Johanna und die Riesen

Wie Kinder mit der Natur sprechen

von Andrea Liebers erschienen in Hagia Chora 32/2009

Kleine Kinder sieht man nicht selten im Garten mit unsichtbaren Wesen spielen, tanzen und singen, doch im Schulalter verschwinden diese Wahrnehmungen und Fantasien meist bald. Das muss nicht sein, meint Andrea Liebers. Es kommt darauf an, wie Erwachsene damit umgehen.

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 Seit einigen Jahren leite ich gemeinsam mit der Theaterpädagogin ­Alexandra Gesch in Zusammenarbeit mit dem Heidelberger Kinder- und Jugendtheater „zwinger3“ Theaterworkshops für Kinder. Zusammen erkunden wir dabei magische Orte in der Region und versuchen, innerlich und äußerlich Kontakt mit den dort vorherrschenden „Natur-Kräften und -Mächten“ aufzunehmen. Die Kinder schreiben ihre Erfahrungen auf, erfinden passende Geschichten für die Besonderheit und Ausstrahlung des jeweiligen Orts und überlegen sich, wie sie den Genius Loci dann auf die Bühne bringen könnten. Wie dieser Prozess gelingt, habe ich bereits in dem Artikel „Jettas Weisheitszirkel“ in der Ausgabe 29 von Hagia Chora beschrieben. In diesem Beitrag widme ich mich einem weiteren faszinierenden Aspekt dieser Arbeit: dem Umgang der Kinder mit dem Thema „Naturwesen“. Besonders durch die Arbeit mit der neunjährigen Johanna Bleiweis während der Theatergruppen stellte sich mir die Frage nach der „Wirklichkeit“ dieser Wesen für Kinder und Erwachsene. Daher schildere ich im Folgenden meine Begegnung mit Johanna.
Im Januar und Februar 2009 waren bei unserem Theaterworkshop die Riesensteine über der Heidelberger Altstadt unser Thema. Die Kinder, insbesondere Johanna, waren Feuer und Flamme für die gigantisch großen, unsichtbaren Wesen, die dort – so erzählt die Sage – vor urdenklichen Zeiten ein Wettwerfen veranstaltet und die als Wurfgeschosse verwendeten Felsen einfach dort liegen gelassen haben. Dass die Riesen trotz ihrer Größe sehr sensible Wesen sind, war für Johanna klar, sie spürte ihre Anwesenheit und machte sich Gedanken darüber, wie es wohl für die Riesen ist, dass ihr Lebensraum von den Menschen unangenehm stark beschnitten wurde. Wenn Riesen wollten, könnten sie allerdings ohne Probleme alle Städte einfach platttreten. Das tun sie aber nicht - aus Respekt. Lieber ziehen sie sich zurück, womöglich auch in großangelegte Höhlensysteme unter der Erde, mutmaßte Johanna. Dass Riesen einen Riesenhunger haben, war ebenfalls ein wichtiges Thema bei den Kindern, und diese Szene wollten sie auch unbedingt auf die Theaterbühne bringen. Es war klar, dass Johanna den König der Riesen spielen sollte, der seine Diener auch ganz schön herumkommandieren konnte, wenn sie nicht schnell genug den Nachschub an Tannenbäumen, Laubbäumen, Tiefkühlsteinen und Feuertränken zum ­Hinunterspülen brachten.

Naturschützerin
Nach einem unserer vierstündigen Workshops frage ich Johanna, was sie später einmal von Beruf werden wolle – eine rhetorische Frage, denn ich erwarte nur eine einzige Antwort, nämlich Schauspielerin, so begabt, wie Johanna dafür ist, und mit der Verve, mit der sie beim Theaterspielen dabei ist. „Wenn ich groß bin, werde ich Naturschützerin“, sagt sie mit einer Selbstverständlichkeit, die mich überrascht.
Jetzt ist natürlich meine Neugier erwacht, ich will mehr wissen. „Mit meiner Freundin Svea, die will nämlich auch Naturschützerin werden“, erklärt mir Johanna seelenruhig, „werde ich dann in den Alpen, aber auf der österreichischen Seite, nicht auf der deutschen, ein großes Stück Land kaufen. Da darf dann alles wachsen, so wie es will. Außerdem werden wir da bedrohte Tier- und Pflanzenarten hinbringen, bei Tieren vor allem, wenn es Insekten und so andere kleine Tiere sind. Seltene Pflanzen werden wir auch sammeln und sie dort hinpflanzen, damit sie sich vermehren und nicht aussterben.“
„Wie seid ihr denn auf diese Idee gekommen?“, will ich wissen.
