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Mit den Wurzeln verbunden

Über die stattliche, gestürzte, waagrecht wachsende Birke im Wundergarten von Mary Bauermeister.

von Klaus-Harald Wittig erschienen in Hagia Chora 3738/2012

Mary Bauermeister ist eine Pionierin der Fluxus-Bewegung. »Fluere« heißt fließen, und um den freien Fluss der Inspiration ging es diesem künstlerischen Impuls, der sich in Musik, bildender Kunst und in neuen Lebensformen ausdrückte. Die Birke in Mary Bauermeisters Garten ist ein lebendiges Fluxus-Werk.

Es muss nach dem September 2004 gewesen sein. Nach einem Sturm, aber nicht dem vom 11. September. Im Jahr 2004, da stand die Birke noch und hielt stand. Unter ihrem Blätterdach, unter ihrer Schirm-Herrschaft entfaltete sich das Fest. Es war ein schönes Fest – so eines, wie es die Künstlerin liebt. Mit Tischen, die sich unter den Gaben der Natur, zubereitet zu leckeren Speisen, unter der Last des Buffets biegen. Mit Stühlen und Bänken, die wandern und immer zu wenige sind, so dass Sitzgelegenheiten aus Gras, aus Baumstämmen oder Teppichen entstehen. Mit einem großen Feuer am Feuerplatz und Sonnenstrahlen, die sich in den immerzu drehenden Prismen und Linsen im Garten und in den niemals ruhenden, immerzu sprechenden Augen und Gedanken der Gäste brechen und auffächern, fokussieren und spiegeln. Ein solches Fest erlebte die Birke 2004 noch stehend – aufrecht, stolz, über jenen Teil des Anwesens bestimmend und zugleich wachend, in dem die Realität endet und die Wirklichkeit beginnt. Die Wirklichkeit: Jene, in der die Künstlerin lebt. Jene, die sie hereinholt, um die sie weiß, an der sie sich orien­tiert, um die sie ringt und um die sie kreist in ihren Gedanken und Werken.

Die Künstlerin
Die Künstlerin, das ist Mary Bauermeister. Seit vier Jahrzehnten kultiviert sie ihr Anwesen mit Atelierhaus und Künstlergarten in Forsbach bei Köln. Mary Bauermeister ist eine bedeutende bildende Künstlerin der Moderne und Postmoderne; ihren Beinamen „Großmutter des Fluxus“ hat sie sich in den wilden 60ern in den USA und in der Zusammenarbeit mit Künstlern und Musikern wie Christo, Nam June Paik, John Cage, David Tudor und nicht zuletzt Karlheinz Stockhausen erworben. Mit letzterem war sie über zehn Jahre lang liiert, sechs Jahre davon sogar verheiratet; viele der spirituell-kosmologisch motivierten Impulse in seiner Musik hat sie mit ihm geteilt oder ihm gegeben. Sie hat als Mutter für vier Kinder gesorgt und zugleich professionell, eigenständig und eigenwillig ihren Weg verfolgt, hat sowohl Kunst- als auch Geistesgeschichte geschrieben.
Über Jahrzehnte hinweg hat sie in ihren „Offenen-erster-Sonntag-im-Monat-Ateliers“ und in immer wieder spontan von ihr organisierten Gesprächsrunden und Seminaren wichtige neue Impulse gegeben, bevor diese dann in aller Munde waren und Schule machten. Als Netzwerkerin hat sie unzählige junge Künstler auf ihrem Weg begleitet. Zahlreiche ihrer eigenen Werke gehören zu den Beständen der bedeutendsten Museen der Welt. Ihr Leitspruch „all things involved in all other things“ drückt ihr philosophisches und mathematisches Genie ebenso aus wie ihr Hingezogensein zu ursprünglicher Natur. Aus der Kombination beider Aspekte gingen eine Reihe nach geomantischen Gesichtspunkten von ihr angelegten, meist privaten Kunstgärten hervor. Wenig bekannt ist Mary Baumereisters Rolle bei der Erneuerung der Geomantiebewegung in Deutschland, die vor allem in den 90er Jahren durch sie wesentliche Impulse und enorme praktische Unterstützung fand. Auch in ihrem und durch ihren Garten.

