Es werde Licht!

Das Sonnenritual von Questenberg

von Andreas Beutel erschienen in Hagia Chora 3435/2010

Fast fühlt man sich an den Beginn der Asterixgeschichten erinnert. Ganz Deutschland ist christianisiert. Ganz Deutschland? Nein. Ein kleines Dorf hat sich eine uralte Tradition bewahrt: die Errichtung der Queste als Symbol der Sonnenverehrung. Andreas Beutel war zum Pfingstfest im Örtchen Questen­berg.

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Kurz vor Pfingsten 2009, ich plante gerade eine Reise von Dresden in die Nähe von Kassel, begegnete mir wieder einmal der Begriff „Queste“. Auf meiner Reiseroute lag der Questenberg im Südharz. Obwohl ich mich bereits lange mit Geomantie beschäftige, konnte ich bisher mit dem Begriff „Queste“ nur wenig anfangen.
Laut Lexikon ist die Queste höchstwahrscheinlich eine Variante der germanischen Irminsul oder des Keltenkreuzes. Anders als das christliche Kreuz trägt ein Keltenkreuz einen Kranz oder eine Sonnenscheibe in der Mitte. Im irisch-schottischen Raum finden sich unzählige Varianten in Stein gemeißelt. Der womöglich einzige Ort, an dem eine Queste samt Tradition in Deutschland überlebt hat, ist der Ort Questenberg im Südharz in Sachsen-Anhalt. Jedes Jahr am Pfingstmontag wird die Queste in einem alten Ritual vor Sonnenaufgang eingeholt, neu geschmückt und gegen Mittag in Verehrung der Sonne wieder aufgehängt.
Ich kannte den Maibaum als Symbol auf dem örtlichen Marktplatz und als Mittelpunkt des Brauchtums im Frühjahr. Abbildungen aus der Zeit zwischen 1933 und 1945 waren mir begegnet, die Sonnenkreuze als Mittelpunkt eines angenommenen „germanischen Brauchtums“ zeigten. Ein ursprüngliches, unverfälschtes Brauchtum aus unserer Gegend schien mir jedoch vollends verschwunden. Ich sollte mich täuschen.
Auf der schwedischen Insel Gotland lassen sich viele Spuren alter Kulte finden. Es gibt unzählige Steinkreise, Steinsetzungen, Labyrinthe und Hügelgräber. Bei einem Besuch auf Gotland 2005 habe ich einen Sonnenbaum fotografiert, der aus einem Querbalken besteht, dem an jeder Seite zwei Ringe angehängt wurden. Als ich die Bilder der Gotlandreise mit einer befreundeten Geomantin durchsah, nannte sie die Bezeichnung „Queste“ für diesen Baum. Der Begriff war neu für mich, und ich trug ihn seitdem mit mir herum, überzeugt, bei Gelegenheit einmal genauer zu recherchieren. Diese Gelegenheit ergab sich nun im vorigen Mai.
Bei meiner Recherche war mir aufgefallen, dass die Questenberger Queste von den Nationalsozialisten als Beweis eines vermeintlich „urgermanischen Brauchtums“ angesehen wurde. In seinem Film und Buch „Schwarze Sonne“ weist Rüdiger Sünner auf die okkulten Hintergründe der Naziherrschaft hin. Volksbräuche wie christliche Bräuche wurden von den Nationalsozialisten umgedeutet oder übernommen, um zu zeigen, dass Reste eines verdrängten germanischen Glaubens noch lebendig seien und dieser Glaube nun wieder neu entstehen sollte. Kern der angenommenen Mythen war dabei die Sonnenverehrung.
In dieses Konzept passte auch das Ques­tenfest im Südharz. So fand ich eine Zeitschrift aus den 1930er Jahren, die eben jene Queste aus Questenberg auf dem Titel abbildete. Etwas bange war mir schon bei meiner Reise. Was würde mich wohl erwarten?

