Steter Tropfen

Ein Gespräch mit dem Wasseraktivisten Franklin Frederick

von Franklin Frederick , Johannes Heimrath , Lara Mallien erschienen in Hagia Chora 32/2009

Franklin Frederick, Umwelt-Aktivist aus Brasilien, setzt sich seit Jahren gegen die Privatisierung des Wassers durch den Nestlé-Konzern ein. Er koordiniert das ökumenische Projekt „Wasser als Menschenrecht und als öffentliches Gut“.

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 Video: Geomantie und politisches Engagement (73 Minuten)

Schon lange wollten wir ihn persönlich kennenlernen, als Autor kannten wir ihn schon: Franklin Frederick aus Brasilien, den geomantische Erfahrungen zum Umwelt-Aktivisten gemacht haben. Er engagiert sich in seiner Heimat und in Europa für den Widerstand gegen die Privatisierung von Trinkwasserreserven durch den Nestlé-Konzern. 2003 berichtete er erstmals in Hagia Chora (Ausgabe 18) über die Erfolge seiner Mission. Franklin kooperiert mit kirchlichen Organisatio­nen in der Schweiz und ist oft in Europa. Im Sommer 2008 fand er den Weg nach Ostvorpommern zum Sitz der Hagia-Chora-Redaktion. Die Video-Aufzeichnung seines Gesprächs mit Johannes Heimrath ist unter www.geomantie.net abrufbar.


Johannes Heimrath: Ihr Engagement für Wasser als Menschenrecht hat ihren Ursprung an einem besonderen Ort. Mögen Sie uns davon berichten?
Franklin Frederick: Dieser Ort ist ein Kurpark in der Stadt São Lourenço im Bundesstaat Minas Gerais, einer eher unbekannten Region Brasiliens. Es ist die an Mineralwässern reichste Gegend der Welt. Als im 19. Jahrhundert dort medizinische Mineralquellen entdeckt wurden, entstanden Parks und Kurorte wie São Lourenço, in dessen Kurpark auf kleinem Raum bis zu neun verschiedene Sorten Mineralwässer aus der Erde sprudeln: Da gibt es an der einen Stelle eisenhaltiges Wasser und zehn Meter weiter beispielsweise magnesiumreiches Wasser. Jedes kann man zur Unterstützung von Heilungsprozessen einsetzen. Bis 1950 existierte in Brasilien ein Ministerium, das diese Quellen schützte und über ihre Anwendung forschte. An staatlichen Hochschulen konnte man den therapeutischen Einsatz dieser Wässer studieren. Doch nach dem Zweiten Weltkrieg wurde das Ministerium ebenso wie das Universitätsfach geschlossen. Jetzt wuchs die Macht der Pharmakonzerne und ihrer Lobby gegen diese natürlich Medizin. Man wollte, dass die Menschen Pillen kaufen, statt Wasser trinken. Diese Lobby funktionierte derart gut, dass die therapeutische Anwendung der Mineralwässer aus der medizinischen Praxis vollständig verschwand. Aber das Wasser gab es natürlich noch. Die Kurorte an den Mineralquellen-Parks überlebten durch den Tourismus, aber dieser ging stark zurück, da man nun keine medizinische Betreuung mehr bieten konnte. Die Wirtschaft der ganzen Region ging zurück, und so waren die Kurparks ein leichtes Ziel für die Privatisierung.
Waren diese Quellen in vergangenen Jahrhunderten bereits von indianischen Stämmen besucht worden?
Niemand lebte dort dauerhaft, es war ein großer Sumpf. Portugiesische Siedler legten ihn erst Anfang des 19. Jahrhunderts trocken. Aber zu bestimmten Jahreszeiten sollen die Eingeborenen die Quellen aufgesucht und dort spezielle Rituale durchgeführt haben. Es war ein Pilgerort. Nur wenige Überlieferungen darüber haben in die heutige Zeit überlebt, es wurden auch noch keine archäologischen Untersuchungen durchgeführt. Die Franziskaner eigneten sich schließlich einen der heiligen Orte an und bauten dort eine Kirche.
