Editorial

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

von erschienen in Hagia Chora 31/2008

Während zu Hause die letzten Seiten der neuen Ausgabe von Hagia Chora druckfertig gemacht wurden, zeichneten wir ein langes Gespräch mit Heide Göttner-Abendroth, der Begründerin der Matriarchatsforschung, und Margrit Kennedy, Expertin für Regionalwährungen, über Geldsysteme, Gemeinschaften und die Ökonomie des Schenkens auf. „Schenk­ökonomie“ klingt wie ein Paradoxon. Nein, damit ist nicht der Irrsinn gemeint, in dem gerade undenkbare Summen an marode Banken verschenkt werden. Man könnte Schenkökonomie als eine Art geomantische Wirtschaftsweise bezeichnen, denn sie leitet sich aus der Beobachtung der Naturkreisläufe ab. In der Geomantie suchen Menschen nach einem „Leben in Einklang mit den Kräften der Erde“, wie es oft pauschal heißt. Das scheint recht einfach realisierbar: Hier und dort spannende Erdenergien wahrnehmen, einen passenden Begriff aus dem Geomantie-Vokabular dafür finden und das Gefühl genießen, etwas Wichtiges erkannt zu haben. Das ist alles schön und gut, aber wenig später schieben wir einen Euro über einen beliebigen Ladentisch und unterstützen damit etwas, das nicht im geringsten mit den Kräften der Erde im Einklang steht. „Exponen­tielles Wachstum, die Basis unserer Ökonomie, ist nicht Teil unserer Zellerfahrung“ sagte Margrit Kennedy. Der Zinseszins zwingt die globale Wirtschaft zu dieser immer steileren Wachstumskurve. Unsere Zellen wissen aber etwas anderes: Jedes organische Wachstum erfüllt sich im „Erwachsen-Sein“ und nimmt danach nicht mehr an Größe zu. Zudem wissen unser Körper und unser Herz, dass uns eine Mutter das Leben geschenkt hat, dass wir selbst neues Leben schenken oder zeugen können und uns die Natur in verschwenderischer Fülle ihre Früchte schenkt – bedingungslos, ohne Erwartung einer Gegengabe. Wir nähren uns von einem Berg an Geschenken der Natur und der Zuneigung unserer Mitmenschen – doch auf diesem Berg sitzt das Geldsystem der westlichen Welt wie ein kleiner, böser Parasit und höhlt den Kuchen aus, droht ihn zu vergiften.
Wir kapitalistisch geprägten Westler meinen, Begriffe wie „Wirtschaft“ und „Schenken“ passten nicht zusammen, das Wesen von Wirtschaft sei, dass man die Dinge zu Waren macht und sie verkauft. In allen matriarchalen Gesellschaften weltweit, so die Forschungen von Heide Göttner-Abendroth und ihren Kolleginnen, gab oder gibt es aber eine Ökonomie des Schenkens, selbst in komplexen, arbeitsteiligen Gesellschaften. Diese Kulturen basieren auf freundschaftlichen und verwandtschaftlichen Beziehungen, in denen man nicht seinen Profit maximieren will, sondern gibt, was gebraucht wird. Freilich möchten die Menschen auch dort ihren Wohlstand mehren, aber den investieren sie in eine ausgedehnte Festkultur, denn ihr Reichtum heißt Lebensfreude und Freundschaft.
Wenn um uns herum die Festungen des Patriarchats zerbröckeln, fällt es leichter, dieses nur scheinbar utopische Modell auf unsere Zeit der Hochtechnologie zu übertragen. Warum nicht eine Welt denken, in der überschaubare Regionen die Dinge des Lebens weitgehend selbst produzieren, Netzwerke sich vertrauender Menschen Schenkökonomie betreiben, in regionalen Wirtschaftskreisläufen mit Regiogeld gehandelt wird und Ressourcen, die von weit her kommen, in einer zinsfreien globalen Währung bezahlt werden? – Bei allen zukunftsweisenden Gedanken sollten wir uns fragen: Geht es um Reparaturen am Bestehenden, wollen wir die gegenwärtige Wirtschaft erhalten, zwar „sicheres“ Geld und grünere Produkte verwenden, aber in der Profitmaximierung weitermachen wie bisher? Oder geht es um etwas ganz anderes, um eine Welt jenseits des „Immer­besser­immerschöner­immermehrimmerneuer“, wie Beatrix Pfleiderer in ihrer Kolumne schreibt, um ein Leben, das wahrhaft im „Einklang mit den Kräften der Erde“ gelebt wird? Das wäre eine radikal andere Gesellschaft. Wir müssten dafür nichts Neues erfinden, sondern schlicht das in den Mittelpunkt rücken, was das Leben ausmacht, und das ist uns allen wohlbekannt: die körperlichen wie seelischen Geschenke der Erde. Auch in der Geomantie können wir uns fragen, welches Paradigma wir mit unserer Arbeit fördern wollen. Wenn der „Einklang mit den Kräften der Erde“ mehr sein soll als ein schöner Spruch, dann haben wir viel zu tun.
Mit den besten Wünschen für ein neues, erkenntnisreiches Jahr,


Lara Mallien und Johannes Heimrath