Das Herzstück

Rituelle Gestaltung von Kraftplätzen

von Anna Katharina Buse erschienen in Hagia Chora 32/2009

Die Architektin Anna Katharina Buse identifiziert mit Hilfe eines numerologischen Systems den sensibelsten Bereich eines Grundstücks. Durch die Grundsteinlegung an dieser Stelle und durch besondere Gestaltung soll dieses „Herzstück“ seine Kraft wirksam entfalten.

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In meiner Arbeit mit dem spirituellen Feng Shui und dem Finden von Kraftplätzen bin ich auf eindrucksvolle Zusammenhänge zwischen dem magischen Quadrat und dem „spirituellen Quadrat“ gestoßen. Über die Erfahrung mit der diesen Quadraten innewohnenden Zahlenmystik und ihrer Kraft möchte ich im Folgenden berichten.
Ein magisches Quadrat ist eine Anordnung von Zahlen in einem quadratischen Raster, so dass die Summe aller Zeilen, Spalten und der beiden Diagonalen eine gleiche Summe ergibt. Schon seit Jahrtausenden kommen magische Quadrate in verschiedensten Kulturen zur Anwendung. Eines der berühmtesten ist in Albrecht Dürers Kupferstich „Melencolia“ zu finden. Hier möchte ich jedoch auf den Umgang mit dem magischen Quadrat in der Philosophie des traditionellen Feng Shui eingehen. Es ist auch unter dem Begriff Luoshu bekannt und bildet die Basis vieler Numerologien im Osten wie im Westen.
Das spirituelle Quadrat ist ein komplementäres Gegenstück zum magischen Quadrat. Hier ergeben jeweils zwei der horizontalen, vertikalen und diagonalen Summen die Zahl 18, und die jeweils dritte Summe ergibt die Zahl 9. Es begnete mir erstmalig in dem Buch „Wohnen ist Leben“ von Sarah Rossbach, einer Schülerin von Thomas Lin Yun, dem tibetischen Feng-Shui-Meister und Oberhaupt der buddhistischen Schwarzhut-Tradition. Rossbach beschreibt darin auf Grundlage dieses Quadrats eine Meditation, bei der alle Lebensbereiche eines Hauses oder einer Wohnung in einer bestimmten Reihenfolge begangen werden.1
Beide Quadrate berufen sich auf die mystische Zahlensymbolik. Sie galt schon in alter Zeit als universeller Schlüssel zu den Geheimnissen des Lebens wie auch zu den Gesetzmäßigkeiten des Geistes. In unserem Kulturkreis geht sie zum größten Teil auf Pythagoras zurück. Während er die Grundlagen von Form und Frequenz erforschte, entdeckte er Beziehungen zwischen Geist und Materie und zeigte die Zahlenverhältnisse auf, nach denen der Kosmos gebaut ist.
Die Zahlenmystik der Feng-Shui-Philosophie findet vielfältige Anwendung, beispielsweise im System der acht Trigramme (bagua). Ihre Basis ist ein magisches Quadrat aus den 9 Grundzahlen mit einer Summe der Reihen und Diagonalen von 15. Diese kompakte Zahlenordnung wurde, so die Legende, vom mythischen ­Kaiser Yü dem Großen bei einer Meditation auf dem Rücken einer Schildkröte im Fluss Luo entdeckt. So fand er der Legende nach das Luo­shu-Quadrat und ordnete den einzelnen Feldern die Trigramme des Yijing in der Ordnung des „späten Himmels“ zu. (Der späte Himmel steht für die manifes­tierte Welt, der frühe Himmel hingegen für den Zustand vor der Schöpfung.)

