Wie wollen wir leben?

von Beatrix Pfleiderer erschienen in Hagia Chora 3435/2010

Beatrix Pfleiderer über Transparenz und die Qualität bedingungslosen Gebens.

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Wie wollen wir leben? Heute bin ich noch weit davon entfernt, so wie morgen zu leben. Und da liegt schon der Widerspruch. Wir alle wollen schon lange unsere eigene Utopie leben. Aber wir können es nicht. Weil es einfach nicht geht. Hier sind die Gründe:
Weil ich ganz in meinem Sein, in meinem Grund, mit meiner Seele verwurzelt im Hiersein lebe, weil ich dem U in der U-topie so wenig nachjagen kann wie dem Futur II in der aristotelischen Grammatik. „Was nicht hier ist, gibt es nicht.“ Das ist ein Standpunkt, den ich oft höre, erlebe und manchmal glaubhaft finde. Manchmal. „Die Erde läuft gut, so wie sie läuft“, sagte mal ein bekannter Deutscher, der Kabarettist Wolfgang Neuss. Und da haben wir genau den Fall der mehrfachen Wahrheit. Auch jeder indische Sadhu, der nackt als Yogi am Flussufer sitzt, sagt das. „In dir ist Ruhe und Frieden“, sagt der. „Geh nach innen. Dort wirst du es finden.“ Auch die Brahma Kumaris, die an ihrer spirituellen Universität weltweit freie Seminare für Führungskräfte und Leute wie du und ich anbieten, sagen es: „Geh nach innen“, sagen sie. Um vier Uhr morgens schon, in der ersten Meditation, wo der Widerspruchsgeist noch schläft, der sagen würde: Aber … aber … aber – 60 Prozent aller unbezahlter Arbeit wird von Frauen gemacht, und sie besitzen nur ein Prozent aller Güter. Oder: 500 Trillionen US-Dollar gehen jährlich weltweit in die Rüstung, und mit nur 200 Milliarden US-Dollar könnte man schon den Hunger in der ganzen Welt abschaffen.
Das Gesamtbild dessen, was wir Schöpfung nennen, werden wir in unserem Menschsein wohl nie wirklich begreifen. Daher müssen wir uns fragen, warum wir uns wohin bewegen wollen und sollen, wo wir doch gar nicht wissen, wo wir herkommen. Wir wissen nicht, was uns überraschend ereilen kann.
Also, was möchte ich? Wie wünsche ich mir das Jahr 2020?
Ich möchte alles, die Welt, die Zeit, das Universum, seine Bewegungen im Jetzt erfahren. Und wenn ich das nicht jetzt, 2010, kann, geht das auch 2020 nicht.
Ich bin nun kein Sadhu, sondern eine ganz einfache, hier-und-jetzt-lose Westlerin. Und als solche möchte ich auch nicht der Vogel-Strauß-Haltung angeklagt werden. Deshalb möchte ich, dass wir im Jahr 2020 wissen und allen transparent gemacht haben,
- dass wir den Hunger in der Welt ganz konkret erschaffen haben und durch die Entscheidungen, die wir treffen, ihn weiter erhalten; das beinhaltet auch, dass wir ihn abschaffen könnten;
- dass wir die Zerstörung der Natur erschaffen haben und sie weiter zerstören, weil wir diese Entscheidung mit unserer Alltags­praxis unterstützen; das heißt, dass wir sie beenden könnten;
- dass wir die Kriege, die in der Welt stattfinden, unterstützen und dies weiterhin tun, wenn wir unseren Alltag so leben wie bisher; auch das könnten wir beenden, wenn wir wollten;
- dass wir wissentlich einer Geldwirtschaft zustimmen, die ihrer Natur gemäß die Erde aussaugt wie ein Vampir – und die Menschen damit auch. Auch das könnten wir beenden. (Und hatten wir nicht alle gehofft, dass die Finanzkrise diese Geldwirtschaft so in die Knie zwingt, dass all die bereits vorhandenen Alternativen aus den Startlöchern heraus ins Rennen gelangen? Aber so war es nicht. Offensichtlich müssen wir noch mehr lernen.)
Und wie können wir es beenden? Wie?
Beenden können wir das, was uns missfällt, nicht. Auch Mahatma Gandhi hat Indien nicht von den Briten befreit. Es war das Machtspiel der Amerikaner und Engländer, eines Roosevelts und eines Churchills, das zu dieser Befreiung führte. Und doch: Gandhi gab die Grammatik des Wegs zur Freiheit vor. Und es war mehr als die Freiheit seiner Nation.
Mit dem Prinzip swaraj gab er Indiens Menschen das Eigene, Innere, das Ihre zurück, das durch den Kolonialismus, der alle ihre Institutionen vernichten wollte, so entfremdet war. („swa“ bedeutet „das Eigene“, „raj“ „Herrschaft“).
Mit ahimsa führte er seine Mitmenschen aus dem Ego in die Verbundenheit mit allem Sein. („a“ bedeutet „ohne“, „himsa“ bedeutet „Gewalt“). Ohne diese Qualität, die im Griechischen der Ausdruck agape beschreibt – der Dalai Lama spricht von loving kindness –, wären den Indern keine Hilfsmittel zur Verfügung gestanden, die aus den Machtspielen heraus erhaltene Unabhängigkeit auch in eine innere Unabhängigkeit umzuwandeln.
Mit der Praxis von satyagraha, dem Hinwenden zur Welt und dem Ergreifen von der Wahrheit, führte er Indien und die Welt zur Transparenz im Dienst der Wahrheit. Lass dich von der Wahrheit durchdringen, war seine Botschaft. Immer aufs Neue.
Ich wünsche mir, dass wir über mächtige Werkzeuge wie ­die­se das, was uns nicht gefällt – Erdzerstörung, Krieg, Geldwirtschaft, Gewalt – von innen her nach außen hin auflösen. Genevieve Vaughan beschreibt in ihrem Buch „For-Giving“, deutsch im Ulrike Helmer Verlag erschienen, eine „Schenkökonomie“. Wirtschaft basiert hier auf der mütterlichen Qualität des bedingungslosen Gebens. Geld erübrigt sich. Ihre Argumentation ist so zwingend, so überzeugend, dass man die Aufräumarbeit, die in unserer patriarchalen, westlichen Kultur zu leisten ist, getrost anhand ihrer großartigen Analysen beginnen kann. Wenn ich ihr Buch lese, ist mir, als ob die Göttin über das philosophische, sprachwissenschaftliche und wirtschaftswissenschaftliche Vokabular glasklare Anweisungen gäbe. Ich wünsche mir für 2020, dass wir ihnen bis dahin gefolgt sind.