Abu Brahma, Buddha, Jesus, Obelix, Tarzan und die Baumgeister

Mythomanisch grüngolden säuselnde Menschheitsmärchen.

von Ulrich Holbein erschienen in Hagia Chora 3738/2012

Ulrich Holbein, vermutlich Dryade, jedenfalls kauziger ­Literat aus den dicht bewaldeten Bergen des Knüllwalds, beehrt ­Hagia Chora mit einer Welt- und Religions­geschichte der Baumgeister.

Wie der Baum von Babel gefällt wurde: – Tausend Jahre vor Eva und Adam lebte in einem vorirakischen, vorgnostischen, vorbiblischen, fast vormesopotamischen Dschungelgarten ein gutaussehendes Traumpärchen namens Chawwa und Adapa alias: Awa und Adama bzw. Ava und Ada, so oder so: beide wunderbar nackt, drumrum alles hell und schön. Halb aufgeschälte Bananen flogen einem von selber in die unbehaarte Mundöffnung; alle Leute, Tiere, Blumen und Pflanzengeister hatten zauberhaften Sex miteinander. Kaum aber schob Chawwa ihrem lieben Adapa die Dattel der Erkenntnis zwischen die Lippen, begann dieser, analphabetische Piktogramme in die herrliche Rinde zu ritzen, und der Feigenbaum des Lebens, der urmütterliche Yonibaum, botanischer gesagt: nicht etwa der gemeine Feigenbaum, sondern der hindustanische Banyanbaum, Ficus bengalensis, auf deutsch: Würgefeige, der älteste Welt- und Lebensbaum von Babel, die baumförmige Nabelschnur und einzige lebendige Brücke zwischen Erde und Himmel, Eden und Elysium, zuckte ein wenig zusammen. Dryaden schrien leise auf; aus dem Baum brach, statt waldhonigfarbener flüssiger Bernsteintränen oder Gummimilch, blutrotes Menschenblut! Und schon schwebte über den lichtflecküberrieselten Wonnen eine einzige sittliche Aufforderung, eigentlich leicht zu erfüllen: „Fällen dürft ihr allerlei Bäume in diesem Wald, aber den Baum von Babel, den müßt ihr stehnlassen! Sonst werdet ihr des Todes sterben!“ Alle hielten sich dran, zumal der Baum von Babel als unfällbar galt. Wozu dann aber das Verbot? Im träumenden Adapa aber arbeitete es. Holzfällen war hierzulande ganz unbekannt. Holzäxte ließen sich im Waldesdunkel kaum herstellen, Steine für Steinäxte im Moosgeflecht kaum freilegen. Hartholz drang in kaum weniger hartes Holz kaum ein. Kurz und ungut: Irgendwann gelang es Adapa, den Weltbaum zu fällen. So koppelte er sich, samt Welt, von seiner Urmutter ab, die zeitweise „Banjana“ hieß, zeitweise „Maja“, zeitweise „Fata Morgana“. Adapa hatte Flora, die zeitweise Pomona hieß, sehr wehgetan. Die fallende Weltesche riß kleinere Bäume mit sich. Wurzeln grabschten im Sand herum. Plötzlich saßen Chawwa und Adapa, statt im säuselnden Vielstrom-Paradiesgarten, in erodiertem Brachland. Nirgendwo nette Baumseelen, dafür aber rauhkörnige Sandsturmgeister namens Samum, vor denen man sich – wie vor bösem Blick – mit Schleiern schützte, 2000 vor Muhammad. Medizinmänner auf Borneo gingen verschleiert wie zoroastrische und ägyptische Priesterkönige der 18. Dynastie. Und alles voll dubiöser Wüstendämonen namens Nahuscha, Nehuschtan, Nachon, Kamosch, Kakodaimon, Beelzebub, Baal, Jahwe, Balifat, Balisat, Hubal, Allah und viele andere.
