Editorial

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

von erschienen in Hagia Chora 32/2009

 mit dieser Ausgabe von Hagia Chora beginnen wir die dritte Ära der Zeitschrift: Wir widmen uns – ähnlich wie in den Ausgaben 1 bis 20 – wieder einem Fokusthema. In den vergangenen elf Ausgaben 21 bis 31 war Hagia Chora auf Wunsch vieler Leserinnen und Leser zu einem praxisnahen Rubrikenheft geworden, das ein breites Spektrum an Themen aus der Geomantie bot. Die Hinwendung zur Praxis schien nach langer Grundlagenforschung in verschiedenen mit der Geomantie verknüpften Bereichen nötig, um zu zeigen, dass geomantische Planungen, Beratungen, Bau- und Kunstprojekte inzwischen in die Tat umgesetzt werden. Das war eine gute Idee. Aber sie hat uns nicht zufriedengestellt: Immer wieder einen bunten Blumenstrauß an Geomantie-Artikeln zusammenzustecken – ist das die Antwort auf die Herausforderungen unserer Zeit? Mit den ersten Ausgaben waren wir ganz nahe am gesamtgesellschaftlichen Prozess, und wir fühlen: Da müssen wir, da muss die Geomantie wieder hin. Der Beitrag der Geomantie ist zu wichtig, als dass er nur nett und hübsch sein darf! Dazu sind wir Zeitungsmacher selber auch viel zu sehr an der kultur-evolutionären, der politischen und sozialen Dimension der Geomantie interessiert. Die Frage, wie eine lebensfördernde Kultur der Verbundenheit mit der Erde entsteht, hat uns von Anfang an angetrieben, und ab jetzt werden wir sie wieder – und noch deutlicher und konsequenter – in den Mittelpunkt unserer Arbeit stellen.

Noch strauchelt das globalisierte System des Immermehr für immer weniger Habende erst, aber die gewaltige ökologische und humanitäre Krise ist nicht mehr wegzudiskutieren. Selbst die Mainstream-Medien haben begonnen, sich an die eigene Nase zu fassen. Aber wo sind die Ideen für das Neue? Wie wollen wir „wirklich, wirklich“ leben, wenn nicht im ausbeuterischen Turbokapitalismus und in einer Gesellschaftsform, die auf mahnende und wegweisende Stimmen noch immer nicht hört? Wie realisiert sich ein Leben mit der Natur und nicht gegen die Natur in jeder Sekunde – und nicht nur im Geomantie-Seminar?
Diese Fragen wollen wir in Hagia Chora stellen. Die Beiträge in diesem Heft sind herausfordernd, teilweise unbequem und gegensätzlich. Während z. B. Thomas Mayer von seinen Erfahrungen in politischen Initiativen für direkte Demokratie in Deutschland berichtet, hält Reinhard Falter gar nichts von demokratischen Mehrheitsentscheidungen, denn eine Mehrheit strebe immer nach dem Geldsack, statt Natur als das Normative zu akzeptieren. Die Brücke zwischen beiden ist, dass sie Gesellschaft neu denken. Wir wollen von der Post-Kollaps-Gesellschaft sprechen, der Epoche, die nach dem Durchwandern der vor der Menschheit liegenden Talsohle auf uns wartet. Ob sie von einer „Kultur der Verbundenheit“ (Marco Bischof) getragen sein wird, ob sie eine „Erdkultur“ (Marko Pogaˇcnik) schaffen wird oder ob wir in einer Epoche der Unfreiheit und der Zementierung bereits heutigen Ressourcenbesitzes enden, liegt an uns allen.
Die Zeit der Ideologien ist vorbei, doch die großen Zukunftswerkstätten über eine in der Natur gründende, geistvolle Kultur haben erst zaghaft begonnen. Die Zeitschrift Hagia Chora ist ein Raum für eine solche Zukunftswerkstatt. Zwar ist unser Fachgebiet nur eines unter vielen. Aber es ist wichtig, weil grundlegend und Lebensgrundlagen erhaltend. Wir können gar nicht anders, als die Diskussion über eine andere Welt zu fördern und zu befruchten.
Es wird nicht einfach sein, diesen Raum während der sich verstärkenden Wirtschaftskrise aufrechtzuerhalten. Bereits diese Ausgabe ist wegen des gesunkenen Anzeigenaufkommens kaufmännisch nicht mehr zu vertreten. Wir werden die Zeitschrift nur mit einem anderen Finanzierungsmodell weiterführen können, in dem Sie, unsere Leserinnen und Leser, sich stärker engagieren. Daher laden wir Sie auf unsere Internetseite www.geomantie.net ein: Dort erfahren Sie, wie Sie die Zeitschrift durch ein Förderabo unterstützen können. Wir glauben an die Kraft des Schenkens. All die Jahre hat die Zeitschrift zu einem großen Teil von der Schenkkraft vieler Menschen, nicht zuletzt von uns selbst, gelebt. Es wäre großartig, wenn diejenigen unter Ihnen, für die es möglich ist, auch etwas für die Existenz unseres gemeinsamen Gedankenraums in dieser Zeitschrift schenken.
Mit den besten Wünschen für eine bereichernde Sommerzeit,


Lara Mallien und Johannes Heimrath