Kultur der Verbundenheit

Feld-Vorstellungen als Basis einer positiven Kulturentwicklung.

von Marco Bischof erschienen in Hagia Chora 32/2009

Aus der Geomantie und aus Techniken der Selbstkultivierung, wie Qigong, Yoga oder der Atemtherapie, ist uns die Wahrnehmung von Feldern oder „fließenden Kräften“ vertraut. Marco Bischof sieht diese Wahrnehmungsfähigkeit eng mit der sozialen Intelligenz verknüpft, der Intelligenz im Umgang mit Beziehungen. Er erklärt, warum das ­Gewahrwerden der Felddimension des Zwischenmenschlichen kultur-evolutionäre Folgen haben kann.

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In den westlichen Gesellschaften geht ein tiefgreifender Wertewandel vor sich, dessen Wurzeln bereits in den Reformbewegungen des späten 19. Jahrhunderts liegen. Verschiedene kulturelle und wissenschaftliche Avantgarden haben diesen Wandel seit dem Zweiten Weltkrieg getragen, doch seit etwa 20 bis 25 Jahren sind die Positionen dieser damaligen Gegenkultur zum Anliegen eines beträchtlichen Bevölkerungsteils geworden. Zu diesem Schluss kommt jedenfalls eine Reihe von umfassenden sozialwissenschaftlichen Untersuchungen in den USA und in Europa. Angefangen mit Ronald Ingle­hart in den 70er-Jahren, waren es Duane Elgin in den 90er-Jahren und vor allem Paul Ray in den späten Neunzigern, die diesen Wertewandel dokumentierten, und sie erhalten auch Unterstützung von prominenten deutschen Wissenschaftlern wie Jürgen Habermas und Ulrich Beck. Inglehart konstatierte 1989, dass sich ein tiefgreifender Wandel von materiellen Werten zu postmateriellen Werten – das heißt auch nicht-materiellen Werten – vollzieht. Es gehe eine „kognitive Mobilisierung“ der Bevölkerung vor sich: Die Menschen wachten auf, was sich in vermehrter Bürgerbeteiligung zeige, allerdings nicht so sehr in den Parteien. Vielmehr könne man ein Ende der Parteienloyalität als Teil einer allgemeinen kritischen Haltung allen Institutionen gegen­über beobachten. Deutlicher wird dieser Wandel in der Studie von Duane Elgin mit dem Titel „Global Consciousness ­Change“ im Jahr 1999. Elgin stellte fest, dass ein neues, wie er es nannte: „postindustrielles Paradigma“ das bisherige industrielle, materialistische Weltbild ablöse. Die wichtigsten Merkmale des neuen Weltbilds sind Elgin zufolge ein steigendes ökologisches Bewusstsein und die Suche nach sinnvolleren und umwelt- und sozialverträglichen Lebensformen. Hinzu komme die Infragestellung von traditionellen Autoritäten, Institutionen und Leitbildern in Politik, Wissenschaft und Religion. Statt diesen Leitbildern zu folgen, verließen sich die Menschen mehr auf ihr eigenes Gefühl. Das Streben nach materiellem Wohlstand trete zurück hinter dem Bedürfnis nach sinnvoller Arbeit, bei der man sich wohlfühlen kann. Der Mensch strebe eine soziale Umwelt an, in der sinnvolle und erfüllende Beziehungen zu anderen und harmonische Kooperation wichtiger sind als Konkurrenz und materieller Gewinn. Als neues Leitbild bezeichnet Elgin das „gute und richtige Leben“ als ein Gleichgewicht zwischen dem Außen und dem Innen, den Interessen des Menschen und denen der Umwelt, persönlichem Wachstum und der Entwicklung der Gemeinschaft. Er schreibt auch, in diesem Bewusstseinswandel nehme die Spiritualität einen zentralen Stellenwert ein. Sie werde als logische Konsequenz eines ökologischen Weltbilds betrachtet, eines Weltbilds, in dem alles mit allem verbunden und aufeinander bezogen ist. Das ­wachsende Interesse an einer persönlichen Sinnfindung führe jedoch nur zu einem kleinen Teil zur Hinwendung zu traditionellen Formen der Religiosität, d. h. zu den Kirchen. Auch die Religion mache einen fundamentalen Wandel durch, indem vor allem persönliche Formen des Glaubens und der religiösen Praxis aufgrund eigener spiritueller Erfahrung außerhalb der Institutionen entwickelt würden. Aus diesem Grund existiere auch eine enge Verbindung zwischen der Spiritualität und alternativen Therapien. Der deutsche Forscher Walter Andritzky hat 1997 festgestellt, dass bereits ein Drittel der deutschen Bevölkerung offen ist für spirituelle Wirkzusammenhänge in Gesundheit und Leben.

