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Die heiligen Linden der Fraueninsel

Auf der Insel im Chiemsee verbinden sich
Natur und Kultur zu einem Kunstwerk.

von Susanne und Thomas Schury erschienen in Hagia Chora 3738/2012

„Under der linden an der heide, dâ unser ­zweier Bette was …“, so leitete der mittel­alterliche Dichtersänger Walter von der Vogelweide sein wohl bekanntestes Liebeslied ein. Er könnte die Linden auf der Fraueninsel ­gemeint haben, denn es sollen tausendjährige Bäume sein. ­Susanne und Thomas Schury ­wohnen erst seit zwei Jahren in der Nachbarschaft der alten Linden, haben aber in dem ­alten Lindenhain im Zentrum der Insel schon Wurzeln geschlagen. Sie singen ihr eigenes Loblied auf diese erstaunlichen Bäume.

 „Under der linden an der heide, dâ unser ­zweier Bette was …“, so leitete der mittel­alterliche Dichtersänger Walter von der Vogelweide sein wohl bekanntestes Liebeslied ein. Er könnte die Linden auf der Fraueninsel ­gemeint haben, denn es sollen tausendjährige Bäume sein. ­Susanne und Thomas Schury ­wohnen erst seit zwei Jahren in der Nachbarschaft der alten Linden, haben aber in dem ­alten Lindenhain im Zentrum der Insel schon Wurzeln geschlagen. Sie singen ihr eigenes Loblied auf diese erstaunlichen Bäume.
ZZwischen München und Salzburg liegt zu Füßen der Alpen der Chiemsee, eingebettet in die alte Kulturlandschaft des energiereichen und kraftvollen Chiemgaus. Wo härteres Gestein während der letzten Eiszeit größeren Widerstand bot, blieben drei Inseln stehen: die Herreninsel, die Krautinsel und die Fraueninsel.
Wer nach Frauenchiemsee reisen möchte, nimmt am besten Gstadt als Ausgangspunkt, den Erholungsort am nördlichen Ufer des Sees mit einem Hafen, von dem aus die Inseln mit dem Dampfer angefahren werden. Dort, am Ufer des „bayerischen Meeres“, hat Marko Pogaˇcnik eine Lithopunkturstele gesetzt als seine Art der „ökologischen Heilung von Orten und Landschaften“ – eine Verbindung der Welten. Der Lithopunkturstein ist eine Säule aus Marmor vom Fuß des Untersbergs in der Nähe von Salzburg. Sie ist eine Art Wegweiser zur Fraueninsel, dem „Herz-Chakra des Chiemgaus“.
Die rund 15 Hektar große, autofreie Fraueninsel ist nach der Herreninsel die zweitgrößte Insel im Chiemsee. Im Jahr 772 wurde dort von Herzog Tassilo von Bayern das bis heute belebte Kloster Frauenwörth gegründet, neben dem Nonnberg in Salzburg das älteste bestehende deutschsprachige Frauenkloster nördlich der Alpen. Das Benediktinerinnen-Kloster ist ein Wallfahrtsort zur seligen Irmengard, der Schutzpatronin des Chiemgaus. Es prägt nachhaltig den Charakter dieses herrlichen Orts.
Mit ihren etwa 300 Einwohnerinnen und Einwohnern, zu denen auch wir uns zählen dürfen, den zahlreichen Sehenswürdigkeiten und Gaststätten und den vielen romantischen Hochzeiten, die dort stattfinden, ist die Insel auch und vor allem wegen ihrer alten Linden bekannt. Seit ewigen Zeiten schon kennzeichnen sie den höchsten Punkt auf Frauenchiemsee. Die lokalen Legenden sagen, dass es immer mindestens sieben Linden gewesen sein sollen, die den Lindenhain, das Zentrum, bildeten und bilden.
Sogar im Wappen der Insel und auch des Klosters sind die Lindenblätter enthalten. Der Gasthof „Zur Linde“, seit über 600 Jahren in Betrieb, bietet Herberge und sorgt für das leibliche Wohl.
Eine Wanderung in die Mitte der Insel, in ihr energetisches Zentrum, führt auch in die eigene innere Mitte. Schon von Weitem sichtbar, laden die Linden dort ein, sich mit ihnen zu verbinden. Man kann sie spüren, mal kraftvoll und mächtig, mal sanft und heilend – die „heiligen Linden“. Die beiden ältesten sollen schon über tausend Jahre alt sein – die Tassilolinde, eine Sommerlinde, und die Marienlinde ihr gegenüber, eine Winterlinde. Auch heute noch, zum Beispiel zu Fronleichnam oder zum Todes­tag der seligen Irmengard, versammeln sich Klosterschwestern und Kirchengemeinde am Lindenplatz, um den Gottesdienst unter freiem Himmel zu feiern, beschirmt vom grünen Blätterdach.

