Die Mitte

von Anna Katharina Buse , Stefan Brönnle erschienen in Hagia Chora 3435/2010

Im zweiten Teil der Einsteiger-Artikel in Hagia Chora erklären Anna-Katharina Buse und Stefan Brönnle, warum die Mitte eines Hauses oder einer Wohnung mit der gefühlten „inneren Mitte“ des Menschen resoniert.

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Anna-Katharina Buse:
Die Mitte des Hauses leuchten lassen

Die Mitte eines Gebäudes oder einer Wohnung repräsentiert das Zentrum der Lebenskraft. Es symbolisiert den Spiegel Ihrer eigenen inneren Mitte. Dieser Bereich liegt meist in der exakten geometrischen Mitte der Wohnung. Sie können aber auch die Mitte eines jeden Raums als symbolische Mitte betrachten.
Bei der Mitte geht es um die Selbstwahrnehmung, um das eigene Ich, um den eigenen Wert und auch Selbstwert, auch um das Potenzial für eine gute Gesundheit. „In der eigenen Mitte sein“ oder „Finde deine Mitte, und du bist angekommen“, sind Redewendungen, die uns die Wichtigkeit der Mitte näherbringen.
Die eigene Mitte zu finden, ist ein Lernprozess, in dessen Verlauf wertvolle Erkenntnisse gewonnen und verarbeitet werden. Die Wege, die wir dabei gehen, sind wie die Wege in einem Labyrinth. Immer wieder ändern sich die Richtungen, wir gehen Umwege, aber sie werden uns letztlich zur Mitte führen, wenn wir bereit sind, dem Impuls unserer inneren Stimme und inneren Kraft zu folgen. Ich bezeichne die Mitte gerne als „das Herzstück“, denn hier ist der Ort, an dem sich die Herzen öffnen können.

Unbewusste Wahrnehmung
Wenn ich im Alltag zwischen Entscheidungen, Verpflichtungen oder verschiedenen Gemütszuständen hin und her schwanke, bin ich nicht in meiner Mitte, sondern sozusagen „außer mir“. In unserer schnell­lebigen Gesellschaft lässt sich im Alltag nur schwer Stabilität aufbauen. Oft sind die Menschen so sehr ständig in Bewegung, dass sie kein Gefühl für Zentrierung mehr haben. Aber wer nicht zentriert ist, weht hin und her wie ein Blatt im Wind und kann keinen eigenen Standpunkt entwickeln.
Diese Tendenz spiegelt sich in den heutigen Bausituationen. Auffällig ist in modernen Bürogebäuden oder Wohnhäusern, dass sich in ihrer Mitte Aufzüge, Treppenhäuser, Abstellkammern oder Toilettenanlagen befinden. Das Zentrum ist verbaut. So unterstützen auch die Räume die Bewohnerinnen und Bewohner nicht, in die eigene Mitte zu finden, sondern sie fördern eher noch Hektik und lassen sie nicht zur Ruhe kommen. Was das für den einzelnen Menschen bedeuten kann, zeigt ein Beispiel aus meiner Beratungstätigkeit.
Eine Frau kam zu mir und klagte über ständige Selbstzweifel. In der Beratung schilderte der Ehemann, dass das Paar in seiner Hauptwohnung wesentlich mehr Auseinandersetzungen habe als in seiner Ferien­wohnung. Die Themen bezogen sich immer auf Selbstzweifel oder Selbstannahme und kamen verstärkt bei der Ehefrau zum Ausdruck. Bei der Analyse des Grundrisses ihrer Hauptwohnung zeigte sich, dass der Aufzug und der Abstellraum das Zentrum einnahmen. Der Aufzug steht im Feng Shui für ein schnelles Auf und Ab, der Abstellraum für Verhaltensmuster, die dort geparkt werden. Beides zusammen führt zu großer Instabilität.
Um Ruhe und Stabilität in die Mitte der Wohnung und somit auch in die Mitte ihrer Bewohner zu bringen, haben wir im Rahmen der Beratung Impulse zur Stärkung des Selbstwerts gesetzt. Die Selbstzweifel und Auseinandersetzungen des Ehepaars haben sich kurz danach auf ein normales Maß zubewegt.
Wie lässt sich eine solche positive Wechselwirkung erklären? Unsere Wohnung stellt nach Körperhaut und Kleidung unsere dritte Haut dar. Sie ist genauso mit unserem Inneren in Resonanz wie es unsere Kleidungsstücke sind. Dass die Farben, Schnitte und Materialien unserer Kleidung unser Lebensgefühl beeinflussen, weiß jeder aus eigener Erfahrung. So verwundert es nicht, dass wir unsere persönliche innere Mitte stärken können, indem wir die Wohnungsmitte betonen.
Vorteilhaft ist, wenn die Mitte als geschützter Freiraum gestaltet wird, der uns zugleich Offenheit und eine flexible innere Haltung vermittelt als auch inneren Halt gibt und unser Selbstvertrauen und unser Selbstwertgefühl wachsen lässt.