Spirituelles Feng Shui
Im rationalistisch orientierten, traditio­nellen Feng Shui stützen sich die Gelehrten auf die Bedeutung der Himmelsrichtungen, ihre Qualitäten und Aussagen. Sie entwickelten numerologische Berechnungen und schufen Formeltheorien, die alle Richtungsfaktoren und astronomische wie kalendarische Zyklen berücksichtig­en. Sie betrachten die Dinge von außen, von der objektiven Seite her. Eine Feng Shui-Beratung, die aus diesem Ansatz heraus entwickelt ist, findet auf der Handlungsebene statt.
Parallel existiert ein weiterer Ansatz im Feng Shui, der ebenso in der Tradition der chinesischen Philosophie verankert ist. Er beruht weniger auf Ratio und Berechnungen, sondern auf Beobachtung und Erfahrung, also auf einer geschulten individuellen Wahrnehmung, auf Einfühlungsvermögen und sorgfältiger Refle­xion. Im alten China kamen Methoden aus beiden Wegen oft parallel zum Einsatz, wie Manfred Kubny in seinem Buch „Feng Shui: Die Struktur der Welt“ schreibt:
„Der klassische Feng-Shui-Experte sucht sich seine Interpretation aus vielen möglichen Alternativen und Theorien des Feng Shui zusammen, denn das klassische Feng Shui hat so viele Einzelaspekte, dass man es auch als ein weitestgehend offenes System bezeichnen kann. Seine Entscheidungen geschehen auf Grundlage von Symbolen, die die Natur vertreten. Sie können manchmal so willkürlich sein, dass sie weder durch kosmologische Gesichtspunkte noch deren theoretische Grundlagen erklärt werden können. In diesem Punkt ist und bleibt das Feng Shui ein echtes divinatorisches System, so wie es auch seine Ursprünge vor 2000 bis 3000 Jahren waren.“2
Ich selbst arbeite mit dem spirituellen Feng Shui, das seine Wurzeln in der Schwarzhut-Tradition von Professor Lin Yun findet. Er vereint in seiner Lehre buddhis­tische, daoistische und konfuzianische Aspekte und ist Begründer eines modernen intuitiven Feng Shui, das in den USA und Europa weite Verbreitung gefunden hat. Ihm geht es um eine Verbindung zwischen dem traditionellen chinesischen Denken und der heutigen Zeit.3
„Spirituelles Feng Shui“ bedeutet vor allem, in die Kraft der Bewusstseins­erweiterung durch die Erkenntnis, dass alles miteinander verbunden ist, und die Kraft des Herzens zu vertrauen. Bereits während meiner ersten Ausbildung zur spirituellen Feng-Shui-Beraterin bei Ilse Renetzeder faszinierte mich, wie stark die menschliche Psyche und unsere Gedanken unsere Räumlichkeiten beeinflussen. Durch diese Kraft erschaffen wir unser tägliches Leben. Im spirituellen Feng Shui spielen Intuition und subjektives Empfinden, das Betrachten der Energiequalitäten von innen her eine besondere Rolle, daher findet eine Beratung auf der subjektiven Ebene der Bewusstseinserweiterung statt.
Lin Yun entwickelte ein für das spirituelle Feng Shui geeignetes Raster zur Beschreibung von Räumen, das sogenannte Drei-Türen-Bagua. Hier wird das magische Quadrat über den Grundriss des Hauses bzw. der Wohnung gelegt. Die äußeren Quadrate sind den acht Trigrammen des Yijing zugeordnet. Sie repräsentieren verschiedene Lebensbereiche, deren Gestaltung Einfluss auf das Leben der Menschen in den entsprechenden Bereichen haben soll. Die Arbeit mit dem Drei-Türen-Bagua kann Impulse geben, die eigene Wohnung bzw. den Arbeitsplatz als Spiegel der eigenen Persönlichkeit zu verstehen und noch nicht genutzte Potenziale und Herausforderungen zu integrieren.
Jeder der neun Zonen des quadratischen Rasters über dem Gebäude wird eine Himmelsrichtung, eine Wandlungsphase, ein Trigramm, der zugehörige Lebensbereich und eine bestimmte Zahlenqualität zugeordnet. Lediglich die Mitte mit der Zahl 5 erhält kein Trigramm, sie repräsentiert das Nicht-Fassbare und Allgegenwärtige: die mysteriöse Leere (xuan kong), das Zentrum, die Mitte, die auch als das „eigene Ich“ oder als „Selbst“ bezeichnet werden kann. Alle anderen der acht Zahlen verknüpfen sich durch die Zuordnung mit der Qualität des jeweiligen Trigramms.
Über die chinesische Zahlensymbolik hinaus arbeite ich bei der Deutung von Zahlenqualitäten auch mit der Zahlenlehre von Michael Stelzner. Er zeigt in seinem Buch „Die Symbolik der Zahlen“ mit einer naturwissenschaftlich orientierten Argumentation, dass Zahlen nicht nur eine quantitativ-zählende Seite besitzen, sondern auch eine qualitativ erzählende Seite. Sie geben ihr Geheimnis preis, sobald man begreift, dass sie nicht nur eine Quantität, sondern auch eine Qualität besitzen.

