Sonne, Mond und Göttinnen

von Johannes Groht erschienen in Hagia Chora 3435/2010

Im fünften Artikel über die Menhire in Deutschland stellt Johannes Groht außergewöhnlich
verzierte Steine vor. Sie stehen für die engen geistigen Verbindungen ihrer Erbauer mit dem heutigen Italien und Frankreich sowie dem Himmel über dem alten Europa.

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Neben den auffälligen natürlichen Strukturen auf zahlreichen Menhiren in Deutschland gibt es einige, die von Menschenhand bearbeitet worden sind. Die wenigen erhaltenen Steine sind sehr unterschiedlich in ihrer Größe und Form sowie der Art ihrer Verzierung.
So gibt es eine Gruppe kleiner Statuenmenhire, die mit sehr reduzierten, eingeritzten Mustern versehen sind. Sie sind vor allem in Gräbern in Sachsen-Anhalt aufgetaucht und belegen kulturelle Verbindungen ins heutige Frankreich. Manche weisen ein stilisiertes Augenpaar auf und werden als „Dolmengöttin“ interpretiert. Sie scheinen älter als die Megalithgräber zu sein (siehe auch mein Beitrag in Ausgabe 31).
Wahrscheinlich auch im Zusammenhang mit Gräbern standen drei in Hessen gefundene Platten und Stelen, deren Schauseiten eingeritzte Linien- und Dreiecksornamente zeigen. Sie sind in ihrer Art bisher einzigartig in Mitteleuropa. Ihre Formensprache korreliert mit Tonwaren der mitteldeutschen Bernburger Kultur, so dass man sie auf 3500 bis 2500 v. Chr. datieren kann. Manche Forscher bringen die Zahl der eingeritzten Linien und ihre Anordnung mit den Rhythmen des Monds in Verbindung und halten es für möglich, dass es sich bei der Stele des Orts Wellen, Gemeinde Edertal im Landkreis Waldeck-Frankenberg, um einen Mondkalender handelt. Prähistorisches astronomisches Wissen offenbart sich ja bereits in der Ausrichtung steinzeitlicher Grab- und Kreisgrabenanlagen sowie der berühmten Himmelsscheibe von Nebra.

Der Menhir von Weilheim
In Beziehung zum Sonnenkult stand wahrscheinlich der Menhir von Weilheim, Stadt Tübingen, der 1985 beim Bau eines Hauses in der Nähe des Neckars gefunden wurde. Der Monolith besteht aus Stubensandstein und hatte ursprünglich eine Länge von 4,50 Metern. Unweit des Fundorts wurde eine Nachbildung aufgestellt, die nun etwa 3,30 Meter hoch aufragt. Der Stein ist nördlich der Alpen bisher ohne Gegenstück. Auf seiner ursprünglich nach Westen orientierten Schauseite befindet sich ein fein gearbeitetes Relief von fünf „Stabdolchen“ neben einer ovalen Form, die als Sonne gedeutet werden kann. Seine tiefe Kerbe entstand beim Ausbaggern.
Stabdolche sind ein typisches Motiv der frühen Bronzezeit im alten Europa. Es handelte sich hier weniger um Waffen als um Herrschafts- oder Würdezeichen. Motive mit Stabdolchen und Sonnensymbolen gibt es in großer Zahl als Felszeichnungen im Valcamonica, einem über 10 000 Jahre genutzten Kultplatz in den italienischen Alpen, dem größten Fundort prähistorischer Felsbilder weltweit.
Auf der Rückseite des Menhirs von Weilheim finden sich zahlreiche Schälchen und Rinnen, die seine kultische Bedeutung unterstreichen. Er wurde bereits in mehrere Fragmente zerbrochen aufgefunden. Wurde er womöglich aus rituellen Gründen unbrauchbar gemacht und vergraben?

Der Trittenheimer Eselstratt
Weniger fein erscheinen die Bearbeitungen am Trittenheimer Eselstratt, Kreis Bernkastel-Wittlich, Rheinland-Pfalz. Der imposante Stein ist 2,10 Meter hoch. Seine Rückseite ist mit natürlichen Vertiefungen und Näpfchen übersät, und an den Seiten weist er tiefe Spalten auf. Seine grob dreieckige Form erhält durch die eingemeißelten Rinnen und den Kreis die Anmutung einer Figur mit zwei Armen und einem Nabel oder Genital.
Der Sage nach handelt es sich dabei um den Hufabdruck eines Esels. Die Gottesmutter selbst soll, mit dem Jesuskind im Arm auf einem Esel sitzend, von dem Stein ins Moseltal hinabgesprungen und dort unversehrt gelandet sein. Deshalb wurde der Stein noch vor 80 Jahren regelmäßig von Wallfahrern aufgesucht. Der Menhir befindet sich an einem ungewöhnlichen Ort, nämlich 150 Meter oberhalb der Mosel nah der Abbruchkante. Dort steht er in enger Beziehung sowohl zum Berg – dessen höchsten Punkt er meidet – als auch zum Wasser. Seine bearbeitete Seite schaut weit über das Moseltal nach Westen. Früher soll es am Hang eine kleine Quelle gegeben haben.