Geomantische Utopie

von Siegfried Prumbach erschienen in Hagia Chora 3435/2010

Siegfried Prumbach über die Logik des Markts und Gedanken aus der Anderswelt.

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Wer sich einen unvoreingenommenen Blick auf die globalen, ökologischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Prozesse erhalten hat, kann nicht an der Entwicklung einer Zukunftsvision arbeiten, ohne bei dem Wort Zukunft erschrocken innezuhalten. So kann auch die Vision einer neuen, zukünftigen Geomantie nicht unabhängig von dieser Entwicklung zu sehen sein. Um also der Frage nach einer konkreten geomantischen Utopie für die Jahre nach 2020 nachgehen zu können, bedarf es meiner Meinung nach zuerst einer Analyse der Gegenwart. John McHale, der als Designer mit den Uto­pien der 60er-Jahre zur Stadtentwicklung bis in unsere Zeit hinein gedacht hat, soll die kryptischen Sätze formuliert haben: „Die Zukunft der Vergangenheit liegt in der Zukunft, die Zukunft der Gegenwart liegt in der Vergangenheit, die Zukunft der Zukunft liegt in der Gegenwart.“ Das heißt, nur jetzt haben wir die Möglichkeit, eine neue Zukunft zu gestalten. Daher sollten wir zunächst den Status quo in Gesellschaft, Ökologie und damit auch in der Geomantie feststellen – wie sonst könnten wir ein Bild der Zukunft entwickeln?

Verschiebungen
Als Leiter einer Geomantieschule beobachte ich eine Verschiebung geomantischer Werte, Tätigkeiten und Ansprüche in Bezug zum gesellschaftlichen Kontext. Die Belegungszahlen für die geo­mantischen Angebote gehen zurück. Unsere ökologisch-spirituell interessierte Klientel sagt uns, dass die Wirtschaftskrise sie dazu veranlasst, zu sparen. Aber es scheint eher eine Besinnung auf das ganz Persönliche zu geben, weit entfernt von der globalen Verantwortung und das Engagement für eine Erde, die längst nicht mehr am Rand eines Abgrunds steht, sondern aktiv begonnen hat, das System Mensch zu korrigieren. Haben wir es in Anbetracht der Bedrohung mit einer Art gesellschaftlichem Autismus zu tun, oder ist dies zu einseitig gesehen? Vielleicht haben auch wir Anbieter in der Vergangenheit eine Weggabelung übersehen, die uns nicht vom Wesen der Geomantie, von ihrer Seele weggeführt hätte? War nicht die Aufmerksamkeit zu sehr auf den Aspekt einer praktischen Anwendbarkeit gerichtet? Ich finde, dass immer mehr geomantische Arbeiten nach einer Art Kochbuchgeomantie gehandhabt werden; da werden leicht nachzuvollziehende Rezepturen gehandelt. Das Feng Shui hat mit seiner Popularisierung diese Entwicklung vorweggenommen.
Unsere Anliegen scheinen zumindest in Ansätzen in der Architektur, in der Landschaftsgestaltung oder im Design angekommen zu sein. Auffallend ist, dass geomantisches Wissen und Gedankengut auch bei solchen Planern Anwendung findet, die nie ein Geomantie-Seminar besucht haben. Nun könnte man meinen, dass dies eine wünschenswerte Entwicklung ist. Dann aber war die Geomantie nur ein „Hype“, eine Modeerscheinung.
Für mich stellt sich die grundlegende Frage, ob es sich bei der Geomantie um ein neues Paradigma handelt, um einen neuen Umgang mit der Erde, der weitreichende gesellschaftliche Konsequenzen hat, oder ob es nur um ein paar Methoden und Techniken geht, die das bestehende gesellschaftliche System, ohne sich zu verändern, absorbiert. Der geomantische Pragmatismus, die unbedingte Anwendbarkeit dessen, was eigentlich nicht zu fassen ist, folgte unserer alles dominierenden sozialen Prägung des Machens. Vielleicht war die andere Seite des geomantischen Anspruchs einfach zu schwierig zu vermitteln. Die Verantwortung für die Erde und für das Ganze zu tragen, sie zu unterstützen und heilen zu wollen, war eine hohe Messlatte. Sich für den Planeten einzusetzen, wo unser Blick in der Tat nur bis zum Horizont reicht, übersteigt die menschliche Vorstellungskraft. Das scheinen nur Spezialisten zu können, Politiker, Ökologen, Zukunftsforscher – oder Geomanten. Die Spezialisten sind genau diejenigen, denen der Normalbürger nicht gerne vertraut. Im Gesellschaftskontext zerreibt sich die Geomantie in gewisser Weise an einer Küste aus Erfolgszwang und Abgehobenheit.
Unsere Erfahrungen im Umgang mit Verwaltungsgremien, kommunalen Organisationen, Gemeinden und Unternehmen lassen immer wieder die Kluft durchscheinen, dass das Ganze oder die Seele der Erde schwer in eine erfahrbare, menschliche Dimension zu bewegen ist, aus der dann ein altruistisches Handeln eines Verwaltungsapparats hervorgehen soll. Letztlich ging es immer um Konkretes, um diese Landschaftsgestaltung oder jenen Flächennutzungsplan, der zum Gegenstand geomantischer Arbeit wurde. Man ging davon aus, dass die geomantische Arbeit eines Tages fester Bestandteil der planerischen Arbeit im Mainstream werden würde. Die derzeitige Entwicklung widerspricht dem aber. Würde Geomantie ein wachsender, ernstzunehmender Faktor in der Planungsarbeit sein, müssten immer mehr Menschen in die Ausbildungen strömen. Das geschieht aber nicht. Die Entwicklung stagniert. Und das liegt nicht an der Wirtschaftkrise.

