Planetenbäume

Der Baum als Himmelsleiter:
Die planetare Kraft der Bäume.

von Stefan Brönnle erschienen in Hagia Chora 3738/2012

Die Symbolik der sieben klassischen Planeten, zu denen auch die Sonne gehört, ist integraler Bestandteil der europäischen Kultur. Genauso alt ist die Tradition, Bäume diesen Qualitäten zuzuordnen. Aber diese frühen Analogiesys­teme sind nicht absolut zu sehen, sondern ein kreatives Spiel mit Grundqualitäten des Seins. Die Sprache der Baumarten lässt sich auch mit der eigenen Intuition erfassen.

Pflanzen verweisen auf göttliche Archetypen. Dass bereits frühe Kulturen eine ausgeprägte Pflanzensymbolik kannten, zeigt, wie intensiv die Gestalt von Pflanzen das Wirken bestimmter geistiger Urprinzipien in der Natur an den Menschen vermittelt. Vor allem im Mittelalter spielte der symbolische Gehalt der Pflanze in der Malerei wie in der Gartenkunst eine große Rolle. So ziert in der Michelskirche in Bamberg die Darstellung von akribisch gezeichneten Pflanzen das Gewölbe der Kirche – nicht allein aus dem Wunsch der wissenschaftlichen Darstellung von Pflanzen oder als reine Zierde des Kirchenbaus, sondern vielmehr als Ausdruck der den Pflanzen zugrundeliegenden Symbolhaftigkeit. Die Pampelmuse (Grapefruit) etwa, deren älterer Name „Adamsapfel“ war, ist im Westen des Chors angesiedelt, während die Passionsblume, die den Opfertod Christi repräsentiert, ihr gegenüberliegt. Im Deckengemälde des Chors wird so symbolisch der Weg des Menschen von Adam zu Chris­tus wiedergegeben.
Ein Symbol ist nicht allein ein Zeichen. Mit seiner Vielschichtigkeit reicht es bis in die Ebene der archetypischen Bilder und damit der „Bildekräfte“ hinein, wie in der Anthroposophie die ätherischen Kräfte genannt werden, die aller Gestaltbildung des Lebens zugrundeliegend. Über das kollektive Unbewusste und die dem Symbol zugrundeliegende Kraft wird also das Bild der Pflanze in der Gestaltung auch dann wirksam, wenn sich der Mensch ihrer Symbolik nicht mehr bewusst ist. Die Eiche spiegelt die Donareiche und damit den Gott Thor wider, die Esche den Weltenbaum Yggdrasil, die Erdbeere den Christus-Impuls oder die Lilie die Reinheit Mariens – jeweils als eine auch unabhängig vom jeweiligen mythologischen Kontext erfassbare, für sich stehende Qualität.
Ebenso sind Planeten mehr als stoffliche Körper, mehr als astronomische „Wandelsterne“. Nicht umsonst wurden sie nach Göttern benannt. Sie repräsentieren archetypische Muster und Kräfte. Alte Darstellungen beschreiben die Bewegungswege der Planeten häufig nicht etwa als Bahnen, sondern vielmehr als Sphären, also als – klassischerweise – sieben „Kugelschalen“, die die Erde wie Zwiebelschalen umschließen, aber auch als Bewusstseinsebenen, die der Mensch analog dazu in sich trägt, wie in der Darstellung von Johann Georg Gichtl 1696 in seinem Werk „Theosophia practica“. Daher ist die Zuordnung verschiedener Stoffe zu den Planeten ein häufig verwendetes Analogiesystem, das dazu beiträgt, die geistige und die seelisch-emotionale Wirkung von Materia­lien, von Stoffen und Pflanzen, aber auch von Zeitqualitäten zu verstehen. Das älteste konstante Zeitordnungssystem sind die sieben Wochentage, die in ihrer Zählung und planetaren Zuordnung von Kalenderreformen auf das alte Chaldäa zurückgehen. Damit ist dieses aktuell noch gebräuchliche System gut 4000 Jahre alt.