Die Mitte im Feng Shui
In der traditionellen chinesischen Baukunst bildet die Mitte oft ein Atrium in den Gebäuden, wo sich das Qi, die Lebensenergie, sammeln kann. Der Begriff Ming Tang („erleuchtete Halle“), wird heute im Feng Shui auch als Bezeichnung für den Innenhof eines Gebäudes verwendet. Hier soll das Qi „leuchten“. In diesem Sinn sind die Innenhöfe die Quelle der ursprünglichen Lebenskraft.
Die vier Himmelsrichtungen werden hier mit einer fünften ergänzt: der Mitte als Achse zwischen Himmel und Erde. Während sich alle anderen Qualitäten in ständiger Bewegung befinden, so wie sich auch der Sonnenstand ständig ändert und sich die Tages- und Jahreszeiten wandeln, bleibt die Mitte als Weltenachse stabil. Sie verkörpert den Menschen selbst, auf den die Einflüsse der Umgebung einwirken.
Bei der Analyse von Wohnräumen arbeitet man im traditionellen Feng Shui mit dem sogenannten magischen Quadrat (vgl. Abbildung Seite 95), dem Luoshu, das in neun gleiche Bereiche unterteilt ist, die man „Paläste“ nennt. Die äußeren acht Bereiche sind jeweils einer Himmelsrichtung bzw. Zwischenhimmelsrichtung zugeordnet. In der Mitte sind die Kräfte aller Himmelsrichtungen ausgeglichen. Die Mitte ist immer der Wandlungsphase Erde zugeordnet. Erde steht für den Ursprung aller Dinge, für Weite, Größe, Ruhe und Macht.
Im Feng Shui gilt es als ideal, wenn der Grundriss des Gebäudes möglichst quadratisch ist, also keine „Fehlbereiche“ aufweist, so dass einer der neun Bereiche nicht vom Grundriss überdeckt wird. Fehl­bereiche sollen sich auf die Kraft der Hausmitte auswirken und zu instabilen Lebenssituationen oder gar Krankheiten beitragen. Hier gibt es dann verschiedene Möglichkeiten, das Haus zu balancieren, deren Darstellung den Rahmen dieses Beitrags jedoch sprengen würde. Die Bilder, die das Feng Shui verwendet, sind auch für westliche Menschen sehr inspirierend. Haben Sie schon einmal überlegt, ob sich Ihre Hausmitte wie eine „erleuchtete Halle“ anfühlt, als ein Quell von Lebenskraft? Dieses Bild lässt sich auch in alltägliche Gestaltungen einfach übersetzen. Der nebenstehende Kasten gibt ein paar Tipps:

• Lassen Sie die Mitte jedes Ihrer Wohnräume frei, denn nur aus der Mitte heraus kann sich etwas Neues entwickeln, und jede gute Entwicklung braucht Freiraum.

• Nutzen Sie die Mitte zum Innehalten, indem Sie sich dort auf dem Boden niederlassen und einen Augenblick die „neue“ Perspektive um sich herum betrachten. Spüren Sie in der Mitte ihrer Verbindung zur Erde ebenso wie der Verbindung zum Himmel nach.

• Sie können das Zentrum durch die Kennzeichnung des Mittelpunkts betonen, zum Beispiel durch einen runden Teppich oder einen Kreis bzw. Punkt am Boden oder durch die Einarbeitung einer Intarsie oder eines Symbols in den Fußbodenbelag.

• Erstreckt sich das Zentrum über mehrere Wohnräume, kann ein goldener Farbstreifen in Augenhöhe über alle Wände eine Verbindung schaffen.

• Ein Kristallleuchter in der Mitte eines Wohnraums lenkt die Energie und gibt dem Raum einen Halt.

• Bilder oder Sprüche, die in Ihnen den Blick auf das Gute richten, stärken das eigene Potenzial.

• Ein Rosenquarz steht für die weibliche Kraft, die Schwingung des Herzens, für Gefühlswelt und Partnerschaft. Daher kann ein Rosenquarz in der Mitte für Stabilität in der Selbstannahme wirken.

