Die Mistel als Signatur der Landschaft

Die Heilkraft einer symbiotischen Beziehung.

von Olaf Rippe erschienen in Hagia Chora 3738/2012

In der naturheilkundlichen Krebstherapie haben Mistelpräparate ihren festen Platz. Dabei spielt die Geomantie des Baums, auf dem die Mistel wächst, eine wichtige Rolle.

Die Mistel gehört ohne Zweifel zu den ungewöhnlichsten Gewächsen unserer Flora. Es heißt, dass nur dort, wo Nachtmahre und Hexen Rast machen, Misteln wachsen können. Häufig wirken Orte, an denen Misteln in großer Zahl auftreten, unheimlich und beklemmend. Die Bäume wachsen knorrig und verdreht, Efeu rankt an ihnen empor, und nicht selten kommt es an solchen Orten zu ungewöhnlichen Phänomenen, die dem einen Furcht einjagen, dem anderen aber Visionen einer magischen Welt eröffnen, denn die Mistel wächst an den Toren zur Anderswelt.
Die Mistel ist untrennbar mit dem Baumwesen, auf dem sie wächst, verbunden. Sie kann nicht in der Erde wurzeln, sondern benötigt den Baum als Wirt, der sie trägt und ernährt. Das ist ein wichtiger Aspekt für ein Verständnis der Mythologie der Mistel, denn die nordischen Völker sahen in der Natur das Göttliche selbst, das sich dem Menschen vor allem in Baumgestalt zeigt. Sie sahen im Baum die Weltenachse, die Axis Mundi, durch die alle Welten – die der Götter, Geister, Toten und Lebenden –, miteinander verbunden sind. Die Esche galt als Weltenbaum schlechthin. In der Linde offenbarte sich die Liebesgöttin Freya, in der Ulme der allessehende Allvater Wotan oder in der Eiche der kraftvolle Donnergott Thor und der hellsehende Baldur. Und sogar die Menschen waren zunächst Bäume, bevor die Götter ihnen Verstand einhauchten. Da wundert es nicht, dass etwas, das nur auf einem Baum gedeihen kann, als zauberkräftig erkannt wurde.

Die Mistel und ihr Wirtsbaum
Neben der Eiche verehrte man in alter Zeit besonders die glückbringende Hasel. Unter ihr soll der Haselwurm hausen, der die goldenen Schätze der Erde bewacht, und wenn dann auch noch eine Mistel dort gedeiht, was extrem selten der Fall ist, dann galt dies als sicherer Hinweis für Schatzsucher. Entsprechend wurde die Mistel von Rutengängern genutzt – sie zeigt ja auch die typische Y-Form einer Wünschelrute. Die Mistel war vielleicht sogar die goldene Rute im Nibelungenlied. In Schweden soll es Brauch gewesen sein, die Mistel als Wünschelrute in der Johannisnacht zu sammeln (Frazer, 1989).
Ebenfalls sehr geschätzt wurde die seltene Weißdornmistel. Im Weißdorn leben nicht nur wohlwollende Naturwesen. Seine heilsamen Kräfte verdankt der wehrhafte kleine Baum, der sehr alt werden kann, der Zauberkraft Merlins, dessen Geist in den Weißdorn hinein verwunschen wurde. Und wer kennt nicht den Brauch, Mis­teln zur Weihnachtszeit über die Haustür zu hängen? Heute weiß man, dass je nachdem, zu welcher Jahreszeit und von welchem Wirtsbaum die Misteln verwendet werden, sich große Unterschiede in der Wirkstoffzusammensetzung zeigen. Volkstraditio­nen, die Misteln mit den Sonnenwenden und besonderen Wirtsbäumen in Verbindung bringen, sind also keineswegs Aberglauben.
Wie so viele Pflanzen besteht auch die Mistel aus einem komplexen Vielstoffgemisch mit zahlreichen Synergismen, die größtenteils unerforscht sind. Unter den Wirkstoffen dominieren die Mistellektine, die man im zentralen Bereich der Pflanze und im Senker findet, sowie die Viscotoxine, die in der Peripherie der Pflanze gehäuft, nicht aber im Senker auftreten. Lektine und Toxine bilden zwei Seiten derselben Medaille.
Der Lektingehalt unterliegt je nach Jahreszeit und Wirtsbaum großen Schwankungen. Bei der Aufbereitung des Ernte­guts zeigte sich zum Beispiel bei einer Apfelmistel im Januar ein Gehalt von 1000 Nanogramm und im September von 340 Nanogramm Lektin pro Gramm der Pflanze. Studien des Heilmittelherstellers Abnoba ergaben den höchsten Lektin­gehalt für Eschenmisteln, gefolgt von Birken- und Apfelmisteln, und den geringsten Gehalt für Tannen- und Kiefernmisteln.
Mistel-Lektine haben eine kanzerostatische Wirkung. Durch die Veränderung der Struktur von Tumorzellen kann die körpereigene Abwehr diese besser erkennen, und es kommt zu einer Aktivierung der zellulären Abwehr. Die Viscotoxine sind neben den Lektinen der wichtigste Wirkstoff der Mistel, sie wirken vor allem zytolytisch, also zellenauflösend. Der Gehalt dieses Wirkstoffs ist im Sommer am höchs­ten. Vor allem die anthroposophisch orientierten Hersteller von Mistelpräparaten zur Karzinomtherapie, deren Präparate aus einer Mischung von Sommer- und Winterernte hergestellt werden, achten auf diese Zusammenhänge.

