Die Erde ist eine Frau

Der ideale Ort im Landschafts-Feng-Shui

von Manfred Kubny erschienen in Hagia Chora 31/2008

Im frühen chinesischen Altertum hielt man die Urmutter der Welt für eine Drachenschlange, und auch später ist der Drache als Sinnbild für die Erde ein weibliches Tier. Der ideale Feng-Shui-Ort liegt im Schoß des Erdkörpers, wie man anhand von Zeichnungen und Zitaten der chinesischen Literatur ablesen kann.

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Zu den Grundlagen der „Formen-Kraft-Schule“ 形勢派 (xingshi pai), die auch oft als „Landschafts-Feng-Shui“ bezeichnet wird, gehört die Bezugsetzung des menschlichen Körpers und des ihn umgebenden Raums. Der Vergleich zwischen Mensch und Natur wurde bereits in allen Arten der Landschaftsdivination, die dem Feng Shui vorangegangen waren, sowie in der chinesischen Philosophie formuliert. Die Sichtweise auf den Gesamtzusammenhang, in dem der Mensch in das System Erde eingebettet ist und die Erde als Quelle allen Daseins verstanden wird – woraus sich die gegenseitige Entsprechung beider Systeme Mensch und Erde als Ausdruck desselben Prinzips der Natur ergab –, war umfassend, zwingend und ohne jede weitere Alternative. Alle Darstellungen in der frühen daoistischen chinesischen Literatur, welche die Erde als Abbild des menschlichen Körpers zeigen, sprechen von der Erkenntnis, dass Wasser, und zwar als Phänomen und nicht als Wandlungsphase, als dritte Entität zu Himmel und Erde hinzukommen muss, damit eine belebte Natur entsteht.

Das befruchtende Wasser
Die Wertschätzung des Wassers ist ein ur-daoistischer Gedanke. Der Daoismus bediente sich eines Konzepts, das von drei Fundamenten der Welt ausging. Die Urfassung dieses Konzepts besagt, dass es Himmel, Erde und den Menschen gibt und dass in diesem System der Mensch als Wesen mit dem klarsten Qi aller Lebewesen die Schöpfung vertritt. Aus dieser Sicht ­ergab sich ein polares System, das sich in der übergeordneten Einteilung von Yin und Yang folgendermaßen erklärte: Zwischen den beiden Polen Yin und Yang ergibt sich eine weitere Hegemonie, die nur durch das Vorhandensein beider Pole entstehen kann. Diese Vorstellung wurde „drei Entitäten“ 三才 (sancai) genannt – je nach Kontext auch übersetzbar als „drei Befähigungen“ oder „drei Potenziale“. Speziell im Daoismus heißt dasselbe Konzept die „drei Passagen“ 三關 (sanguan). Der Begriff Sancai gestaltet sich je nach Kontext unterschiedlich, aber in der Regel nimmt hier das Wasser den Platz ein, der dem Yin und damit der Erde zusteht, während das Feuer für den Himmel reserviert ist. Wenn man nun berücksichtigt, dass ausgerechnet das Wasser dem Qi in seiner materiellen Ausführung am nächsten steht, wird deutlich, warum das Wasser in den Erklärungen der Erde-Mensch-Komplementarität eine sehr große Rolle spielt. Sinngemäß erklärt der Philosoph Guanzi die Schöpfungskraft der Erde mit dem Wasser:
„Die Erde ist die Quelle aller Wesen und die Wurzel allen Lebens. Das Wasser ist das Blut-Qi der Erde und durchdringt sie wie in den [organischen] Gefäßen und Blutbahnen. Die Wesen benötigen es auch, um zu leben.“
Und: „Der Mensch ist Wasser. Mann und Frau vereinigen Feinststoff und Qi, und das Wasser fließt [darin]. Deshalb entsteht ein Mensch, wenn sich das Wasser verdickt und verklebt.“
Vor diesem Hintergrund ist das Wasser im Feng Shui in jeder Hinsicht sehr wichtig und schlägt sich in markanten klassischen Lehrsätzen nieder, wie es beispielsweise das „Bo Shan Pian“ („Schrift über die Weite der Berge“) ausdrückt: „Wenn man den Drachen untersucht, dann betrachtet man zuerst das Wasser.“
In der Feng-Shui-Literatur wird die Sichtweise, dass die Welt durch das Wasser befruchtet wird, ebenso gespiegelt. So erzählt das tangzeitliche Werk „Zhai Jing“ („Leitfaden zu den Behausungen“, mutmaßlich während der Tang-Zeit 618–907 entstanden): „Mit Formen-Kraft [der Erde] wird der Körper gebildet. Mittels der Wasserquelle entstehen die Blutbahnen.“
Wie sich diese Erkenntnis zu einem größeren und umfassenden Konzept eines lebenden Körpers der Erde im Feng Shui weiterentwickelt hat, zeigt die Fortführung derselben Textpassage im „Zhai Jing“: „Mittels der Erde entsteht die Haut. Mittels Gräsern und Bäumen entsteht die Behausung. Mittels der Gebäude entsteht die Bekleidung. Mittels Türen und Fenstern entstehen Mütze und Gürtel. Wenn sich alles so verhält, wie es oben beschrieben worden ist, dann ist dies das äußerste Glück.“
In anderen Worten ausgedrückt, ist jede Errungenschaft menschlicher Zivilisation eine Geburt der Erde. Der Vorstellung von einer Geburt der Erde muss logischerweise auch eine Anatomie der Erde vorausgehen und dieser wiederum die Annahme, dass es sich bei der Erde um eine Art Lebe­wesen handelt, das gebären kann. Die Diskus­sion über die Umgebung, Form und Kraft des „Verweilungsorts“ 宅 (zhai) ist voller Andeutungen von einer Erde als belebtem Organismus. Dass diese Ansicht bereits in sehr früher Zeit existiert hat, verdeutlicht der im Feng Shui wichtige Begriff des „belebenden [oder auch erzeugenden] Qi“ 生氣 (shengqi). Man hielt das Qi der Erde für etwas Ähnliches wie die Pulsbewegung des Menschen und das „erzeugende Qi“, das sich in Flüssen und Bergen ausdehnt, für Bewegungen, für ein Strecken und Zusammenziehen des Körpers. Es folgt der Berg-Kraft und fließt und streckt sich in alle Richtungen. Das Qi unter der Erde durchdringt diese und gibt der Erde ihr Aussehen.

