiriert?
Karl Gruber schreibt dazu: „Die frühen Bischofsstädte auf der Schuttschicht der alten Römerstätte sind eigentlich Anhäufungen von Heiligtümern, von Benediktinerklöstern und Chorherrenstiften, die um die Bischofskirche, das Domstift und den Bischofshof oft in weitem Umkreis her­umliegen. So steht am Anfang der deutschen Stadt – übrigens auch wieder genau wie am Anfang der antiken Stadt – das gottgeweihte Heiligtum in seinem heiligen Bezirk, der klarste Beweis dafür, dass alle Kultur und alle Kunst ihre Wurzeln in der religio, in der Bindung an das Absolute haben. Noch fehlte diesen Städten die schützende Stadtmauer. Jeder der geistlichen Klosterbezirke schützte sich durch seine eigene Mauer. Jeder bestand nicht nur aus der Kirche und dem Kloster, sondern war zugleich ein landwirtschaftliches Hofgut mit all dem weitläufigen Zubehör an Gebäuden, wie wir ihn am Plan von St. Gallen kennengelernt haben. Denn ohne Grundbesitz als Grundlage ihrer wirtschaftlichen Existenz konnte eine klösterliche Gemeinschaft nicht existieren. Deshalb die vielen Schenkungen weltlicher Großer an geistliche ‚Stiftungen‘, wie etwa an die großen karolingischen Klöster, z. B. Lorsch, aus denen wir die ers­te urkundliche Namensnennung unserer Dörfer erfahren. Auf Anhöhen, an Wegen oder am fischreichen Gewässer lagen diese Hofgüter, von einer Mauer umgeben, in weitem Umkreis um den Bischofssitz, oft so weit von ihm entfernt, dass die spätere Stadtbefestigung sie nicht mehr in ihren Bereich einbeziehen konnte, wie St. Peter und St. Alban in Mainz oder St. Moritz in Hildesheim oder Kreuzlingen und Petershausen bei Konstanz.“
Die Fähigkeit, sich selbst zu versorgen, ist den heutigen Städten weitgehend verlorengegangen. In Zeiten der fortschreitenden Krise wird genau das wieder wichtig werden. Aber können wir uns heute noch überschaubare, natürlich in ihr Umfeld eingebettete Städte vorstellen? Um eine Idee davon zu entwickeln, habe ich mich näher mit der Stadt Dinkelsbühl auseinandergesetzt.

Das Beispiel Dinkelsbühl
Dinkelsbühl liegt an der „Romantischen Straße“ im mittelfränkischen Landkreis Ansbach knapp vor der östlichen Landesgrenze zwischen Baden-Württemberg und Bayern. Die deutsche Ferienstraße „Alpen/Ostsee“ führt durch diese ehemals „freie Reichsstadt“ des Heiligen Römischen Reichs. Dinkelsbühl hatte einst eine eigene Gerichtsbarkeit und war damit direkt dem Kaiser unterstellt. Das Bemerkenswerte ist, dass sich die Einwohnerzahl der historischen Altstadt seit dem Mittelalter nicht so stark verändert hat, wie wir es von anderen Städten kennen. Die Begrenzung der Einwohnerdichte über viele Jahrhunderte hinweg wurde durch eine vollständig erhaltene Stadtmauer mit 18 Türmen möglich. Heute ist Dinkelsbühl große Kreisstadt, und mit den Eingemeindungen sowie den Stadtteilen außerhalb der historischen Mauern werden in den letzten Jahren um die 11 500 Einwohner (Stand 2011) gezählt.
Meine Aufmerksamkeit wurde durch die Mauer geweckt. Wie ist es, innerhalb der Mauer zu leben? Was macht dieser Ring um die Stadt mit den Menschen? Welche Lebensqualität verbirgt sich hinter einer solch konstanten Struktur? Ist Dinkelsbühl ein Beispiel für natürliche Gestaltungsstrukturen? So machte ich mich auf eine Reise zum Ursprung der Siedlung.
Um 730 wurde eine Stadtmark als fränkischer Königshof aus der Segringer Urmark, dem kaum besiedelten Vircunia­wald, wegen der sehr alten Kreuzung einer Fernverbindung herausgetrennt und gegründet. Das kleine Dorf Segringen liegt heute etwa drei Kilometer südwestlich von Dinkelsbühl und war ursprünglich eine alemannische Siedlung (Saegeringen). Die Urpfarrkirche St. Vinzenz (Einweihung um 500) verfügte über einen umfangreichen Sprengel, Dinkelsbühl eingeschlossen. In der Mitte des 11. Jahrhunderts gab es bereits neben dem Königshof „auf der Hofstatt“ – im heutigen Gebiet des alten Rathauses und des ehemaligen Karmeliterklosters – einen dörflichen Siedlungskern aus unfreien Hofleuten, Handwerkern und Handelsmännern. Meist wird der Name „Dinkelsbühl“ von dem einstigen Gutsverwalter Thingolt her abgeleitet. Eine Sage leitet den Namen von einem Dinkelbauern her, der eine Kapelle für Wallfahrer stiftete und seinen Hof Karmelitermönchen schenkte. Diese richteten um 1290 ein Kloster ein.
Allem Anschein nach hat auch die Stadt Dinkelsbühl ihren Ursprung an einer geheiligten Stelle. Bis heute geben religiöse Abbildungen wie die Muttergottesfigur am Portal zum Innenhof des ehemaligen Klosters Hinweise zu einem alten Heiligtum. Bei den Alemannen, Germanen und Kelten vorchristlicher Zeit waren die Heiligtümer bestimmte Bereiche und Orte in der Natur. Vor der Christianisierung war die gesamte Natur für die Menschen der entscheidende, lebendige Einfluss auf das gesamte Leben. Der besagte fromme Bauer mag sich also durchaus an einem solch kraftvollen und geheiligten Ort niedergelassen haben.

