Einführung in das Bazhai Teil I

Eine Methode zur Beurteilung
der Inneneinrichtung und Außenanlagen
einer Wohnung

von Manfred Kubny erschienen in Hagia Chora 3435/2010

Das Glück „zum Leuchten bringen“, indem individuelles Schicksal und Lebensraum in Harmonie kommen, ist das Ziel der Methode „Bazhai“, die zu den wichtigsten im Feng Shui gehört. Ihre einfache Grundstruktur hat sie besonders beliebt gemacht. Manfred Kubny gibt einen Einblick in die Grundzüge des Bazhai und ­belegt seine Einführung mit Zitaten aus dem zugehörigen Klassiker „Der helle Spiegel der acht Positionierungen“.

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In der traditionellen chinesischen Sichtweise existiert zwischen dem Menschen und seiner Behausung ein sehr enges Verhältnis. Deshalb hielt man es für erforderlich, beide Pole – Behausung und Mensch – aufeinander abzustimmen. Gelang eine harmonische Abstimmung, versprach man sich Glück allein durch das Bewohnen eines Gebäudes oder einer Wohnung. Umgekehrt fürchtete man, durch Fehler beim Besiedeln eines Hauses in Schwierigkeiten zu geraten.
Die Technik der „acht Behausungen“ oder der „acht Positionierungen“, Ba­zhai 八宅, gehört zu den Feng-Shui-Techniken, die sich mit der Wohnung der Lebenden, den „Yang-Behausungen“ 陽宅 (yangzhai) befassen, also nicht mit den Grabstätten der Verstorbenen, denen im traditionellen Feng Shui eine zentrale Rolle zukommen.
Die Methode der acht Positionierungen findet ihren Ursprung während der Tang-Zeit (618–907) und wurde bis zur Qing-Zeit (1644–1912) immer populärer. Der Mönch Ruo Guan Daoshi 箬冠道師 hielt die Methode im 17. Jahrhundert erstmals schriftlich fest. Er verfasste das berühmte Ba­zhai Mingjing 八宅明鏡 („Der helle Spiegel der acht Positionierungen“), ein Buch, das nur in Form mehrfacher Abschriften überlebte, so dass man nicht mehr sagen kann, ob die gegenwärtige Version auch die ursprüngliche ist. Die Urheber der Technik und ihre Lebensdaten sind jedenfalls unbekannt.

Ein individueller Ansatz
Die Technik Bazhai ist deshalb so attraktiv, weil es mit ihrer Hilfe möglich ist, auf recht einfache Weise eine Analyse des Wohnraums zu erstellen. Diese Analyse orientiert sich an der Person, die dar­in lebt oder die Räume beziehen möchte. Die Theorie des Bazhai geht davon aus, dass man die aus dem chinesischen Kalender entnommenen astrologischen Merkmale einer Person mit den astrologischen und räumlichen Merkmalen eines Gebäudes oder Wohnraums verknüpfen kann und daraus eine individuelle Aussage über die zukünftige Entwicklung dieses Menschen in dem betreffenden Lebensraum machen kann. Es werden daher innerhalb des chinesischen Systems der acht Trigramme, bezogen auf den chinesischen Kalender, sowohl die Umstände des Raums als auch die Bedürfnisse der darin lebenden Personen in einen Zusammenhang gebracht und dar­in gespiegelt.
Richtungs- und ortsgebundene Konstellationen bilden also die Grundlage der Analyse, indem sie mit zeitgebundenen Einflüssen, vertreten durch die Jahresqualitäten des chinesischen Mond­kalenders gespiegelt werden. Dabei werden meist zwei Komponenten berücksichtigt: Die „Trigramme des Lebens“ (minggua) der Bewohner der jeweiligen Wohnung und das „Positions- oder Raumtrigramm“ (zhaigua), das zunächst übergeordnet die gesamte Wohnung und nach einer detaillierten Auslese auch einzelne Räume in der Wohnung vertreten kann.
Aus den individuellen Daten der Bewohner und den Daten der Wohnung und ihrer Zimmer und Positionen lassen sich Qualitäten des Qi ableiten, die eine Wirkung auf die Lebensumstände und die allgemeine mentale Verfassung der Bewohner haben.
Beim Bazhai werden zunächst die Geburtsdaten der Bewohner und ihrer im chinesischen Kalender enthaltenen Qualitäten in der Regel mit der Ausrichtung der Haupteingangstür des zu untersuchenden Gebäudes in einen Zusammenhang gebracht und deren synergistische Wirkung in den acht Himmelsrichtungen untersucht. Dieser Vorgang nennt sich „die Behausung (zhai) mit dem Schicksal (ming) angleichen“ 宅命相配 (zhai ming xiangpei) und wird zum ersten Mal in dem bereits erwähnten chinesischen Feng-Shui-Klassiker Bazhai Mingjing 八宅 明鏡 vorgetragen. Darin wird ausgeführt, wie man irdisches Glück und das sogenannte „Leuchten“ (ming) des Schicksals erhalten kann, indem man sich in seinem Wohnraum als unmittelbarem und intimem ­Lebensraum vorteilhaft „positioniert“ und „ausrichtet“.