Selbstbewusst reckt Johanna ihr Kinn in die Höhe und wirft ihre langen, blonden Haare zurück, überlegt kurz und erklärt schließlich: „Das kam durch die Schule!“
„Durch die Schule?“, staune ich und bin ehrlich verblüfft, dass man heutzutage durch eine deutsche Bildungseinrichtung auf so weitreichende und mutige Gedanken und Ideen kommen kann.
„Wir haben vor kurzem den Mais durchgenommen, und da haben wir gelernt, dass auf ihn ein Mittel gesprüht wird, das verhindert, dass Schnecken und andere Tiere an ihn rangehen und ihn anknabbern. Dieses Mittel fliegt aber durch den Wind auf andere Pflanzen. Wenn Tiere es von ihnen abknabbern, dann sterben sie. Ich finde es nicht richtig, dass so etwas erlaubt ist!“, empört sich Johanna. „Und das ist es nicht alleine, worüber ich mich aufrege“, Johanna hat sich sichtlich in Fahrt geredet. „Dass es überhaupt passiert, dass Tiere- und Pflanzenarten aussterben, nur weil Menschen nicht auf sie aufpassen. Oder dass Tiere abgeschossen und getötet werden, nur weil sie ein schönes Fell haben, oder dass Elefanten getötet werden, nur weil man ihre großen Stoßzähne besitzen will. Das will ich alles verhindern! Meine Freundin Svea ist deshalb auch Vegetarierin geworden, weil sie nicht dafür verantwortlich sein will, dass wegen ihr Tiere sterben müssen.“
„Und wie ist es bei dir? Bist du auch Vegetarierin?“, frage ich nach.
„Ich wäre gerne, aber das geht noch nicht, weil Papa gerne Fleisch isst, aber wir essen sowieso nicht so oft Fleisch, zum Glück!“, setzt sie nach.
Inzwischen sind auch Johannas Schwes­ter Eva und ihre Mutter dazugekommen, Eva, weil sie ebenfalls bei der Theatergruppe dabei ist, und Frau Bleiweis, weil sie die beiden abholen kommt. Interessiert verfolgen sie unser Gespräch.
„Ich finde nicht, dass man sagen kann, Johanna ist eine Naturschützerin“, mosert Eva, die große Schwester. „Sie tut ja nicht wirklich was für die Natur!“
„Mit den Händen noch nicht so viel, das stimmt“, verteidigt sich die Jüngere, „aber mit dem Kopf dafür schon ganz viel! Mit Svea habe ich schon ganz viel für die Zukunft geplant. Auf unserem großen Stück Land wird es auch Draußenlabors geben, in denen Schulklassen über die Natur forschen können. Zum Beispiel sollen sie bei uns die Möglichkeit haben, Wassertests durchführen zu können. Um selber erkennen zu können, ob das Wasser sauber ist, oder wie verschmutzt es ist und durch was die Verschmutzung kommt. Überhaupt sollen Kinder verstehen lernen, wie wichtig es ist, dass die Umwelt nicht vergiftet wird, und auch, wie alles miteinander zusammenhängt. Wie mit der Milch zum Beispiel. Sie sollen auch Geschmackstests machen können. Dann werden sie schon selber merken, dass Milch, die von einer Kuh stammt, die auf einer Wiese draußen gefressen hat, ganz anders schmeckt als Milch von einer Kuh, die immer nur im Stall steht, nie die Sonne sieht und sich nur vom Trockenfutter ernähren muss. Trockenfuttermilch! Igitt!“, Johanna verzieht angewidert das Gesicht.