Die Wüste wuchs. Die hartherzig mit Geboten und Strafen drangsalierten, hart bestraften, wettergegerbten Vorväter heutiger Israeli und Palästinenser schleppten sich durch hitzeflimmernden Wüstenstaub. Sandwüsten, Staubwüsten, Steinwüsten, Trockenwüsten, Todeszonen hatten es eilig, auf Bauerwartungsland, Betonwüste und Kulturwüste hinauszulaufen, verfrühter als nötig, Flächenfraß im öffentlichen Interesse. Oft saßen Abu Brahma (ein Vorfahr von Abraham), der gutgebaute Onan, der unrasierte Esau oder der damals noch ziemlich grünschäbelige und bartlose Methusalem zwischen Kameldorn und Sandviperskelett, oder Kabil, nicht ohne Kainsmal, verfolgt vom Geist des unsensiblen Habil, zusätzlich malträtiert von Entitäten à la Sabazius, Jiva, Jaganmata, Nahema, Naama, Namrael, Vasuki, Ophion, Kundalini, Kadru, Ninhursag, Samael, und Mittagshitze kitzelte ihre Augenlider, und reuevoll schluchzten sie auf. In jeder folgenden Generation jaulten wieder welche auf und sehnten sich unauslöschlich und unstillbar zurück, in schwachen Stunden und verheimlichten Momenten und Minuten. Immer süßer und öfter träumten manche, und manchmal alle, von fortschrumpfenden Traumoasen und Traumblasen, die sich an wachsende Wüsten klammerten. Immer berückender tasteten geträumte Mondgeister durchs Blattgefieder grüngolden schimmernden Lebensbaums in ungeschorener uferloser Mutter-Oase.

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Wie sich Wüstensöhne ins grüne Paradies zurücksehnten: – In anderen Textbruchstücken hieß es alsbald, Adapa bzw. sogar Jahi, ihr eigener Sohn, ein heruntergekommener Protzgott (später verballhornt zu Jachwe), hätte die Isis Multimammia, seine eigene Urmama und Gebärmutti gewaltsam „gehackt“ (vergewaltigt!?) (was spätere Umweltschützer lieber mit „verschandelt“ übersetzten) und habe sich so das prähistorische FKK-Paradies auf ewig verscherzt. Immerhin, Fata Morgana hungerte den verfluchten Gott und dessen hartgesottenes Volk nicht völlig aus: In die wachsenden Wüsten sprengte sie stellenweise Mini-Zitate aus Paradiesgrün ein, sogenannte Oasen, voll mit Zisternen und Dattelpalmen, und setzte Chawwa- und Adapa-Varianten hinein, Eva und Adam, deren Weltenbaum sich ziemlich verkürzte, kaum noch in den transzendenten Himmel wuchs und also die Kirche im botanischen Dorf ließ, und deren Aufgabe, den Baum nicht abzuholzen, sich irreal ermäßigte zum Verbot, Obst zu essen. Denn das Götterknäuel, das zeitweise auf den Namen „Elohim“ hörte, wollte alles selber essen; halt ein prähistorischer Ressourcenstreit. Elefanten, die alles Grüne überweideten, stampften alsbald durch Wüstenstaub; fast erübrigten sich Engel mit Flammenschwert. Anthropologisch gesprochen: Kaum wurden Tiere Menschen, setzten sie sich Tiermasken auf. Kaum schmolz im Lauf der Menschwerdung das Fell des Homo sapiens hinweg, zugunsten nackter Affen, wurden Feigenblatt, Löwenfell und Gesichtsschleier nötig. Abu Brahma trug als Milchkind grellrote Blättermasken, gegen Sonnenbrand und Pockendämonen.