Die Kulturkreativen
Der bereits erwähnte amerikanische Soziologe Paul Ray, der insbesondere Lebensstile und Wertvorstellungen der amerikanischen Bevölkerung erforschte, konnte diesen Befund in seinen Arbeiten in den 80er- und 90er-Jahren bestätigen und noch verdeutlichen, und vor allem konnte er diese Eigenschaften einer klaren gesellschaftlichen Gruppe zuordnen, den sogenannten Kulturkreativen, die er in seiner Studie „The Integral Culture Survey“ (1996) und in dem Buch „The Cultur­al Creatives“ (2000, zusammen mit Sherry Ruth Anderson) beschrieben hat.
Ray sagt, dass neben den bisherigen gesellschaftlichen Gruppen der Traditionalisten oder Konservativen einerseits und den Modernisten oder Progressiven andererseits, sich eine neue gesellschaftlich-kulturelle Gruppe entwickle mit gemeinsamen Werten, Haltungen und Meinungen und gemeinsamem Lebensstil, die „Kulturkreativen“. ­Diese Gruppe machte in den 90er-Jahren nach Rays Untersuchungen bereits 29 Prozent der US-Gesellschaft aus, ist also keine Minorität. Ray hat 2002 aus diesen Befunden heraus den sogenannten New Political Compass entwickelt, der fast vollständig in Barack Obamas Wahlprogramm übernommen worden ist. Auf Anregung des Club of Budapest wurden seit 2006 in Japan, Frank­reich und Ungarn ebenfalls entsprechende Erhebungen durchgeführt, die zu ähnlichen Resultaten kamen. In Deutschland und weiteren Ländern sind gleiche Studien geplant. Rays Charakterisierung der Gruppe der Kulturkreativen liest sich ähnlich wie die Aussagen von Elgin. Kulturkreative zeichen sich aus durch Umwelt­bewusstsein, Interesse an Selbstausdruck und Selbstverwirklichung, Wertschätzung von Beziehungen, Frieden und sozialer Gerechtigkeit, durch engagierte Anteilnahme an der Welt, durch Offenheit für fremde Kulturen und für neue Ideen sowie durch eine Veränderung der traditionellen Geschlechterrollen.
Vor allem aber kennzeichnet sie eine, wie er es nennt, „experimentelle Lebenseinstellung“. Die eigene Erfahrung hat Priorität gegenüber den von anderen ­Menschen oder Institutionen stammenden Informationen, und die Kulturkreativen pflegen auch einen kritischen und kreativen Umgang mit Vorgegebenem und Überliefertem in Bezug auf Politik, Kultur, Weltanschauung und Lebensweise. Sie nehmen Traditionen und Lehren nicht passiv und gehorsam hin, sondern interpretieren und entwickeln sie selbstschöpferisch weiter in einer kritisch reflektierten Auseinandersetzung mit der eigenen Erfahrung und mit verschiedenen weiteren Einflüssen, die oft aus fremden Kulturen stammen. Von daher kommt auch der Name der Kulturkreativen; es sind Menschen, die kreativ mit dem kulturell Überlieferten umgehen. Als Folge dieser Haltungen entwickelt diese Gruppe ein individuelles persönliches Weltbild und einen entsprechenden Lebensstil aus Elementen verschiedenster Quellen. Der Ethnologe Claude Lévi-Strauss verwendete für dieses Phänomen den Begriff „Bricolage-Weltbild“, ein zusammengebasteltes Weltbild aus Elementen, die dem eigenen Lebensgefühl entsprechen. Das führt in unserer Gesellschaft zu einem großen kulturellen und politischen Pluralismus der Lebensstile und Weltanschauungen.
