Die Göttin wirkt im Verborgenen

Körperlandschaft - Die Erde in uns

von Beatrix Pfleiderer erschienen in Hagia Chora 3435/2010

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Einmal im Monat erscheint die Göttin bei uns auf Hawaii. Als Vollmondin. Da kommt sie aus dem Meer. Manchmal nicht gleich, weil die Wolken immer gerade dann am Horizont sein wollen, wenn es soweit ist. Aber manchmal gebiert sie sich so feierlich aus dem schwarzen Ozean heraus, dass ich ihren silbergoldenen Körper singend auf den Händen in meinen Garten tragen könnte, um ihr lebendiges Licht über meine Beete zu streichen. An solch einem Abend schlichen sich bei mir vor ein paar Jahren folgende Gedanken ein, von deren Auswirkungen ich hier berichten möchte.

 

Vorher muss ich etwas ausholen. Obwohl sie nun schon einige Zeit andauert, ist die pat­riarchale Lebensform nicht diejenige, die uns und unsere Erde zum Blühen bringt. In ihrem Wahn, der Mann erschaffe, ja, gebäre das Leben, verliert sie das Leben auf dieser Erde. Wo immer wir auch hinsehen, sind wir in der Abwehr: Gegen Ölbohrungen in unberührter Natur, gegen genetisch modifizierte Früchte, gegen, gegen, gegen … Weltweit sind die mutigsten Menschen als Aktivistinnen und Aktivisten unterwegs, um den vom patriarchalen Wahn angerichteten Schaden einzudämmen.
Auch unsere Körper tragen patriarchale Narben. Sie sprechen von unserer Unverbundenheit. Wir haben nicht gelernt, mit der Erde körperlich zu kommunizieren. Weil wir dem größten Bedürfnis unserer Seele, in der Erde verwurzelt zu sein (Simone Weil), keine Beachtung schenken können, kommt es im Fluss des Körpers zu Stockungen: Das Wurzel-Chakra verkümmert und eröffnet uns nicht die ernährende, fließende Beziehung zur Mutter Erde, die sich so gut anfühlt und uns gesund erhält. Aus diesem Defizit heraus entstehen viele Krankheiten. Ganz schön gefährlich leben wir, wenn wir diesen Mangel nicht transformieren.

Traum in der Mondnacht
In der erwähnten Mondnacht entstand daher in mir ein Traum: Ich träumte davon, wie es wohl wäre, wenn es anders gekommen wäre? Wenn der „Unfall Patriarchat“ bedingt durch Katastrophen und Migrationen vor einigen Jahrtausenden nicht geschehen wäre? Die Antwort ist im Lebenswerk von Heide Göttner-Abendroth zu finden. Wir hätten weiterhin die Belebtheit des Universums spüren dürfen, wenn wir im Takt der Erde geblieben wären, wir hätten auf unserer verzweifelten Suche nach Erdverbundenheit nicht die ganze Welt kolonisieren müssen. Und in den letzten matriarchalen Paradiesen hätten wir auch nicht Arbeitssklaven und Bodenschätze rauben müssen.
Könnte es nicht sein, träumte ich weiter, dass in den verbliebenen matriarchalen Gesellschaften dieser Erde noch der Takt der Erde vorhanden ist? Es gibt sie doch noch, die Gesellschaften, in denen Namen, Titel, Land und Haus von der Mutter auf die Tochter übertragen werden. In denen die Männer im Clan ihrer Mutter bleiben und eine Besuchs­ehe führen. In denen alle Entscheidungen im Konsens gefällt werden. In denen jahreszeitliche und lebenszyklische Feste das Leben bestimmen, in denen Geld keinen Tauschwert hat und in denen der Körper der Frau, der das Leben gibt und erhält, so geehrt wird wie das Land, das Leben gibt und erhält.

Auf der Spur der Ordnung der Mütter
Ich las nach. Kolleginnen boten mir an, als Medizinanthropologin in einer matriarchalen Gruppe eine Studie durchführen zu dürfen. Ich suchte. Was sich schließlich ergab, kam unerwartet. Es war das Weihnachtsfest meiner Yogagruppe, eine Gelegenheit, bei der man endlich einmal Zeit hat, sich auszutauschen. Ich fragte beiläufig meine Yogafreundin Leilani, die ich immer für eine Hawaiianerin gehalten hatte, von welcher Insel sie stamme. Zu meinem Erstaunen sagte sie: „Ich bin aus Palau im Südpazifik. Wir sind dort eine matriarchale Kultur. Die Frauen haben bei allen Entscheidungen die Verantwortung zu tragen.“ Ich traute meinen Ohren kaum, als ich weiter hörte: „Bei uns gibt es ein Ritual, bei dem Frauen nach der Geburt des erstgeborenen Kindes nach einer siebentägigen Bade- und Kräuterkur im Clan-Kopfschmuck, traditionellem Bastrock und mit Gelbwurz eingerieben der Gesellschaft in unserer neuen Rolle als Mutter präsentiert werden.“ Das Fest heiße ngasech, sagte sie. „Da gehe ich hin“, murmelte ich. Leilani gestand mir später, dass sie mir das damals nicht geglaubt habe.
Langsam, soviel es der Alltag erlaubte, begann ich meine Vorbereitungen. Ich suchte alle Palauaner meiner Insel und fand an die dreißig, doppelt so viele mögen es sein. In einer Vorumfrage fand ich Leilanis Erzählungen bestätigt. Ergänzend erfuhr ich, dass zu lebenszyklischen Festen ein Ritual des Geld­übergebens ausgeführt wird, in dem das Geld eine Geschichte hat und keinen Tauschwert.
Ein Jahr später bin ich nach Palau gereist, in Begleitung meiner Enkelin Sophie, die mir bei meiner Arbeit dort helfen wollte. Das Belau National Museum bot uns ein großzügiges Zuhause. Mit Internet und Klimaanlage ausgestattet, lasen wir dort die ethnographische Vorarbeit der letzten 100 Jahre und organisierten unsere Informantengespräche.
Wir hörten, dass Spanien, Deutschland, Japan und die USA die Inseln annektiert hatten, dort ihre Religion oder Kultur in das Gewebe der lokalen Weisen einfrästen. Man verbot, was störend erschien. Verbot, was sichtbar störend war, wie verschiedene Aspekte der Frauenrollen. Verbot, was dem Entstehen eines Arbeiterheers im Weg stand. Aber unter dem Radarschirm dieser kolonialen Intervention hatte sich ein Gewebe von Gebräuchen erhalten. Heute steht Palau unter der administrativen Autorität der USA. Die Amerikanisierung hat über das Konzept der Lohnarbeit und der damit verbundenen „Supermarkt­ernährungsdiktatur“ weitere Zerstörung im Land angerichtet.
Dennoch werden die lebenszyklischen Feste und das (gemeinsame) Hausbauen innerhalb des alten Netzes gegenseitiger Verpflichtungen, das zwischen den Clans existiert, ungebrochen fortgeführt. Dennoch bestimmen die am höchsten gestellten Frauen eines Clans, welcher Mann zum Clanführer ernannt wird. Dennoch hat der Nord- und der Südteil des Landes jeweils eine Königin, der ein „Bruder“ oder „Cousin“ zur Seite steht. Dennoch finden sich viele Züge des Matriarchats noch wieder. Meine These ist: Gerade weil diese Traditionen das Matriarchale sind, haben die Deutschen, die Japaner es nicht gesehen und nicht erkannt. So durfte es weiterleben. 

Literatur: Beatrix Pfleiderer, Die Kraft der Verbundenheit, Drachen Verlag, Klein Jasedow 2009.