Sprechende Baumgestalten

Geomantische Landschaftsphänomene und Baumwuchsformen.

von Guntram Stoehr erschienen in Hagia Chora 3738/2012

Der Wuchs eines jungen Baums lässt sich nicht vorherbestimmen, er prägt seine eigene Sprache, die immer auch die ­Sprache des Orts ist. Wer beginnt, sie zu lesen, kann so etwas wie ein geomantisches Wörterbuch entwickeln – und doch gleicht nie ein Baum dem anderen. Jeder ist einzigartig.

Bei meinen vielen Besuchen von Kraftorten fiel mir zunehmend auf, wie sehr die Bäume zur erhabenen Stimmung am Ort beitragen. Sie können eine Ausstrahlung besitzen, als stehe vor uns ein machtvolles Wesen von unermesslicher Weisheit. Die Kraft des Orts und die ehrwürdige Gestalt solcher Bäume erscheinen als Symbiose, als seien die Materie und das feinstoffliche Kräftefeld des Orts zusammen in einen lebendigen Baumkörper geschlüpft. Die Atmosphäre wirkt wie ein Lebewesen, das von Bewusstsein durchdrungen ist.

Bäume als Wegweiser
Neben ihrer besonderen Ausstrahlung fiel mir auf, dass Bäume an Kraftorten oft ein außergewöhnliches Wuchsverhalten aufweisen. Die Vielfalt der Formen und die Häufigkeit ihrer Erscheinung schienen an anderen, „gewöhnlichen“ Orten so nicht aufzutauchen. Bald füllten meine Beobachtungen von Wuchsformen an „starken“ Orten ganze Listen. Neugierig auf mögliche Zusammenhänge und Ursachen, begann ich, Bäume mit auffälligen Wuchsformen sowie deren Standorte gezielt zu untersuchen. Zu diesem Zweck hielt ich mich oft über längere Zeit an den Orten auf und spürte, wie sie mein körperliches und geis­tiges Befinden beeinflussten. Mit der Zeit deuteten sich Zusammenhänge zwischen Qualitäten von Orten und den mit ihnen verbundenen landschaftlichen Kräftestrukturen an. Ich begann, Orte mit ähnlichen Wuchserscheinungen miteinander in Beziehung zu setzen und eine systematische Studie über Baumwüchse vorzunehmen. So begab ich mich auf eine Entdeckungsreise in die Tiefe der Wälder und zugleich in die verborgenen Welten innerer Erfahrungen.
Was könnte die Bäume zu ihrem außergewöhnlichen Wachstum bewegt haben? Die unterschiedlichen Wuchsformen ließen sich schließlich den spezifischen Landschaftskräften zuordnen, was im Umkehrschluss bedeutet, dass anhand des Wuchsverhaltens von Bäumen Rückschlüsse über die Qualität eines Orts getroffen werden können. Dies kann jedem als geomantisches Handwerkszeug dienen, um Kraftorte ebenso wie schwächende Orte zu lokalisieren, auch in Hinblick auf die persönliche Wohnsituation und einer ersten Einschätzung der Kräftestruktur eines Orts.