Die geheime Sprache der Mistel
Während heute vor allem die Wirkstoff­analyse von Bedeutung ist, kannte man in alter Zeit ganz andere Wege, Erkenntnisse über Heilmittel zu erlangen, vor allem die Signaturenlehre, also die Ableitung einer Wirkung anhand ihrer Formen, Farben und weiterer besonderer Merkmale.
Unsere Vorfahren hatten eine andere Sensitivität für Naturvorgänge, sie waren mit den Pflanzen, auf die sie essenziell angewiesen waren, selbstverständlich in einer stärkeren Resonanz als wir heutigen Menschen mit unserer der Natur entfremdeten Kultur. In der Sicht von indigenen Kulturen steht noch heute jedes Naturphänomen mit einem anderen in Wechselwirkung – nichts geschieht zufällig, alles folgt einem unergründlichen Geist.
Misteln wachsen sehr langsam und folgen dabei zahlensymmetrischen Gesetzmäßigkeiten. Ihre Gestalt entwickelt in der Regel die Form eines Ypsilons. „Der regelmäßige, zweiteilige Wuchs der Pflanze, der dazu führt, dass die Mistelzweige sich in auffallender Weise kreuzen, war nach christlichem Glauben etwas besonders Heiliges“, schreibt der Arzt Siegfried Seligmann (Seligmann, 1996). In der Signaturenlehre gilt dies als Hinweis auf eine „schutzmagische“ Wirkung; Kreuze wirken wie eine Art Sperrgitter, durch das negative Energien nicht hindurch können, daher wurde die Mistel gerne als Amulett getragen oder zum Schutz aufgehängt.
Interessant ist dabei die ausgleichende Wirkung der Mistel bei geomantischen Feldphänomenen. Sie wird zum Beispiel für das „Entstören“ von Schlafplätzen eingesetzt und über das Bett gehängt oder darunter gelegt. Eine ähnliche Wirkung erzeugt potenzierte Mistel (am besten D6), wenn man vier Flaschen in Plus-Minus-Ausrichtung unters Bett legt, am besten im Uhrzeigersinn.
Die Mistel scheint sich den natürlichen Gesetzmäßigkeiten entgegenzustellen, indem sie in der dunklen Jahreszeit blüht und fruchtet und als immergrüne Pflanze den Todeskräften des Winters trotzt.
Die spezifische Wirkung der Mistel entsteht nicht nur durch den Wirtsbaum, sondern vor allem durch den Genius Loci des Wachstumsorts selbst, häufig eine Zone mit geomantischen Auffälligkeiten – in der Radiästhesie wird von Reizstreifen gesprochen wie von Wasseradern bzw. deren Kreuzungen oder Verwerfungen. Doch es muss noch andere Gründe geben, warum Misteln bestimmte Standorte bevorzugen, denn viele Regionen sind völlig mistelfrei, ja sogar ganze Länder kennen kaum Mis­teln (zum Beispiel Irland), während es in anderen Regionen scheinbar keinen Baum ohne Befall gibt, und dies bei ähnlicher geomantischer Struktur.
Der anthroposophische Naturforscher Werner-Christian Simonis schrieb hierzu: „Eine Mistel entwickelt sich immer nur, wenn derartige Untergrundfaktoren vorliegen und auf den Mistelträger wirken. (…) Im Hintergrunde all dieser Vorgänge liegen Störungen in der Entwicklung des Klangäthers unter gleichzeitiger Wirkung elektromagnetischer Besonderheiten der Erde“ (Simonis, 1974).
Der Klangäther, der dem geistartigen Charakter des Elements Wasser entspricht, steht in Resonanz zum elektromagnetischen Feld der Erde und umgekehrt. Störungen werden z. B. durch Verwerfungen in der Gesteinsstruktur oder durch Wasseradern hervorgerufen. Hierbei entsteht ein Feld, das die Mistelbildung begünstigt. Nach den Gesetzmäßigkeiten der Sympathielehre sind jedoch Pflanzen wie die Mistel, die sich auf solchen Zonen nicht nur wohlfühlen, sondern sogar besonders gut gedeihen, mögliche Heilmittel für Menschen, die unter „geopathisch“ verursachten Krankheiten leiden.
Rudolf Steiner wies darauf hin, dass ein Auftreten der Mistel die Tendenz zu Missbildungen in den Bildekräften des Baums, die durch geomantische Störungen verur­sacht werden, gewissermaßen kompensiert. Durch einen herausfordernden geomantischen Standort kommt es unter Umständen zu einem Überschuss an Ätherkräften im Baumwesen, die mit dem Element Wasser in Beziehung stehen. Die Mistel nimmt nun diese übermäßig vorhandenen Kräfte in sich auf – die überschüssigen Ätherkräfte bilden quasi den Humus, auf dem die Mistel wachsen kann. Hierdurch kommt es aber indirekt zu einer besseren Strukturierung in den Wachstumskräften des Wirtsbaums. Analog geschieht diese kompensierende Heilwirkung auch während einer Misteltherapie bei Tumorprozessen im Menschen (Steiner, 1924/2004).
Die Mistel wäre demnach kein Schädling, sondern ein energetisch ausgleichendes Element in der Natur, das in bestimmten Ländern offenbar so nicht nötig ist. (Irland hat noch weitgehend unverbaute heilige Orte, dafür ist dort der Efeubewuchs von Bäumen auffallend, der eine Achse zwischen den Welten darstellt.)