 
Selbstkultivierung und das gute Leben
Ein sehr wichtiges Element dieser neuen Kultur ist die sogenannte Selbstkultivierung. Dazu gehören Selbstkultivierungstechniken, wie z. B. Meditation, Yoga, Qigong, Taijiquan, östliche Kampfkünste, wie Aikido, Judo, Karate, Taekwondo, Reiki, aber auch westliche Entspannungs- und Übungsmethoden, wie z. B. autogenes Training oder Atemtherapie. Mit diesen Methoden können wir uns selbst, unser Lebensgefühl und unsere Lebensweise formen und gestalten.
In diesem Zusammenhang stellt sich die Frage: Was ist dieses „gute und richtige Leben“, von dem die Rede war? In unserer postmodernen Gesellschaft gibt es dafür kaum Vorbilder und keine allgemeingültigen Rezepte mehr. Jeder Mensch muss heute selbst eine neue Lebenskunst, eine individuell stimmige Lebensform ­entwickeln. Ein solcher Lebensstil sollte nicht nur gesund sein und die eigene Selbstverwirklichung fördern, sondern auch sozial- und umweltverträglich sein. Techniken, mit denen eine eigenverantwortliche Selbstregulation der eigenen inneren Zustände, Emotionen, seelischen und körperlichen Entspannungszustände, Gedanken, Einstellungen, Vorstellungen etc. erreicht werden kann, spielen dabei eine zentrale Rolle.
 
Verbundenheit leben
Diese Selbstregulation hat nun einen wichtigen sozialen Aspekt. Der englische Dichter John Donne hat einmal geschrieben: „Kein Mensch ist eine Insel.“ Der extreme Individualismus, der sich in den modernen westlichen Gesellschaften entwickelt hat, ist nicht nur sozial unverträglich, sondern er ist auch wissenschaftlich nicht mehr haltbar. Deswegen ergibt sich heute die Notwendigkeit eines „partizipativen Weltbilds“. Wie die östlichen Traditionen lehrt auch die Quantenphysik, dass es in der Realität keine isolierten Elemente oder isolierten Individuen gibt, sondern dass alles miteinander verbunden ist und alles ein nahtloses Ganzes bildet.
Neben dem Teilchenaspekt der Realität, die mit Atomen und Molekülen beschrieben wird, neben der soliden körperlichen Dimension unserer eigenen Existenz müssen wir auch eine Felddimension der Existenz anerkennen, und dieses Feld verbindet individuelle, materielle Elemente miteinander, auch in unserem Körper. Was in östlichen Traditionen längst selbstverständlich ist, hat nun auch durch die Biophysik Eingang in die Wissenschaft gefunden.
Die Biophotonenforschung, z. B. von Fritz-Albert Popp und vielen anderen Forschern weltweit, hat in den letzten 25 Jahren gezeigt, dass der Mensch, wie alle Lebewesen, in sich und um sich herum ein schwaches, aber hoch kohärentes elektromagnetisches Feld besitzt; wir alle strahlen Lichtquanten im optischen Spektralbereich von 200–800 nm, d. h. von Infrarotstrahlung über das sichtbare Licht bis zur Ultraviolettstrahlung ab, und diese Strahlung reicht sogar in den Bereich der Mikro- und Radiowellen hinein.