Wie kam es, dass das Interesse von Nestlé auf diese Quellen gelenkt wurde?
Ursprünglich wurden die Kurparks als Familienbetriebe geführt. In den 20er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts kaufte sie der Staat bis auf denjenigen von São Lourenço. Diesen erwarb in den 60er-Jahren die Perrier-Gruppe und begann, das Wasser in Flaschen abzufüllen. Dieses Unternehmen hat die Parks gut erhalten und viel investiert, es gab keine Konflikte mit der Stadt. Im Jahr 1992 übernahm aber der Nestlé-Konzern die Perrier-Gruppe als Ganze, so dass Nestlé dieser Park damit automatisch gehörte.
Die ungute Geschichte von Nestlés Umgang mit Wasserreserven von Entwicklungs- und Schwellenländern begann im Jahr 1998 in Pakistan. Dort startete Nestlé die Aktion „Pure Life“. Unter dieser Marke wurde dort das in den Dritte-Welt-Ländern abgefüllte Wasser in großem Stil vermarktet. Die Botschaft lautete: Eure Leitungswasserqualität vor Ort ist schlecht, aber Gott sei Dank verkauft euch Nestlé günstiges, sauberes Wasser. Diese erstmals 1998 in Pakistan erprobte Strategie von Nestlé war wirtschaftlich ein voller Erfolg, jetzt entstanden in vielen südlichen Ländern hinter hohen Mauern Wasserpumpstationen, die das lokale Wasser einer Umkehrosmose unterzogen, so dass man ein standardisiertes Wasser erhielt, das unter dem Namen „Pure Life“ in Flaschen agressiv vermarktet wurde. Vor der offiziellen Produktlancierung in Pakistan wurde die Bevölkerung in den Medien ausgiebig vor der schlechten Qualität des lokalen Wassers gewarnt, um einen Markt für ein völlig überflüssiges Produkt zu schaffen: „Pure Life“-Wasser von Nestlé. Für die Ober- und Mittelklasse ein attraktives Produkt, aber die Armen, die sauberes Wasser am nötigsten brauchen, konnten es sich nicht leisten.
Im folgenden Jahr wurde die Fabrik im Wasserpark von São Lourenço errichtet. Man zog die Mauern hoch und baute einen 150 Meter tiefen Pumpbrunnen. Jetzt gab es auch im Supermarkt von Rio de Janeiro oder São Paolo „Pure Life“ Wasser zu kaufen. Daraufhin veränderte sich der Geschmack der übrigen Quellen im Kurpark. Mineralwasser braucht nämlich Zeit, seinen Geschmack auszubilden, man kann es nicht aus der Tiefe mit Gewalt nach oben pumpen, ohne dass es an Qualität verliert. Das ganze System geriet durch das Nestlé-Wasserwerk aus der Balance.
Sind Ihnen oder den Leuten vor Ort die Auswirkungen dieses Ein­greifens von Nestlé bereits nach dem Bau der Fabrik aufgefallen?
Ich habe die ersten Anfänge der Bürgerinitiative gegen Nestlé zwar mitverfolgt, war aber noch nicht aktiv dabei. Anfang des Jahres 2000 hatte eine Bürgergruppe zunächst offenherzig angefragt, ob sich ein Treffen mit Nestlé und der Stadtverwaltung arrangieren ließe. Nestlé verhielt sich aber von Anfang an derart arrogant, dass kein Dialog mit der Bürgerschaft möglich war. Also klagte die Initiative und gewann den Fall auf der Ebene der Stadt. Die Fabrik wurde für drei Tage geschlossen. Doch Nestlé wandte sich an den nächsthöheren Gerichtshof. Das brasilianische Rechtssystem ist eigentlich recht gut, aber es gibt ein Problem: Man kann immer das nächsthöhere Gericht anrufen. Wenn man in einem solchen Fall von Seiten der Kläger nicht viel Druck aufbaut, wird die Klage fallengelassen. In dieser Situation bat die Bürgerinitiative in der Öffentlichkeit um Hilfe, und ich habe mich ihr angeschlossen, weil ich nicht wolllte, dass unsere Mineralquellen verlorengehen.