„Außerdem finde ich Barfußlaufen total wichtig“, Johanna ist mit ihren Erläuterungen noch nicht am Ende. „Ich finde, alle Kinder sollten die Möglichkeit bekommen, draußen in der Natur ohne Schuhe zu laufen. Dann merken sie nämlich, wie schön das ist und wie toll man mit den Füßen alles spüren kann. Dann sieht man auch, wie blöd es ist, wenn alles mit Beton und Asphalt zugebaut ist, und dass man auf Straßen nicht wirklich barfuß laufen kann. Man muss doch auch lernen, in der Natur zurechtzukommen und sich in ihr zuhausezufühlen. Deshalb fand ich den Waldkindergarten auch so toll!“ Johannas Augen blitzen. „Da haben wir auch ein Haus für uns gebaut, nur aus Ästen und Blättern. Wir waren den ganzen Tag draußen, es gab nur einen Bauwagen für uns alle, aber da sind wir nur rein, wenn es stark geregnet hat. Das war für mich das Paradies! Da habe ich gelernt, dass man sich mit der Natur unterhalten kann. In der Natur gibt es eine eigene Sprache, Riesen verstehen die übrigens auch“, erklärt sie und zieht den umseitig abgebildeten Zettel aus ihrer Tasche.
„Und was heißt das?“, frage ich verblüfft. „Das ist in Riesenschrift geschrieben“, erklärt Johanna und liest vor:
„Schijn Ntr
Snd m Strnd sttt gr m B
Kschlfll sttt Mdnsch
Krtrdft sttt spfflft
Wijsnwg sttt -Bhngrft
Blmnmr sttt Krijsvrkhr
Kijn Ntz nd kijn Gltz mhr
Kijn Zg, kijn Bs nd kijne uts
Ijn Vgl sngt snst st s ltls
Mn stht nd hrcht nd stnt nd scht blß“

„Das verstehe ich aber nicht!“, antworte ich, „ich kann kein Riesisch.“
„Okay, ich übersetze“, erklärt sich Johanna zum Glück bereit, und liest ohne zu stocken die Übersetzung vor:
„Schöne Natur
Sand am Strand statt grau am Bau
Kuschelfell statt Modenschau
Kräuterduft statt Auspuffluft
Wiesenweg statt U-Bahngruft
Blumenmeer statt Kreisverkehr
Kein Netz und keine Glotze mehr
Kein Zug, kein Bus und keine Autos
Ein Vogel singt, sonst ist es lautlos
Man steht und horcht und staunt
und schaut bloß!“

Die kluge Neunjährige erklärt, weil sie sieht, dass ich immer noch nicht so ganz verstehe, was es mit Riesisch auf sich hat. „Früher konnten alle Menschen diese Sprache, aber jetzt kaum noch.“
„Warum ist das so?“, will ich wissen.
„Weil wir inzwischen nur noch so wenig in der Natur sind. Früher waren Menschen und Riesen sogar miteinander befreundet“, meint Johanna. „Aber auch diese Zeiten sind längst vorbei, es gibt für Riesen keinen Platz mehr. Obwohl sie viel stärker als Menschen sind, zerstören sie unsere Städte nicht. Was sie ja leicht könnten. Sie sind eben klüger als wir, warum sollten sie die Wohnungen der Menschen auch zerstören? Sie glauben, dass wir das so brauchen, deshalb haben sie sich zurückgezogen, tief in die Wälder und Berge und manche sogar unter die Erde. Dort leben sie in Höhlensiedlungen“, Johanna macht ein wichtiges Gesicht, die Mutter lacht: „Johannas Fantasie geht mal wieder mit ihr durch!
Kommt Kinder, wir müssen jetzt nach Hause!“, ruft sie, und schon verabschieden sie sich von mir.
Barfußlaufen, Draußenlabors, Riesensprache – alles Dinge, die sicherlich den Schulunterricht bereichern würden, denke ich, und frage Johanna, ob ich den Zettel mit dem Gedicht in der Riesensprache behalten kann. Stolz überreicht sie ihn mir, und ich betrachte noch einmal die merkwürdigen Kringel und staune, auf was für Ideen man doch als Kind kommen kann.
Alina und Sophie, die auch noch auf ihre Eltern warten, um abgeholt zu werden, kommen neugierig näher.
„Was hast du denn da in der Hand?“, fragen sie. „Johannas Gedicht in der Riesensprache“, gebe ich zur Antwort und reiche ihnen den Zettel.
„Cool!“, rufen die beiden Mädchen. „Wir könnten doch unser Theaterstück in der Riesensprache aufführen!“, schlägt Alina vor.
