Wie leben wir im Jahr 2030?

von Hans-Joachim Aderhold erschienen in Hagia Chora 3435/2010

Hans-Joachim Aderhold über Grundeinkommen und das Freiwerden schöpferischer Kräfte.

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In meiner Vision sind zwei Dinge vollständig aus der Welt verschwunden: die Fremdbestimmung der Menschen und ihr manchmal destruktives Verhalten bis hin zur Gewaltbereitschaft. Das ist in meiner Utopie möglich, weil Menschen auf den verschiedenen Ebenen Gemeinschaften gebildet haben, die sich selbst verwalten und gestalten. Die unterste Ebene sind intakte Familien und andere Wohn- und Wirtschaftsgemeinschaften, die gemeinsam über ihre Belange entscheiden. Dieses Prinzip ist bis auf die Ebene der Staaten und überstaatlich verwirklicht.
Auf Kommunal-, Länder- und Staatsebene erfolgt die Entscheidungsfindung über Delegationen und direkte Abstimmungen. Parteien haben sich erübrigt. Dadurch ist ein Höchstmaß an demokratischer Mitwirkung verwirklicht. Staat und Bürger sind eins. Die eigene kulturelle Identität wird auf der jeweiligen Ebene gepflegt und weiterentwickelt. Selbstverständlich existiert Religionsfreiheit. Viele Menschen praktizieren gemeinsam Gebete und Meditation.
Wirtschaftliche Tätigkeiten entfalten sich aus den realen Bedürfnissen der Menschen. Der Handel mit Gütern des täglichen Bedarfs organisiert sich weitgehend örtlich und regional; viele Transportwege entfallen. Überregionale wirtschaftliche Tätigkeiten bedürfen stets einer Legitimation, die Massentierhaltung und Gentechnik eben nicht besitzen. Anstelle von industrieller Landwirtschaft gibt es überall ökologisch und in nachhaltigen Kreisläufen wirtschaftende Biohöfe. Diese Hofgemeinschaften tragen wesentlich zur Gesundung und zur naturgerechten Pflege der Landschaft bei. Da das Gemeinschaftliche zum Alltag geworden ist, treten Solidargemeinschaften an die Stelle von Versicherungen – auch Krankenversicherungen.
Energieerzeugung und Brauchwasserklärung erfolgen dezentral. Klassische regenerative Energien sind weitgehend durch Anlagen, die mit sogenannter freier Energie arbeiten, ersetzt. Großkraftwerke und weiträumige Transportsysteme haben sich erübrigt. Wasserversorgung, Post und Medien sind öffentliche Einrichtungen. Krankenhäuser wurden zu Gesundheitshäusern umgestaltet, in denen vor allem Naturheilmittel zum Einsatz kommen.
Geld steht über eine Staatsbank reichlich zur Verfügung und ist einem Alterungsprozess unterworfen: Es verliert an Wert, je länger man es behält. Diese Wertabschöpfung finanziert gleichzeitig den größten Teil der öffentlichen Aufgaben. Da es sich nicht mehr lohnt, Geld zu horten, und weil Leerverkäufe nicht mehr möglich sind, ist der Kapitalismus mit Spekulation und Zinseszins vollständig überwunden. Das hat alle Güter und Dienstleistungen sehr verbilligt, weil keine Finanzierungs-, Risiko- und Zinseszinskosten mehr darin enthalten sind. Weil alle bemüht sind, erhaltenes Geld möglichst rasch weiterzugeben, ist der Geldkreislauf enorm beschleunigt, was die Verfügbarkeit entsprechend erhöht.
Als überörtliches Betriebskapital ist Geld an wirtschaftliche Legitimation gebunden, das bedeutet: Der Betrieb bedarf zu seiner Finanzierung eines entsprechenden Auftrags. Diesen Auftrag geben Gemeinschaften von Menschen oder andere Betriebe, die sich für die Sinnhaftigkeit des Vorhabens verbürgen.