Die Birke
Die Birke in Mary Bauermeisters Garten: ein Tor. Wer an ihr vorbeiging und vorbeigeht, wird mit dem Kopf darauf gestoßen: Da steht jenseits der Birke dieser Bergkris­tall, ungefähr einen Meter groß – mit Sockel anderthalb –, und fragt: „Hast du so etwas Großes wie mich schon einmal gesehen? Und an dieser Stelle, hier in diesem Garten, am Fuße dieser Birke erwartet?“
Der so Gefragte – zum Beispiel ein neuer Gast, ein unbedarfter Besucher, der zum ersten Mal durch den Wundergarten wandelt, verneint vernünftigerweise. Wird er dann zum Wiederholungs–, Wunsch- und Dauergast, zum Künstlerfreund, Nachbarn oder Gärtner, zum Mitbewohner oder Mitarbeiter, dann freundet er sich auch mit dem monumentalen Kristall an, ob er es will oder nicht. Wenn er es nicht will, ist der Betreffende nicht lange da, denn es ist das Reich des Steins – Kristallwelt, Kristallfeld. Manche sagen, mit der Wünschelrute in der Hand, das Feld reiche über den Garten hinaus. Kilometerweit. Bis nach Köln zum Beispiel, wo der Dom steht.
Oder ist es das Reich der Birke, also das Birkenfeld, die Birkenwelt, die Welt, in der der Geist durch die Silberbirke zu den Menschen spricht? Denn sie war vor ihm da, dem willkürlichen Landschaftshüter-Kristall, sie ist hier aus dem Boden gewachsen, auf dem sie steht und liegt. Sie war einst Herrin und Torhüterin, ist nun das Tor selbst und Dienerin des Dahinterliegenden.
Das Dahinterliegende: Die Anderswelt. Im hinteren Teil des Gartens von Mary Bauermeister beginnt zu leben, was im vorderen Teil leicht übersehen, oft überhört wird: Die Muße, das Reich der Musen, die leisen, silbrigen Töne des Gewispers in den Silberbirkenblättern, das Huschen der Lichtbögen aus den Sonnenstrahlbrechern, das stille Hüten und Ordnen des Bergkris­talls, das stoische Schweigen der Fibonacci-Pyramiden-Spirale, das unbemerkte Feixen, wenn die Walnussbäume und Zirkuswägen und Kunsthütten sich einander zuzwinkern und sich über die vielen Menschen lustig machen, die hier lustwandeln, hastig handeln, staunen, stolpern, arbeiten, ausruhen, pflanzen und ernten, jagen und sammeln …
Ebenso konkret – auf einer anderen Ebene – ist es jene Welt, in die die Künstlerin hineinschaut, aus und mit der sie schöpft, von der sie in ihren Vorträgen und Seminaren gelegentlich spricht, von der sie in ihren Werken zeugt. Es ist der Teil der Wirklichkeit – der weitaus größere –, der von unseren Augen nicht erfasst wird, und der dennoch voll von Leben, Energie und Bewusstsein ist. Es ist der unsichtbare Raum des Daseins, der Schöpfung, des Kosmos: Der Raum, in dem Seele Seele und Kraft Kraft ist, der von Geist durchflutet und von Leben durchtränkt wird; der Raum, in dem Bäume sprechen und Kris­talle tönen, in dem Tiere Botschafter sind und die Naturkräfte beseelte Wesen, die walten und wesen, wirbeln und hüten und nähren. Ja, wir sind Teil dieser Welt. Sie wartet auf uns.