Räume energetisch reinigen
Wenn man anstelle des magischen Quadrats das spirituelle Quadrat über den Grundriss legt, begibt man sich auf eine noch feinere Ebene, die in rituellen Handlungen berührt wird. Ich möchte hier ein Lichtritual beschreiben, das ich zum Space Clearing von Räumen verwende. Der Begriff Space Clearing (Raum-Reinigung oder -Klärung) wurde u. a. von Karen Kingston, Autorin des Buchs „Feng Shui gegen das Gerümpel des Alltags“ eingeführt und hat sich inzwischen in Fachkreisen zur Unterscheidung dieser feinstofflichen Reinigung von dem Entsorgen und Reinigen auf der materiellen Ebene eingebürgert. Eine solche Reinigung kann durch Licht, beispielsweise durch das Aufstellen und Abbrennen von Kerzen, verbunden mit liebevollen Gedanken, Räume mit neuen Energien anreichern.
Das Lichtritual wende ich auch zum Ausgleichen von energetischen Defiziten eines Hauses durch unregelmäßige Grundrissformen an. Wenn bei einer pauschalen Einteilung des Grundrisses in neun gleiche Quadrate ein Teilbereich fehlt, deutet dies auf noch ungenutzte Potenziale in dem jeweiligen Lebensbereich hin.
Als Vorbereitung auf das Ritual zeichne ich das spirituelle Quadrat in den Grundriss ein, die Eingangstür bildet dabei die Grundlinie. Mit der 1 beginne ich in der Mitte des zweiten linken Quadranten. Diesem Bereich wird im Feng Shui der Lebensbereich der Familie bzw. die Historie zugeordnet.
Das Ritual wird selbstverständlich gemeinsam mit den Bewohnern oder den Bauherren eines Neubaus durchgeführt. Bereits bei der Vorbereitung spüre ich oft eine festliche, andächtige und meditative Atmosphäre zwischen allen Beteiligten. Wir richten einen kleinen Altar her, indem wir in die Mitte des Hauses oder der Wohnung eine Schale mit Wasser, ein Blume, eine Kerze, einen Rosenquarz und Räucherwerk aufstellen. Auch Meditationsmusik kann die andächtige Stimmung vertiefen. Wenn alles vorbereitet ist, gehen wir gemeinsam in die Stille und dann in den realen Raum an die Stelle mit der Zahl 1, der ersten Lichtsäule. Hier initiieren wir die erste Lichtsäule, indem wir uns geistig vorstellen, wie ein senkrechter Lichtstrahl an dieser Stelle leuchtet. Zur Bekräftigung stellt einer der Bewohner oder Bauherren eine brennende Kerze auf dem Boden an diese Stelle und segnet sie.
Dann folgt die Setzung der zweiten Lichtsäule in die Ecke des Raums an der Stelle, die auf dem Grundriss mit der Zahl 2 markiert ist. Auch hier initiieren wir gemeinsam eine Lichtsäule und verstärken sie durch eine brennende Kerze. So gehen wir Zimmer für Zimmer an jede Stelle durch das gesamte Gebäude in der Reihenfolge der Zahlen im spirituellen Quadrat.
Liegt ein Quadrant in einem unzugänglichen Außenbereich, etwa in einer angrenzenden Wohnung oder auf einer Straße, stellen wir die Kerze in die Ecke der Wohnung, die auf diesen Bereich hinzeigt, und wir visualisieren die Lichtsäule an der realen Stelle. So werden alle Lebensbereiche mit den Lichtsäulen initiiert und gesegnet. Während so eines Rituals spüre ich oft eine Freude, die sich in Leichtigkeit verwandelt und auch bei den Bauherren zu spüren ist. Oft berichten sie mir, wie sie am Anfang eine innere Zurückhaltung spüren, aber mit der Zeit des Rituals immer leichter und freudiger werden, ja sogar manchmal ein inneres tiefes Lachen oder eine nicht bekannte Kraft spüren.
Zum Abschluss des Rituals stellen wir uns gemeinsam eine Pyramide aller initiierten Lichtsäulen vor, die nun über dem Grundriss leuchtet. Mit einem Gebet, Dank und den besten Wünschen für Leichtigkeit und Freude in der Zeit des Wohnens in diesem Haus kehren wir wieder auf die Ebene des Alltags zurück.