Sie haben oft davon erzählt, dass der entscheidende Impuls, sich für die Quellen zu engagieren, ein Geomantie-Projekt gewesen sei. Das finde ich eine sehr interessante Verbindung …
Bereits Anfang der 90er-Jahre hatte ich von Marko Pogaˇcniks Arbeit gehört, denn ich hatte mit einer Gruppe christlich orientierter Pilger eine Fahrt nach Deutschland unternommen und dort auch den Park von Türnich mit dem ersten großen Lithopunkturprojekt von Marko Pogaˇcnik besucht. Im Jahr 1995 schlug ich Marko Pogaˇcnik vor, die Gegend der Wasserparks in Brasilien geomantisch zu untersuchen, denn diese Wässer hatten mich schon immer magisch angezogen. Ich liebe diese wunderbaren Wasserparks, in denen jede Quelle einen eigenen Geschmack hat. Wenn man dort ein paar Tage Zeit verbringt, fühlt man sich ganz verändert, verjüngt und erfrischt. So kam es, dass eine Gruppe Inter­essierter zusammen mit Marko Pogaˇcnik im Jahr 1996 eine geomantische Untersuchung der Umgebung durchführte. Wir versammelten uns in den Parks, um gemeinsam zu tönen, und fanden zu einer tiefen Verbindung mit der Seele dieses Orts. Ich begeisterte mich für die Sache und organisierte die Finanzierung für ein Lithopunkturprojekt. Die Steinstelen mit ihren Kosmogrammen sollen die Menschen beim Besuch der Parks darin unterstützen, sich mit dem Wasser auf einer tieferen Ebene als der des Konsums – auf einer sakralen Ebene – zu verbinden. Ansätze für die Wahrnehmung des Heiligen in der Natur gab es bereits in den Wasserparks, denn in jedem Park befindet sich ein Marienbild oder eine Marienskulptur. Dort beten die Menschen und hinterlassen eine Devotionalie, wenn sie geheilt wurden. Also gab es schon einen Verbindung zur Heiligkeit des Wassers und der sakralen Weiblichkeit des Planeten. Mit Marko Pogaˇcnik wurde den Menschen nun ein über die traditionelle christliche Haltung an Wallfahrts- oder Heilorten hin­ausgehendes, moderneres Verständnis für einen heiligen Ort nahegebracht. Als Nestlé sich dann der Quellen bemächtigte, war ich sehr aufgewühlt. Ich empfand die Kommerzialisierung als Blasphemie.
Ohne die tiefe Verbindung zu den Wasserparks, die in der geomantischen Arbeit gewachsen war, wäre mir die Sache mit Nestlé nicht so nahegegangen. Ich fühlte mich persönlich betroffen und schloss mich der globalen politischen Bewegung gegen Wasserprivatisierung an.
Wie kam es, dass Sie bald weit über die Grenzen Brasiliens hinaus aktiv geworden sind?
Die Bürgerrechts-Bewegung von São Lourenço. verstand schnell, dass wir in Europa mehr Pressemacht entwickeln könnten als in Brasilien, vor allem in der Heimat von Nestlé, in der Schweiz. Nestlé versuchte im Jahr 2001 im Kanton Neuenburg eine Wasserprivatisierung. Die örtliche attac-Gruppe protestierte dagegen mit Erfolg. Zufällig lebten Freunde von mir in dieser Region, und so kam es zur Vernetzung.
Attac ist eine sehr dynamische Gruppe, dort versammeln sich sehr junge Leute, die aktiv und informiert sind. Wir haben in der Schweiz sofort mehrere Pressekonferenzen organisiert und im Jahr 2003 eine sehr effektive Kampagne gegen die Machenschaften von Nestlé in Brasilien und anderswo ins Leben gerufen. Glücklicherweise drehte das Schweizer Fernsehen eine Dokumentation über unseren Fall, die Öffentlichkeit war auf unserer Seite. Ich kam immer wieder in die Schweiz, um die Kampagne zu unterstützen. Über die Jahre hinweg wurde durch diese Arbeit so viel Druck auf Nestlé ausgeübt, dass der Konzern 2006 endlich aufgegeben hat und in São Lourenço kein Wasser mehr abpumpt. Das ist ein wunderbarer Erfolg, der zeigt, wie Menschen weltweit zusammenarbeiten und etwas erreichen können.