Wolkenlose, regenfreie Regionen gebaren brennende Mythologeme, wettergegerbt maskuline Gotteswut. Wolken- und nebelverhangene Regionen produzierten Religionen vom entfernten, unbekannten Gott, der nur blitzweise durch Wolkenwände bricht und als ewiges Licht kurz ein vorübergehendes Jammertal begießt. Geschenküberladene, immer schlaffere Kamelbuckel schmolzen auf dem Weg von Restgrün zu Schrumpfinsel, Abu Brahma und Methusalem immer vornweg, viel Sand in der Sandale, Dornen im Zeh, Balken im Auge, viel Schweiß auf männlich fliehenden Stirnen, rüstig ausschreitend, doch nirgendwo weit und breit die anvisierte, erlösend näherrückende, ultimative Oase. Denn siehe, die Wüste war sehr groß. Außer einmal, da spielten und schwappten und glühten über einer Mauer grüngolden die schönsten Palmwipfel, Blütenwolken, herübermurmelnde Quellen, Vogelgetschilp, da aber löste sich alles flimmernd im Wüstenlicht auf, man saß durstig zwischen Felskehlen, Gesteinsabschuppungen und Wüstenrinde, und alles war nur ein Stück Epithelium schönster Fata Morgana gewesen, versprengt aufglimmende, von Hitzedelirium grundierte Visionen. Religiös begabte Wüstensöhne wie Kusch, Jaakov, Henoch, König Nimrod oder auch Abu Brahma träumten von lichtumflossenen Himmelsleitern, die den Götterbaum mühselig rekonstruieren oder ersetzen sollten, und statt den Baum von Babel nochmal zu setzen, zu hegen und zu gießen, bauten sie den Turm von Babel. Gärtner wurden Maurer. Statt Gartenbaukunst – Baukunst. Kein „Zurück zur Natur“ kam in Sicht. Kein lebendig himmelstürmerisch sich rankender Baum wuchs in den Himmel, sondern ein vorchristlicher Wolkenkratzer, dank staubtrockner Maurerskunst, Lehmziegel auf Lehmziegel, Stein auf Stein, wuchs seinem Einsturz entgegen, wie hochschießende Raketen ihrem Absturz. Wandervölker, kaum aufgestiegen in die kahlen Hochplateaus aufgenötig­ten Monotheismusses, tanzten bei erstbester Gelegenheit immer gleich wieder um Goldene Kälber. Und die wenigen Welteschen wurden auch noch fortgeholzt. Mytho-Unhold Erysichthon erneuerte die mesopotamische Vergewaltigung der Großen Mutter, indem er brachial ein steinaltes Baumheiligtum fällte; geschildert in Ovidius Nasos „Metamorphosen“. Wüste wuchs.

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Buddha & Jesus und der Feigenbaum: – Padmasambhava, Parsvanatha, Mankaliputta Gosala, Mahavira und Buddha, nachdem sie 5 × 34 Inkarnationen als Baumgeister durchgemacht hatten, mussten schwitzen und laufen, denn ein passender Erleuchtungsbaum stand keinesfalls Baum an Baum, und keine 30 Meter. Nur punktuell, unter günstigem Planetenstand, saß ein potenzieller Erleuchtungsträger unterm lebendig raschelnden Bodhi-Baum, Ficus religiosis, streichelte dessen Luftwurzeln, träumte vom Lumbini-Hain und vom Rosenapfelbäumchen seiner Kindheit, und die Paradiesschlange kam als Kobrakönigin Muktalinda, einer Abgesandten der Großen Mutter Maja bzw. Fata Morgana, herbeigeschlängelt und reichte ihm die hochprozentige Frucht der Erkenntnis ohne allen Freßneid, ohne wahnhafte Sündenbockzuweisung. Damals raunten noch keine Baumgeister aus Bäumen, sondern 1800 v. Chr., aus dem Dornbusch des Moses, einer selbstentzündlichen Gaspflanze oder Fraxinella (Dietamnus albus L.), ein männlicher Gott, und bei Eva und Adam, sowie 600 v. Chr. bei Buddha, Schlangen -- ? --
Der uralte Banyanbaum, unter dem fünftausend Krieger Alexanders des Großen Platz fanden, fing plötzlich an, zu raunen und übermenschliche Weisheit auszuspenden, warf nämlich dem Feldherrn Eroberungslust vor und prophezeite sein baldiges Ende, wobei sich kaum die botanische Frage erhob, wie der Baum seine Sprechwerkzeuge eingespeichelt haben könnte.