• Es ist schön, sich in der Mitte einen Altar als Kraftplatz einzurichten: Ein Regal oder Tisch mit Dingen, die für Sie für eine Verbindung mit etwas Größerem stehen.

• Je dunkler die Mitte gestaltet ist, umso mehr wirken helle goldgelbe Farben und warme Lichtquellen ausgleichend.

• Neigen Sie zum Sammeln oder Aufbewahren von Geschenken oder Dingen, die Sie nicht erfreuen? In diesem Fall empfehle ich Ihnen, das mittlere Fach im Wohnzimmerschrank frei zu halten, als Symbol für die Leere. Das ist ein heilsamer Gegenpol zur Fülle der Welt, die in allen anderen Regalen gerne ihren Ausdruck finden kann. Die Leere ist der Ursprung. Sie werden nicht glauben, wie schwer es Ihren Familienmitgliedern fallen wird, das Fach leer zu halten – eine spannende Übung.

• Eine Spirale, in der Raummitte aufgehängt, erzeugt ein sanft pulsierendes Feld im Raum, erhöht die Raumenergie und harmonisiert und stabilisiert die Atmosphäre. Auch das Symbol des Dao, das uns daran erinnert, dass der Weg zu uns selbst in der Stille liegt, eignet sich gut, um die Mitte einer Wohnung zu betonen.

Anna Katharina Buse, Architektin, langjährige Erfahrung in der Leitung von Großbauprojekten, betreibt die „Schule für spirituelles Feng Shui, Geomantie und Wohlfühlarchitektur“. www.wohlfuehlarchitektur.de

 

Stefan Brönnle:
Mitte des Menschen – Mitte der Welt

Das psychologische Bedürfnis des Menschen nach einer Mitte ist unglaublich groß. Darauf verweisen schon Wörter wie „Medi-zin“ oder „Meditation“ – medietas bedeutet im Lateinischen „Mitte“. Wir bedürfen der beständigen Rückführung zur eigenen Mitte. Erst durch die Bewusstwerdung der eigenen Mitte erkennen wir uns selbst. Nach ihrem Ich und ihrer eigenen Mitte befragt, weisen Europäer meist auf das Herz bzw. die Brust. Das Herz galt in Europa traditionell als Sitz der Seele. In Asien dagegen, vor allem in Fernost, deuten viele Menschen, wenn sie „ich“ sagen, auf den Bauchraum. Dort sitzt in der Zen-Tradition das Hara als Zentrum des Lebens. Für die Daoisten liegt hier das „Zinnoberfeld“, genannt Dantian. Hier soll sich die Urkraft des Lebens, das Qi, speichern lassen und so Unsterblichkeit verleihen. Kulturell definiert Europa also eine andere Mitte als Asien, und auch individuell lassen sich im Körper, je nach Gemütsverfassung, verschiedene Lagen der Mitte erspüren – mal etwas höher, mal etwas tiefer, ja manchmal sogar exzentrisch.
In der Geschichte wanderten die Mitten ganzer Völker. China verlegte beispielsweise seine Hauptstadt, so dass Beijing („Nördliche Hauptstadt“) und Nanjing („Südliche Hauptstadt“) entstanden. Und jede Stadt brauchte ihre eigene Mitte. In Beijing liegt sie in der Nähe des Himmelstempels. Ein dreistufiger Altarplatz, Erde, Mensch und Himmel verkörpernd, trägt exakt im Zentrum einen runden Stein. Hier, genau hier, so der Mythos, liegt die Mitte der Welt. Im antiken Delphi konnte das Orakel zunächst nur an einem einzigen Tag im Jahr weissagen, nämlich dann, wenn die „Große Erdschlange“ anwesend war. Bis Apollo kam, und das Haupt der Schlange mit einer Lanze durchbohrte und sie so am Boden fixierte. Er begrub die Schlange und setzte auf ihr Haupt den Omphalos, den „Nabelstein“ – die heilige Mitte.