Die Logik des Markts
Wir können heute parallel zu dieser Entwicklung beobachten, wie sich der Aufbruch der grünen Bewegung, zu der ich auch die Geo­mantie rechnen würde, in der Rechtfertigungslogik des Markts auflöst, erkennbar an der Entwicklung zahlreicher „grüner Produkte“ wie den umweltzerstörenden Biotreibstoffen, den grünen Mäntelchen multinationaler Konzerne oder den grünen Programmen schwarzer Politik, die auch das Wachstum einer grünen Partei begrenzen. Dabei ist die Hoffnung, wir könnten ökologisch und sozial weltweit das Ruder umlegen, nach Kyoto, Rio und Kopenhagen vollends geschwunden.
Ich glaube, dass Geomantie keine Zukunft in der Anpassung an die sich über kurz oder lang auflösende Megamaschine der westlichen Macher-Kultur hat, weil sie von ihr eingeebnet wird. Aber: Was ist sie dann? Eindeutig ist die Geomantie eine topische, also geografische Disziplin, die im Zusammenhang mit den Themenbereichen von Klima, Lage, Ort und Kultur für eine spirituelle Haltung steht. Sie ist eine integrative Disziplin mit einem integrativen Bewusstsein oder möchte es zumindest sein. Allerdings würde ein integratives Bewusstsein auch die Trennung von Mensch und Ort aufheben, und es wäre zukünftig nicht mehr angebracht, von einer Seele des Orts zu sprechen, ohne gleichzeitig zu erkennen, dass diese Ortsseele oder jener Genius Loci immer auch die eigene Seele ist. Zu lange haben sich Geomantinnen und Geomanten im Dualismus Erde-Mensch bewegt. Meiner Meinung nach liegt nichts außerhalb von uns, weder eine Seele der Erde, noch eine andere kosmische Planetenseele. Es ist immer die eigene Seele, die sich im Ort spiegelt. Ohne dass wir Mensch und Erde zusammen sehen, wird es keine Zukunft der Geomantie geben.
In unserer heutigen Zeit ist die Trennung von Mensch und Umwelt vollkommen. Aber genau die Umkehrung wäre die konkrete Utopie einer neuen Geomantie. Das Wesen der Geomantie ist die Beziehung zwischen dem Menschlichen und dem Nicht-Menschlichen. Es sind die nicht-menschlichen Wesen, die Pflanzen, Tiere und Landschaften, das Klima, die Orte, zu denen wir in Beziehung treten können. Die Voraussetzung hieße bedingungsloses Zuhören. So würden wir begreifen: Es gibt keine Erde außerhalb von uns, wir sind die Erde. Wie man mit dem Nicht-Menschlichen umgeht, kann nicht einer Rezeptur unterliegen, sondern bedarf jedes Mal einer neuen Öffnung, eines neuen Dialogs, dessen Resultat nicht vorhersehbar ist. Nicht wir machen etwas mit den Orten, sondern sie sind unsere Meister, von denen wir lernen, wenn wir still zuhören. Dann erst kann ich erfahren, was der Ort von mir will, dann erst kann ich seine bzw. meine Wahrheit begreifen. Das ist Geomantie im wörtlichen Sinn.