Der Sturm
Die Birke schaute zu, wuchs und alterte. Dann kam der Sturm. Naturgewalt. Ich stelle ihn mir vor wie denjenigen an jenem 11. September 2004, als wir mit der Künstlerin dieses Fest feierten, eines von denen, die man sein Leben lang nicht vergisst. Musik. Gesang. Literatur. Kunst pur – das Haus lud zum Verweilen ein. Doch im Garten: magische Musik. Alles war in Bewegung, im Fließen, im Mitsummen, Taktschlagen, Zuhören. Der genialische Musiker spielte auf dem Cello mit sich selbst, mehrstimmig, seine Technik machte es möglich. Beginnende Trancezustände. Die Silberbirke raschelte. Die Naturgewalten erwachten. Die Seele der Natur horchte auf. Das Gewitter kam so schnell, wie man es nur in den Bergen kennt, wo die Wesen in den Felsflanken hausen und freie Bahn und frischen Äther haben, um Weltenstürme zu entfachen. Es donnerte. Gesäter Wind fuhr auf, Sturm sollte die Ernte sein. Regentropfen. Regenpeitschen. Der Musiker spielte unter seinem Baldachin unverdrossen weiter. Die Künstlerin tanzte im Widerhall seines Bogenstrichs unverdrossen weiter. Sie liebt die Elemente. Sie arbeitet mit ihnen. Nun erntete sie. Es sind starke Verbündete, sie haben eine eigene Seele, sie gehorchen einem größeren als dem menschlichen Eigenwillen. Sie grüßten oder sie fluchten, vielleicht wollten sie einfach nur mitspielen.
Der Platzregen verscheuchte die kulturgesinnten Gäste und lockte die naturgesonnenen an. Wer sich nicht in eine der Hütten flüchtete, wurde pitsch-patsch nass. Auf dem Höhepunkt des Livekonzerts von Wind und Donner, Naturgewalt und Tongestalt, badetete die Künstlerin in einem Steintrog und kleidete sich mit feuchter Erde ein. Es war eine Sternen- und Planetenstunde: Stern Erde. Die Menschen tanzen wieder mit den Elementen.
Es muss ein solcher Sturm gewesen sein, der 2007 mit der Silberbirke tanzte, als sie fiel. Sie schien gebrochen. Eine große Persönlichkeit: gebeugt und gebrochen. Aber nein, der Sturmwind hatte die Silberbirke mitsamt Wurzelwerk und Erdreich flachgelegt. Sie lebte noch!

Die Rettung
Im Dialog mit den Elementen ist Mary Bauermeister in ihrem Element. Nun hatte sich zu zeigen, wer mit wem tanzt, wer mit wem spricht! Das Element Wasser muss zum Element Erde, damit das Element Luft weiter in den Blättern rascheln darf. Das Element Feuer soll nicht an der Rinde naschen. Wer sich vorstellen kann, wie die Bürger von Schilda Säcke voll Licht in das dunkle Innere des fensterlosen Rathauses trugen, der bekommt ein Bild davon, wie elementar die Kunst von Mary Bauermeister sein kann: Kolonnen von Wasserträgern kämpften mit Eimern gegen das Verdursten der gestürzten Riesin. In der Realität war es ein Gartenschlauch mit einem Wasserstrahl, der die Wurzeln im wohnwagengroßen Ballen wässerte und flutete wie das Licht die Dunkelheit. Die Künstlerin und ihre Helfer waren von gleicher Chuzpe, nur erfolgreicher als die Künstler von Schilda: Die Birke wurde gerettet. Wurzeln und Erdreich wurden in nasse Lumpen, dann in einen feuchten Erdwall verpackt.
Die Natur als Kunstwerk des Werdens und Vergehens; die Kunst als Abbild und Überhöhung der Natur, als geistige Natur des Menschen. Nachahmen, Antwort geben, spielen. Mit sich selbst, mit der Situation, mit den Möglichkeiten, die das Leben allzeit bereithält. Warum Holz ernten, wenn Sturm gesät wurde? Die Birke ist eine Persönlichkeit. Nun erst recht. Sie wurde geweiht. Heute ist sie mit Wünschen und Bildern behängt, mit Referenzen an große Bäume geehrt, Postkarten an die Schwes­tern, Grußtexte an die Brüder.
Der Mensch als Hüter und Gärtner: Das Heilige als das Wesentliche. Ein Baum als Brücke, als Monument seiner selbst, als Kunst und Werk des Menschen im Einklang mit der Natur: Die Wurzeln samt Erdreich umschlossen von einer Steinmauer, der Stamm fast waagrecht. Mit seinen riesigen Ästen und den vielen Zweigen bildet er nun das Tor, über und über behängt mit Baum-Bewusstsein. Hier beginnt die Anderswelt. Vorsicht beim Eintreten! Sie könnte Sie nie mehr herauslassen!
Auf der terrassenartigen Steinmauer trifft man manchmal die Künstlerin an: sinnend, die geschlossenen Augen der Sonne und dem kommenden Sturm zugewandt: Hier beginnt die Anderswelt. Vorsicht beim Nähertreten! Sie könnte Sie nicht mehr auslassen! 