Der Kraftplatz
Im Lauf meiner Praxis habe ich festgestellt, dass ein Space Clearing oder ein Ritual zum Umzug oder Neubau, wie z. B. eine Grundsteinlegung, den Menschen immer wichtiger geworden ist. Auch das Bedürfnis nach einem Kraftplatz wächst. So entwickelte sich in meiner Arbeit ein besonderer Weg, einen Kraftplatz in Gärten oder Wohnungen anzulegen.
Als ich einmal das spirituelle und magische Quadrat übereinanderlegte und ihre Linienführung von Zahl zu Zahl verfolgte, entdeckte ich eine Überschneidung, durch die ein dreieckiges Feld ensteht, das auch das Zentrum berührt. Eine Seite bildet eine Linie des magischen Quadrats, die andere Seite eine Linie des spirituellen Quadrats, und die dritte Seite wird ausgehend vom Zentrum von einer gemeinsamen Linienführung beider Quadrate gebildet. Die gleiche Konstellation ist zwar auch im Bereich 9 vorhanden, sie berührt jedoch nicht das Zentrum, das „Individuum Mensch“.
Nun überprüfte ich meine zurückliegenden Gartengestaltungen, indem ich auf jeden Grundstücksplan dieses Dreieck einzeichnete. Erstaunlicherweise lagen alle der bisher jeweils von mir intuitiv ausgemuteten Kraftplätze der Gärten oder Grundstücke innerhalb dieser Fläche.
Da ich das Zentrum auch mit dem eigenen Selbst und dem Herzen verbinde, habe ich diese besondere Fläche in Anlehnung an den Herzpunkt das „Herzstück“ eines Grundstücks bzw. eines Gebäudes oder einer Wohnung genannt. Von diesem Bereich geht etwas aus, das den Menschen Kraft gibt, vor allem, wenn es gemeinsam mit den Bewohnern eine persönliche Initiierung erfährt.
Als Architektin setze ich dieses Initiierungsritual durch eine Steinsetzung mit informierten Bergkristallen auch beim Neubau von Gebäuden ein. So wird bereits unterhalb des Fundaments das Herzstück aktiviert und kann schon im Vorfeld auf das Geschehen des Bauablaufs positiv einwirken.
Das Ritual einer Grundsteinlegung geschieht immer gleich. Meist verwende ich einen gereinigten Rosenquarzbrocken, denn dieser Stein steht für die Qualität der allumfassenden Liebe. Zunächst wird innerhalb des Herzstücks eine Fläche ausgemutet, in der wir mit Andacht in der Baugrube unterhalb der Fundamente ein Loch in der Erde vorbereiten. Die Bauherren haben für das Ritual eine Schachtel vorbereitet, in der ein Zeitdokument, etwas Geld, etwas Persönliches und Wünsche verschlossen sind. Alle Beteiligten stehen dann in einem Kreis um das Loch, in das wir Räucherwerk und ein Mandala hineinlegen. Nach einer Meditation gibt der Bauherr feierlich seine Beigaben und den Rosenquarz in das Loch. Alles wird gesegnet und mit einem Klang unterstützt.
Es berührt mich immer wieder, wie die Bewohner bzw. Bauherren eines Hauses ein tiefes Gefühl von Verbundenheit zu ihrem Grundstück oder auch dem entstehenden Neubau entwickeln. In nachträglichen Erzählungen höre ich immer wieder, dass sie durch dieses Ritual ihr Bewusstsein mehr in ihre eigene Mitte gelenkt haben.
Nach Fertigstellung des Gebäudes wird das Herzstück in der Bebauung freigehalten und in der Innenraumgestaltung besonders hervorgehoben, z. B. durch eine Intarsie in Form eines Mandalas am Boden. In Gärten gestalte ich an diesem Platz ein Pflanzbeet in der Form eines Mandalas oder Kristalls. Außerdem erhält es einen Findling als Kraftstein und eine besondere Pflanze. Wenn genug Raum gegeben ist, setze ich eine Linde, die auch schon in früher Zeit als zentraler Ort der Begegnung in der Dorfmitte ihren Platz hatte.
Jeder Mensch, der an einem Symbol wie einem Mandala oder einem Kraftstein vorbeigeht und es durch einen Blick verinnerlicht und in sich aufnimmt, gibt dem Symbol durch diese Aufmerksamkeit Stärkung. Es entsteht eine energetische Wechselbeziehung. So geschieht eine Anregung der Akupunkturpunkte auf diesem Stück Mutter Erde. 


Anmerkungen: (1) Rossbach, Sarah: Wohnen ist Leben. Droemer Knaur, München 1989 (2) Kubny, Manfred: Feng Shui: Die Struktur der Welt. Drachen Verlag, Klein Jasedow 2008, S. 165 (3) Siehe Interview „Geistiges Wachstum und Feng Shui“ mit Großmeis­ter Lin Yun in Hagia Chora Ausgabe 6, Beilage Feng Shui Spezial, Klein Jasedow 2000.