Nebenan stand ein gelernter Holzfacharbeiter aus Bethlehem im Garten Gethsemane, palmenumfächelt von warmer Nachtluft und dem sanften Schnarchton des kahlköpfigen Fischverarbeiters Petrus, und erwies sich als wenig naturverbunden, floss keineswegs mystisch hinein ins pflanzliche Geraschel, taub und amusisch und gefühlsblind für die Schlafgestalten der Blumenköpfe und die jammernden und drohenden Palm-, Busch- und Baumgeister:
„Dass du neulich – o weh – unseren Bruder, den heiligen Feigenbaum … wie konnte er nur … einerseits vom lebendigen Gott reden … und dann den Baum des Lebens vernachlässigen … du hast uns verflucht … wir haben dir … warum so unerleuchtet … ein Schlag gegen die herz- bzw. feigenblattförmige Yoni der Maja … und das ganz ohne Axt … einfach nur durch ein Wort … ein Zauberwort … bis heut haben wir uns nicht erholt … nicht nochmal ausgetrieben … aber was hat dir der arme Feigenbaum getan, den dir Fata Morgana darreichte, der dir kostenlos geschenkt ward zu deiner leiblichen Versorgung mit lebenswichtigen Vitaminen … jetzt weigert sich sogar der Schatten der Fächerpalme, den Kopfschmerz Christi zu kühlen … Bananen fallen vor Schreck runter, wenn du nahst … unsere Dornen und Stacheln verlängern sich unbewusst … nicht dass du an einen toten Baum gehängt wirst … welch Freveltat, fruchttragende Bäume grausam verdorren zu lassen … auch wenn’s nur symbolisch gemeint war …“
Falls damalige Baumgeister Termini wie „symbolisch“ und „Vitamine“ draufhatten! Wüstensohn Jesus outete sich als gefühlsarm vorauseilende Asphaltpflanze, identifiziert mit dem Angreifer Wüste, und schlug der raunenden Urmutter das liebevoll gereichte Füllhorn und saftreiche Proviantpaket samt Blütenschmuck aggressiv aus der zartgegliederten Hand, Jesus als mutierter oder auch sublimierter Erysichthon, aber ohne dessen männlich verschwitzte Achselhöhlen – Jesus als aggressiver Zauberer, als magischer Schreibtischtäter. Wie unökologisch, Lahme und Leichen wieder laufen zu lassen, aber lebendige Schweine in Abgründe zu hetzen und Obstbäume kaputtzuhexen! Und schon nahte der karmische Rückstoß in Gestalt der ewigen Vollzugs­beamten und schleppte den Pflanzenverflucher zur Schädelstätte. Der die grüne Welt der ewigen Mutter beleidigt hatte, bekam – statt dionysisches Weinlaub oder Vorschusslorbeer – zur Strafe eine Dornenkrone aufgesetzt und wurde lebendig und durstig an totes Holz genagelt, mit Nägeln des Eisernen Zeitalters, fortgeweht die Laubmaske des geopferten Adonis, Attis, Osiris, Tammuz, Melchisedek oder Mithras, lichtjahrfern hindustanischer religiöser Feigenbäume. Statt unter indischem Bodhi-Baum zu erwachen, schloß er die Augen an indianischem Marterpfahl und teilte als verdorrter Sohn das Los des wegen ihm verdorrten Fruchtbaums, neuzeitlicher gesagt: emotional verkümmert. Alles verwunderlicherweise nach dem Ritus altgermanischer Jurispudenz: Lang bevor Germanien missioniert und mosaisch infiltriert wurde, wurde in heiligen Hainen jedem, der Äste abbrach, etwas anatomisch Analoges abgebrochen. Und wer Rinde abschälte, wurde abgeschält, Baum um Baum und Ast um Ast.
Das alles schlug seltsam zurück auf die Pflanzenwelt im Garten Gethsemane und auf die unteren Himmelsschichten. Engel, kaum noch aus dem Himmel gestoßen, stürzten immer seltener Bäumen entgegen, die kaum noch in den Himmel wuchsen. Dem Sündenfall der Engel folgte der Sündenfall der Pflanzen, die zu Stinkbäumen wurden, zu Brennesseln, vom Blindmull unterwühlten Taubnesseln, und machten sich als fleischfressende Blumen unbeliebter als sanfte Osterlämmchen und Osterhasen in Wohlfühl-Oasen. Quellen strullerten und pieselten nur noch halb so lieblich, in sichtlich nochmal halbierter Oase. Wüste wuchs. Hatten da vorn nicht bis vorhin noch Orchideen geblüht? Nur einige Trockenbüsche blieben stehn. Abgebrochene Dornenzweige wuchsen sofort nach; wohl um all jene Kakteen zu rächen, die von Jachwe, wenn dieser durch die Wüste brauste, geköpft worden waren. So dampfte und darbte die Südhalbkugel als geologische Glatze, ausgeliefert Sonnenwind und Sonnenbrand. Von der Holzklotzanbetung bis zur Kruzifixproduktion – keine Religionsgeschichte ohne Kahlschlag.

