Der Körper – die kleine Erde

von erschienen in Hagia Chora 33/2009

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Seit ich mich erinnern kann, suchte ich Wege, mit der Erde in Verbindung zu treten. Am Anfang des Lebens, in der Kindheit, gelang das beim Zusehen einer Schnecke, die langsam über die Erde gekrochen kam. Ihr Erdkontakt war so perfekt, dass ihr Anblick mich lehrte, wie es sein könnte, wenn ein ganzes Leben nur Erdverbindung wäre – was es ja auch ist. Die Schnecke zu beobachten, löste tiefe Befriedigung im Körper aus.
Heute beobachte ich, dass Menschen, mit denen ich an ihrer Erdverbindung arbeite, ein Gefühl tiefster Befriedigung erlangen, wenn sie über ihre Fußsohlen in die Erde atmen. Ein Gefühl tiefster Ruhe. Wenn ich mit Menschen über längere Zeit diese tiefste Ruhe aufsuche, dann finden sie oft einen Punkt in ihrem Körper, den man „die höchste Konzentration ihres Selbsts“ nennen könnte. Oft rufen sie dann erstaunt: „Das bin ja ich, das ist mein Selbst. Das kannte ich ja gar nicht!“
Sie erleben eine Ganzheit, die Voraussetzung zur Weiterentwicklung der eigenen Menschlichkeit ist. Der Körper hat ihre Führung übernommen. Der Körper zeigt den Weg zum Eigenen. Und das auf sehr poetische Weise. Geradezu liebevoll und mit Humor bringt er uns auf den Weg zum Selbst. Denn den Weg zum Erwachen, sagen die Weisen, finden nur jene, die ihren Körper in seiner Erdqualität erkennen können. Was vielleicht so viel heißt, wie das Zulassen und Würdigen einer Körperintelligenz, die meist durch unsere Verstandesintelligenz verstellt ist.
Eigentlich ist unsere Existenz immerwährend und ununterbrochen dabei, uns über den Körper den Weg zu weisen. Die Grammatik dieses Wegweisers ist bestechend. Jeder Teil des Körpers hat eine wegweisende Aufgabe, spricht in einem System von Symbolen, leitet uns – mal mühevoll, mal mühelos – durchs Leben.

Die kleine Erde zeigt uns den Weg
Merkwürdigerweise nehmen wir diese Führung erst wahr, wenn wir Probleme mit einem Ort im Körper haben. Als die Pionierin ­Louise Hay 1976 mit ihrem Buch „Heile deinen Körper“ herauskam, das auf den Erfahrungen ihrer eigenen Heilung beruhte und später der ihrer Klientinnen, öffnete sich für uns Leserinnen beim Nachlesen über ein Symptom unseres Körpers immer ein Stückchen mehr augenöffnender Wahrheit über unseren Weg. Natürlich wusste man das alles schon immer. Seit Freud. Seit dem Import der traditionellen chinesischen Medizin usw. Aber so schön pragmatisch amerikanisch verpackt ist uns die Entschlüsselung unseres Körpers noch nie gereicht worden. Jetzt konnten wir damit arbeiten, jetzt gab es keine Ausreden mehr. Es hieß jetzt „oh, du hast Kiefernhöhlenkatarrh, dann leidest du wohl unter einer unerträglichen Reibung mit einer dir nahen Person.“ Oder auch „oh, du hast Arthrose in der rechten Hüfte, dann musst du dir deine Beziehung zu deinem Vater ansehen.“ In der linken Hüfte wäre es die Mutter gewesen.

