Kraftvolle Selbstversorgung

Vom achtsamen Umgang mit Pflanzen und der Landschaft.

von Anja und Marko Kraft erschienen in Hagia Chora 3738/2012

Sich vom eigenen Hof ernähren, mit regionalem Material bauen und dabei die geomantischen Qualitäten des Orts entdecken und beleben – ­diesen arbeitsreichen Traum erfüllten sich Anja und Marko Kraft. Dabei wuchs ihre Beziehung zu den Pflanzen, die wild wachsen, die sie anbauen oder die sie als neue Bewohner des Orts ansiedeln.

Als wir vor dreieinhalb Jahren unsere neue Heimat bezogen, standen wir am Anfang einer heiß ersehnten, langen Lebensaufgabe, die uns beide als Paar gerufen hatte. Seitdem sind wir Hüter eines Anwesens von knapp sieben Hektar Fläche im Hügelland des vorderen Bayerischen Walds. Kaum angekommen in diesem Idyll, das viele Entwicklungen des zwanzigsten Jahrhunderts an sich hat vorübergehen lassen, legten wir los, unsere Visionen und Träume zu leben.
Vieles, das wir in unserem bisherigen Leben erlernt und getan hatten, sollte uns für dieses einfache Leben mit der Natur sehr nützlich sein. An erster Stelle die gemeinsame Geomantieausbildung, die uns überhaupt zusammengeführt hat, dann auch Ausbildungen in Permakultur und vielen Bereichen bäuerlicher Landwirtschaft, genauso aber auch Schreinerlehre, Architekturstudium, Erfahrung im Zimmererhandwerk und mehrere Jahre einfaches Bauwagen- und Tipileben in freier Natur hatten uns für dieses Projekt ausgerüstet.
Unser zentrales Thema ist Kraft – Erdenkraft, Pflanzenkraft, Lebenskraft. Bei der Gestaltung der Landschaft hier stehen subtile Kräfte der Natur oft im Mittelpunkt. Wir laden Menschen ein, ­diese Energien zu erfahren, und wir konzentrieren uns bei der Auswahl von Pflanzenarten sehr auf die Lebenskräfte, die sie an die Menschen weitergeben können.

Den pflanzlichen Neusiedlern ein Willkommen!
Den Plan, Nutztiere zu halten – etwas, das Marko lange Jahre als großen Wunsch gehegt hatte –, verwarfen wir, da wir eine Landschaft ohne Zäune bevorzugen, uns gewisse Freiheiten bewahren wollen und vor allem, weil unser Gewissen zum Tiereschlachten nein sagte. Wir sehen keinen zu Ende gedachten Weg für eine Tierhaltung zur Milch- und Eierproduktion, der am Schlachten der (männlichen) Tiere vorbeiführt. Seit dieser Entscheidung ernähren wir uns mit wenigen Ausnahmen rein pflanzlich und empfinden dies als Gewinn, denn unsere Körper sind darauf auch viel besser ausgelegt.
Wir begannen auf einem Hof, den die Vorbewohner aus Altersgründen über Jahre oder gar Jahrzehnte nur bedingt erhalten konnten, dessen Flächen aber zum Teil von den Auswirkungen der industriellen Landwirtschaft verschont waren.
Wir entschieden uns, mit dem Gestalten der Landschaft zu beginnen und Gebäudebaumaßnahmen hintanzustellen. Bäume und Sträucher benötigen viel Zeit zum Wachsen, und so sollten diese zuerst gepflanzt werden.
Den Pflanzen, die wir anfangs noch von Baumschulen kauften, bereiten wir einen rituellen Empfang. Vor der Pflanzung räuchern wir die Neugehölze mit Kräutern ein, die diesen Übergang im Leben der Pflanzen erleichtern, vor allem Beifuß als Schwellenkraut, Mariengras als Segnung und Fichtennadeln als Vermittler von Lebenskraft und als Gruß vom pflanzlichen Hauptbewohner dieser Landschaft. Das Räucherritual bringt auch uns innere Ruhe. Dann bitten wir die Ortsgeister, sich um die neuen Schützlinge zu kümmern, und rufen weitere Naturkräfte zur Unterstützung an. Die Luft verdichtet sich förmlich, und ein Gefühl von Gleichklang zwischen uns und der Natur entsteht. Das ist die Stimmung, in der wir solche Arbeiten tun möchten.
Wir setzen neue Pflanzen an die zumeist vorher bereits geplanten Stellen, die wir in einem kreativen Prozess in Verbindung mit den jeweiligen Orten herausfinden. Dabei entstehen in der Anordnung der Gehölzformationen oft organische Muster.