Zukunftsszenarien
Wenn ich meine geomantische Utopie konkretisiere, erkenne ich entsprechend der Ungewissheit von Prognosen mehrere mögliche Szenarien: Ignoriert die heutige Form des globalen Wirtschaftens weiterhin die ökologischen Belange des Planeten, sehe ich das Bild reicher Länder, in denen Eliten sich rigoros vom Rest der Menschheit abschotten. In Europa, in den ölfördernden Staaten oder auch in Nordamerika werden eine Reihe von Transition-Towns und Ökostädte oder andere Ökoblasen entstehen, die den Eliten ein komfortables Leben gewähren. Die Schaffung dieser grünen, sogar auch geomantisch geplanten Oasen des permanenten Überflusses steht im Kontrast zu einem sonst öden und verarmten Planeten. Das wäre die wohl traurigste Vision einer zukünftigen Geomantie.
Ein deutlich besseres Szenario wäre es, wenn die reichen Länder des Nordens den armen Ländern des Südens, die ja schon heute die Folgen der ökologischen Schuld des Nordens tragen müssen, mit billionenschweren Unterstützungsprogrammen bei der Bewältigung der heute schon anstehenden Ernährungskatastrophe helfen würde. So könnte soziale und ökologische Gerechtigkeit entstehen, in der es nicht mehr um den Reichtum einzelner geht, sondern um das Wohlergehen aller. In diesem Szenario begänne das goldene Zeitalter einer nicht gewinnorientierten Geo­mantie, die sich ganz dem Sein oder der Seelenheilung verschreiben könnte. Zugegebenermaßen ist dieses Szenario das Unwahrscheinlichste von allen.
Ein durchaus realistisches Szenario sehe ich leider in einem teilweisen oder auch vollständigen Kollaps wirtschaftlicher, politischer und gesellschaftlicher Strukturen. Das wäre eine Art globaler Winter. Allerdings könnten in ihm Samen in Form tragfähiger Utopien heranreifen. Systemisch am wahrscheinlichsten ist allerdings die Feedback-Reaktion des Planeten auf das System Mensch in Form ökologischer oder kosmischer Katastrophen, die uns unter Umständen wieder bei Null anfangen lassen würden. Welches Szenario sich auch immer durchsetzen wird, die Geomantie wird überleben, wenn sie sich wieder auf ihr Wesen besinnt.