Ritual im Morgengrauen
Die Fahrt nach Questenberg am Pfingstsonntag ist von Gewittern und Regenschauern begleitet. Wie ein Zeichen, auf dem richtigen Weg zu sein, begrüßt mich ein Regenbogen kurz vor Questenberg, das sich als kleiner Ort am Fluss Nasse inmitten rund 80 Meter hoher Kalksteinwände entpuppt. Durch die verregnete Autoscheibe ist schemenhaft die namensgebende Queste auf einem südwestlich gelegenen Plateau zu erkennen. Sie besteht aus einem zehn Meter hohen Kreuz aus einem Eichenstamm und einem Querbalken. Die Kreuzmitte schmückt ein aus Birkenzweigen geflochtenes Rad. An den Enden des Querbalkens hängen jeweils Quasten, ebenfalls aus Birkenzweigen. Die Spitze ziert ein Birkenbund.
Außer der Queste sowie den Resten der Questenburg aus dem 13. Jahrhundert besitzt der kleine Ort als Besonderheit noch einen „Hölzernen Roland“, Symbol eines verliehenen Markt- und Münzrechts oder auch eine Kopie des Nordhäuser Rolands.
Das Questenfest bildet den kulturellen Höhepunkt im Jahreslauf. Bereits um halb vier Uhr morgens werden Dorfbewohner und Gäste mit Pauken und Trompeten vom Kyffhäuserland-Orchester Kelbra geweckt. Eine halbe Stunde später beginnt der gemeinsame Aufstieg in der Morgendämmerung. Zwei Wege führen zum Questen­berg: ein steiler, dunkler Waldweg und ein flacherer, über offene Wege und Wiesen führender Pfad. Wir beschreiten letzteren. Früh am Morgen wird noch keine Tracht getragen und doch sind alle Mitglieder des örtlichen Questenvereins an ihren Hüten zu erkennen, die einen Anstecker tragen mit der Aufschrift „300 Jahre Questenfest“. Einer der Männer trägt einen umflochtenen Krug.
Schließlich erreichen wir das Plateau des Bergs mit der Queste. Von hier aus sieht man im Hochsommer die Sonne über dem Tal der Nasse mit dem Ort Questenberg aufgehen, erfahre ich. Das erste Licht des neuen Morgens ist bereits am Horizont zu erkennen. Die Männer des Dorfs machen sich umgehend daran, den alten Birkenschmuck abzunehmen. Einer klettert den Eichenstamm empor und wirft die Quaste von der obersten Spitze herunter. Es folgen zwei weitere Kletterer, die in der Dunkelheit ohne jede Sicherung die Queste erklimmen. Sie befestigen eine Seilrolle am Sonnenrad und lösen die um den Stamm gewundenen Birkenzweige. Rundhölzer, die am oberen Ende in einer Astgabel enden, stützen den Querbalken. Mit Hilfe der Seilrolle wird das geflochtene Rad mit seinen vier Metern Durchmesser herunter­gelassen. Langsam schwebt die Sonnscheibe nach unten und wird von den Männern in Empfang genommen.