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Der monotheistische Vandalismus des Sankt Bonifax: – Nur die Nordhalbkugel lag noch äonenlang flächendeckend im Sumpfwald, viel zu dunkel, um sich für Holzaxtproduktion zu verausgaben. Und Steine für Steinäxte fanden sich im Moosgeflecht kaum. Urtümliche Gestalten à la Conan, der Barbar, manch ein nordischer Erysichthon, jagten Waldlöwen im Löwenwald und schossen ständig daneben und kamen kaum durch, durch entwurzelte Riesenfichten, Unterholz, Strunkwerk, Wurzelchaos, unberührt des Nachts von Sternlicht und Mondlicht, unbeschienen des Tags von Sonnenlicht. Kein Lichttröpfchen tropfte auf den Waldboden durch. Man sah vor lauter Wald weder Bäume noch Himmelslicht. Urwaldriesen verfilzten sich ungekämmt ineinander, fast noch unaufdröselbarer als Rapunzelzöpfe oder als ­methusalemische Rübezahlbärte, worin Zaunkönige hüpften und brüteten, lang bevor es Könige und Zäune gab. Bevor Frühgotik anfing, fand Pflanzengotik statt, fotosynthetisch inspirierter Lichtdurst als religiöse Hinauf- und Hinwärtsbewegung, immer schön aufwärts und hinan. Nur standen sich die gotteswütigen Bäume wie angewurzelt gegenseitig auf den Wurzeln herum. Karl der Große fällte den Baum der Irminsul, die Säule der Erde, Axis Mundi; Bengalenkönig Schaschanka machte nebenan Buddhas tausendjährigen Bodhi-Baum nieder. Missionsführer Sankt Ulphobertus bzw. Bonifax hätte beglückt, erleuchtet durch unbegrenztes Paradies laufen können, wanderte stattdessen durch wegelose, brückenlose, mückenverseuchte Sumpfwälder, um flachsblonden Dumpfis vom Herrn Petrus was zu erzählen, der einem Soldaten ein Ohr abhaute; denn das beeindruckte Obelix & Company – germanische Inkarnationen altbekannter Esau-, Onan- und Lea-Visagen! – weit mehr als die Memme Jesus, die immer nur die andere Backe hinhielt. Auch Sankt Bonifax hatte was gegen die Bäume der Fata Morgana mit gar nicht so verkehrter Argumentation: „Ihr Obelixe! Ihr seht ja vor lauter Wald den Himmel und die Sterne nicht! Ich schenke euch erstmals einen freien Ausblick, heraus aus diesem grünen Plunder, der euch alles verbaut, hinaus auf eine kleine Lichtungs-Oase mitten in der rauschenden Wüste tiefverschatteten
Urwalds.“
„Aber die heiligen Baumgeister!“ sagte Obelix zum Dolmetscher. „Die da – da oben … Baumgeister … die verehren wir immer so … weil die so …“
Da legte er los, Sankt Bonifax: „Ach wirklich, du Trottel? Und warum hast du da eine Steinaxt in der Pfote? Ihr verehrt die Dämonen nur hier, im scheinheiligen Hain. Und außerhalb und drumherum?! Da holzt ihr gewaltig ab! Ich aber sage euch: Bereits Gletschermensch Ötzi hat exzessiv Brandrodung betrieben! Falls ihr den kennt. Und ich sage euch: in wenigen Jahrhunderten wird eine dampfende Maschine ganz Europa retten, und ratet mal wovor! Vor dem definitiven Kahlschlag, ihr Dussel!“
„Ach so …“, murmelte Obelix undeutlich und trottelte mit seiner Axt wieder an seine Arbeit.
„Wetten, dass eure Götzen euch nicht beschützen, wenn ich das Ding hier umhaue!?“
Reigentanzende Baumfräulein, Moosmädels und Waldweiblein, die nebenan in Hellas Dryaden und Nymphen hießen, blitzten in goldgrüner Nacktheit auf und huschten von hinnen. In einiger Höhe gabelten sich gewaltige Äste hinein in den Wald-Dom hochgelegener Luftwurzelsysteme. Den Stamm schmückten Bänder, Kränze, Gedächtnistafeln, Denkzeichen erhörter Gelübde. Man fand eingeritzte Herzen, Embleme, Kürzel, ja sogar verwachsene Hiebspuren, uralte Ansätze versunkener Holzfällergeschlechter. Und Bonifax fällte 723 n. Chr. die schönste, älteste Eiche, demonstrativ, mitten im heiligen Hain, unweit von Geismar bei Fritzlar bei Wabern, hinter Homberg an der Efze. Nieder zur Erde musste der rauschende Wipfel! Doch leider beschützten die zuständigen Baumgeister ihren Baum tatsächlich nicht – warum eigentlich nicht? Bonifax hatte tückisch einen leicht bedeckten Sonnentag gewählt, ohne jede Gewitterneigung, so dass also Donar nicht im mindesten donnern konnte. Folglich war er nun also ab sofort vom Ausländergott besiegt worden. Missionar contra Eiche; feministische Mythologinnen interpretierten das später dann wieder als Knechtung des weiblichen Prinzips. Germanen und Christen fällten um die Wette Bäume, 2000 Jahre bevor der Terminus „Naturbeherrschung“ aufkeimte. Historicus Tacitus zeigte sich schockiert von verödeten Landstrichen in Germanien. Zimmermann Jesus mutierte zur Möbelindustrie.