Kommunikation mit Pflanze und Schädling
Nun: Hier steht eine neu erworbene Pflanze in ihrem ausgehobenen Pflanzloch. Kann sie uns sagen, in welcher Richtung sie gerne stehen möchte? Die Gehölze sind in der Regel schon ein paar Jahre alt und haben sich energetisch nach den Himmelsrichtungen ausgerichtet. Wenige Baumschulen markieren zumindest bei Obstbäumen die Nordseite des Stamms, so dass sich die Bäumchen in der gleichen Ausrichtung pflanzen lassen.
Wir setzen dazu unseren Spürsinn ein, drehen die Pflanze in ihrem Pflanzloch einmal im Kreis und spüren dabei, wo sie quasi „einrastet“. Das nehmen wir als sehr starkes, fast schon grobstoffliches Signal wahr und können nur empfehlen, diese Methode einfach auszuprobieren. Beim Zufüllen des Pflanzlochs achten wir darauf, dass die untere Erde auch wieder nach unten kommt und die obere nach oben, denn die verschiedenen Erdschichten bilden eigene, sich unterscheidende Lebensbereiche. Nun sind die jungen Pflanzen zwar eventuell noch mit einem Pfahl zum Schutz vor Winden gehalten, aber doch auch schon ganz draußen in der Welt der wilden Natur. Wir geben ihnen keinen Zaun, der sie vor gefräßigen Rehen und Hasen schützt, keinen Wühlmauskorb, der ihre Wurzeln in Sicherheit bringt, doch üben wir unsere geistige Schöpferkraft und sprechen zu den Tieren und zu den Schutz­wesen der Pflanzen. Anfangs verblasste dieser Schutz ziemlich rasch, doch indem wir ihn immer wieder auffrischten, konnten wir dessen Wirksamkeit erfahren. Heute sind wir bei Rehen und Hasen so weit, dass sie generell empfindliche und wertvolle Gehölze in Ruhe lassen und sich mit den robusten und häufigen Pflanzen begnügen. Die Wühlmäuse lehren uns, Geduld zu haben, denn sie sorgen dafür, dass der Wuchs vieler Pflanzen deutlich gebremst wird. Mit den wenigen Totalausfällen, die wir durch den Fraß der Mäuse haben, ist oft ein Gefühl verbunden, dass der Standort für die jeweilige Pflanze vielleicht doch nicht recht gepasst hat.
Bei den veredelten Obstgehölzen, von denen wir anfangs ziemlich viele gepflanzt haben, spüren wir ein disharmonisches Spannungsfeld im Gehölzkörper, der durch den Zusammenschluss zweier verschiedener Pflanzen entsteht: Immer wieder versucht die wilde Unterlage (Wurzel) nach oben zu treiben und sich zu entfalten. Des Gärtners Arbeit besteht nun darin, dem entgegenzuwirken und diese Bemühungen zu unterbinden. Wir sind deshalb weitgehend dazu übergegangen, wurzelechte Obstsorten zu pflanzen, von denen erfreulicherweise auch immer mehr angeboten werden und die auch sehr robust und pflegeleicht sind.
Auch bei den Gemüsezüchtungen der letzten Jahrzehnte oder sogar Jahrhunderte haben die rein auf menschliche Bedürfnisse zugeschnittenen Zuchtkriterien Pflanzen hervorgebracht, die zwar Masse produzieren, jedoch ständig vom Menschen umhegt und gepflegt werden müssen, um überhaupt überleben zu können. Oft fragen wir uns, wie solche Pflanzen uns eigentlich mit Lebenskraft versorgen. Wir empfinden alle Pflanzen als sehr bemüht und gewillt, die Menschen liebevoll zu nähren. Und so sorgen wir dafür, dass die Pflanzen, die wir essen, durch Berührung oder andere Kontakte Informationen über Bedürfnisse unseres Organismus erhalten, um darauf reagieren zu können. Genauso lässt die durch uns bearbeitete Erde passende Pflanzen wachsen, und wir versuchen, diese wilden Pflanzen – zumeist als Unkraut bezeichnet – auch zu nutzen. Das Mindeste ist die Verwendung als Mulchkraut, das den umgebenden Boden der kultivierten Nutzpflanzen bedeckt und schützt, das Bodenleben nährt und somit über die Kulturpflanzen auch zu uns gelangt. Besser aber suchen wir nach einer Nutzung des Wildwuchses als Speise-, Tee-, Heil- oder Räucherkraut, um diese Geschenke der Erde anzunehmen.