Die Sonne festhalten
Die alte Sonne ist eingeholt und wird in der Nähe des Kreuzes niedergelegt. Wie um sie festzuhalten, setzen sich sofort Mitglieder des Questenvereins mit dem Blick nach innen auf das Rad. Nachdem auch die beiden Quasten vom Querbalken gelöst sind, wird die alte Quaste von der Spitze des Stamms angezündet. In lodernden Flammen steigt das alte Licht transformiert in den Morgenhimmel.
In der Mitte des Kreises erhebt sich der Vorsitzende des Questenvereins. Er berichtet von einer kosmischen Katastrophe, die vor rund 10 000 Jahren die Erde getroffen und zu Feuer, Flutwellen und jahrelanger Verdunkelung des Himmels geführt habe. Durch die Abwesenheit der Sonne hätten die Menschen begriffen, wie sehr ihr Leben vom lebenspendenden Licht abhinge. Nach der Rückkehr des Lichts begannen die Menschen, die Sonne zu ehren.
Er erzählt auch von den Versuchen, das Fest als heidnisch zu verbieten oder in anderem Sinn umzudeuten. Man sei jedoch stolz darauf, dass das Questenfest die Jahrhunderte beinahe unverändert überdauert hätte. Während ich meinen Blick über die Anwesenden schweifen lasse, stelle ich fest, dass fast nur Einheimische und interessierte Touristen anwesend sind. Neo­nazis sind, anders als befürchtet, nicht anwesend. Im späteren Gespräch erfahre ich, dass das Questenfest nur wenige Male während der letzten Kriegsjahre ausfallen musste – aus Männermangel.
Nun wird das Geheimnis des umflochtenen Topfs gelüftet, der mit nach oben getragen worden war. Alle Mitglieder des Vereins, die immer noch auf der alten Sonne sitzen, bekommen zum selbstgebackenen Brot Sauerkraut aus dem geflochtenen Topf gereicht – vielleicht symbolisch für die letzten Reserven, die nun aufgebraucht werden können, da bald die neue Sonne erscheinen wird. Der Topf wandert weiter zu den zahlreichen Besuchern. Als einer der Gäste unbedacht in den Topf greift, wird er darauf hingewiesen, nur die drei Schwurfinger Daumen, Zeige- und Mittelfinger zu benutzen.
Nachdem alle sich gestärkt haben, begibt man sich zur Kante des Plateaus im Osten. Der Vorsitzende des Vereins verteilt Liedzettel an alle Anwesenden. Wie es der alte Brauch will, wird die aufsteigende Sonne mit dem alten Kirchenlied „Dich seh ich wieder, Morgenlicht“ begrüßt. Während die Sonne emporsteigt, breitet sich in mir das vertraute Gefühl der Verbundenheit mit unserem Planeten und der Sonne aus. Ich fühle mich tief berührt von der einfachen Kraft des Rituals, die Sonne bei ihrem Aufgang zu beobachten.
Der erste Teil des Questenfests ist beendet. Gemeinsam geht es hinunter ins Dorf zum Frühschoppen auf dem Festplatz.

Kyffhäuser und Heerstraße
Für mich ist das die Gelegenheit, die Umgebung von Questenberg zu erkunden. Der Ausflug in die ursprüngliche Natur der Karstlandschaft lohnt sich. Das Tal von Questenberg führt in die „Goldene Aue“ – so der Name für die Landschaft zwischen Nordhausen und Sangerhausen, geformt vom Fluss Helme, der aus dem Harz kommt. Die markanteste Erhebung ist der Kyffhäuser mit seinem Denkmal. Durch das Helmetal zog sich einst eine alte Heerstraße von Nordhausen nach Merseburg. Heute folgen die Straßen B 80 und die landschaftlich reizvolle A 38 dem alten Verlauf. Da der Morgen noch jung ist, bietet es sich an, bis zum zweiten Teil des Questenfests einen Ausflug nach Stollberg im Harz zu unternehmen. Als Teil der Fachwerkstraße findet man hier einen liebevoll restaurierten Ort voller Fachwerkhäuser. Wer etwas mehr Zeit mitbringt, sollte die Gelegenheit nutzen, von Stollberg aus den großen Auersberg zu erwandern. Dort steht das Josephskreuz, ein an den Eiffelturm erinnernder Aussichtsturm, der einen fantastischen Blick auf das Harzvorland bietet.
Pünktlich um 13 Uhr ruft das Kyffhäuserland-Orchester Kelbra mit Pauken und Trompeten zur zweiten Runde. Diesmal sind Kapelle und Mitglieder des Ques­ten­vereins festlich geschmückt.