„Dann verstehen uns aber die Erwachsenen nicht“, gibt Sophie zu bedenken.
„Wir könnten einen Teil davon in der Riesensprache sprechen“, überlegt Alina laut. „Ja, vielleicht“, Sophie zögert, „aber meine Geschichte will ich unbedingt auf Menschensprache vorlesen!“
„Ich meine eigentlich auch!“, findet nun Alina. „Ich will nämlich schon, dass die Erwachsenen sich ein bisschen mehr Gedanken machen. Die tun nämlich so, als gäbe es Riesen nicht und als wären die nur Fantasie.“
„Und was meint ihr? Sind sie Fantasie oder gibt es sie?“, frage ich zurück.
„Schwer zu sagen“, Alina denkt nach. „Also, wenn man so denkt wie Erwachsene, dann gibt es sie nicht, aber wenn man denkt wie Kinder, dann gibt es sie.“
„Auf alle Fälle gibt es sie“, meint Sophie, „ich spüre, dass es sie gibt. Sie haben sich nur zurückgezogen. Ich glaube auch, dass sie ein bisschen traurig darüber sind, dass sie nicht beachtet werden. Sie sind nämlich gute Wesen, und sie passen auf, dass sie niemanden tottreten, wenn sie unterwegs sind, deshalb schlafen sie auch nie“, gibt Sophie nachdenklich zur Antwort. „Ich habe auch deutlich gespürt, dass es sie gibt, ich hatte das Gefühl, sie wollten eine Botschaft geben, aber mir ist nicht ganz klar geworden, um was es ging“, überlegt Alina mit ernstem Gesicht.

Die „anderen“ Wesen
Jetzt kommen die Eltern, die beiden werden abgeholt, und wir können das Gespräch leider nicht fortführen. Ich setze mich noch eine Weile in den Zuschauerraum des Theaters und schaue auf den grau bemalten Styropor-Riesenstein, der als Stellvertreter für die Felswand mitten auf der Bühne liegt. Für die meisten Kinder ist es eine große Selbstverständlichkeit, die Erde von vielen Wesen bevölkert zu wissen. Tiere gehören sicherlich ebenfalls zu den „anderen“ Wesen. Sie sind auch für uns Erwachsene zu sehen, mahnen durch ihr Sichtbarsein daran, dass es noch andere Lebewesen außer uns Menschen gibt. Dass sie Gefühle, Wünsche und Träume haben, dass man sich mit ihnen befreunden kann, auf sie aufpassen muss und sie nicht einfach so ausbeuten sollte, ist für Kinder völlig klar. Aber auch die unsichtbaren Wesen, wie Riesen, Zwerge, Kobolde, Trolle, Feen, Wind- und Wassergeister, werden, solange Erwachsene nicht allzu besserwisserisch eingreifen, in ihrer Existenz nicht angezweifelt. Als Kind ist man gerne bereit, die Welt mit ihnen zu teilen, mit ihnen in Freundschaft zu leben oder sie in ihrer Macht und Gefährlichkeit zu fürchten.
Viele Kinder scheinen auch noch eine natürliche Sensibilität für die Ausstrahlung eines Orts zu besitzen, sie gehen nicht nach ästhetischen Kategorien vor, beurtei­len nicht unbedingt nach Schönheit, Gefälligkeit oder romantischer Aussicht, sondern erspüren, ob ein Ort voller Kraft steckt, ein Geheimnis verbirgt oder ob er schwach, ausgelaugt und „hilfsbedürftig“ ist. Woran liegt es, dass diese Fähigkeiten der Wahrnehmung mit der Pubertät verschwinden? Dass man aufhört, so zu denken und zu fühlen? Es als kindisch abtut und solche Ideen, Gefühle und Vorstellungen ins Reich der Fantasie verbannt? Beraubt man sich damit nicht eines durchaus leistungs- und erfahrungsfähigen Sensoriums?
Oder ist es so, dass die Fähigkeit der „magischen“ Wahrnehmung und der Offenheit für die Existenz anderer Naturwesen im Prinzip erhalten bleibt, es nur nicht mehr als „korrekt“ angesehen wird, zuzugeben, dass man nichts gegen diese Art von Mitbewohnern hat? Doch halt! Stimmt es denn, dass Kinder von sich aus diese Nähe zur „Anderswelt“ haben?