Die Wasserkrise, die wir heute erleben, ist auch eine Chance. Sie berührt Wirtschaft, Industrie, Politik, Kultur und Wissenschaft, sie bringt Menschen zusammen, um etwas zu ändern. Wasser ist die Basis des Lebens und deshalb ein Schlüssel für viele grundlegende Themen. Mit dem Thema Wasser erreicht man die gesamte Gesellschaft in allen Ländern der Welt. Und der Missbrauch durch die Wasserprivatisierung führt uns die destruktive Wirkung des kapitalistischen Systems auf einer sehr konkreten Ebene vor Augen.
Wasser ist vielleicht eine der mysteriösesten Substanzen im Kosmos. Mich haben bereits während meines Literatur- und Musikstu­diums die Rätsel, die das Wasser der Wissenschaft aufgibt, sehr interessiert. Bei meinen Vorträgen erinnere ich immer daran, dass Wasser keine rare Substanz im Universum ist. Um uns herum ist viel Wasser, die Schweife von Kometen bestehen zum Beispiel aus Wasser, aber das Wasser im Universum ist nur sehr selten flüssig. Wenn die Erde der Sonne nur ein bisschen näher oder ferner wäre, würde alles Wasser verdampfen oder frieren. Jedenfalls ist es ein Wunder, dass wir auf diesem Planeten flüssiges Wasser im Überfluss haben, so dass Leben, wie wir es kennen, entstehen konnte. Es ist sicherlich kein Zufall, dass in allen sakralen Traditionen der Welt Wasser ein besonderer Stellenwert gegeben wird. „Der Geist schwebte über den Wassern“, lesen wir in der Bibel, und Ähnliches gibt es in den Überlieferungen aller Religionen. In einer Zeit, in der es so viel Intoleranz gibt, so viel religiösen Kampf, wird dennoch die Antwort auf die Frage, was die Religion über Wasser denkt, in der islamischen, jüdischen, christlichen, buddhistischen Tradition oder in den Traditionen der indigenen Bevölkerung in Afrika oder Südamerika ähnlich ausfallen. Wir haben nicht viele Ebenen, auf denen sich alle derart einig sind.
Es mag in der Zukunft aufgrund von Wasser Kriege geben, aber vielleicht wird es auch möglich sein, mit und durch Wasser Frieden zu finden, denn Wasser vereint.
Peter Brabeck, der damalige Geschäftsführer von Nestlé, verteidigte sich mit den Worten: „Wir fülllen das Wasser ab und verkaufen es, geben ihm damit einen Wert.“ Das ist aber ein ganz anderer Wert als derjenige, den Sie gerade angesprochen haben …
Wasser ist eine mehrdimensionale Entität, aber heute ist im westlichen Denken nur noch die wirtschaftliche Dimension geblieben. Als Wirtschaftsgut lässt sich Wasser nun privatisieren. So etwas wäre für eine traditio­nelle, indigene Bevölkerung undenkbar. Wie könnte jemand Wasser besitzen? Wir müssen uns fragen, welcher Prozess im westlichen Bewusstsein stattgefunden hat, dass wir heute über Wasserprivatisierung sprechen können, als sei es das Selbstverständlichste der Welt.
Ich erinnere mich an ein Erlebnis auf einer meiner Reisen nach Irland: Wir kamen an eine Quelle, aus der das Wasser unmittelbar vor unseren Füßen aus dem Boden sprudelte. Um mich an ein ähnliches Erlebnis zu erinnern, musste ich weit in meine Kindheit zurückgehen und sah mich mit meinem Großvater durch den Wald spazieren. Wir konnten damals das Wasser aus den Quellen sprudeln sehen und tranken aus den Bächen. Heute wäre das gesundheitsgefährend. Es gibt diesen unmittelbaren Bezug zum Wasser, das aus der Erde kommt, nicht mehr.