Das Lebens-Trigramm
Die Technik des Bazhai weist einer Person abhängig von Geschlecht und Geburtsjahr ein Trigramm zu. Die Trigramme gliedern sich in solche, die zur sogenannten Westgruppe und solche, die zur sogenannten Ostgruppe gehören. Welches Geburtsjahr eines Manns oder einer Frau zu welchem Trigramm gehört, lässt sich dem chinesischen Mond­kalender entnehmen. Auf der folgenden Seite ist eine Zuordnung der Jahre 1916–2022 zu den Trigrammen und Geschlechtern wiedergegeben. Jedes der acht Trigramme verkörpert bestimmte Eigenschaften, ist beispielsweise einer Wandlungsphase und einer Himmelsrichtung zugeordnet, wie sich aus dem obigen Schaubild ablesen lässt. Es zeigt die neun Paläste des Luo­shu, bekannt als „magisches Quadrat“, mit ihren zugehörigen Trigrammen.

Das Trigramm des Wohnraums
Neben dem „Lebenstrigramm“ 命卦 (minggua) der betreffenden Person, das sich im Kalender finden lässt, muss noch das „Wohnungstrigramm“ 宅卦 (zhaigua) der Wohnung festgelegt werden. Die Zuordnung hängt in der Regel davon ab, in welcher Richtung sich die Eingangstür oder die definitive Vorderseite des Hauses befinden. Darüber, wie man nun die Richtung der Tür und die Vorderseite des Hauses genau definiert, gibt es vielfältige Meinungsunterschiede zwischen chinesischen Meistern, die der Europäer nicht bewerten kann.
Gleich, welcher Lehrmeinung man folgt, verhält es sich so: Häuser oder Räume, die nach Osten, Südosten, Süden oder Norden – das sind die Paläste 1, 3, 4 und 9 – ausgerichtet sind, gehören zu den „vier Behausungen der Ostgruppe“ 東四宅 (dong sizhai). Die nach Südwesten, Westen, Nordwesten und Nordosten ausgerichteten – das sind die Paläste 2, 6, 7, 8 – gehören zu den „vier Behausungen der Westgruppe“ 西四宅 (xi sizhai). Die räumlichen Zuordnungen folgen der Verteilung der acht Trigramme in den neun Palästen des Luoshu.
Da jedem Palast ein Trigramm und eine Wandlungsphase zugeordnet sind, ergibt sich eine Schnittstelle zum System der Lebenstrigramme. Anhand ihrers Lebenstrigramms lassen sich Menschen entweder der Ost- oder der Westgruppe zuordnen. Menschen mit Lebenstrigrammen, die den Wandlungsphasen Wasser, Holz und Feuer zugeordnet sind, gehören der Ostgruppe an, Menschen mit einem Lebenstrigramm der Wandlungsphasen Erde und Metall der Westgruppe. In der obigen Grafik sind die Paläste der Westgruppe graublau, die der Ostgruppe olivgrün markiert.