„Augen links!“
Auch wenn das Questenfest über Jahrhunderte hinweg überlieferte Handlungen birgt, gibt es gleichzeitig Elemente, die für mich so gar nicht in das Bild eines alten heidnischen Fests passen wollen. Schon am Morgen, beim Einholen der Queste, wurden die Vereinsmitglieder mit militärischen Kommandos befehligt. So auch am Nachmittag. Allerdings gibt es keinen übertriebenen Militarismus. Eher wirken manche Gesten wie eine Karikatur aus einem Theaterstück, das militärischen Gehorsam ins Absurde steigert. Mit einem kräftigen „Augen links!“ werden Kapelle und Questenverein zur alten Schule dirigiert. Hier werden die drei Traditionsfahnen des Vereins abgeholt und zum Ques­tenplateau getragen. Dort werden sie in Fahnenständern befestigt, die Hauptfahne in der Mitte. Sie trägt ein Abbild der Ques­te, umgeben von der Aufschrift „Questen­verein Questenberg“. Auf der Rückseite findet sich die Aufschrift „Sonne ist Licht, Sonne ist Leben“, die eine Sonne umgibt.
Die beiden äußeren Fahnen, eine in der Grundfarbe Blau, eine in Rot, tragen keine Schrift, sind dafür aber eindrucksvoll gestaltet. Die blaue Fahne erscheint etwas älter. Sie schmückt eine gestickte Sonne und auf der Rückseite ein Baum mit hängenden Blättern als Symbol für das blaue, kalte Licht, das altes Leben sterben lässt. Die rote Fahne dagegen zeigt einen Baum mit nach oben gereckten Ästen und frischen Blättern. Anstelle der Sonne sehen wir hier einen weißen Ring, offenbar der Ring der Queste, der die Sonne symbolisiert und als Zeichen des neuen Zyklus am Horizont aufgeht.
Während alle Besucher den herrlichen Mittag genießen, geht für die Questenberger die Arbeit erst richtig los. Ein Teil holt die am Vortag geschnittenen und zu Bündeln gepackten Birkenäste heran, ein anderer sammelt sich um die am Boden liegende Sonne, die neu geschmückt werden soll. Schnell sind viele Hände dabei, die einzelnen Zweige und Triebe des frischen Grüns in den alten Kranz zu schieben, ohne die Zweige vom Vorjahr zu entfernen. Fasziniert frage ich mich, mit welcher Technik die Zweige befestigt werden sollen. Ganz einfach: Aus dem Birkengrün suchen die Männer lange, haltbare Äste, die so gerade wie möglich gewachsen sind. Die Blätter werden entfernt, die Spitze zu Boden gesenkt und mit einem Fuß festgehalten. Nun beginnt man, den Ast von oben zu drehen. Wenn mit dem Verdrillen genug Spannung eingebracht ist, lässt sich der Zweig aufheben, und die verdrillte Spitze wird zu einer Schlaufe gebogen. Im Bestreben, sich aus der Drehung herauszuwinden, verwickelt sich die Astspitze mit dem eigenen Hauptast und bildet so eine Schlaufe. Diese wird später genutzt, um die Birkenzweige zu binden. Allzu oft brechen die jungen Zweige aber auch beim Verdrillen ab, so dass sie für die weitere Verwendung unbrauchbar werden.
Das Verdrillen scheint ein guter Weg, die Jugend an das Ritual heranzuführen. Immer wieder finden sich gestandene Männer, die Kinder in die Kunst und Tücke des Schlaufendrehens einweisen. Zum Festbinden der Zweige wird der ungedrehte Teil des Asts unter dem Kranz hindurchgeschoben, durch die verdrillte Schlaufe geführt und unter den anderen Zweigen untergehakt. Die Äste werden so immer weiter miteinander verwoben, bis ein stabiles Flechtwerk entstanden ist.