Planetensphären und Urpflanze
Interessanterweise gibt es in der Biologie viele Entwicklungsrhythmen, die auf Siebenerreihungen basieren: Die embryonale Entwicklung vieler Singvogelarten dauert 2 × 7 Tage, kleinere Eulen, Falken, Mäusebussard und andere kleine Greifvögel benötigen 4 × 7 = 28 Tage, Steinadler und Schreiadler 6 × 7 = 42 Tage, Schimpansen 36 × 7 = 253 Tage und der Mensch 40 × 7 = 280 Tage. Die biologische Entwicklung wird dabei auch mit dem Durchwandern seelischer Kräfte durch eben jene sieben planetaren Sphären erklärt, wobei jeder Planet (gemeint ist wiederum der Archetyp, nicht so sehr der stoffliche Himmelskörper) verschiedene seelische Attribute im Inkarnationsprozess verleiht:
Saturn – der Schwellenhüter und einstmals letzter der Planeten – stellt noch heute astrologisch den äußersten personalen Planeten dar. Uranus, Neptun und Pluto werden zu den „transpersonalen“ Planeten gezählt. Wenn Mohammed auf der Himmelsleiter „bis in den siebten Himmel“ stieg, so hatte er die Grenze der Persönlichkeit erreicht. Saturn schenkt Person (Trennung).
Jupiter verleiht dagegen Weisheit und Bewusstheit, Mars das Ich, Venus die Unterscheidung und damit in der Sexualität den Trieb, Merkur den Verstand, Sonne die Vitalkraft, Mond die Emotion und die Erde selbst schließlich den physischen Körper. Eine solche „siebenstufige Himmelsleiter“ gilt in gewisser Weise auch für die Pflanzen. Schon Zarathustra stellte erste Beziehungen zur geistigen Evolution der Pflanze her. So ist der Kosmos im Awesta, der Heiligen Schrift des Parsismus, als dreistufig dargestellt. Auf der oberen Stufe betätigt sich Ahura Mazda als Weltenschöpfer. Von hier aus nimmt die Evolution der Pflanze mit der Urpflanze und den Urbildern ihren Anfang. Auf der zweiten Stufe beteiligen sich dann Wesenheiten, die in drei Gruppen hierarchisch aufeinander bezogen sind, als ausführende Organe: Ameshapents, Yazata und Fravashi. Sie lassen die Urbilder zunächst in einem ätherischen Bereich, dem Lichtraum – eben den Planetensphären – heranreifen, um sie danach auf die dritte und unterste Stufe zu verpflanzen. Hier fassen sie als irdische Abbilder Wurzeln, sprießen und fangen an, zu blühen und zu fruchten. Die Bhagavad Gita (15,1) spricht daher auch vom „umgekehrten Baum“, der mit seinen Wurzeln in der Götterwelt haftet und seine Früchte in der materiellen Objektwelt zum Tragen bringt.
Von der göttlichen Urquelle ausgehend, wird die Pflanze quasi über die Urbilder (vergleiche auch Platons Ideenwelt, auch Agrippa von Nettesheim und Thomas von Aquin) bis zur Urpflanze „heruntertransformiert“. Diese Urpflanze, aus der sich alle anderen Pflanzenarten entwickeln, wird von Zarathustra als „Baum Hvapi“ bezeichnet. Diese Auffassung findet sich auch bei Rudolf Steiner, wenn er schreibt: „Der Typus ist flüssig und kann die mannigfaltigsten Gestaltungen annehmen. Die Zahl dieser Gestaltungen ist eine unendliche“ (Grundlinien, 1960).