Reife Pflanzen essen
Alle Pflanzen wollen blühen, sich aussamen und sich vermehren. Nahezu alle gebräuchlichen Wurzel- und Blattgemüsearten werden aber im knackig frischen Jugendstadium gegessen, und die Pflanzen dürfen nur vereinzelt zur kontrollierten Samenvermehrung blühen und fruchten. Unter anderem auch deshalb versuchen wir, immer mehr Wildkräuter oder Staudenpflanzen zu essen, von denen man so ernten kann, dass dies ihre Entwicklung nicht sonderlich einschränkt, oder die eben als klassisches „Unkraut“ massenweise vorhanden sind. Löwenzahn, Vogelmiere, Brennnessel, Giersch, Kerbel, Gundermann, Spitzwegerich usw. sind noch dazu viel gesünder als die Kulturpflanzen und besitzen das Potenzial, den Menschen viele scheinbar unumgängliche Altersbeschwerden zu ersparen. Dazu sollten wir lernen, unseren Geschmack umzustellen und die Kraft zu spüren, die in einem Löwenzahnblatt steckt – lernen, das Bittere zu genießen, lernen, durch die Nährstoffdichte dieser Pflanzen mit viel weniger Masse auszukommen.
So stehen wir gerne für eine stärkende Zwischenmahlzeit im Garten oder auf der Wiese, weidend wie eine Kuh, Blätter, Blüten und Stengel kauend. Dabei erfahren wir viel mehr über die jeweilige Pflanze, als wenn sie klein geschnitten und vermischt mit anderen Kräutern im Salat auf den Teller kommt. Wenn man sich nicht gleich von ungewohnter Schärfe, Säure oder Bitterkeit abschrecken lässt, ist dies auch eine gute Methode, die persönliche Resonanz zu den verschiedenen Pflanzen zu erfahren.
Ausbau mit lokalen Baustoffen
Die von uns betriebene Gärtnermethode konzentriert sich also auf das Etablieren von Pflanzen, die die Kraft haben, sich ohne Gießen und ständige Pflege an den jeweiligen Plätzen zu behaupten und sich relativ selbständig zu vermehren. Wir fördern unsere Nahrungsbringer hauptsächlich dadurch, dass wir für einen gesunden Boden mit genug Nährstoffen sowie für ausreichend Licht und Luft im Umfeld der Pflanzen sorgen.
Der Krafthof wirkt als Inspirationsort. So soll es auch die Möglichkeit geben, hier mit mehr Menschen zu sein, weshalb wir gerade dabei sind, ein Haus mit großem Gruppenraum und dem Komfort eines Badezimmers zu bauen, was bisher auf dem Hof noch nicht vorhanden war. Durch Unterstützung von Menschen, die unser Projekt fördern, konnten wir diese Baustelle beginnen, die derzeit im Mittelpunkt unseres Wirkens steht.
Anja verbindet hier die Geomantie mit Architektur, und so ist die Grundform des Hauses ein Kreis geworden, der auf ein Neuneck trifft. Der Kreis steht unter anderem für die Verbindung von Menschen und das Neuneck für Vollendung und Neubeginn. In der Mitte des Hauses befindet sich eine Lichtkuppel und eine Kris­tall-Installation im Untergrund, um dort einen Kuss zwischen Himmel und Erde zu ermöglichen. Materialien für das Haus sind Holz, Stroh und Lehm. Selbstgeschlagenes Holz aus dem eigenen Wald, Roggenstroh vom eigenen Acker und Lehm, den wir hoffentlich auf unserem eigenen Grundstück ausgraben können.
Mit jedem einzelnen Baum, den wir zum Fällen aussuchen, verbinden wir uns vorher und übermitteln ihm Bilder unserer Pläne, worauf wir sehr aussagekräftige Reaktionen empfangen, die wir manches Mal mit „Es ist mir eine Ehre“ übersetzen können. Besonders bei dicken, alten Bäumen gibt es gelegentlich aber ein klares „Nein, ich habe eine andere Aufgabe“, was wir respektieren und diese Bäume stehen lassen. Oft war in der Reak­tion auch die Resonanz zu einem bestimmten Bereich des Hauses zu spüren, was wir aber aufgrund des damit verbundenen logis­tischen Aufwands sowie vieler anderer Kriterien nur sehr bedingt umsetzen konnten.
Der Acker, auf dem gerade das Stroh für den Wandaufbau wächst, ging in dieser Saison, das heißt letzten Herbst, aus der Pacht in unsere Hand, und es bereitet viel Freude, den Roggen wachsen zu sehen, der dann anschließend zu unseren Hauswänden und unserem Brot wird.
Um die Erde vom Acker haben wir uns hauptsächlich energetisch und emotional gekümmert, und es scheint uns eine große Dankbarkeit von unserem Acker dafür entgegenzukommen, wieder gesehen und geliebt zu werden. Jahrzehntelang waren nur riesige Maschinen über das Feld gerast, um mechanische Arbeiten zu erledigen.
Wenn wir die Pflanzen und die Orte, auf denen sie wachsen, lieben und diese Liebe durch liebevolles Handeln ausdrücken, so wird dies auch in den Produkten aus den Pflanzen stecken, und sie werden uns helfen, immer mehr in diese für uns stärkste Kraft der Liebe zu gelangen. Das ist es, worum es uns eigentlich geht: uns liebend durch die Welt zu bewegen, liebend zu handeln, liebend zu schöpfen und so immer mehr in einer Welt zu leben, in der die Aussage „Alles ist eins“ von philosophischer und quantenwissenschaftlicher Theorie zur gespürten Realität wird. 

Anja Kraft ist gelernte Schreinerin und als Architektin tätig. Marko Kraft ist Permakulturbauer und in der Schwerstbehindertenbetreuung tätig. Beide absolvierten eine Geomantieausbildung an der Schule für Geomantie Hagia Chora und sind dort inzwischen als Ausbildungsleiter tätig. Sie initiieren zahlreiche Veranstaltungen am Krafthof Steinberg. www.erdenkraft.net