Heilmittel für Krankheiten unserer Zeit
Die wichtigste Indikation der Mistel ist heute die antitumoröse und immunmodulierende Wirkung bei Krebserkrankungen. Die Anregungen für die Krebstherapie gehen auf Rudolf Steiner zurück, der die Wirkung allein durch die Betrachtung der Signaturen der Mistel erkannte.
Wie wir festgestellt haben, ist eine Mis­tel einerseits eine Signatur für die Pathologie ihres Wachstumsorts, andererseits wirkt sie kompensierend auf die pathologischen Wachstumskräfte des Wirtsbaums. Ohne Auftreten der Mistel würden die geo­pathischen Einflüsse, wie Wasser­adern oder Verwerfungen, in vielen Fällen zu tumorartigen Auswüchsen beim Wirtsbaum führen. Solche Baumtumore sind in der Regel kugelförmig. Man hat den Eindruck, als dränge an dieser Stelle ein völlig neues und vom Baum abgetrenntes Wesen zur Geburt. Es zeigen sich Baumgesichter, die an Fabelwesen erinnern.
Indem die Mistel die überschießenden Vitalkräfte des Wirtsbaums in sich aufnimmt, wird der Baum zu ihrer „Erde“, und sie wird von den Wachstumskräften des Wirts auf je eigene Weise geprägt und geformt. Auf spezielle Weise verarbeitet und angewendet, zum Beispiel als besonders hergestelltes Injektionspräparat von Abnoba, Helixor, Wala oder Weleda, übernimmt die Mistel „als äußere Substanz dasjenige, was wuchernde Äthersubstanz beim Karzinom ist, verstärkt dadurch, dass sie die physische Substanz zurückdrängt, die Wirkung des astralischen Leibes, und bringt dadurch den Tumor des Karzinoms zum Aufbröckeln, zum In-sich-Zerfallen. So dass, wenn wir die Mistelsubstanz in den menschlichen Organismus hineinbringen, wir tatsächlich die Äthersubstanz des Baumes in den Menschen hineinbringen, und die Äthersubstanz des Baumes also, auf dem Wege durch den Mistelträger in den Menschen übergeführt, wirkt verstärkend auf den astralischen Leib des Menschen“ (Steiner, zitiert nach Selg, 2004).
Der Ätherleib ist nach anthroposophischer Tradition mit dem Element Wasser und der Lebenskraft verbunden, aber auch mit dem Prinzip des Zellwachstums. Die­se Tendenz wird durch einen Standort auf Wasseradern deutlich verstärkt. Der physische Leib trägt die Strukturkraft des Elements Erde in sich, während der Astralleib mit den durchwärmenden und abbauenden Kräften des Elements Luft in Beziehung steht. Ohne genügenden Einfluss der abbauenden und gestaltgebenden Kräfte kommt es zu überschießenden Vitalprozessen oder zu Wucherungen.
Die Mistel kann als Kind der Lüfte ­diese ungerichteten Kräfte zurückdrängen, die nach den Elementenqualitäten mit Kälte verbunden sind, indem sie Wärmeprozesse und die Fieberbildung anregt, wodurch es zum Zerfall der Tumorzellen kommt. Betrachtet man also die Beziehung von Mistel und Wirtsbaum genauer, ist es in Wahrheit ein Synergismus dieser beiden, zusammen mit dem Genius Loci des Wachstumsorts, der auf den Menschen therapeutisch wirkt – dies erklärt auch die Notwendigkeit einer speziellen Zubereitung und Dosierung und die Notwendigkeit, immer den jeweiligen Wirtsbaum in eine Therapie einzubeziehen.
Heute ist die Mistel in der naturheilkundlichen Praxis unentbehrlich geworden. Neben der Tumortherapie wird sie vor allem in der Behandlung von Nerven- und Blutdruckleiden, Stresskrankheiten und Burnout eingesetzt. Das Burnout-Syndrom und die Karzinomerkrankung als Burnout des Immunsystems, sind letztlich eine Antwort auf die Art und Weise, wie wir unser Leben und unsere Umwelt gestalten. Sie sind ein Zerrbild für die Entfremdung des Menschen von der Natur und vom Göttlichen, die nicht nur zur Umweltzerstörung und zur Entweihung von heiligen Stätten, sondern eben auch zu neuartigen Krankheiten geführt hat.
So wie der Umgang mit einem Karzinom als ein Geschehen, das von sehr vielen Faktoren beeinflusst ist, eine ganzheitliche Sichtweise des Individuums erfordert, benö­tigen wir ein globales, wenn nicht sogar ein universelles Bewusstsein, um die Ursachen der Krankheitsentstehung zu begreifen und um Heilwege zu erkennen – in erster Linie ein spirituelles Verständnis für Naturprozesse.
Zauberpflanzen wie die Mistel sind eben mehr als bloße Wirkstoffträger. Auch Naturgeister sind keine Phantasmen, sondern ein Ausdruck für die Qualität einer Landschaft. Und das Wirken des Göttlichen ist kein Aberglaube, sondern schlicht das Leben selbst. +