Planetensymbolik
Mit die bekanntesten Zuordnungen und Analogien sind sicherlich die der sieben Metalle: Gold (Sonne), Silber (Mond), Eisen (Mars), Quecksilber (Merkur), Zinn (Jupiter), Kupfer (Venus) und Blei (Saturn). Auch die Erzengel, ja die freien Künste wurden mit den Archetypen der sieben klassischen Planeten in Beziehung gesetzt: Michael (Sonne), Gabriel (Mond), Samael (Mars), Raphael (Merkur), Zachariel (Jupiter), Anael (Venus) und Oriphiel (Saturn). Von den Künsten gehört die Musik der Sonne, die Grammatik dem Mond, die Arithmetik dem Mars, die Dialektik dem Merkur, die Geometrie dem Jupiter, die Rhetorik der Venus und die Astronomie dem Saturn an. In der Anthroposophie finden sich in entsprechenden Ernährungslehren Analogien der Getreide zu den Planeten: Weizen (Sonne), Reis (Mond), Gerste (Mars), Hirse (Merkur), Roggen (Jupiter), Hafer (Venus) und Mais (Saturn).
Es ist daher wenig verwunderlich, dass auch die Wesensart und Wirkung der Bäume mit den planetaren Archetypen ver­glichen wurde: Schon altägyptische Tempelinventare benannten die Holzarten, aus denen man (planetare) Götterstatuen anfertigte, zum Beispiel das Götterbild des Hermes-Toth aus Ebenholz. Vermutlich zum ersten Mal werden dann im Mythos um den Gott Abraxas sieben Holzgewächse den sieben Planeten zugeordnet: Storax dem Kronos (Saturn), Pfeffer dem Ares (Mars), Weihrauch dem Apollo (Sonne), die indische Narde der Aphrodite (Venus), der Zimt dem Hermes (Merkur) und die Myrrhe der Selene (Mond). Die sieben Holzgewächse liefern ätherische Öle und Gummiharze.
Erst gegen Ende des Mittelalters tauchen die sieben Bäume wieder verstärkt auf. So erschien 1472 in Padua bei Martinus „De septem arboribus“ (Von den sieben Bäumen). Agrippa von Nettesheim zählt in seinen „magischen Werken“ (1533) ganze Reihen von planetaren Zuordnungen von Bäumen auf. 1656 gibt dann der Arzt Nicholas Culpeper das Werk „The English Physician enlarged with 369 Medicines, made of English Herbs“ heraus, in dem er ebenfalls die Bäume planetaren Prinzipien zuordnet. Weitere Zuordnungen nehmen Christian Steeb (1679), Louis Claude de Saint Martin (1775), Karl von Eckartshausen (1790) und andere Autoren vor. Ende des 18. Jahrhunderts bricht diese Tradition weitgehend ab. Nichtsdestotrotz nimmt der Gartengestalter Friedrich Ludwig Sckell im 19. Jahrhundert diese Überlieferungslinie wieder auf, indem er Hinweise gibt, klassische Tempel, die als Staffagen im Landschaftsgarten Anwendung finden und die jeweils einem antiken Gott zugeordnet sind, mit bestimmten Bäumen zu umstellen. Nach Rudolf Steiner waren es vor allem Peter Salocher und Dieter Buchser in ihrem Buch „Enertree“ und René Strassmann in seinem Baumklassiker „Baumheilkunde“, die Zuordnungen der Bäume zu den Planeten vertraten. Diese sind in Tabelle 1 wiedergegeben.

Das Feld der Bäume
Die planetare Zuordnung der Bäume hat für die Geomantie insofern Bedeutung, als die Bäume (vielleicht auch durch die von ihnen ausgeschiedenen Stoffe, wie ätherische Öle) in der Lage zu sein scheinen, ein entsprechendes „Feld“ zu bereiten, das von planetarer Qualität ist und über das Körpergefühl wie auch radiästhetisch empfunden werden kann. Hilfreich sind bei der radiästhetischen Zuordnung sowohl kennzeichnende Grifflängen als auch spagyrische Pflanzenessenzen, die den Planeten zugeordnet werden können, als Testobjekte. Ich möchte betonen, dass – wie die unterschiedlichen Zuordnungen der verschiedenen Autoren zeigen – es hier nicht darum gehen kann, eine alleinig richtige Analogiereihe der Bäume zu den planetaren Kräften darzustellen. Vielmehr orientiert sich jeder Autor von einer anderen Perspektive aus und betrachtet so etwa die Blattform, die nutzbaren ätherischen Öle, die Keimungsart, die medizinische Wirkung oder den Gesamthabitus. Auch eine ätherradiästhetische Untersuchung stellt in diesem Kontext eine Perspektive dar, die lediglich diejenigen Ergebnisse liefern kann, die zum Teil durch die Methodik mit vorgegeben werden. In Beziehung zum Gesamthabitus des Baums und ätherradiästhetischer Untersuchungen bevorzuge ich persönlich die Zuordnung wie in Tabelle 2.
Die Linde nimmt eine Sonderrolle ein. Sie ist der klassische Baum der Mitte und findet sich so auch im Dorfzentrum als Tanzlinde. Ihre Blätter tragen die Signatur des „Organs der Mitte“, des Herzens, und ihr wird die medizinische Wirkung zugesprochen, „aus der Mitte gefallene“ Organfunktionen wieder zu harmonisieren, zu „lindern“. Die Linde steht damit im geozentrischen Weltbild für die Erde selbst. Sie ist der Baum der Göttin Freya, Vertreterin der großen Mutter Erde.