Die Mitte des Hauses
Die heilige Mitte des Hauses war in früheren Zeiten der Herd. In vorchristlicher Zeit wurden die Ahnen oftmals unter der Herdstelle bestattet. Der Herd verheißt Wärme und Nahrung, und im geistig-symbolischen Sinn ist er der Omphalos des Hauses. So galt die Asche in der Volksmagie als magische Substanz, und der Kaminkehrer war ein magischer, später mit einem Tabu belegter, „unreiner“ Beruf. Heute wiederum gilt er als Glücksbringer. Wenn der Herd mit dem zugehörigen Kamin das heilige Zentrum war, das mit seiner Weltenachse (dem Schornstein) am First des Hauses den Kontakt zu anderen Welten aufbaut, war er folglich auch das Zugangsportal für göttliche Mächte. Daher muss der Weihnachtsmann im angelsächsischen Raum mühselig durch den Kamin steigen, darum ist auch der auf dem Kamin nistende Storch der „Seelenvogel“, der Bote der großen Göttin. Der Storch trägt die Farben der weiblichen Dreifaltigkeit – Schwarz, Weiß und Rot: rote Beine, weiße Federn, schwarze Flügelspitzen. Er trägt die Seele des Kindes aus den Quellen und Teichen – den Toren zum Reich der großen Mutter – zum Kamin, der Mitte des Hauses.
Und heute? Im Zeitalter der Fertignahrung hat der Herd seine Rolle als heilige Mitte verloren. Die Küche ist meist irgendwo an der Peripherie angesiedelt. Die Wärme kommt von außen per Fernleitung oder aus dem Keller. Die geometrische Mitte eines Hauses wird oft nur als Gang genutzt. Wir haben unsere Mitte aus den Augen verloren. Und so geht es den meisten Menschen auch: Sie suchen im Außen und an der Peripherie nach dem, was ihr eigenes Wesen ist. Inneres Wesen und äußere Raumgestaltung spiegeln sich hier wieder einmal sehr deutlich: Die Mitte des Hauses spiegelt die Mitte des Selbsts.

Die eigene Hausmitte gestalten
Das Gefühl, nicht wirklich in sich zu ruhen, getrieben oder zerrissen zu sein, spiegelt sich im symbolischen Bild des Grundrisses wider, in dem die Mitte durch Mauern zerteilt oder von Gängen zerfasert ist.
Die Gestaltung der Mitte ist eine der kraftvollsten und zugleich sensibelsten geomantischen Akte. Sie sollte nur gemeinsam mit allen Mitbewohnern vollzogen werden, denn jeder einzelne hat seine eigene körperliche und innere Mitte, so dass jeder sein eigenes Gefühl zur gemeinsamen Hausmitte entwickeln muss.
Der Prozess einer Mittengestaltung braucht vor allem Zeit. Ich empfehle, einen ganz entspannten Moment dafür zu wählen. Das Telefon und die Haustürklingel sollten ausgeschaltet und alle anderen denkbaren störenden Faktoren vermieden werden.
Als ersten Schritt können Sie eine Reise in die Körpermitte unternehmen: Legen oder setzen Sie sich bequem hin, und schließen Sie die Augen. Nun spüren Sie in Ihren Körper. Wo haben Sie das Gefühl, wirklich bei sich zu sein? Machen sie sich frei von mentalen Konzepten, was eine Mitte sein kann. Der mittige Raum im Körper kann im Bauchraum sein, aber auch im Brustraum. Wo sind Sie wirklich bei sich? Spüren Sie eine Weile dort hinein, atmen Sie ruhig, fühlen Sie die Ausdehnung Ihrer Mitte. Und nun fühlen Sie gezielt nach: Wenn Sie ganz bei sich sind, wenn Sie in Ihrer Kraft sind, wie fühlt sich das an? Ist da ein Klang, eine Farbe, eine Form, eine Situation, die in Ihnen auftaucht oder an die Sie sich erinnern? Vielleicht ist es eine Erinnerung aus Ihrer Kindheit, als Sie ganz bei sich waren. Fühlen Sie nach: Welche Farbe hat Ihre Mitte? Welche Form? Welches Symbol taucht auf?
So erfahren Sie, wie Ihre häusliche Mitte gestaltet sein könnte: Soll die Gestaltung ruhig oder lebendig sein, kräftig oder sanft, überbordend oder nach innen blickend? Am besten tauschen sich alle Bewohnerinnen und Bewohnern über ihre Wahrnehmungen aus, damit eine Gestaltung gefunden wird, bei der sich jede und jeder angesprochen und wohl fühlt.
Die Mitte des Hauses kann jegliche Form annehmen. Sie kann ein geräumiges Foyer sein, ein Innenhof wie bei chinesischen Häusern oder wie bei einem römischen Atrium. Es kann dort ein Springbrunnen stehen, ein schöner Stein, ein runder Teppich liegen oder einfach nur Ihr Seelenbild hängen. Nur eines braucht die Mitte unbedingt: Raum. Achten Sie darauf, dass die Mitte nicht zwischen Garderobe und Schuhschrank eingequetscht wird, sondern geben Sie ihr die Achtung, die sie verdient.
Investieren Sie etwas in diese Gestaltung, denn diese Investition ist die Manifestation von Energie: Investieren Sie Geld, indem Sie etwas wirklich Wertvolles dort platzieren. Investieren Sie Zeit, indem Sie so lange suchen, bis Sie wirklich etwas Passendes gefunden haben. Investieren Sie Arbeit, indem Sie es selbst töpfern, schnitzen, malen … Wenn Sie dann die Gestaltung vollziehen, können sich wunderbare Veränderungen in Ihrem Leben ereignen, denn Sie haben Ihre Seelenmitte in die physische Welt geholt. 