Organisches Wachstum
Etwa um das Jahr 928 wurde nach Merians „Topographia Sveviae“ von 1643 der karolingische Königshof mit einfachen Mauern umgeben. Im Jahr 1126 begann der Ausbaubeginn doppelter Mauern neben Wällen und gefütterten Gräben. Es handelte sich in dieser frühen Entwicklungszeit der Stadt um heute größtenteils nicht mehr sichtbare Mauern, die unter dem heutigen Geländeniveau liegen. 1188 nennt die älteste Stadturkunde die Stadt „burgum“, was ebenfalls auf einen teilweise befestigten Ort hinweist. Zwei sehr wichtige Handelswege „Ostsee-Mitteldeutschland-Italien“ und „Worms-Prag-Krakau“ kreuzten sich in Dinkelsbühl an der Ecke Steingasse/Waagäßlein.
Den Bereich um das Karmeliterklos­ter und das heutige Haus der Geschichte (altes Rathaus) sowie die Kathedrale St. Georg bezeichne ich als den Herzbereich der alten Ansiedlung. Von dort aus erweiterte sich die Siedlung in verschiedenen Etappen und Befestigungsabschnitten in westliche, nördliche und südliche Richtung. Im Mittelalter existierte dann eine „innere“ Mauer mit verschiedenen Zugängen, den „inneren“ Toren. Die heute zu sehende Stadtmauer stellt die äußere Mauer mit den äußeren Toren dar.
Wenn wir uns den ehemals inneren Gürtel der Stadt vorstellen, dann lag im Norden das innere Rothenburger Tor, im Osten das Wendlinger Tor an der Wörnitz, im Westen vielleicht an der höchs­ten Stelle der Siedlung am Schreiners­berg­le das ursprüngliche Segringer Tor und nach Süden ein eher kleinerer, untergeordneter Ausgang mit der an der Weth gelegenen Mühle. Süden und Osten waren lange durch die Flüsse Wörnitz und Weth (seitlicher Ausläufer der Wörnitz) natürlich befestigt.
Paul Gluth merkt in seinem Buch von 1958 „Dinkelsbühl, die Entwicklung einer Reichsstadt“ an, dass die Stadt mit Sicherheit aus einem organisch wachsenden dörflichen Kern entstanden ist. Dieses Wachsen macht die Entwicklungsgeschichte des Orts höchst interessant. Heute können wir durch die umfassenden Arbeiten verschiedenster Heimatkundiger und Archivare sehr detailliert die alte Stadtgeschichte bei einer Begehung der neuen Stadt nachvollziehen. Und doch – das Organische, das Nicht-Lineare macht es uns schwer, die Dinge zu begreifen. Und an diesem Punkt tritt wieder das Fühlen auf das Podest des Geschehens. Das Fühlen hilft uns letztlich, planerisch, gestalterisch und ausführend sinnvoll handeln zu können.
Stadtgestaltung ist auch für eine historische Anlage wie Dinkelsbühl ein aktuelles Thema. Die Stadt kämpft mit der Abwanderung von jungen Menschen, mit der Überalterung der Bevölkerung, und der Tourismus verändert die romantische Stimmung mittelalterlichen Flairs, wenn er überhandnimmt.
In dieser historischen Stadt, die auf der Anwartliste zum Weltkulturerbe steht, ist es vom städtischen Bild her nicht möglich, Moderne mit Historie zu verbinden, so wie es heutzutage gerne im Stadtbild getan wird. Was für Auswirkungen hat das auf die Verbindung von Ort und Mensch, auf die heutige Baukultur?
Die öffentliche Debatte um Architektur und Stadtplanung ist heute wichtiger denn je, damit wieder eine Verbindung unter uns Menschen stattfindet. Das kann auf ganz einfache Weise geschehen. In der kleinen Stadt Überlingen am Bodensee sind mir dafür aktuelle und wertvolle Beispiele begegnet: Eine rote Couch an der Straße lädt zur „öffentlichen Diskussion“ in Bezug auf die Verkehrssituation ein. Eine kleine Stadtbibliothek als Außenraum am Rand eines Parks mit Sitzmöglichkeiten zum Lesen lädt die Passanten zum Büchertausch ein. Wird ein Buch entnommen, stellt derjenige dafür ein anderes in das Regal ein. Durch die Tiefe des Regals sind die Bücher sogar bei Regen geschützt. Lange Bänke aus Holz mit aufgebrachten Kommentaren über den Reichtum der Natur laden den Spaziergänger zum gemeinsamen Verweilen mit anderen ein. Über die Kommentare entstehen Gespräche unter Fremden.