Auferstehung der Sonne
In der Zwischenzeit erklettern wieder einige Männer den leeren Questenbaum. Sie ziehen mit Hilfe der Seilwinde und militärischen Kommandos die neue Spitze auf den Baum und befestigen sie. Die neue Queste – das Symbol für die Sonne und das neue Leben – ist im Entstehen begriffen. Wahrscheinlich wurde das Ritual so in den Tagesablauf integriert, um den Untergang der alten und die Auferstehung der neuen Welt zu symbolisieren. Das Abnehmen der alten Sonne in der Dunkelheit erinnert an die ägyptische Vorstellung, des Nachts würde die Sonne von der Himmelsgöttin Nut verschluckt, um am Morgen neu geboren zu werden. In Questenberg wird sie mit einem Lied begrüßt und dann, wenn ihre Bahn den höchsten Punkt erreicht hat, in Form des frisch begrünten Kranzes auf die Queste gezogen.
Nachdem viele Birkenzweige eingewebt worden sind, wird klar, dass dies nur die halbe Arbeit war. Der Kranz muss auch auf der anderen Seite begrünt werden. Gemeinsam wird er samt Querbalken und Quasten aufgerichtet und gewendet. Hier zeigt sich noch einmal die volle Größe des Rings.
Zwei Stunden dauert die Neubegrünung. Mit letzter Kraft wird die Queste schließlich aufgerichtet. Ein Teil der Männer trägt den Kranz, andere ziehen ihn an einem Seil nach oben. Nun muss das schwere Rad samt Querbalken und Quas­ten mit Hilfe der gabelförmigen Stangen in Position gebracht werden. Die Hauptlast trägt am Ende der Querarm mit den beiden Quasten, der auf einem Aststummel des Questenbaums abgelegt wird. Mit frischen Birkenzweigen wird der Sonnenkranz über Kreuz mit dem Questenbaum verknotet. Die neue Sonne ist wieder an ihrem angestammten Platz, die kosmische Ordnung wiederhergestellt. Gemeinsam haben sich die Questenberger mit der Natur verbunden und daran erinnert, dass ohne Sonne kein Leben auf diesem Planeten möglich wäre. Die Fahnen werden eingeholt und hinunter ins Tal an ihren angestammten Platz in der alten Schule getragen.

Gelebte Erinnerungen
Es ist später Nachmittag und Zeit, mich auf den Weg zu machen. Ich durfte mit­erleben, wie ein Ort ein in seinen Ursprüngen uraltes Ritual vollzieht. Ich durfte Zeuge werden von gelebten, weit zurückliegenden Erinnerungen. Mir wurde bewusst, dass wir auf einem Planeten leben, der sich in größeren Abständen wandelt. Es ist ein Segen, dass das Fest noch keine große Berühmtheit erlangt hat und nicht der Gefahr erlegen ist, zu Folklore auszuarten. Man mag den Questenbergern wünschen, dass sie weiterhin ihrer Tradition treu bleiben.
Welche Bedeutung haben solche Rituale für heutige, oft städtisch geprägte Menschen, deren Leben kaum noch von Ritua­len der Naturverbundenheit geprägt sind? Lassen sie sich als Puzzlestein einpassen in ein tieferes Verständnis unserer Erde?
Das Questenfest erscheint nur durch das Kirchenlied zur Ehre der Sonne lose mit unserer christlichen Kultur assoziiert. Es enthält einen Kern eines anderen, älteren Wegs – auch wenn nicht mehr bei allen Handlungen deren Sinn und Zweck klar ist. Manches wurde ergänzt oder neu interpretiert. Das Fest scheint auch in keinen der bekannten keltischen Kalender zu passen. Warum wird es wohl ausgerechnet zu Pfingsten gefeiert, nach christlichem Verständnis das Fest der Aussendung des Heiligen Geistes? Symbolisch empfängt ein Christ bei der Taufe den Heiligen Geist und wird wiedergeboren. In seinem Ursprung ist das Christentum aber ein abgewandelter Sonnenkult. Plötzlich ergibt es für mich wieder einen Sinn, dass am Pfingstfest die Wiedergeburt der Sonne gefeiert wird. Andreas Beutel

 