Literatur: Frazer, James George: Der goldene Zweig. Rowohlt, 1989 • Rippe, Olaf (Hrsg.): Die Mistel – eine Heilpflanze für die Krankheiten unserer Zeit. Mythologie, Botanik, Signaturen, Pharmazie, Naturheilkunde, Onkologie. Pflaum Verlag, München 2010 • Seligmann, Siegfried: Die magischen Heil- und Schutzmittel aus der belebten Natur. Reimer, 1996 • Simonis, Werner Christian: Erde, Mensch und Krankheit. Mellinger Verlag, Stuttgart 1974 • Steiner, Rudolf: Texte zur Medizin in zwei Bänden (Hrsg. Peter Selg), Rudolf Steiner Verlag, Dornach 2004

Olaf Rippe, seit 1986 Heilpraktiker mit eigener Praxis in München, gibt Seminare zur Heilkunde nach Paracelsus sowie zu Kräuterheilkunde, astrologischer Medizin, Alchemie und Hermetik. Er ist Mitbegründer der Arbeitsgemeinschaft „Natura Naturans – Traditionelle Abendländische Medizin“ und Mitautor mehrerer Bücher, u. a. »Die Mistel – eine Heilpflanze für die Krankheiten unserer Zeit« (2010). www.olaf-rippe.de, www.natura-naturans.de