Synchronizitäten und psychische Wirkungen
Kurz möchte ich die Archetypen der Planetenkräfte betrachten: Der Mond steht für das Emotionale, Launenhafte („Laune“ leitet sich von „Luna“ ab), Unbewusste; die Sonne für das Bewusste, Klare, Helle; Saturn beschreibt das Fortschreiten, das Rationale, Pragmatische, Erdhafte; Venus steht für Schönheit und Freude an der Ästhetik, Jupiter beschreibt Lebensfreude und Leistungsdrang; Merkur die Kommunikation und den Gedankenaustausch; Mars das Aktive, Willensbetonte, sich Durchsetzende.
Aufbauend auf dem Zuordnungssystem aus Tabelle 2 lassen sich erstaunliche Synchronizitäten feststellen: Zum Beispiel kam es in den 1960er Jahren zu einer rasanten Verbreitung der Fernsehgeräte. Zeitgleich wurde das erste Mobilfunknetz durch die deutsche Post eingeführt (A-Netz) – die „Geburtswehen“ des Zeitalters der Massenkommunikation. Just in dieser Zeit kam es zur Einschleppung des Ophiostoma novoulmi, eines Schlauchpilzes, der durch den Ulmensplintkäfer verbreitet wird und zum berüchtigten Ulmensterben führt. Eine zweite Welle (Geburtswehe) des Ulmensterbens war dann in den 1970er Jahren zu verzeichnen, als z. B. in England rund 70 Prozent des Ulmenbestands abstarben. Dies korrelierte mit der ersten Einführung des damals noch archaischen Mobilfunks (B-Netz).
Warum starb ausgerechnet in den genannten Jahren der Merkurbaum Ulme so stark aus? Haben wir aufgehört, miteinander zu reden? Wurde aus dem Gedankenaustausch eine Gedankenprägung durch die Massenmedien? Wich die individuelle Kommunikation dem Massengeplapper?
Heute gehört der Spitzahorn zum verbreitetsten Baum in (Groß-)Städten – kausal vor allem wegen seiner Widerstandsfestigkeit gegen Industrieabgase und Smog, während früher die Linde die Mitte von Siedlungen bildete. Der Ahorn ist aber auch der klassische Jupiterbaum. Ist es wirklich Zufall, dass zeitgleich das Miteinander und die Gemeinschaft mehr und mehr dem Leis­tungsdenken und der Betonung der Individualität wichen? Auch die Pappel wird dem Jupiter, der mit Leistung und Sieg assoziiert ist, zugeordnet. Wundert es da noch, dass der Pappel-Fan ­Napoleon Bonaparte seine Heerstraßen mit diesem „Siegesbaum“ bepflanzen ließ? Wo würden Sie einen Treffpunkt für ein erstes Rendezvous wählen? Unter einer mondischen (gefühlsbetonten) Weide oder einer saturnischen Buche?
In vielen meiner Kurse machte ich einen Versuch: Ich ließ die Teilnehmer blind ein Holzklötzchen ziehen, mit dem sie den Tag und die Nacht verbringen sollten, anschließend sollten sie berichten, wie es ihnen ergangen war und welche Träume sie gehabt hatten. Es ist immer wieder verblüffend, wie sich die Beschreibungen verschiedener Teilnehmer von den Hölzern und ihren Wirkungen glichen. Auch war interessant, zu sehen, welcher Typus Mensch mit welcher Holzart Schwierigkeiten hatte und welcher nicht. Daraus entwickelte sich – rein empirisch – Tabelle 3: die Wirkung von elf Baumarten mit ihren stichwortartigen Beschreibungen, wie sie die Versuchspersonen schilderten:
Nicht umsonst ist ein Ursymbol des Baums der Weltenbaum. Ob als Weltenesche Yggdrasil (die übrigens Fred Hageneder viel eher in der Eibe verwirklicht sieht, siehe Seite 18), oder als chinesischer „Chien-mu-Baum“, gleichgültig, ob die Abakan-Tartaren in der Birke den Weltenbaum sahen oder die sibirischen Schamanen ihn in der Lärche zu erkennen glaubten: Bäume sind „Himmelsleitern“. Sie verbinden sich mit dem Kosmos und den planetaren Sphären und holen diese auf die Erde, auf dass sie für den Menschen spürbar werden. 


Stefan Brönnle studierte Landschaftsplanung und befasst sich seit über 20 Jahren mit vielen Teilgebieten der Geomantie. Der Energetik der Pflanzen und Bäume wandte er sich insbesondere in seinem Buch „Der Paradiesgarten“ zu, das 2011 im Verlag Neue Erde erneut aufgelegt wurde. Er leitet gemeinsam mit Sibylle Krähenbühl die Geomantieschule INANA. www.inana.info, www.stefan-broennle.de