Un-verschämte Aussagen
Autsch. Ich habe bei einer Bergwanderung mein rechtes Knie verletzt. Eisbeutel oder Heizkissen? Nein, Eis ist doch besser, sagt die Freundin, die Krankenschwester ist. Wie es dazu kam, weiß ich nicht. Das Knie schmollt, schweigt und tut weh. Und der Schmerz geht nicht weg. Das Knie fällt auf keinen therapeutischen Trick herein. Es konfrontiert mich mit der glasklaren Wahrheit meines Körpers. Jemand sagt, mir „oh, your knee. Well, knees get hurt when there is too much resistence to the flow of life“. Nicht mal übersetzten will ich das, geschweige denn wissen.
Da fällt mir ein, dass ich doch genau das schon einmal vor vielen Jahren hatte. Der anth­roposophische Arzt, den ich damals aufsuchte, sagte auf meine Frage hin, warum ich schon monatelang ein steifes Knie habe: „Bedenken Sie Golgatha“. „Wie bitte?“ hatte ich damals leicht gereizt gefragt. Er meine Demut, die Haltung „dein Wille geschehe“, fuhr der Arzt ungestört fort. Damals, vor vielen Jahren, fand ich nicht mal mein Auto nach dem Arztbesuch, so verwirrt war ich.
Das ist heute schon etwas besser. Ich nehme es einfach an. Denke ich zumindest. Ich spreche mit dem Knie in Kniesprache aus dem stillsten Punkt der Meditation her­aus. „Du hast mich beleidigt, sagt das Knie, mich überrumpelt, übergangen.“ „Wie das?“ ­frage ich. „Wie immer“, meint das Knie, „Kopf beherrscht Körper.“ Ich schweige und frage mich beschämt, wie oft ich das noch hören muss. „Kein Problem“, meint das Knie in seiner Sprache, „so hörst du dein höheres Selbst sprechen. Ich bin dafür da, dich daran zu erinnern, wenn du aus deinem Lebensrhythmus gefallen bist. Irgendetwas im Körper sagt dir immer Bescheid, was los ist.“

Ein Gelenk in Gefangenschaft
Meine Yogapraxis braucht zwei bewegliche Knie. Während der Yogastunde intensivieren sich meine Kniegespräche, sie erreichen Beichtstuhlcharakter. Nicht nur mit dem Knie. Die letzte Woche brachte eine Zerrung im Handgelenk. Eine ungeschickte Abstützhaltung, und da war er schon, der stechende Schmerz. Eisbeutel. Aspirin. Ich bin in einem langersehnten Yogakurs und will morgen wieder dabei sein. Schnell, schnell kaufe ich mir einen Spezialstützverband im Sport­geschäft, setze den Kurs unter Schmerzen fort. Zwischen den Unterrichtsstunden meditiere ich. Aus unheiligen Gründen. Ich will nur eins, ein schmerzfreies Handgelenk, will das Symptom wegmachen, statt ihm zuzuhören. Ist es nicht jahrelang meine Rede, dass es so eben nicht geht? Ich schäme mich, als mir das klar wird. Und meditiere, jetzt etwas weniger unheilig. Da geschieht es.
Mein Handgelenk fängt an, wellenförmige Bewegungen zu machen. Zuerst schüchtern, kleine Kreise, Schleifen, Wellen, dann immer mehr, immer wilder. Es tanzt. Lädt das andere ein, mitzutanzen. Wir sind Tümmler, lachen die beiden. Wir tanzen den endlosen Tanz des Lebens. Sind Delfine im Meer. Wollen gar nicht mehr aufhören, zu tanzen … Ich sitze als staunende Zuschauerin davor. Das Handgelenk hat zwei, drei Tage so getanzt, wenn ich es ließ. Es heilte sich.
Wir halten unsere Gelenke in Gefangenschaft durch unsere Angst vor dem Leben, vor der Freude, der hemmungslosen Lebensfreude. Wenn eines von ihnen verunglückt, unterwerfen wir es mit Medikamenten einem Heilprozess, der keiner ist. Wir erlauben ihm nicht den Tanz. Der ja nur eins ist: die Verbindung zur Erde hin … Mein Körper ist mein Gefährt. Ich lenke es stolz auf meinem Weg. Hoppla – und demütig! 


Literatur: Beatrix Pfleiderer, Die Kraft der Verbundenheit, Drachen Verlag, Klein Jasedow 2009.

Dr. phil. Beatrix Pfleiderer, Medizin­anthropologin, TARA-Process-Begleiterin und Autorin, meditiert in ihrer Kolum­ne über das Bedürfnis des Men­schen nach Heilung der Verbindung zur Erde. www.taraprocess.com