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Global-Ernüchterung: schwere Zeiten für Baumgeister in Grünanlagen: – Auch die Nordhalbkugel wurde abgeschoren, abgefrühstückt, abgegrast. Fehlende Kettensägen und Vollernter hielten die gesamteuropäische Abholzung kaum auf. Aus Bäumen wurden Pfahlbauten, Bauten, Möbel, Karren, Schiffe. Aus Buchen wurden Bücher, in denen immerhin manchmal zu lesen stand: „Anno 1539, am 11. tage Aprilis war Dr. Martinus Luther in seinem Garten / vnd sahe die beume mit tieffen gedancken an / wie sie also schoen / vnd lieblich blueheten / knospeten und grueneten / und verwunderte sich sehr darueber / und sprach / Gelobet sey Gott der schoepfer / der aus todten verstorbenen Crea­turen / im Lentzen alles wieder lebendig machet.“ Auf Buchenholzbasis hätte Amerigo und Columbus weder Indien noch Kolumbien noch Amerika entdecken können; Schiffahrt blieb von Anfang an angewiesen auf die Gerbsäure im Eichenholz, die haltbare Konstruktionen erlaubte. Ohne Eichbäume kein Columbus, keine mittelalterliche Seefahrt, also keine Ausbreitung der Stubenfliege durch die ganze Welt. Für ein Segelschiff wurden 2500 Eichen abgeholzt, für eine Werft noch x-mal mehr. Doch von den 2500 Baumgeistern, die pro Schiff obdachlos wurden, etablierten sich auf jedem Schiff nicht 2500 Klabautermänner, sondern bloß ein Klabautermann, im Höchstfall. Seeleute lagen seekrank im Halbschlaf und hörten Holzwurm, Ratten und Klabautermann im Holz knuspern. Baumgeist-Experten blieben die Erklärung schuldig, wie das Schicksal von 2499 überall obdachlos herumhuschenden Baumgeistern pro Segelschiff weiterging.
Elfen, Gnome, Sylphen hatten keine Chance, es unangenehm zu finden, dass sie ohne eine Überportion Anthropomorphismus nicht extrem plausibel in Erscheinung treten, und oft auch gar nicht, trotz Überdosis. Baumgeister teilten mit Gott das Schicksal allzu weitgehender Unsichtbarkeit. Aber ins strenge, später als naturfeindlich verpönte Christentum schlichen sich kleine grüne Inseln ein, und stille friedliche Waldkapellen, also heimliche Heilige Haine, paradiesische Erinnerungszipfel, eingesprengt in den grauen Stein gotischer Kathedralen, die fast schon die graue Beton-Ästhetik späterer Jahrhunderte vorwegnahm, globale Versiegelung, Zuasphaltierung, Verbunkerung, Verbauung, Bau-Boom.
Denn schon seit längerem kam nüchtern-pragmatische, entzauberungssüchtige Neuzeit herangerollt, und zwar seit 600 v. Chr. Ein theoretischer Holzfäller, Empedokles’ Zeitgenosse Diogenes von Apollonia trat als Spielverderber und Aufklärer auf und sprach den Pflanzen das Denken ab. Wie unspendabel! Wie unverzeihlich! In solch kaltherzig reduktionistischen, realitätslastigen Theoremen röhrte von Anfang an die – sowieso unaufhaltsame – Baumsäge.