Eine ganze Reihe wissenschaftlicher Experimente weist auf die Existenz von zwischenmenschlichen ­Feldern hin, und zwar nicht nur von elektromagneti­schen, sondern auch solchen Feldern, die man noch nicht messen, deren Existenz aber aufgrund von physikalischen Theorien und Beobachtungen vermutet wird.
Neben diesen Ansätzen gibt es in der Wissenschaft weitere schon länger bekannte Beobachtungen, die auf die Existenz dieser Felddimension hinweisen, beispielsweise in der Sozialpsychologie, in der Psychiatrie, in der Psychoanalyse oder der Psychotherapie. Psychotherapeuten sprechen z. B. im Zusammenhang mit dem Phänomen der Übertragung davon, dass sich in der Interaktion zwischen Therapeut und Patient ein sogenanntes interpersonales Feld entwickelt: Neben den zwei beteiligten Personen entstehe etwas Drittes, das aus dem Gemeinsamen der beiden Menschen hervorgeht und zwischen ihnen fast greifbar zu fühlen ist.
Bekannt ist auch das Phänomen der „emotionalen Ansteckung“, das in der Sozialpsychologie seit einigen Jahren untersucht wird. Jeder weiß, dass Gefühle ansteckend sind, positive wie negative. In der Sozialpsychologie wie auch in der sozialen Neurologie untersucht man heute insbesondere das Phänomen der Empathie, der Einfühlung in andere Menschen, für das die Imitation eine wichtige Rolle spielt. In diesem Zusammenhang erwähnenswert ist außerdem das sogenannte Präcoxgefühl der Psychiater, d. h. die Psychiater können einen drohenden „Schub“ bei ihren Patienten oft bereits einige Wochen vor dem Ausbruch bemerken, und zwar an einer Veränderung des Felds, der Atmosphäre um den Patienten. Psychiater haben auch immer wieder die unangenehme Beobachtung gemacht, dass Patienten ihre Gedanken und Gefühle lesen können. Meistens erklärten sie es freilich mit der Krankheit, dass der Betreffende sich einbilde, er könne Gedanken lesen. Überdies gibt es noch das Phänomen der sogenannten gegenseitigen Hypnose: Zwei Menschen können sich gegenseitig hypnotisieren. Dabei entsteht ein Zustand eines gemeinsamen psychischen Felds, der so weit gehen kann, dass sich beide Personen in einer gemeinsamen traumartigen, halluzinatorischen Wirklichkeit finden. Damit vergleichbar ist auch das Phänomen der „Shared Dreams“, d. h. dass zwei oder mehr Menschen Träume träumen, in denen beide oder alle Beteiligten vorkommen. Später können sie sich jeweils genau daran erinnern, was sie zueinander gesagt oder gemeinsam erlebt haben. In diesem Zusammenhang interessant ist auch die Beobachtung von Familientherapeuten, dass Familien ein gemeinsames Unbewusstes besitzen, ein Feld gemeinsamer psychischer und emotio­naler Inhalte.
Ein mögliches Erklärungsmodell für solche Beobachtungen, das auch den Lehren der östlichen Traditionen nahekommt, ist, wie gesagt, die Quantenphysik. Nach der Quantentheorie sind alle sichtbaren und fassbaren materiellen Erscheinungen Ausdruck eines unsichtbaren, nicht-materiellen und feldartigen „Seinsgrunds“, durch den sie mitein­ander kommunizieren. Dieser Seinsgrund oder dieses universelle Feld nennt man in der Physik das „Vakuum“ oder das „Vakuumfeld“, aber es ist der neuen Physik zufolge gar nicht leer, sondern erfüllt von einem Feld, das die Physiker als ­Grundlage aller Erscheinungen betrachten. Alle Materie soll aus diesem „Nichts“, aus dieser Leere entstehen. Vieles spricht dafür, dass dieses Feld durch das menschliche Bewusstsein beeinflussbar ist und wir Veränderungen in diesem Feld subjektiv als „Energieflüsse“ wahrnehmen können. Die Wahrnehmung dieser Felddimension unserer Existenz, behaupte ich, ist die Basis von vielen Methoden der Selbstkultivierung.