Klaus-Harald Wittig, Autor und Medienschaffender, lebt bei München. Seine Themenschwerpunkte sind zur Zeit Alternativen in Ökonomie und Schulbildung. Er macht die Idee des fahrenden „Wagens“ als Lebensprinzip bekannt. klausharald.wittig@web.de

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Buchbesprechung
Von Farah Lenser
Liebe auf den ersten Blick: Eine schicksalshafte Begegnung auf einer Straße in Köln im Jahr 1957 ist der Beginn einer künstlerischen Vermählung zwischen Mary Bauermeister und Karlheinz Stockhausen – er schon damals ein bekannter Komponist elektronischer Musik, sie eine junge Malerin, die mit neuen Formen experimentiert. Es ist Nachkriegszeit: Der Nationalsozialismus hatte moderne Kunst als entartet diffamiert; jetzt drängen Künstler auf eine Veränderung der Gesellschaft, stellen alle Regeln in Frage. Auch in der Musik hört man andere Töne; in Köln treffen sich Avantgardekünstler wie John Cage und Nam June Paik, der mit seinen wilden Performances rund ums Klavier und später auch als Videokünstler weltberühmt wurde. Marys Atelier wird zum Labor zeitgenössischer Kunst und Neuer Musik. Sie lädt Musiker, Bildhauer, Maler und Schriftsteller zu Experimenten ein, zu einer »Art informel« ohne feste Formen. Alles ist im Fluss – mit ihr beginnt die europäische ­Fluxusbewegung.
Karlheinz Stockhausen umwirbt die begabte, schöne Künstlerin, die sich gegen die Liebe zu einem verheirateten Mann sträubt. Doch sie entkommt dem Triolengitter nicht: Die neue Liebe wird eine Liebe zu Dritt, die Stockhausens Frau Doris und die vier Kinder aus dieser Verbindung einbezieht. Erst 1967 heiraten Kama und Maka – so die Kürzel in ihrem Ehering – in San Francisco, ihre Kinder Julika und Simon waren da schon geboren.
Das Buch ist eine Hommage an die Liebe und das Leben: Vier Jahre nach dem Tod von Karlheinz Stockhausen erinnert sich Mary Bauermeister an die gemeinsame Zeit. Sie blickt zurück mit einer gewissen Wehmut, denn sie beendete die enge Symbiose und Ehe mit Karlheinz Stockhausen 1973, um »ihre eigene Biografie« zu leben. Mit dem Komponisten David Johnson und dem israelischen bildenden Künstler Josef Halevi verbinden sie ihre Töchter Esther und Sofie.
Die tiefe Verbundenheit und künstlerische Zusammenarbeit mit Karlheinz Stockhausen hatte jedoch Bestand, Mary Bauermeister entwarf auch Bühnenbilder und Kostüme für seine Werke. In der Oper »Momente« hat Stockhausen die Figuren Kama und Maka verewigt: »Denn die Liebe ist stärker als der Tod« singt dort der Chor. 

Eine große Künstlerliebe
Ich hänge im Triolengitter
Mein Leben mit Karlheinz
Stockhausen
Mary Bauermeister
Edition Elke Heidenreich, 2011, 336 Seiten
ISBN 978-3570580240
21,99 Euro