Bewertung von Glück und Unglück
Durch das Zusammenspiel von Lebens- und Wohnungstrigramm ergeben sich zahlreiche komplizierte Muster für alle möglichen Positionen im Haus, die mit einer Skala von acht „Glückssternen“ 吉星 (jixing) und „Unglückssternen“ 凶星 (xiong­xing) bewertetet werden. Die Übersetzung für 星 (xing) als „Stern“ erscheint mir aber nicht sonderlich zutreffend, weil es hierbei mehr um lokale Einflüsse, als um die Einwirkung kosmischer Körper auf den Menschen und seine Umgebung geht. Der Begriff „Einfluss“ oder „Symbol“ wäre eine richtigere Übersetzung. Wie sich diese acht Konstellationen aus dem Zusammenspiel zwischen Lebens- und Wohnungstrigramm ergeben, wird Inhalt der zweiten Folge dieses Artikels sein.
Allgemein sagt das Bazhai Mingjing über Glück und Unglück:
„Das menschliche Leben ist sehr verschieden, die Erfordernisse oder Tabus einer Behausung variieren daher individuell. Deshalb ist es so: Ob Großeltern oder Enkel kraftvoll oder schwächlich sind, ob [das Verhältnis zwischen] Vater und Sohn glanzvoll oder niedergehend ist, ob die Eheleute früher oder später ungleiches Glück ereilt oder Katastrophen erleben, ob älterer Bruder und jüngerer Bruder sowie auch der mittlere Bruder sich vertragen oder streiten, ob sich die Eheleute im Lauf der Zeit streiten oder beglücken, ob sich die Geschwister durch alle Grade vertragen oder nicht; ob in der Wohnung Niedergang herrscht oder Friede und Gesundheit, all das hängt davon ab, ob man das Lebenstrigramm mit den Trigrammen der Wohnung abgestimmt hat oder nicht.“
Das Schicksal, repräsentiert durch das Lebenstrigramm, und die Behausung, repräsentiert durch das Trigramm des Wohnraums, müssen zur selben Kategorie gehören, dann sind sie aufeinander „abgestimmt“. Ohne eine solche Abstimmung ist Unglück zu erwarten. Da die Kategorisierung der acht Trigramme und fünf Wandlungsphasen sich sowohl auf die individuelle Person entsprechend der Zuordnung des Geburtsjahrs als auch auf die Ausrichtung eines Hauses oder Zimmers übertragen lässt, ist die Abstimmung leicht herstellbar. Diese einfache Möglichkeit der Zuordnung hat dem System mit Sicherheit zu seiner großen Popularität verholfen.
Im Bazhai Mingjing heißt es:
„Gleiche Gruppe heißt aufeinander abgestimmt, ungleiche Gruppe heißt gegenseitiges Überwinden.“
Personen, die der Ostgruppe angehören sollen auch in Räumen der Ostgruppe wohnen, während Personen, die der Westgruppe angehören, auch in Räumen der Westgruppe wohnen sollten.
Generell lässt sich die Bewertung von Lebens- und Wohnungstrigrammen bis auf die Ebene der Zimmer übertragen. Man unterscheidet zwischen der Bewertung von Räumen und Objekten im Inneren der Wohnung und der Bewertung von außen befindlichen Objekten, wie Zugangswege, Kirch- oder Tempeltürme, Mauern und Zäune etc.

Sechs Aspekte des Bazhai
In der klassischen Literatur des Bazhai werden spezifische Merkmale einer Wohnung genauer untersucht. Dabei geht es einerseits um „die sechs inneren Aspekte der Yang-Behausungen“ 陽宅六內事 (yang­zhai liu neishi): Das sind Eingangstür, Herd, Wasserbrunnen, Toilette, Getreidemühle (vergleichbar mit Speiseraum, Küche) und Stall.
„Die sechs äußeren Aspekte der Yang-Behausungen“ 陽宅六外事 (yangzhai liu waishi) sind Zufahrtsstraße, Teich, ­Brücke, Kaiserhof (Obrigkeit, Behörde), Mauern und andere Gebäude und Tempel mit Pagode (im Westen entsprechend der Kirche mit Kirchturm).
Zu diesen sechs äußeren und inneren Aspekten kennt das Bazhai Mingjing eine Menge praktischer Hinweise.
Die Eingangstür ist der prominenteste der sechs inneren Aspekte, denn sie akkumuliert das Qi der äußeren Umgebung und leitet es in die Wohnung, weshalb ihre Anlage besonders raffiniert gestaltet werden muss. Auch bei kleineren Untersuchungsobjekten in dem betreffenden Haus oder Zimmer ist die Tür zunächst der meist­beachtete Aspekt. Die Tür sollte daher immer in einem glücklichen Abschnitt liegen, dessen Trigramm auf das Lebens­trigramm der darin wohnenden Person abgestimmt ist.
Der Herd gilt ebenso als zentrales Untersuchungsobjekt, im genaueren die vordere Öffnung des Herds. Er sollte nicht an der Vorderfront des Hauses und auch nicht neben einem Wohnraum, der Wasser spendet, wie Toilette und Bad, oder neben einer Waschmaschine stehen, und seine Öffnung sollte in eine für den Bewohner glückbringende Richtung weisen.
Die Wasserstelle sollte in einer Position errichtet werden, die der Qualität „Vital-Qi“ oder „Langes Leben“ entspricht, oder im Palast des Wassers oder Holzes, da ansonsten Krankheiten drohen. Herd und Wasserstelle solten sich auch nicht direkt gegenüber stehen.
Die Toilette soll ausdrücklich in einem unglücklichen Bereich mit ungünstiger Ausrichtung angelegt werden. Keinesfalls sollte sie dem Herd gegenüberstehen.
Getreidemühle und Küche sollten nicht neben dem Schlafzimmer installiert ­werden.
Der Stall sollte nicht an der Eingangstür oder links oder rechts von ihr errichtet werden. Seine Positionierung hängt davon ab, welche Tiere darin gehalten werden. Handelt es sich um Enten und Schweine, die der Wandlungsphase Wasser zugehören, sollte der Stall im neunten Palast liegen, und man sollte einen der Erde zugehörigen Palast meiden.