Magier Prospero zerbrach auf windgeistumstürmter Insel freiwillig seinen Zauberstab. Der hochbetagte Faust II. tat es ihm nach und entfernte alle Magie von seinem Pfad. Die Anatomie der Engel erzeigte sich nicht mehr mit Darwin vereinbar; denn Flügel enthüllten sich jetzt als umgebildete Vorderbeine; Engel konnten laut Evolutionstheorie keinesfalls Flügel und Arme zugleich tragen, sowenig wie Moses Hörner tragen durfte, trotz aller ikonographischer Gegenbeweise. Schlossgeist und Poltergeist westen und wirkten und webten neben dem gloriosen Sanctus Spiritus ohnedies jederzeit als ziemlich anrüchige, allzu populäre Derivate, Entitäten und Vulgärformen und Schwundformen herum, so wenig ernstzunehmen wie Wattebart Sancta Claus neben ewigem Gottvater. Aufklärer widerlegten die Existenz von Gespenstern genauso wie die von sämtlichen Göttern, von Olifant und Vitzliputzli bis Gott. Aber Erfinder und Wissenschaftler entdeckten exakt in dem Moment, als unsichtbare Dämonen wissenschaftlich abgeschafft wurden, unter Lupe und Mikroskop jede Menge unsichtbarer, plötzlich sichtbar zu machender Aufgusstierchen, Spermien, Bakterien, die praktisch genauso nervös herumwimmelten wie vorher alles dämonische Gelichter und alle paracelsischen Elementarwesen. Entweder wurde die freigewordene Nische bloß blitzschnell neu besetzt, oder infektiöse Dämonen und Einbläser wurden einfach in Krankheitskeime umgetauft, Succubus in Streptokokkus. Der gute, alte apotropäische Schleier, auch Abwehrschleier genannt, wurde zum Mundschutz von Chirurgen und Zahnärzten. Und die prähistorische Tiermaske mutierte zur modernen Gasmaske. Dschungel domestizierte sich zu englischen Gärten. Französische Gärten ernüchterten sich zu Golfplatz-Rasen. Blumenwiesen entfärbten sich zu Löwenzahnwiesen, Rasen, Nutzfläche. Entwurzeltes Stadtleben versuchte, sich an wachsblumenartig entwurzelter Schnittblumen-Industrie zu erbauen. Aus Heiligen Hainen wurden großstädtische Grünanlagen und Behindertenparkplätze. Grünanlagen entfärbten sich zu vollgepinkelten Grauanlagen, Stadtbegrünung zum Straßenbegleitgrau. Denn Straßen sind Lebensadern unserer Wirtschaft. Bäume wurden zu Verkehrshindernissen, angepinkelt von Hund und Mann. Baumgeist und Pflanzenseele hatten für verwesende Holzverbraucher Sargbretter zu liefern. Waldbrände wurden zunehmend abhängig von Streichhölzern aus Holz, Holz contra Holz. Anfangs hatten Radio und Fernsehn hölzerne Gehäuseverschalungen. Die kaum noch säuselnde, kaum noch rauschende, vermutlich leidende, unverdrossen austreibende Pflanzenseele ergraute, staubte ein, erstickte in der Kübelpott-Krüppelkoniferen-Ästhetik der Floristik-Center, wie sie bereits auf Dostojewskis Datschen trostlos grassierte. Friedrich Nietzsche krähte „Gott ist tot!“ und „Die Wüste wächst!“ Walt Disney beteuerte: „Die Wüste lebt!“ Salvation Army & Zeugen Jehovas beteuerten: „Jesus lebt!“ Gartenarchitekten kamen runter zu Einkaufsstraßendekorateuren. Kontrollinstanzen wie Parkwächter und Schutzmänner hatten alle Hände voll zu tun, nudistisch engagierte Dryaden im Stadtpark und Nixen im Stadtteich vernünftiger Tätigkeit zuzuführen. Alleebäume sorgten für täglich sechs Baumtote statt Auto­tote. Und ganze Wälder hatten sich widerspruchslos flachzulegen für Bibelzitate à la „Gott häuft Leichen auf!“ und BILD-Zeitungsschlagzeilen à la „Nonne beißt Hund!“ Vernünftige Forstwirtschaft hütete Restwälder als Rohstoffquellen. Statt Baumgeist – pragmatischer Geist, Stangenholzplantagen, Fichtenmonokultur, militärisch in Reih und Glied, erntbare Lebendmasse mit schrumpfender Reststandzeit. Statt Baumseele – Seelsorger und Seelenklempner. Sechs Wochentage lang randalierten Naturbeherrscher, um sonntags die beherrschte Natur mit Naturverbundenheit zu belästigen. Avalon schimmerte kaum noch durch. Wer Industrie, Verstädterung, Zersiedelung dafür schuldig sprach, dass Zwerge, Gnome, Nymphen sich nicht mehr zeigten, übersah, dass auch Tiere vor technischen Welten nicht zurückschrecken und dass Elfen und Feen sich auch in guten, alten heimeligen Zeiten seit jeher nicht jedem zeigten. Andere Erklärungsmodelle wurden erwogen: Elfen starben nur deshalb aus, weil keiner mehr im Wald onaniert, sichtlich eine plausiblere Vermutung als die Technik-These. Außerdem tendierten nicht nur fromme Mütterchen zum Elfenglauben, eher Philosophen und Strafsenatsvorsitzende, und dies nicht nur in Irland und Finnland.