Die Redaktion bedankt sich für den folgenden Kommentar bei der Wirkstätte für das Alte Wissen, Bern (Quellenangaben können bei der Redaktion angefordert werden):

Eine Tradition im Wechsel der Zeit
Gegen „rechte, linke, kirchliche“ und alle anderen Arten von Einmischung und Vereinnahmungsversuchen ihres Brauchtums hätten sich die Questenberger immer widersetzt, antwortete uns ihr ehemaliger Bürgermeister Edgar Einecke, Vorstandsmitglied und Brauchtumspfleger des Questenvereins auf unsere Anfrage bezüglich solcher Bestrebungen während der Zeit der nationalsozialistischen Diktatur. In ihrem vom „Questenverein“ herausgegebenen Buch „Das Questenfest, Vergangenheit und Gegenwart“ stellen sie 1995 nicht ohne Stolz fest: „Die Questenberger haben ihr Fest über die schwierige Zeit der Christianisierung hinweggeführt, haben den 30-jährigen Krieg und zwei Weltkriege überstanden; sie haben das Questenfest durch zwei Diktaturen umsichtig hindurchgeführt – sie werden auch künftig so viel Anpassungsvermögen wie nötig zeigen, um ihr Questenfest auch in den kommenden Jahrhunderten weiter feiern zu können!“ Wurden sie während den erwähnten Diktaturen gezwungen, fremde, regimetreue Fahnen mit auf ihren Berg zu tragen und ebensolche Lieder zu singen, beklagen die Questenberger nun in der „Diktatur“ der Marktwirtschaft: „Viele Jahrhunderte lang – vielleicht sogar Jahrtausende – haben die Questenberger ihre traditionellen Aufgaben zum Fest treu erfüllt, ohne ein ‚eingetragener Verein‘ zu sein. Die Vereinsgründung stellt letztlich auch wieder eine Konzession an die jetzt herrschenden Verhältnisse dar, denn nur ein eingetragener und gemeinnütziger Verein ist berechtigt, staatliche Fördermittel beantragen und Sponsoren in Anspruch nehmen zu können – was zum Weiterbestand des Questenfestes in marktwirtschaftlicher Zeit unerlässlich ist. Die Questenberger sind besorgt, dass ihr Questenfest nun womöglich als eine ‚Vereinssache‘ abgetan werden könnte.“
Aus dem Blickwinkel der Questenberger sind die zwölf Jahre der natio­nal­so­zia­listischen Diktatur nur eine kurze Episode im immerwährenden Widerstand. Zwölf Jahre allerdings mit dazugehörigen Vorgeschichten und Nachwirkungen. Das Questenfest wurde bereits seit der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts von der der Romantik nahestehenden germanistischen Forschung und den mit diesen wiederum verflochtenen völkischen Bewegungen mit – vorausgesetzten und nicht belegten! – „(ur)germanischen Sonnenkulten“ in Verbindung gebracht. Mindestens von hier aus verlaufen Stränge, entlang derer Hans Strobel, SS-Hauptsturmführer und einer der einflussreichsten Volkskundler des „Dritten Reichs“, 1936 „unerschütterlich für den Sommersonnenwendzeitpunkt des Ques­tenbrauchs zeugende Umstände“ zu finden meint. Im gleichen Atemzug fordert er, diesen Zeitpunkt bei „Wiedereinführungen“ andernorts zu berücksichtigen und spricht vom Questenfest als „fälschlicherweise an Pfingsten gefeiert“. 1990 glaubt dementsprechend Björn Ulbrich in seinem erschienenen Buch „Tanz der Elemente – Kult und Ritus der heidnischen Gemeinschaft“ den Festtermin entsprechend auf die Mittsommernacht „korrigieren“ zu müssen. Dass er darüber hinaus 2001 ihren Kranz statt wie bis anhin mit Quasten aus Birken- und Buchengrün neuerdings mit „Heilkräuterbuschen“ schmücken lässt, kann unter ähnliche Kuriosa abgebucht werden wie Versuche, das Questenfest mit der „Heimat der Urrasse (...) von Atlantis“ in Verbindung zu bringen, ihren Questenkranz in einen ariosophischen „Runenring“ und die Questenmannschaft zu „Führern der Dorfgemeinschaft“ umzufunktionieren oder das Fest in „keltische Kalender“ (die im Lauf des letzten Jahrhunderts in Wicca-Gemeinschaften erfunden wurden) einzupassen. All das lässt die Questberger allenfalls milde lächeln. Wir jedenfalls wünschen den Questenbergern, dass sie ihr Fest weiterhin unbeirrt von alledem feiern, wann auch immer es fällt und wie es ihnen „richtig“ passt – denn ihr Fest ist immer das Original! 