Brücken bauen
Wir sind gewohnt, unsere Umwelt mit unseren äußeren Augen zu beurteilen. Wie finden wir dies, wie gefällt uns das? Wie ist die Qualität hier ausgeführt, was für Materialübergänge gibt es dort? Wie harmonisieren die Farben miteinander? Was ist mit Akustik und Formgebung? Wir sprechen darüber, wir diskutieren und wir beurteilen.
In unserer gewohnten Welt gilt das „Entweder-Oder“ – wir betrachten die Dinge auf die eine oder andere Weise. Unsere Sprache und unser Wissen befähigen uns dazu, die gestaltete Umwelt von dem einen oder dem anderen Blickwinkel aus zu betrachten. So diskutieren wir Meinungen, und die Fähigkeit zur Empathie gibt uns die Möglichkeit, dass wir sie miteinander teilen und gegenseitig nachvollziehen. So entsteht die Möglichkeit zum „Sowohl-als-Auch“.
Im Gegensatz zum Beurteilen, Diskutieren, Abwägen und Einschätzen steht die innere Wahrnehmung, das eigene Gefühl in Bildern, Farben, Gedanken, Körperempfindungen und sogar Träumen. Wenn wir etwas sehr intensiv zu erfassen versuchen und in uns aufnehmen, kann es sein, dass wir davon träumen. Das Fühlen ist eine bewertungsfreie Wahrnehmung, die die Grundlage der natürlichen Gestaltungsvorgänge ist. Jeder Mensch wird eine Umgebung anders fühlen, anders wahrnehmen, anders benennen. Alle diese Beobachtungen dürfen ohne Vergleich nebeneinanderstehen und eine Gemeinsamkeit ergeben. Das Ganze ist am Ende mehr als die Summe seiner Teile. Damit möchte ich sagen, dass alle Beob­achtungen zusammengenommen eine bestimmte Grundessenz oder Grundqualität ergeben. Ich spreche von dem Geist und der Seele eines Orts, dem Genius Loci oder der Anima Loci.
Ich möchte mit meiner Arbeit Brücken bauen und nicht in fachlichen Diskursen enden, unabhängig davon, ob es um Architektur, Stadtplanung, Innenarchitektur, Umweltplanung oder Geomantie geht. Auch die Geomanten unter sich können das sehr gut – fachliche Meinungen austauschen und in Detailwelten abtauchen, die für die meisten anderen nicht mehr zugänglich sind.
Wesentlich für die Arbeit an unserer gestalteten Umwelt ist es, alles, was uns umgibt, zu lieben. Dann wird eine Gestaltung lebendig und warm und wirkt in jedem Fall verbindend. Es ist sehr einfach, das in die Praxis umzusetzen: Es setzt lediglich voraus, dass neben regelmäßigen Selbstevaluationen im Gestaltungsprozess das Erfühlen an der Basis einer Planung steht. Wenn wir uns für das Einfühlen in einen Ort einen geschützten, zeitlich definierten und beurteilungsfreien Raum innerhalb einer Gruppe suchen, wird das unsere trüben Linsen putzen, uns wach machen und unser Herz erwärmen. 

 

Paul Gluth: Dinkelsbühl. Entwicklung einer Reichsstadt, Verlag Wenng 1958 • Karl Gruber: Die Gestalt der deutschen Stadt. Callwey, München 1952

Kerstin Balthasar, Innenarchitektin, absolvierte eine Ausbildung als geomantische Lebensraumberaterin und -gestalterin bei Anima Mundi. Sie ist Mitgründerin des seit 2000 bestehenden Netzwerks ErdeMensch und arbeitet seit 2006 mit dem Architekturbüro PARTNER AG in Offenburg zusammen. www.innere-architektur.de, www.erdemensch.de