Wenn ich es recht bedenke, waren die Kinder am Anfang unserer Ortserkundung sehr zögerlich, sich der Möglichkeit zu öffnen, dass es Riesen gibt. Als wir sie ausdrücklich ermunterten, hinzuspüren, und als wir Erwachsenen signalisierten, dass diese „andere Welt“ für uns existiert, tauten die Kinder auf. Zunächst versuchten sie, sich Riesen vorzustellen, die sie aus Büchern oder Filmen kannten, und näherten sich so der Riesen-Raumerkundung an. Als wir sie darauf hinwiesen, dass die Riesen hier sicherlich andere seien als die, die sie aus Büchern kennen, wagten sich die Kinder weiter auf unbekanntes Terrain vor. Erst dann öffneten sich ihre Sinne, und ihre magische Abenteuerlust war geweckt. Erst zu diesem Zeitpunkt hörten sie auf, den Ort, an dem wir uns befanden, nach den gängigen ästhetischen, „erwachsenen“ Kategorien zu beurteilen. So leicht und einfach und sofort zugänglich war ihnen diese „magische“ Welt nicht!
Selbst bei Kindern, von denen wir doch annehmen, dass sie noch nicht so viel rationalen Widerstand gegen die Welt der Zwerge, Riesen, Kobolde, Luft- und Erdgeister haben, ist also schon eine Hemmschwelle vorhanden. Schon Acht- und Neunjährige sind sich klar über unsere Erwartung, dass sie Fantasie und Wirklichkeit trennen können – nach den Kriterien der vernünftigen Erwachsenen.
Es heißt also, wirklich aufzupassen und in die Kinder nicht innige Nähe zu allen Naturwesen hineinzuinterpretieren! Da Kinder sehr genau spüren, was von ihnen erwartet wird, damit sie den Erwachsenen, die sie mögen, gefallen, könnten sie auch hier lediglich das Gewünschte liefern.
Wie also schafft man den Raum, in dem Kinder (und Erwachsene) mit ihren Sinnen experimentieren, mit der Neuausrichtung ihrer magischen Fähigkeiten vertraut werden können?
Es ist sicherlich wichtig, eine Atmosphäre der Offenheit für alle möglichen Erfahrungen und Deutungen zu schaffen und dieses Offensein auch wirklich zu meinen und nicht nur so zu tun, als ob. Wenn wir als Erwachsene eine feste Vorstellung und Erwartung davon haben, wie sich die Riesen „zeigen“ werden, haben wir den offenen Raum schon sehr eingeengt.
Ich glaube, einen Hinweis, ob wir auf der richtigen Fährte sind, bieten unsere körperlichen Reaktionen. Wenn sich die Haare am Körper aufstellen, wenn ein Schauer über den Rücken läuft, wenn es uns fröstelt, obwohl die Sonne hell und heiß vom Himmel strahlt, wenn unser Herz schneller schlägt, dann sind wir auf einer heißen Spur – die natürlich auch wieder kalt werden kann.
Diese Reaktionen stellten sich tatsächlich bei unsere Gruppe ein, und in glücklichen Momenten „befiel“ uns dieses Angewehtsein von jenem Anderen sogar gemeinsam – diese in der Tiefe unserer Knochen gefühlte Resonanz zu etwas, was wir meistens nicht wirklich benennen, dem wir uns aber spielerisch annähern konnten. Spielerisch! Nicht gezwungen, nicht absichtsvoll, nicht durchgeplant.
„Spielerisch“ ist bestimmt eines der Zauberwörter für die Annäherung an dieses neue Offenheitsgefühl. Die Nicht-Festlegung auf Definitionen im Sinn von „So ist ein Riese“, „So ist ein Zwerg“ ist ein anderes. Der magische Raum ist ein Raum der Offenheit, und den zu erhalten ist eine Frage von innerer Kraft, Selbstbewusstsein und Vertrauen in sich selbst. Und dass diese Fähigkeiten mit der Pubertät oft verschwinden und der Fähigkeit der Anpassung, des Mitschwimmens, des sich mehr oder wenig gemütlich Einrichtens in einem kleinen Ausschnitt der Wirklichkeit Platz machen, ist uns allen bekannt.