 

Buchbesprechung:

Schwarze Sonne – Missbrauch und Potenzial der Mythen
von Gandalf Lipinski

Als man nach dem zweiten Weltkrieg in Deutschland wieder anfing, von Geomatie zu sprechen, war das sofort mit einem politischen Unbehagen verbunden. Allzu sehr schien diese „Wissenschaft der Altvorderen“ verklebt mit Germanentum und rechter Mys­tik. Heinrich Himmlers SS-Abteilung „Ahnenerbe“ war schließlich im Aufspüren und in der Pflege „germanischer“ Kraft- und Kultplätze genauso rührig wie in der völkischen Edda-Exegese oder der Arisierung der ursprünglich keltischen Gralsmystik. Nicht nur die Geomantie stand unter Verdacht. Überall, wo ein ganzheitliches Bewusstsein oder eine solche Wahrnehmung über die Grenzen anerkannter materialistischer Wissenschaftlichkeit hinauswiesen, wo gar noch das Ritual oder das Erleben von Gemeinschaft dazu kam, begann sofort das geistig verminte Feld deutscher Nachkriegstabus.

Im Gegensatz zu den historisch-politischen und ökonomischen Ansätzen oder auch den sexualenergetischen Ansätzen nach Wilhelm Reich, die Entstehung und den „Erfolg“ der speziellen deutschen Variante des Faschismus zu verstehen, steckt die geistesgeschichtliche Aufarbeitung seines spirituellen Kerns noch in den Kinderschuhen.
Dabei ist sie gerade heute notwendiger denn je. Denn alle Ansätze, Geomantie und Gesellschaft wieder im Zusammenhang zu denken, provozieren in Deutschland das grundsätzliche Misstrauen vor allem aus dem seriös-wissenschaftlich-linken Milieu quasi als automatischen Reflex. Was nicht allein rational begründbar ist, steht unter Generalverdacht.
Wer Rüdiger Sünners „Schwarze Sonne“ liest und den als DVD beiliegenden gleichnamigen Dokumentarfilm sieht, beginnt auch zu verstehen, warum das so ist. Mit großer Detailkenntnis, einem seltenen Differenzierungsvermögen und angereichert mit einigem authentischem Erfahrungsreichtum macht Sünner sehr schnell klar, wie eine undifferenzierte Tabuierung esoterischer und mythischer Themen das Gegenteil von dem bewirkt, was sich die aufgeklärten Verdränger erhoffen. Wenn wir beispielsweise den Gralsmythos, die Parzival-Sage oder die Sonnenmysterien der alteuropäischen Megalithzeit auf Dauer für „unberührbar“ erklären, nur weil sie in der Zeit des Nationalsozialismus missbraucht worden sind, berauben wir uns kulturell selbst.
Die detailgetreue Beschreibung des Missbrauchs der mythischen Seelenebene durch den Nationalsozialismus gehört somit zur unabdingbaren Grundausstattung all derer, denen „spirituelle Politk“ heute am Herzen liegt. Es gibt auch heute noch Kräfte und Gruppen, die Esoterik und Mythen im hitlerschen Sinn pervertieren. Aber es sind wenige, und wir sollten sie und ihre speziellen Ausdrucksformen kennen, um nicht wieder einmal das Kind mit dem Bade auszuschütten und uns vom großen Reichtum unserer geistig-seelischen Tiefendimensionen selbst abzuschneiden. Wir brauchen diesen Kontakt mit unserer Geschichte auch aus politischen Gründen:
„Die modernen Massen, die der geistigen und geistlichen Kultur beraubt seien, stünden der Religion unwissender und ‚barbarischer‘ gegenüber als die polynesischen Völker mit ihren Riten und Hexen. Wenn der religiöse Hunger ... erwacht, so geben sie sich womöglich mit dem Gröbsten zufrieden.“ (Sünner zitiert den Kulturphilosophen Rougement aus den 30er Jahren)
In der Tat war der Hunger nach einem Erlösungsmythos im Volk und die schon in der Lebensreform seit Ende des 19. Jahrhunderts angelegte Gegenbewegung zur naturfernen, herzlosen Industriekultur kein unbedeutender Aspekt für den Aufstieg Hitlers. Die Linke beschränkte sich in der ideologischen Auseinandersetzung auf die vornehmlich aufklärerisch rationale Ebene und überließ damit die geistig-seelische Tiefendimension der Rechten. Wir tragen sie aber in uns, ­diese Gefühle und Sehnsüchte, die etwas zu tun haben mit Lagerfeuerromantik, rituellem Gemeinschaftserleben, der Überschreitung allzu enger Ich-Grenzen und der Verschmelzung mit dem Größeren.
Mehr noch als im Buch wagt Rüdiger Sünner in seinem Dokumentarfilm Kontakt mit diesen, manchmal heimlichen oder irrationalen Sehnsüchten. Er hat nicht nur die Wewelsburg mit ihren schaurig-mythischen Fresken der NS-Zeit besucht, sondern auch Jahreskreisrituale im neoheidnischen Kontext erlebt und kennt die „mythologische Heimatlosigkeit“ speziell der Deutschen. So sind wir hierzulande eher bereit, naturreligiöse Dimensionen im Rahmen indianischer oder anderer außereuropäischer Traditionen zu suchen als in der eigenen Geschichte. Vielleicht mal gerade noch im keltischen, aber wohl kaum im germanischen Zusammenhang. Immer wieder fordert Sünner ein genaueres Hinschauen. Die Mythen des alten Europas haben nicht automatisch zum Natio­nalsozialismus geführt. Genauso wenig wie die gesellschaftliche Fundamentalkritik der Lebensreformbewegung gegenüber dem Kapitalismus automatisch zu Hitler führt. Hier sind wir dicht an des Pudels Kern.
Sowohl die Gesellschaftskritik der Lebensreformbewegung als auch die Kraft und Verbindung, die wir in Mythen und Ritualen finden können, sind zuallererst positive und lebensdienliche Werte. Erst ihre bewusste Instrumentalisierung und Pervertierung durch eine konsequente und demagogische rechte Ideologie haben sie zu vergifteten Waffen im Kampf um die Herzen und Hirne gemacht.
Sünners Buch und Film sind Aufklärung vom Allerfeinsten. Wer die Lektion verinnerlicht, ist weniger denn je bereit, sich von demagogischen Sündenbockideologien blenden zu lassen. +

Weiterführende Literatur: Heyer, Karl: Wenn die Götter den Tempel verlassen, Verlag Freies Geistesleben, Stuttgart, 1947 • Kirchhoff, Jochen: „Nietzsche, Hitler und die Deutschen: Die Perversion des Neuen Zeitalters. Vom unerlösten Schatten des Dritten Reiches“, Taschenbuch, Edition Dionysos, 1990

Gandalf Lipinski ist Autor und Lehrer für Körpertheater und rituelles Spiel, betreibt die Konvergenz-Gesellschaft, koordiniert das „Ensemble 90“ und engagiert sich im Holon-Netzwerk. Er ist Redakteur der Zeitschrift Oya. www.oya-online.de, www.holon-net.net