Die weltweite Bewegung gegen die Wasserprivatisierung muss noch weiter wachsen. Es müsste meiner Ansicht nach in dieser Bewegung noch stärker darum gehen, die verlorenen Dimensionen des Wassers zurückzugewinnen, denn erst dann werden wir das Wasser nicht mehr kommerzialisieren können. In Europa wird Wasserprivatisierung nur eine Sache des Preises sein, aber in Ländern wie meinem ist es auch eine Sache sozialer Kontrolle. Wenn nur noch eine Handvoll internationaler Konzerne das Wasser der Welt kontrolliert, wäre das verheerend.
Die indigene Bevölkerung kämpft nicht nur aus materiellen Gründen um ihr Wasser. Ich denke an eine Initiative sehr armer Bauern aus Bolivien. Sie haben ihr Wasser, das auch der Privatisierung anheimgefallen war, zurückgewonnen. Wie haben sie das geschafft, was hat ihnen die Kraft gegeben? In der Vision ihres Kosmos ist das Wasser heilig, also waren sie verwundet, sie mussten Nein sagen zur Privatisierung und haben gekämpft.
Die Bewegung gegen die Wasserprivatisierung wird in Brasilien von der Kirche unterstützt. Warum engagiert sie sich so stark in dieser Sache?
Die Freiheitstheologie Brasiliens war immer schon sozial engagiert und hat einen gewissen Gegenpol zur Regierung gebildet. Der berühmte Bischof Dom Helder Camera sagte mir einmal: „Wann immer ich über die armen Leute spreche, nennen sich mich einen Heiligen, aber wenn ich über die Gründe der Armut spreche, nennen sie mich einen Kommunisten.“ Unsere katholische Kirche spielte eine entscheidende Rolle bei den sozialen Bewegungen der letzten Jahrzehnte, auch der Bewegung der Landlosen. Darauf bin ich sehr stolz, das ist einzigartig. Es hat seinen Ursprung im Widerstand der Kirchen gegen die Diktatur im Brasilien der 70er-Jahre. Damals wurden Geistliche ermordet, es war ein harter Kampf. Der typisch lateinamerikanische christliche Impuls, der für viele Menschen in den 70er- und 80er-Jahren einflussreich war, konnte Brücken zwischen den Kulturen bauen, denn es gibt darin viele Verbindungen zu den Werten der Indigenen.
Wie erleben Sie Ihre Arbeit in Europa?
Wenn ich in der Schweiz oder in Deutschland bin, habe ich immer den Eindruck, dass Probleme viel zu theoretisch angegangen werden. Hier haben die Menschen Angst, über Gefühle zu sprechen, wollen nicht zu nah mit den Dingen in Berührung kommen. Und es wird endlos diskutiert – all diese Diskussio­nen in Europa! In Lateinamerika wäre gar nichts passiert, wenn wir so viel diskutiert hätten. Man muss etwas tun und auf seine Intuition und seine Gefühle vertrauen. Ich habe immer den Eindruck, dass in Europa die Verbindung zwischen Kopf und Herz abgeschnitten ist.
Es gibt einen Mythos aus dem 19. Jahrhundert, der das erklärt, ich finde, es ist der europäische Mythos par excellence: Dracula. Liest man diese Geschichte mit geomantischen Augen, ist sie höchst aufschlussreich. Es handelt von der Trennung von Mind (Geist, Bewusstsein, Verstand) und „Herz“.
In der Geschichte lebt Dracula in Transsilvanien, einer der entlegendsten Gegenden Europas, wo noch eine Volkskultur und die Verbindung zur Natur lebendig ist. Graf Dracula will Land in England kaufen, und das darf nicht irgendein beliebiges Stück Land sein, sondern er kann nur auf einem Land leben, das einst heilig war, also kauft er ein Kloster. Auf seiner Reise nach England bringt er acht Särge voller Erde mit. Er braucht die Verwurzelung in seiner Heimaterde, sonst ist er machtlos. Und wie heißt das Schiff, in dem er übersetzt? Demeter, wie die Mutter Erde! Ich deute Dracula als eine männliche Form der Persephone, der Göttin der Unterwelt.