Ein Baum lindert Schmerzen
Die Linde (botanisch Tilia grandifolia) – sie trägt es schon in ihrem Namen – „lindert“ so manche Schmerzen. Die Signatur ihres Blatts zeigt uns die Form eines Herzens, so wurde sie als Baum der Liebe in der Antike der Liebesgöttin Aphrodite zugesprochen und verehrt. Die Germanen verehrten in der Linde ebenso die Göttin der Liebe und des Glücks, und darüber hinaus fanden unter dem Baum der Freya auch die Thingversammlungen für Stammestreffen oder Gerichtssitzungen statt.
Die Linde als heiliger Baum, als Wohnsitz der Erdenmutter Freya, später im Christentum der Maria geweiht, steht für Familie, Liebe, Heimat, Wärme und Fruchtbarkeit. Im Mai, wenn ihre hellgrünen Herzblätter sprießen, lädt sie zum Tanz, und wenn der Sommer kommt, betört sie mit ihren duftenden Blüten – Liebe und Freude schwängern die Luft.
In der Volksmedizin auch Fieberbaum genannt, finden ihre Blüten vor allem als Tee bei grippalen Infekten, zur Stärkung der Abwehrkräfte und als Einschlafhilfe Verwendung. Nervenschwache oder depressive Menschen sollen sich lange unter blühenden Linden aufhalten, ihr Duft hat eine beruhigende, erhellende Wirkung.
Wenn Lindenblätter zum Einfärben von Stoffen und Wolle verwendet werden, entstehen schöne Gelb- bis Brauntöne. Mancher Schutzzauber mit Linden aus der Volkstradition findet auch heute noch Anwendung. Aus ihrem weichen und elastischen, hellen Holz, dem Lignum sacrum, wurden unzählige Madonnenstatuen geschnitzt. In vielen alten Kirchen gibt es noch prachtvolle Lindenaltäre zu bestaunen.

Tassilolinde und Marienlinde
Als Marko Pogaˇcnik im Rahmen des Intensivlehrgangs Geomantie von „Natura Naturans“ im Sommer 2010 die Fraueninsel besuchte, war er, wie so viele Menschen, von den Linden begeistert. In seiner Art, die uns sehr aus dem Herzen spricht, erzählte er, wie sie sich ihm zeigten:
Die Tassilolinde in ihrer imposanten, Yang-orientierten Gestalt „strahlt in den Kosmos hinein“, meinte Marko Pogaˇcnik, und verbinde Himmel und Erde. Wogegen die etwas gedrungenere ­Marienlinde gleich daneben in ihrer Vergänglichkeit fast zerbrechlich wirke, denn man sieht ihr ihre Jahre stark an. Doch das solle uns nicht täuschen, sie bilde den Gegenpol, zeige das Yin und verströme sich mit ihrem ganzen Sein, „tief in Mutter Erde hinein“.
Ein Bild ziert die noch heile Seite der Marienlinde. Ganz lieblich, fast mädchenhaft, ist dort Maria abgebildet. Zu ihren Füßen windet sich die Schlange. So mancher Mensch fand, durch diesen Baum tief in der Seele berührt, an diesem Ort den Weg „zum Heilsein“, den Weg in die eigene innere Mitte.
So wundert es den Rutenkundigen nicht, dass genau zwischen der Tassilo- und der Marienlinde zwei geomantische Zonen1 entspringen. Eine davon führt in Richtung unseres Hausbergs, dem „Drachenrücken“ der Kampenwand; die andere führt durch das Kloster und baut eine Verbindung über den See hinweg zu einer alten Einsiedelei der iroschottischen Mönche in den Bergen auf. Während der Chiemgau-Exkursion 2010 haben wir gemeinsam mit den beiden Radiästhesie-Experten Ewald Kalteiß und Eike Hensch diese Zusammenhänge eindrucksvoll nachvollziehen können.
Gerade für radiästhetische und geomantische Übungen und Forschungen ist die Fraueninsel ein guter Ausgangspunkt, von dem aus man sich dem gesamten Chiemgau annähern kann. Es sind nicht nur die Linden, der ganze Ort ist ein Kraftplatz an sich. Auf engstem Raum finden sich die unterschiedlichsten Phänomene, auch alte Mauerreste und sakrale Gebäude lassen sich muten. Weit über den Lindenplatz hinaus lassen sich die kraftvollen Energien dieses heiligen Hains wahrnehmen.