Die Sprache der Bäume
In der Holzwirtschaft werden außergewöhnliche Baumwuchsformen oft als „Holzfehler“ bezeichnet. Ein krummer Wuchs oder Geschwulste eines Baums mindern für die Wirtschaft den Wert als Nutzholz. Für den Naturliebhaber hingegen können Wuchsformen wertvolle Informationen über die Beschaffenheit von Orten preisgeben. Bei meinen Untersuchungen fand ich bei fast allen Bäumen mit sogenannten Wuchsanomalien feinstoffliche Einflüsse der Landschaft vor.
Die herkömmliche Wissenschaft hat für einige Wuchsformen an Bäumen noch keine ausreichenden und überzeugenden Ursachen finden können. Beispielsweise ist eine biologische Ursache für den Drehwuchs bis heute unbekannt. Es wird nur vermutet, dass der Wind oder einseitige Stammbelastungen durch eine asymmetrische Kronenform für diese Besonderheit verantwortlich sind. Auch die Entstehung des Maserknollenwuchses stellt für Biologen immer noch ein ungelöstes Rätsel dar. Doch sind auch verschiedene bio­logische Ursachen für Wuchsanomalien bekannt. Wie bei vielen Dingen in der Natur entstehen Ergebnisse häufig aus einem Zusammenspiel verschiedener Faktoren. Nach meinen Beobachtungen stellen feinstoffliche Landschaftsstrukturen oft eine gewisse Ausgangslage dar, durch deren Einfluss biologische Prozesse gefördert werden. Beispielsweise können aufgrund von schwächenden Einflüssen am Ort Krankheiten begünstigt werden, die sich am Baum durch Viren oder Bakterienbefall zeigen oder zu einem „Krebsgeschwür“ führen. In einem solchen Fall sind die Bakterien die vordergründige biologische Ursache, der Wuchs selbst kommt aber nur in einem bestimmten landschaftlichen Bereich vor, nämlich dort, wo eine schwächende Ortskraft auf den Baum einwirkt und den krankhaften Befall so begünstigt.
Bäume besitzen ein feinstoffliches Gefüge, das durch die am Ort wirkende Kraft beeinflusst werden kann – womöglich vergleichbar mit der Aura und der Meri­dianstruktur des Menschen. Diese wieder­um stehen mit den feinstofflichen Strukturen der Landschaft im Wechselspiel. Neben dem Kräftefeld, das Bäume umhüllt, entdeckte ich einen stark ausgebildeten feinstofflichen Strom senkrecht im Inneren des Stamms. Er existiert auch zwischen den Ästen und Wurzeln – ein heller, weißer Strom, der durch den Stamm der Bäume in die Erde fließt. Dieser Strom besitzt eine starke Bewusstseinsqualität, die durch den Baum in die Materie der Erde einströmt. Seitdem begreife ich Bäume als Leiter für kosmische Bewusstseinsströme in die Erde hinein und damit auch auf der Bewusstseinsebene als ein wichtiges Glied im Gesamtorganismus Erde.
Besonders kraftvoll kann ein solcher Energiestrom werden, wenn ein Baum zusätzlich an einem „kosmischen Strömungspunkt“ der Landschaft wächst. Einmal durfte ich dies persönlich erleben.
Als ich mich an dem altehrwürdigen Baum in den offenen Zustand der Wahrnehmung begeben hatte, fühlte ich bald eine aufsteigende Kraft meinen Körper durchwirken. Allmählich wurde mein Bewusstsein aufwärtsgezogen, und die Situation wirkte plötzlich sehr luftig. In meiner Wahrnehmung lösten sich meine Füße förmlich vom Boden, und meine Aufmerksamkeit begann stetig aufwärtszusteigen, zunächst langsam und dann zunehmend schneller. Ich befand mich in einer Art senkrechtem Tunnel mit einer gläsernen Außenwand, durch die ich allerdings nichts erkennen konnte. Die Erde blieb nun weit unter mir, während es den Tunnel stetig hinaufging. Bald schienen die Aura-Grenze der Erde, die ich in drei Schichten wahrnahm, durchquert und die Atmosphäre zurückgelassen. Zu meiner Überraschung ging es immer noch weiter hinauf. Es folgten etwa fünf weitere feinstoffliche Aura-Schichten. Ich konnte nicht so genau mitzählen, alles ging ziemlich schnell. Plötzlich verlangsamte sich der Flug, und ich gelangte auf eine traumhafte, weiß durchlichtete Ebene. Der Boden war bedeckt von einem weißen Nebel, der langsam und sich beständig kräuselnd floss. Der Grund selbst war zwar nicht zu sehen, doch etwas unter meinen Füßen gab mir festen Stand. Über mir breitete sich die kristallklare Weite des Kosmos aus. Stille und unendliche Weite lagen vor meinem Auge. Der Einfluss der Erdatmosphäre schien hier kaum mehr wirksam. Vor meinen Füßen lag die Öffnung des lichten Tunnels, durch den ich kurz zuvor gekommen war. Seine zylin­drische Form vergrößerte ihren Durchmesser nach oben hin etwas, und er besaß eine atemberaubende Tiefe. Den Grund des Kanals konnte ich von hier aus nicht mehr erkennen. Nur halb verschwommen war ein kleiner brauner Punkt sichtbar, den ich als die Erdoberfläche einschätzte.
Mein Blick schwenkte wieder zurück auf die bezaubernde weiße Ebene. Ich hielt nach anderen Lebewesen Ausschau, konnte jedoch keine ausmachen. Einzig die Stille weit und breit war gegenwärtig. Diese reine Stille mit der unendlichen Weite über dem lichten Nebel bewirkte ein unbegrenztes Gefühl von Frieden in mir. Als ich mich eine längere Zeit in diesem Zustand aufgehalten hatte und offensichtlich nichts weiter geschah, begab ich mich wieder zum Eingang des Tunnels und schwebte mit meiner Aufmerksamkeit hinab zur Erde. Dort bemerkte ich, wie meine Füße wieder den Boden berührten, der Körper wurde wieder schwer und fühlbar. Die Qualität des Kosmos war jedoch als Erfahrung mitgereist und ist in mir gegenwärtig geblieben.
Auf solche Weise können Kraftorte und starke Bäume meditative Erfahrungen und spirituelle Bewusstseinserlebnisse begüns­tigen und intensivieren.