Die Umgebung wirkt auf das Haus
„Die sechs äußeren Aspekte der Yang-Behausungen“ beinhalten alle in der Umgebung liegenden Auffälligkeiten und daher weit mehr als nur sechs Aspekte. Sie werden dahingehend unterschieden, ob sie in Hinblick auf die Wohnung in einer güns­tigen Richtung liegen. Außerdem werden sie nach ihrer Form und Farbe nach den fünf Wandlungsphasen bewertet.
Die auf das Haus zuführende Straße sollte gewunden sein und nicht direkt auf die Haustür zulaufen, ihr Verkehr sollte mäßig sein, weil die Geschwindigkeit des darauf fließenden Verkehrs mit der Geschwindigkeit des Qi-Flusses korrespondiert.
Um die Wirkung der Straße zu beurteilen, muss auch die Gestalt ihres Verlaufs interpretiert werden. Sieht der Zufahrtsweg aus wie das Schriftzeichen 之 (zhi), werden Gewerbe und Landwirtschaft florieren und die Familie in Frieden leben. Bildet er das Schriftzeichen 八 (ba) nach, herrscht Unruhe in der Familie, man streitet sich und wendet sich voneinander ab. Hat die Zuwegung die Gestalt des Schriftzeichens 井 (jing), drohen schwere gerichtliche Strafen oder Unfälle außerhalb des Wohnorts. Sieht er aus, wie das Schriftzeichen 川 (chuan), dann drohen Durch­einander und Diebstahl. Ein Zuweg in Form des Schriftzeichens 火 (huo) deutet auf drohende Brandkatstrophen und andere Unglücke im oder am Haus hin. Und wenn er wie das Schriftzeichen 丁 (ding) aussieht, droht bitterste Armut.
Von großer Bedeutung ist auch die Positionierung des Teichs, oder besser Fischteichs, in der Nachbarschaft des Hauses. Früher war er eine wichtige Quelle für ständig verfügbare, proteinreiche Nahrung. Gleichzeitig sammelt sich in einer Wasserfläche das Qi und somit der Reichtum. Der Teich sollte laut dem Bazhai Mingjing immer rund oder halbmondförmig angelegt sein und sich vor dem Anwesen befinden. Läge er hinter dem Haus, drohten Scheidung und Unfälle der Kinder. Zur Ausrichtung des Hauses soll sich der Teich in einer glücklichen Position befinden. Andere größere Gebäude in der Umgebung sollten dem Haupteingang nicht diametral gegenüber stehen, um Konflikte und schlechte Lebenseinflüsse zu
vermeiden.
Bazhai ist eine recht gut dokumentierte Technik, die anfangs etwas abstrakt wirkt, sich jedoch in der Praxis in einem vernünftigen Rahmen gut umsetzen lässt – sowohl aus architektonischer Sicht als auch aus Sicht der Innenarchitektur und der Raumgestaltung. In der nächsten Folge dieses Beitrags werden wir uns genauer mit den glücklichen und unglücklichen Einflüssen in den Konstellationen des ­Ba­zhai-Systems beschäftigen.