Wenn Dracula in London ankommt, toben die Elemente, es herrscht Sturm. Das steht für den Aufruhr der durch den Viktorianismus unterdrückten Triebe, für die Wildheit des Lebens. Und wie tötet man einen Vampir? Man schneidet seinen Kopf ab. Das spricht sehr klar von der Trennung zwischen Herz und Geist, die wir in unserer Kultur haben.
Das Bild des Vampirs passt auch gut auf die Mechanismen der großen globalen Firmen, der Oligopole. Sie nehmen die heiligen Orte in Besitz. Ich kam mit diesem Thema erstmals auf dem World Uranium Hearing im Jahr 1992 in Salzburg in Berührung, als Menschen aus traditionellen Kulturen weltweit den Missstand des Uranabbaus an ihren heiligen Orten erstmals in das Bewusstsein der Öffentlichkeit heben konnten. Der moderne Dracula saugt die Lebenskraft aus solchen Orten.
Früher pflegten die Kulturen Technologien des Dialogs im Umgang mit der Erde, sei es im Bereich des Bauens, der Landwirtschaft oder der Heilung. Im Dialog mit Pflanzen und Tieren habe sie wunderbare Dinge erfunden. Heute verfolgen wir nur noch Methoden der Ausbeutung. Ich denke, dass Geomantie eine wichtige Rolle dabei spielen kann, Technologien des Dialogs zurückzubringen.
In all den Lebensbereichen, in denen es wie in der Geomantie um den Dialog mit den nicht sichtbaren Dingen des Lebens geht, liegt im Grund eine große Kraft für gesellschaftliche Veränderung. Auch in meiner Praxis als Musiker und Therapeut findet meine Arbeit in einer unsichtbaren, nicht messbaren Dimension statt. Unter diesem Vorzeichen bin ich auch in den 80er-Jahren mit Marko Pogaˇcnik zusammengetroffen, nämlich auf dem Symposium „Kunst und die unsichtbare Wirklichkeit“ auf Schloss Elmau in Süddeutschland. Um diese Zeit war es neu, ausdrücklich von einem Dialog mit den Kräften eines Orts zu sprechen. Inzwischen hat sich die Geomantie weiter verbreitet, aber ich frage mich immer noch: Kann diese Arbeit eine Kraft entwickeln, die politisch wirksam sein kann?
Wir kämpfen ja mit dem Problem, dass Menschen, die sich mit spirituellen, traditionellen, energetischen oder esoterischen Inhalten befasst haben, oft auf der rechtslastigen Seite der Politik gestanden haben. Deshalb stehen die sozialen und politischen Aktivisten dem Spirituellen oft so skeptisch gegenüber. Was wir bräuchten, wäre eine geomantisch bewusste Politik und eine soziale Bewegung, die Geomantie als Motivation für ein gutes Leben auf der Erde einbezieht …
Selbst mit meinen Freunden aus den sozialen Bewegungen ist es schwierig für mich, über diese anderen Dimensionen zu sprechen. Es ist ein großes Problem für mich, dass ich in mir selbst ständig den Spalt, der zwischen dem spirituellen und dem politischen Lager klafft, überbrücken muss. Meine Arbeit ist durch die Geomantie inspiriert, aber das spielt für die meisten Aktivisten in den globalisierungskritischen Bewegungen keine Rolle, sie lassen nur ratio­nale Argumente gelten. Es ist dringend notwendig, diese Brücke zu bauen, sonst bleiben unsere Bemühungen einseitig. Ich habe auch Zugang zu den eher wohlhabenderen, spirituell orientierten bürgerlichen Schichten in Brasilien. Obwohl diese Gruppen sehr offen und sensibel für verschiedene Ebenen sein können, interessieren Sie sich in der Regel überhaupt nicht für Politik und wollen mit meinen Freunden von attac nicht viel zu tun haben.