Die soziale Intelligenz
Im Folgenden möchte ich nun auf einige Erkenntnisse in Sozialpsychologie und Neuropsychologie eingehen, die auf die wichtige Bedeutung dieser Felder für die sogenannte soziale Intelligenz hinweisen. Wir wissen heute, dass der Mensch nicht nur über die bekannte „IQ-Intelligenz“ verfügt, sondern eine Vielfalt verschiedener Intelligenzen entwickeln kann, wie z. B. eine praktische Intelligenz, eine musikalische Intelligenz, die emotionale Intelligenz, die ja unterdessen schon bekannt geworden ist, und die „spirituelle Intelligenz“, über die zwei englische Autoren ein Buch geschrieben haben.
Derzeit wird die soziale Intelligenz, die Intelligenz im Umgang mit Beziehungen – im Grund nur eine andere Perspektive der emotionalen Intelligenz – in der Wissenschaft diskutiert. Gefragt ist hier nicht das intellektuelle Wissen über Beziehungen, sondern das existenzielle und verkörperte Wissen sowie das Handlungswissen in Beziehungen, so dass vor allem Körperwahrnehmung und Gefühle eine zentrale Rolle spielen. Nach Daniel Goleman besteht die soziale Intelligenz erstens aus der sozialen Wahrnehmung und zweitens aus sozialen Fertigkeiten im Umgang mit anderen Menschen.
Die soziale Wahrnehmung ist in erster Linie die Wahrnehmung von nonverbalen Signalen anderer und auch die Fähigkeit, selbst solche Signale auszusenden. Eine wichtige Rolle spielt dabei die Empathie, die Einfühlung in andere Menschen. Die Wissenschaft spricht heute auch von der „empathischen Treff­sicherheit“, der Fähigkeit, durch Einfühlung in andere Menschen deren Gefühle und innere Zustände richtig wahrzunehmen. Wichtig ist auch die Einstimmung auf Andere, d. h. intensives Zuhören und Aufmerksamkeit für andere Menschen über eine bloß momentane Empathie hinaus.
Zu den sozialen Fertigkeiten gehört in erster Linie die sogenannte interpersonale Synchronie oder Interaktions-Synchronie, d. h. die Synchronisation zwischen zwei Menschen auf der nonverbalen Ebene durch Koordination von Bewegungen, Körperhaltung, Mimik, Gesichtsausdruck und Stimme. Man hat festgestellt, dass eine solche Synchronisation automatisch vor sich geht, wenn Beziehungen entstehen. Dies bleibt jedoch meistens unbewusst, ist aber die Voraussetzung für reibungslose Interaktion – dass wir uns einfühlen können in den anderen, dass wir verstehen, was in ihm vorgeht.
Ebenso wichtig ist natürlich auch die Fähigkeit, andere Menschen in Synchronie mit sich selbst zu bringen und dadurch diejenigen Emotionen in ihnen auszulösen, die man selbst ausstrahlt oder ausstrahlen möchte. Insofern ist die Interaktions-Synchronie auch ein Teil von dem, was man Charisma nennt und was ja auch in der Politik eine nicht unwichtige Rolle spielt.
Das relativ neue Gebiet der „sozialen Neurologie“ hat in vielen Untersuchungen gezeigt, dass der Mensch bestens für sozia­le Intelligenz ausgerüstet ist. Es gibt viele Instrumente in unserem Organismus dafür; die entsprechenden Prozesse und Fähigkeiten liegen jedoch hauptsächlich auf unbewusster Ebene bzw. im körperlich-emotionalen Bereich. Wie die Forschungen über die sogenannten Spiegelneuronen gezeigt haben, spiegeln sich bei einer Interaktion zwischen zwei Menschen deren Zustände von Gehirn und Nervensystem gegenseitig, und die Gefühle wie der Körpertonus der beiden Personen gleichen sich einander an. Durch diese neurologische und körperliche Resonanz entsteht eine gegenseitige empathische Verbindung, die man in der Fachsprache den „Rapport“ nennt.