Gedanken aus der Anderswelt
Meine Gedanken stehen in Beziehung zur Erfahrung, einen Raum jenseits des Habens betreten zu haben, einen Raum, den man auch Anderswelt nennen kann. Er liegt weit hinter allen Vorstellungen, dort, wo das kosmische Bewusstsein entstehen könnte. Die Erfahrung gemacht zu haben, dass ich die Erde bin, dass jeder Ort ein Ankerplatz für die Seele ist, dass Liebe der Grund aller Schöpfung ist, hilft mir, in einer Zeit der Auflösungen verbunden zu bleiben. Ich habe begriffen, dass das Nicht-Menschliche unser Lehrer ist. Die Meisterpflanzen, Krafttiere, Kraftorte, die Wolken, Winde und Sterne werden uns lehren, wohin unser Weg führt. Das werden wir brauchen, ganz gleich, welche Zukunft uns bevorsteht. Für mich liegt das Wesen und die direkte Umsetzung der Geomantie in der Kommunikation mit der Anderswelt und im Betreten dieser Welt des Seins. Diesen Weg zu vermitteln, den Raum der Liebe, des Lebens und des Geists über einen heiligen Ort zu betreten, ist meine Vision einer zukünftigen Geomantie. Ich nenne diesen Weg schon heute Ökotherapie und die Disziplin Ökopsychologie. Was wir davon haben werden? Wir werden lernen, zu teilen, mitzufühlen, zusammenzuleben und als Spezies zu überleben. Wie das aussehen wird, diese neue Geomantie? An jedem Ort, mit jedem Menschen wird sie einen neuen Weg vorschlagen. Die nicht-menschlichen Wesen werden uns lehren, so wie sie es immer getan haben, wenn wir bereit sind, zuzuhören.
Konkret plädiere ich für eine Geomantie der Initiierungsrituale, für die Arbeit an der Entstehung eines kosmischen Bewusstseins anstelle der Unwissenheit omnipotenter Ichbezogenheit, die unsere Endzeitkultur prägt. Wenn ich mir meine eigene Zukunft vorstelle, denke ich an das Leben in einer ländlichen Gemeinschaft, die in der Lage ist, sich selbst zu versorgen. Ich habe 25 Jahre lang Steine an Geopunkte gesetzt, und ich hoffe, es in zehn Jahren auch noch tun zu können, um so meinen Lebensunterhalt zu verdienen. Ich lebe gemeinsam mit meiner Frau Dorothea Mader in einer großen Familie, und ich werde endlich Enkelkinder haben. Da ich 2020 fast 70 Jahre alt sein werde, habe ich aufgehört, große Reisen zu machen. Ich vermittle mein Wissen und meine Lebenserfahrung vor Ort an junge Menschen und Kinder. Ich werde ihnen zeigen, wie man ganz ohne Strom schmieden kann, wie man Holzkohle herstellt, Erze und Wasser mit der Rute findet, Metall verhüttet, Eisen schmiedbar macht, Bronze gießt, Kupfer bearbeitet und daraus Werkzeuge, Gebrauchsgegenstände und Instrumente schmiedet. Ich werde ihnen die Orte der Kraft zeigen, sie lehren, wie man sich dort verhält, wie man mit der Erde einen Dialog führen kann und wie man ihr zuhört. Ich werde sie in die Sprache der Erde einführen, damit Orte, Bäume, Tiere, Kräuter und Blumen zu ihren Lehrmeistern werden können. Ich werde Jugendlichen an besonderen Orten den Weg in die Anderswelt zeigen, damit sie ihr Bewusstsein erweitern können und begreifen lernen, dass Leben die spirituelle Kraft an sich ist und der Kosmos aus reiner Liebe besteht.

Nachtrag
Der indische Weise Shri Muniraji sagte uns vor einigen Jahren, dass es eine Zeit geben würde, in der keine Flugzeuge mehr fliegen würden. Am 11. April erhielten wir eine Nachricht aus dem Himalaya, dass eine Kobra dreimal zum Tempel Shivas gekommen sei. Laut Shri Muniraji ist dies das Zeichen für den Beginn der kranthi, der Revolution am Ende der Zeit. Ihr soll nach hinduistischer Auffassung ein neues Zeitalter des Gemeinwohls folgen. Der isländische Vulkan Eyjafjallajökull legte ab dem 15. April den nordeuropäischen Flugverkehr lahm. In der isländischen Mythologie ist das Ragnarök-Epos enthalten. Es handelt vom Untergang der Götter, dem Weltenende. Im letzten Teil des Ragnarök erschafft der Allvater Fimbultyr nach dem Untergang eine neue Welt, in der das Böse nicht überhandnehmen kann. Da wir uns mit wachsender Ereignisdichte auf einen Knotenpunkt der Geschichte zubewegen, dürfte die Zukunft bereits begonnen haben. Sie wäre dann das Ergebnis einer Haltung der Gegenwart, die die allgemeine Unfähigkeit der Spezies Mensch spiegelt, jenseits persönlicher Interessen für das Gemeinwohl zu handeln. Geomantie im beschriebenen Sinn wäre jetzt nötiger denn je. Wir werden sehen, wieviele sich schon morgen auf den Weg in ein neues Bewusstsein aufmachen werden, und ob es am Ende reichen wird, ein neues Zeitalter aufzubauen.