Politik und Esoterik haben in der Vergangenheit immer wieder zusammengespielt, man denke nur an die europäischen Könige des Mittelalters, die sich mit Alchemie befassten. Auf der anderen Seite ist Esoterik, die sich auf die Theosophie bezieht, von ihrer Wurzel her bereits unpolitisch. Als ich mich einmal mit den historischen Schriften der Theosopie befasst habe, wurde mir bewusst, dass darin mit keinem Wort von der Armut der Menschen in der damaligen Zeit die Rede war, nur von „astraler Verschmutzung“.
Mit unserer Zeitschrift bemühen wir uns dar­um, Geomantie aus der esoterischen Ecke zu rücken und das Thema Menschen, die in verschiedensten gestalterischen, ökologischen, sozialen oder therapeutischen Zusammenhängen arbeiten, nahezubringen. Wir möchten sie einladen, etwas vom Bewusstsein über die nicht-sichtbare Welt in ihre Praxis zurückzubringen, ohne dass die Arbeit dadurch einen esoterischen Anstrich bekommt, und wir möchten die politische Dimension eines solchen Bewusstseins verdeutlichen. Dabei geht es nicht um eine theosophische oder andere dogmatische Sichtweise, sondern um einen Zugang, der modern oder postmodern, aber nicht modernistisch ist.
Wir leben heute in einem sehr komplexen Augenblick der Geschichte. Viele Dinge haben sich im Grund bereits überlebt, sie hätten kein Recht mehr, hier zu sein, aber sie bleiben dennoch. Gleichzeitig entsteht überall eine neue Kultur, die jetzt das Recht hätte, sich auszubreiten, aber sie kann es nicht, das Alte steht noch im Weg. Mir scheint oft, das Neue sei noch nicht wirklich inkarniert.
Ich empfinde es als sehr anstrengend, noch alte Verhaltensweisen, im Grund überkommene Strategien von Konfrontation, an den Tag legen zu müssen, um an die Partner, die noch aus dem alten Paradigma heraus handeln, überhaupt heranzukommen. Wie kann diese neue Gesellschaft, die schon längst da ist, Raum gewinnen, wenn alles noch in den Ketten der alten Muster liegt?
Ich denke, dass Menschen wie Sie die Rolle von kleinen Bakterien und Viren im Mainstream spielen. Diese kleinen Bakterien sind ein Teil des Stroms des Lebens und verändern mit der Zeit die gesamte Kultur. In Wirklichkeit gibt es keine Fronten, sondern nur organische Bewegungen. Dafür müssen wir in die Mitte der Gesellschaft hineingehen. Sie haben Ihre Verbindung mit der nicht-physischen Dimension des Wassers genutzt, um zu einem globalen Bewusstsein für die Mehrdimen­sionalität von Wasser beizutragen. Das hätte nicht von außen gelingen können, Sie waren ja mitten im Geschehen und haben sogar mit Peter Brabeck direkt gesprochen.
Ja, ich ich hatte das Vergnügen … Aber für ihn war es wohl kein so großes Vergnügen, glaube ich …
Ich stimme Ihnen zu – das Innere wirkt sich auf das Äußere aus –, in der Theorie klingt das sehr schön. Aber im praktischen, alltäglichen Leben sind Menschen wie ich leider Außenseiter. Unser politischer Kampf in den sozia­len Bewegungen geht einher mit einem sehr harten persönlichen Überlebenskampf. In Europa kann man sich, während man politisch arbeitet, mit Teilzeitjobs über Wasser halten. Nicht so bei uns, wir haben in Brasilien so gut wie kein Sozialsystem. Wenn mich die überversicherten Menschen in der Schweiz nach meiner Versicherung fragen, fallen sie vor Schreck vom Stuhl. Das Überleben an sich ist schon kompliziert, hinzu kommen dann noch die politischen Probleme.
Vor allem die politisch links orientierten Stiftungen unterstützen eher Projekte, nicht Menschen. Wie soll nun jemand überleben, bis er sein Projekt so weit entwickelt hat, dass er es einer Stiftung vorschlagen kann? Viele kreative, intelligente, gebildete Menschen, die wunderbare Beiträge für den Wandel der Welt leisten könnten, geben auf hal­bem Weg auf, weil sie eine Familie gründen und sich ernähren müssen. Diese Menschen müssten wir in der Aufbauphase ihrer Projekte unterstützen, sonst geht ein enormes Potenzial für einen positiven Kulturwandel verloren.