Under der linden …

Ganz mit dem Wurzelwerk der Linden vernetzt, wohnen wir genau zu ihren Füßen. Schon seit fast zwei Jahren dürfen wir in einem ehemaligen Bauernhaus gleich hinter den beiden uralten Linden leben, arbeiten und sein. Immer wenn wir zu Hause sind, halten wir Zwiesprache mit unseren weisen „Alten“, lassen uns auf ihre Geschichten ein und werden von ihnen mit mancher Inspiration beschenkt. Oft sitzen wir am Lindenplatz, lauschen dem Rascheln der Blätter im Wind, hören die leise wispernden Stimmen, und es dauert nicht lange, da fühlen wir uns wie von ihnen umschlossen und bezaubert. Unser Blick wandert dann zur Rinde der Marienlinde und den ausdrucksstarken Rindengesichtern in ihrem Stamm. Sie zeigt es ganz deutlich: Es geht um die Liebe in all den Geschichten, die sich um die Linden ranken. Mal darf die Liebe sein, mal endet sie tragisch. Sie erzählt vom Fischer und der Nonne, die sich als Liebespaar gemeinsam im See dem Schicksal ergaben, da sie im Leben nicht zueinander finden durften. Von heimlichen Treffen berichten die Linden, von manch verstohlenem Kuss. Die Verschwiegenheit der Bäume ist sicher, niemand erfährt der Geschichten Schluss.
Es erstaunt uns immer wieder, wie schnell sich bei den heiligen Bäumen die Stimmung aufhellt, die Atmung ruhig wird und sich ein Gefühl ausbreitet, als würde neue Lebenskraft jede Zelle durchströmen. Tief kann man dort eintauchen und sich mit Mutter Erde verbinden, sich als Bindeglied zwischen Himmel und Erde fühlen. Erfrischt und mit klarem Blick werden auch die vielen anderen „Helferlein“ um uns herum sichtbar, Gundelrebe, Goldnessel und Löwenzahn, Wiesenschaumkraut, Wegerich, um nur ein paar zu benennen. Sie wachsen im Schutz der Bäume, und ganz nah am Stamm der Tassilolinde hat sich eine Engelwurz ans Licht gewagt. So gesellt sich die Lichtpflanze zum Lichtbaum.
Die heiligen Linden schenken uns und allen, die dafür offen sind, ihre Lebenskraft und Energie. Sie erinnern an das Göttliche in uns, wenn wir es im Strudel des Alltags manchmal verlieren. Tapfer und biegsam trotzen die Linden jedem Sturm, demütig erinnern sie uns daran, dass die eigenen „Stürme“ genauso vor­übergehen. Wir sind ein Teil von ihnen. Erkennen, annehmen und transformieren ist die Botschaft der beiden alten Linden, die wie zwei Säulen Liebe und Dankbarkeit miteinander verbinden.
Viele Seiten könnte unser Loblied über die Linden auf der Fraueninsel noch füllen. Wer sie erleben und ihren Geschichten lauschen möchte, soll am besten selbst vorbeikommen. +


(1) Definition der geomantischen Zone siehe „Handbuch der Radiaesthesie“, Hartmut Lüdeling, Drachen Verlag 2006: „Geomantische Zonen sind Systeme von Reaktionszonen, die in Verbindung mit Kultorten und ähnlichem aufgefunden werden und die normalerweise keine geologischen Bezüge haben. Geomantische Zonen sind in der Regel künstlich erzeugte bzw. unter Ausnutzung natürlicher Gegebenheiten künstlich veränderte linienförmige Zonen.“

Susanne Schury, Jahrgang 1962, und Thomas Schury, Jahrgang 1967, wohnen seit Oktober 2010 auf Frauenchiemsee im Haus Nr. 6. Dort geben sie unter anderem Seminare zum Thema Radiästhesie, Geomantie und Energie. Sie bieten Haus- und Schlafplatzuntersuchungen an sowie Ausbildungen in diesem Bereich. www.chiemseewellen.de