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Wie grüne Fee & Green Man am längeren Hebel sitzen: – Das verlorene und wiedergefundene Paradies verschärfte sich zu einem nie dagewesenen Paradies. Die traumhafte, immer schärfer werdende Erinnerung daran ließ sich weder plattwalzen noch ausrupfen. Je mehr der grüngoldene Baum des Lebens neben grauer Theorie im Grau in Grau nüchtern infizierter und imprägnierter Welt verblasste, desto spärlicher und farbintensiver grünten bedrohte Lichtblicke. Je motorisierter, entseelter, zombiehafter, TÜV-kompatibler, säurefester, streusalzresistenter, abgashärter die Immanenz of modern world vorwärtsknatterte, desto glühender schimmerten schönere Zeiten samt raunender Holundermütter und Eschengeister durch den Smog der Ballungszentren. Paradiesische Erinnerungszipfel, Idyllen und Spitzweg-Gartenlauben überboten den lapidaren Paradiesmythos an sentimentalisch aufglimmender Tränenseligkeit. Urgermanischer, paganischer, heidnischer Löwenzahn und Wegerich brachen durch die Risse im katholischen Straßenbelag. Resistentes Avalon meldete sich und überrollte, seltsam verändert, die artfremden Intermezzi Jerusalem und Jericho mit Karneval, Osterspaziergang, zweitem und drittem Frühling, verspäteter Früh- und Spätromantik, mit „Le Sacre du Printemps“ und Greenpeace.
Tao Yuanming (365–427) dichtete: „Die Bäume scheinen mich zu kennen und untereinander zu flüstern.“ Tang-Dynastie-Poeten züchteten Chrysanthemen und liebten Blumenelfen inniger als ihr Leben. John Milton schilderte in seinem „Lost Paradise“ den Paradiesbaum als Banyanbaum. Barthold Heinrich Brockes besang Krokusse schier inniger als deren Schöpfer. Jean-Jacques Rousseau genoß eine buddhaartige Erleuchtung unter einem Chausseebaum. Johnny Appleseed, Apfelbauer (1774–1845), von US-Umweltschützern als Pionier-Ökologe und Naturheiliger gefeiert, lebte zeitweise in einem Platanenstumpf.
Umtost von globaler Holzwirtschaft, sah Humanist Johann Gottfried Herder die Pflanze auf dem Weg zu ihrer Humanisierung. Der überaus beseelte Pflanzenphilosoph Gustav Theodor Fechner ward vom Seelenleuchten der Blumen ergriffen. Selbst relativ trockene Systematiker und Rubrizierer wie Carl von Linné hauchten der Pflanze ein Empfindungleben ein. Hochsensible Dichter wie Hölderlin (abgeleitet von Holunderbusch) sangen sympathetisch: „Wie gern würd ich zum Eichbaum.“ Zuspätromantiker wie Ludwig Tieck, Joseph von Eichendorff und Robert Schumann schwärmten von über mir rauschender, schöner Wald­einsamkeit, so als wollten sie den Deutschen deren Vorfreude auf das anrollende Industriezeitalter prophylaktisch vermiesen. Student Anselmus hörte Serpentia-Weisheit aus einem Holunderbusch an der Elbe in Dresden wispern. Bruno Wille wurde ein Wacholderbaum zum Bodhibaum. Bächtold-Stäublis wunderbar uferloses „Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens“ blühte auf und stellte Thomas von Aquins hartherzige „Summa theologica“ optimal in den Schatten, und siehe, Volksglauben vermochte Reicheres … 

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Ulrich Holbein studierte in Kassel Malerei und wurde als Schriftsteller durch seine Kolumnen in der „Zeit“, der Frankfurter Allgemeinen oder der Süddeutschen Zeitung bekannt. 2011 wurde Ulrich Holbein mit dem „Kasseler Literaturpreis für grotesken Humor“ ausgezeichnet.