Grundeinkommen als Möglichkeit zur Lebensgestaltung
Für seine Lebensgrundlage und seine Ausbildung sowie zur eigenverantwortlichen Gesunderhaltung erhält jeder Mensch ein von seiner Arbeit unabhängiges, ausreichendes Einkommen als Bürgergeld. Gekoppelt ist dieses an die Verpflichtung, einen bestimmten Anteil seiner Zeit der Allgemeinheit bzw. anderen Menschen zu widmen. Das können zum Beispiel lehrende, wirtschaftliche oder ausgleichende Tätigkeiten sein, aber auch Kindererziehung, Kranken- und Altenpflege. Unbeliebte Tätigkeiten wurden überflüssig oder durch einen entsprechenden – auch finan­ziellen – Ausgleich attraktiv gemacht. Dadurch kann jeder Mensch frei entscheiden, wann, wo und in welcher Intensität er seine Fähigkeiten anderen zur Verfügung stellen möchte. Der Allgemeinheit kommt ein Höchstmaß an schöpferischer Kraft jedes Menschen zugute. Um die Erhaltung seines Lebens und seiner Gesundheit braucht er sich keine Sorgen zu machen. Er kann sich seinen Wünschen und Fähigkeiten entsprechend ausbilden.
Ausbildungs- und andere kulturelle Einrichtungen bestehen aus freien, selbstverwalteten Gemeinschaften, die untereinander in einem konstruktiven und freundschaftlich-kollegialen Wett­bewerb stehen. Auf staatlicher Ebene ist ein Schulunterstützungsamt eingerichtet, in dem Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter als Delegierte der Schulen partnerschaftlich zur Unterstützung aller Lernenden im Land zusammenarbeiten. Sie achten darauf, dass ein Grundkonsens bei der Vermittlung eines fundierten Allgemeinwissens einschließlich künstlerischer, sozialer, spiritueller und gesellschaftlicher Kompetenz eingehalten wird. Kernpunkte sind dabei das Üben von klarem Denken, bewusstem Handeln, Gleichmut, Positivität und einer harmonischen Verbindung dieser Eigenschaften.
Steuern aller Art ersetzt die Wertabschöpfung bei der Alterung des Geldes. Ein eventueller Mehrbedarf wird durch eine Besteuerung der Umsätze gedeckt. Eine Finanzverwaltung hat sich größtenteils erübrigt.

Die Fülle von Natur und Kultur bereichern
Jeglicher Besitz an Grund und Boden ist durch entsprechende Nutzungsrechte ersetzt, die zur nachhaltigen Pflege verpflichten. Das gilt auch für alle Bodenschätze, Wasserrechte oder die Wesen des Meeres. Die Interessen der Erde und aller Mitgeschöpfe wie Tiere, Pflanzen, Mineralien und Naturwesen werden berücksichtigt. Auch die Zusammenarbeit mit den Naturwesen ist zur Selbstverständlichkeit geworden. Alles, was nicht erneuert werden kann, unterliegt strengen Nutzungsbedingungen, die einen Ausgleich erfordern. Darüber wacht eine globale Einrichtung, die ebenfalls auf dem Delegationsprinzip beruht. Ihr steht ein Vetorecht zu. Es können nur Nutzungen erlaubt werden, die Erde, Natur und Menschheit nicht nachhaltig schaden können.
Weil die spekulativen und fremdbestimmten Zwänge entfallen sind, ist ein schöpferischer Wettbewerb entstanden, die äußeren und sozialen Lebenszusammenhänge möglichst harmonisch, künstlerisch und naturnah zu gestalten. Der seelenlose Materialismus der letzten Jahrzehnte auch in der gebauten Umwelt gehört der Vergangenheit an. Geomantische und andere feinsinnliche Erkenntnisse sind gefragt, werden geschätzt und berücksichtigt.
Da diese Bedingungen weltweit gelten, gibt es keinen Grund mehr für Feindschaften, Rüstung und Kriege. Die öffentliche Sicherheit und Ordnung wird auf der jeweiligen Gemeinschafts­ebene vor allem präventiv gewährleistet, auf staatlicher Ebene durch Polizeikräfte. Waffenbesitz ist weltweit geächtet. Alle Waffensysteme wurden abgerüstet, und auch darüber wacht eine globale Einrichtung.
Durch diese Veränderungen sind schöpferische Kräfte frei geworden, die dem einzelnen und der Allgemeinheit auf allen Ebenen zugute kommen – und der Erde und dem Frieden auf der Erde.
Diese Vision ist erreichbar, wenn immer mehr Menschen davon ablassen, sich mit Negativitäten oder Gleichgültigkeiten zu beschäftigen. Dazu gehören vor allem Unzufriedenheit und Kritik an diesem oder jenem sowie die Berieselung durch eine vermeintliche Erlebniskultur, oft aus zweiter Hand. Dazu gehören zum Beispiel auch Computerspiele, weite Bereiche des Internets und der Medien. Ein Teil der Menschheit wird diesen Weg vielleicht weitergehen und dann möglicherweise für eine lange Zeit für die Kulturentwicklung von Erde und Menschheit verloren sein. Das muss aber niemanden an der Verwirklichung der eigenen Vision hindern. Persönlich halte ich nicht viel von Katastrophen, auch nicht vom euphorischen Gegenteil oder von ausgesuchten Daten wie dem 21. Dezember 2012. Mag manches auch geschehen – es braucht keinen wirklich zu kümmern, der seiner Vision mit Freude und Aktivität entgegenlebt!