Bäume und die Kraft des Orts
Besonders deutlich ist die Beziehung zwischen dem Wuchsverhalten der Bäume und geomantischen Landschaftsstrukturen an den Ein- und Ausströmungspunkten erkennbar. Damit meine ich verschiedene Arten feinstofflicher Kräfte, wie Vitalkräfte oder Astralkräfte, die punktuell in die Erde ein- oder ausströmen, während sie in ihrem ständigen Zyklus von Erneuerung und Zerfall zwischen dem Erdinneren und ihrer entsprechenden Schicht in der Erd-Aura strömen. Dabei zeigen Orte mit erneuerten und frischen Kräften ein üppiges und vitales Wuchsverhalten, wie beispielsweise punktuell starke Triebe, blattgrüne Wasserreiser und Baum-­Chakren. Dagegen weisen Bäume an Orten mit schwächenden und zurückziehenden Kräften Krebsgeschwüre, abgestorbene Wasserreiser oder diverse Baumkrankheiten auf.
Aber auch an Strömungspunkten mit kosmischen Kräften können Bäume besondere Wuchsformen ausbilden, wie beispielsweise Drehwuchs, Blitzrinnen oder Baum-Chakren.
An Elementarwesenorten und auf Leylinien sind vitalstarke Wuchsformen zu finden, wie rüsselförmige Äste, zusammengewachsene Stammglieder und Äste, die sogenannten Elfenaugen bilden.
Auch eine erhöhte Erdstrahlung spielt eine wichtige Rolle. Die hochfrequente Strahlung, die von dem heißen Erdinneren ausgeht und durch Brüche und Verschiebungen in der Erdkruste nicht so stark gemindert wird, wie es üblicherweise der Fall ist, schwächt in der Regel die Baumorganismen, und es zeigen sich häufig krankhafte Erscheinungen wie Maserknollen. Erdstrahlung kann aber auch in positiver Form vorkommen, den feinstofflichen Energiekörper des Menschen anregen und somit eindrucksvolle Meditationen begünstigen. An solchen Erdstrahlungsorten sind häufig auch Drehwüchse zu finden. Am Rand oder an zentralen Bereichen von Kraftorten stehen häufig besonders markante Bäume mit einer einzigartigen Ausstrahlungskraft. Solche Wächterbäume scheinen mir eine erstaunliche Verbindung zu weit entwickelten und reinen Bewusstseinsebenen zu haben, was uns Menschen sehr unterstützen kann.
So sind Bäume untrügliche Anzeiger für die Qualität der lebendigen Landschaftskräfte. Wenn wir sie sorgsam beobachten, werden sie Wegweiser in der Natur und uns Menschen Zeichen für geomantische Landschaftsqualitäten sein.
 

Guntram Stoehr: Vom Wesen der Bäume, AT Verlag, Aarau 2012

Guntram Stoehr arbeitet als freier Architekt in der Nähe von Freiburg im Breisgau. In seinen Projekten verbindet er moderne Architektur mit Baubiologie, Geomantie sowie dem indischen Vastu. Er hält Vorträge und Seminare, leitet Reisen und bietet eine Ausbildung in Geomantie an. www.architektur-geomantie.com