Durch diese und andere Forschungen hat sich die Vorstellung der Wissenschaft über Identität vollständig geändert. Heute geht man davon aus, dass Identität und Persönlichkeit nur im Austausch mit anderen Menschen entstehen. Unsere Begegnungen und Interaktionen mit Eltern, Ehepartnern, Kindern, Freunden, ­Arbeitskolle­gen, Chefs oder auch Fremden formen sogar unser Gehirn ganz konkret physiologisch und haben Auswirkungen auf alle Ebenen unseres Körpers bis zu den Zellen und Genen. Tatsächlich können durch Beziehungen sogar Genveränderungen entstehen. Goleman schreibt, wir seien ständig in einem Tanz miteinander, in einem „neuralen Ballett“, das unser Gehirn und Nervensystem mit denjenigen anderer Menschen verbinde.
Die Reaktionen auf andere Menschen setzen Kaskaden von Hormonausschüttungen in Gang, die von unserem Herzen bis zum Immunsystem alles regulieren. Soziale Interaktionen bilden und strukturieren sogar unser Gehirn und Nervensystem um – man spricht hier von Neuroplastizität. Wiederholte Erfahrungen gleicher Art beeinflussen und verändern Gestalt, Größe und Zahl der Nervenzellen und ihrer Verbindungen.
Als Folge können gute und „nährende“ Beziehungen gesundheits- und entwicklungsfördernd wirken, während fehlende oder schlechte Beziehungen – man spricht sogar von „toxischen Beziehungen“ – wie Gift wirken. Die Konsequenzen von sozialer Isolation oder von intensivem sozialem Stress können krank machen und das Leben verkürzen.

Eine neue Kultur entwickeln
Angesichts dieser sozialpsychologischen und neurologischen Forschungen scheint die Annahme naheliegend, dass zwischenmenschliche Felder bei den beschriebenen Prozessen eine wichtige Rolle spielen. Die Wissenschaftler ziehen dies jedoch nie in Betracht, als seien solche Vorstellungen in unserer westlichen Gesellschaft tabu. Sollten solche Felder jedoch existieren, was ich annehme und wofür es viele Anhaltspunkte gibt, dann wäre soziale Intelligenz in erster Linie die Intelligenz im Umgang mit diesen Feldern. Die Felddimension des Zwischenmenschlichen wäre folglich einer der wichtigen Aspekte, die ganzheitliche Gesundheitsmethoden gesellschaftlich relevant machen, und zwar aus zwei Gründen: erstens als Lebensführungs- und Selbstkultivierungstechniken, die kultur-evolutionäre Folgen haben können, und zweitens durch die Folgen eines bewussten Umgangs mit dem Feldaspekt im alltäglichen individuellen und sozialen Leben.
Methoden ganzheitlicher Lebensgestaltung und Selbstentwicklung sind von zentraler Bedeutung für die Weiterentwicklung der kulturkreativen Bewegung. Ich glaube sogar, dass sie ein notwendiges und wichtiges Instrument für den gesellschaftlichen Wandel sind. Die bewusste Einbeziehung des Feld­aspekts unserer Existenz in das individuelle und soziale Leben und die Entwicklung einer „energetischen Intelligenz“ könnte möglicherweise eine nächste Stufe der menschlichen Evolution darstellen. Immer mehr Menschen beginnen heute, diese feinstoffliche Dimension wahrzunehmen und sie als Realität zu akzeptieren. Es gibt auf dem Markt bereits viele Technologien, die angeblich oder vielleicht auch tatsächlich mit solchen feinstofflichen Feldern operieren, aber in der Regel sind sie nicht überprüft worden, so dass viele Konsumenten ihnen ratlos, manchmal auch gutgläubig gegenüberstehen. Schließlich gibt es keine gültigen oder allgemein akzeptierten Kriterien, wie man mit solchen Wahrnehmungen oder Technologien umgehen soll. Meinem Eindruck nach ist erst bei sehr wenigen Menschen ein ausgebildetes Unterscheidungs- und Artikulationsvermögen für solche schwer zu fassenden Erfahrungen vorhanden. Das zeigt sich z. B. daran, dass verschiedene Begriffe im Gebiet des Feinstofflichen, wie Qi oder Orgon, Prana oder Äther, oft in einen Topf geworfen werden, obwohl wir nicht wissen, ob damit wirklich dasselbe gemeint ist.