Ja, die Kulturkreativen haben kaum Zugang zu den Medien und zu finanziellen Mitteln. Ihre Analyse ist genau richtig, und es gibt immer mehr Menschen, die dieses Problem erkennen. Ich denke da auch an die Förderstrukturen von Deutschland, an die Segmentierung, mit der Projekte kategorisiert werden, so dass die typisch kulturkreativen Projekte, die sich nicht in Schubladen einordnen lassen, immer wieder durchfallen.
Ein wichtiger Schritt wäre, unsere Vorstellung von Armut zu überdenken. Die Armut liegt nicht nur an einem Mangel an Ressourcen, sondern vor allem an einem Mangel an Möglichkeiten, sich auszudrücken. In Wirklichkeit liegt in all den kulturkreativen Netzwerken ein enormer Reichtum. Schließlich haben Sie mit Ihrer Kampagnenarbeit auch einen Erfolg erzielt.

Nestlé ist nicht dieser Ansicht. Der Fall ist noch nicht erledigt, denn der Konzern ist nach wie vor im Besitz der Quellen, seit 2006 wird nur nichts mehr abgepumpt. Nestlé sagt, man hätte die Fabrik nur aus wirtschaftlichen Gründen aufgegeben. Dass Nestlé nicht vertrauenswürdig ist, hat man ja am „Nestlégate“-Skandal gesehen. Das war groß in den Schweizer Medien: Es hat sich unlängst herausgestellt, dass Nestlé in den Jahren 2002 und 2003 eine Mitarbeiterin des Sicherheitsdiensts Securitas als Spionin bei attac Schweiz eingeschleust hatte. Sie engagierte sich in der Gruppe von attac Waadt, die an einem Nestlé-kritischen Buch gearbeitet hat, und hat Protokolle von allen Sitzungen sowie E-Mail-Korrespondenz monatlich an Nestlé weitergegeben. Insgesamt hat sie ein 77-seitiges Dokument für Nestlé erarbeitet. Durch einen anonymen Hinweis ist der Fall aufgeflogen. Während der ersten Gerichtsverhandlung war ich höchst erstaunt, zu lernen, welch detaillierte Informationen Nestlé durch die Arbeit dieser Spionin über unsere Aktivitäten in Brasilien vorlagen. Ich war ganz offensichtlich eines der Ziele dieser Operation. Das ist einerseits traurig, anderseits ist es ein gutes Zeichen. Wenn eine kleine Gruppe von Aktivisten Nestlé dazu bringt, so viel Geld in eine Spionage-Aktion zu inves­tieren, ist diese Gruppe ziemlich machtvoll.
Wir haben als Bürger schon vieles geändert, aber wir müssen wieder daran glauben lernen, dass wir etwas tun können, etwas bewegen können. Es geht um Empowerment, darum, dass die Menschen aufhören, sich machtlos zu fühlen. Letztlich wissen wir doch: We can change the world.
Ja, in diesem Sinn werden wir unsere Arbeit fortsetzen. Herr Frederick, wir danken Ihnen für das Gespräch. 

Nachtrag: Im November 2008 haben 76 Mitglieder des Schweizer National- und Ständerats sowie Prominente wie der UNO-Beauftragte Jean Ziegler ein Manifest gegen die Spionage durch Nestlé und Securitas unterzeichnet. Sie forderten die Behörden auf, „diesen Nestlé/Securitas-Skandal aufzuklären und das Recht auf Meinungsäußerungs- und Organisationsfreiheit gegen solche Angriffe durch private Firmen zu schützen“. Ein weiterer Prozess in diesem Fall hat noch nicht stattgefunden.
Am 21. Juni 2009 wird Franklin Frederick den „Nord-Süd-Preis wider das Vergessen“ vom ­RomeroHaus Luzern und der Bethlehem Mission Immensee erhalten. Weitere Informationen: www.bethlehem-mission.ch