Stefan Brönnle beschäftigt sich seit über 20 Jahren mit den Themen der Geomantie. Er ist tätig als geomantischer Berater und Gestalter (www.stefan-broennle.de), sowie als Dozent und Ausbildungsleiter (www.inana.info).

 

Das Buch zum Thema: The Sacred Center

Noch plant meines Wissens kein deutscher Verlag, das Buch von John Michell zur „heiligen Mitte“ ins Deutsche zu übersetzen, deshalb stellen wir an dieser Stelle ausnahmsweise einen englischen Titel vor. Das Buch liest sich auch für Englisch-Anfänger einfach und sehr schön. Der große Pionier der Geo­mantie, John Michell, hat einen wunderbaren Schreibstil. Sein Buch „The View over Atlantis“ war ein wichtiger Impulsgeber für die Earth-Mysteries-Bewegung im England der 70er-Jahre, die wesentlich zum Enstehen von dem, was wir heute Geomantie nennen, beigetragen hat.
Dieses Buch verdeutlicht, warum das Thema der Mitte in der Geo­mantie so omnipräsent ist: In der Weltsicht aller traditionellen Kulturen kreist die sich immer wandelnde Welt um denselben unbeweglichen Punkt: Die Weltenachse. Für Michell ist das ein Spiegel der psychologischen Grundkonstitution des Menschen, der einerseits sein eigenes Zentrum finden muss, andererseits aber auch zu begreifen hat, dass er nur Teil eines Größeren ist und auch sein Bewusstsein aus genau derselben Quelle stammt wie das aller anderen Menschen. Das Thema der „eigenen Mitte“ hat also nichts Egoistisches. Bei Licht betrachtet geht es hier um die Verbindung mit der Ganzheit.
Verschiedene Kulturen haben postuliert, dass in ihrem Land der „Nabel der Welt“ läge, und das kann auch sein, weil sich die heilige Mitte in jedem Mikro- und Makrokosmos neu finden lässt: in der zentralen Zeltstange einer sibirischen Jurte ebenso wie auf den Bergen Kailash, Golgatha oder dem Olymp. Michell unternimmt eine Reise zu verschiedenen Kulturen auf der Suche nach ihrer jeweils spezifischen Ausgestaltung der heiligen Mitte der Welt. Am intensivsten ist er natürlich in seiner Heimat, den Britischen Inseln, unterwegs. So erfährt man über die Mitten der Isle of Man, von Irland, England oder den Shetland-Inseln viele Details. Damit gibt er zugleich eine Einführung in traditionelles geomantisches Wissen darüber, wie eine Landschaft den Kosmos widerspiegelt. Das Buch endet mit einem Kapitel über die Rolle der Mitte in der „heiligen Geometrie“. Lara Mallien

John Michell: „The Sacred Center. The Ancient Art of Locating Sanctuaries“ (Neuausgabe von „At the Centre of the World“), 192 Seiten, Inner Traditions, Rochester, Vermont 2009, ISBN 978-1594772849, 14,99 Euro

 

In diesen Büchern geht es unter anderem um die Gestaltung der Mitte von Räumen:

Karin Brandl: „Die magische Mitte. Kreative Rituale im Zentrum der Macht“, Alchima Verlag, 2002

Stefan Brönnle: „Das Haus als Spiegel der Seele“, Neue Erde, 2007; und: „Heiliger Raum. Sakrale Architektur und die Schaffung ‚Heiliger Räume‘ heute“, Neue Erde, 2010

Stephan A. Kordick: „Die Seele des Raumes berühren“, Neue Erde Verlag, 2009

Harald Jordan: „Räume der Kraft schaffen. Der westliche Weg ganzheitlichen Wohnens und Bauens“, AT Verlag, 2004