Wir sind heute herausgefordert, eine differenzierte Kunst des alltäglichen Umgangs mit unserer Felddimen­sion zu entwickeln ebenso wie eine Sprache, in der man sich über Erfahrungen auf dieser Ebene verständigen kann, nicht nur unter „Insidern“, sondern auch mit Menschen, die diese Erfahrungen nicht teilen. Letztlich brauchen wir auch eine Ethik des Umgangs mit dem Feinstofflichen. Ich bin davon überzeugt, dass eine solche Bewusstmachung und Kultivierung der feinstofflichen Wahrnehmung einen enormen Einfluss auf die Qualität und Gestaltung von Beziehungen und damit auf unser gesamtes gesellschaftliches Leben hätte. Eine solche Kultivierung würde mit sich bringen, dass die Menschen erleben, wie eng sie miteinander und mit der Welt verbunden sind, dass unsere inneren Zustände, unsere Gedanken und Gefühle keine Privatsache mehr sein können, weil sie ständig, ob wir uns dessen bewusst sind oder nicht, andere Menschen beeinflussen. Wir müssen also Verantwortung für unsere inneren Zustände übernehmen und diese auch eigenverantwortlich regulieren. Heute ist die sensitive Minderheit, die diese Dimension unserer Existenz bereits wahrnimmt, zunächst einmal aufgefordert, auf diesem Gebiet Bildungsarbeit zu leisten. Dazu gehört nicht zuletzt, Ängste vor einem Missbrauch dieser Felddimension ernstzunehmen. Diesen Missbrauch gibt es, und er liegt besonders nahe auf einem Gebiet, in dem man noch keine Maßstäbe entwickelt hat. Deswegen ist es auch nötig, dass die Praktizierenden von Methoden aus dem Bereich des Feinstofflichen der übrigen Gesellschaft einen verantwortungsvollen Umgang mit diesen Dingen demonstrieren.
Zentral wichtig für diesen Prozess ist auch die Unterstützung von Wissenschaftlern, die entweder selbst solche Erfahrungen besitzen – und davon gibt es nicht wenige – oder aus anderen Gründen für dieses Thema aufgeschlossen sind. Das ist zwar für einen Wissenschaftler ein großes Wagnis und nicht unbedingt ­karrierefördernd. Ich persönlich bin aber davon überzeugt, dass sich diese Überzeugungsarbeit einzig durch eine kritische und zugleich verständnisvolle wissenschaftliche Überprüfung leisten lässt und damit das nötige Vertrauen der Gesellschaft erworben werden kann. +

 

Der Text dieses Artikels basiert auf einem Vortrag, den der Autor bei den Deutschen Qigong-Tagen 2008 in Kassel gehalten hat. Er erschien erstmals in der Zeitschrift KursKontakte auf den Seiten des Dachverbands „Freie Gesundheitsberufe“.

Marco Bischof, freischaffender Wissenschaftsautor und Berater für Grenzgebiete der Wissenschaft; Vorstandsmitglied des International Institute of Biophysics und der Deutschen Transpersonalen Gesellschaft e. V. www.marcobischof.com