Qi in Erde und Mensch
Während der Tang- und Song-Zeit (960–1279) erhielt die Theorie von der Erde als Organismus, der wie der Mensch über Leitbahnen und Netzleitbahnen verfügt, einen starken Entwicklungsschub. Ceng Wen­zhuan (Tang-Zeit) vergleicht im „Qing Nian Zheng Yi“ („Berichtigte Meinungen eines Jugendlichen“) die Ein- und Ausatmung des menschlichen Körpers und die Bewegungen des Bluts in den Gefäßen mit dem „Qi des Ausgleichs des Wassers“ 水和氣 (shuiheqi) in der Natur: „Die Pulsbewegungen sind das Ein- und Ausatmen des Qi. Das, was alle Körper im Fluss mitein­ander verbindet, ist das Blut. Die Blutgefäße sind miteinander verbunden, und wie das Wasser verstreuen sie das Qi nicht.“
Fang Yizhi (Ming-Zeit, 1368–1644) hebt in seinem Werk „Wuli Xiaozhi“ („Kleine Aufzeichnungen zu der Struktur der Wesen“) die Bedeutung des Wassers hervor: „Die Körperflüssigkeiten der Menschen, die Säfte der Pflanzen sind alle Wasser. Es ist durch ein Qi erzeugt worden. Die fortgesetzte Erzeugung wird durch das Wasser bewirkt und hängt von den Feinststoffen ab.“ Yang Quan (Jin-Zeit, 936–947) schreibt im „Wuli Lun“ („Über die Beschaffenheit der Wesen“): „Die Feinststoffe der Erde sind die Steine. Die Steine sind die Kerne des Qi. Dass das Qi Steine erzeugt, gleicht den Sehnen und Gelenken des Menschen und dem Erzeugen von Nägeln und Zähnen.“
Der songzeitliche Cai Mutang unterteilt im „Fa Wei Lun“ („Über die Animation des Subtilen“): „Wasser, Feuer, Erde und Steine der Erde entsprechen Blut, Qi, Knochen und Fleisch im menschlichen Körper.“
Im gleichen Werk schreibt er: „Wenn man Wasser, Feuer, Erde und Steine zusammenfasst, ergibt dies die Erde, genauso wie Blut, Qi, Fleisch zusammengefasst den Menschen ergeben.“
Während der Yuan-Zeit (1271–1368) schreibt Sima Tou Tuo im ­„Tianyuan Yiqi Lixing Lun“ („Darüber, dass in den Formen nur ein Qi des Himmels­ursprungs residiert“): „Das Qi bewegt sich in den Bergen und findet im Wasser seine Entsprechung. Es hat den Antrieb, auf- und abzusteigen und sich zu wandeln. Das, was ungleich erscheint, ist keinesfalls ungleich. Deshalb hat das, was fließt, eine Gestalt. Das Qi folgt dem, was die Natur der Struktur ist.“
Alle diese Zitate aus der klassischen Literatur basieren auf der Annahme, dass die Natur von den Bergen bis in die Niederungen und auch die menschlichen Behausungen mit Qi ausgefüllt sind. Angesichts einer im Jahreszyklus wiederkehrenden, wachsenden und vergehenden Natur erhält das „erzeugende Qi“ die kolossal wichtige Rolle eines stetig befruchtenden Wirkstoffs, der sich in vielen Phänomenen der Natur niederschlägt.
Im qingzeitlichen „Shan Fa Quan Shu“ („Gesamtwerk zu den Berg-Methoden“) steht dazu: „Dort, wo das ‚erzeugende Qi‘ ist, sind auch Formen, Farben, Erde, Steine sichtbar. Seine Gestalt erzeugt Bewegungen, und [es] ist nicht versiegend und sterbend. Seine Farben sind leuchtend und bunt und nicht dunkel und matt. Und die Erde ist feucht und satt und nicht erodierend und streuend. Seine Steine sind fein und feucht und nicht trocken. Die Erde ist das Fleisch des Drachen. Die Steine sind die Knochen des Drachen. Die Gräser sind die Haare des Drachen.“
Aus Zitaten wie diesen wird eine Auffassung erkennbar, in der die Erde von erzeugendem Qi ausgefüllt und gesättigt ist. Qi wird darin zum Ausdruck für einen lebenden Organismus, der die Fülle der belebten Natur repräsentiert. Dieses Qi wird als der Glücksbringer schlechthin angesehen. Das belebende Qi in der Erde folgt den Erdformen, worin es zur Erdkraft wird und sich wandelt. Die Erhebungen und Niederungen der Erdform reflektieren die Stärke des Qi.
Der Körper der Erde ist weiblich
Neuere chinesische Untersuchungen gehen davon aus, dass in der sagenumwobenen Xia-Dynastie (vor dem 16. Jahrhundert v. Chr.) vorwiegend matriarchale Kulte praktiziert wurden – die Verehrung des Weiblichen und des mit ihm untrennbar verbundenen Vorgangs des Gebärens. Die Kräfte der Natur und deren Ausgleich sowie die Einflüsse der Natur waren im Abbild der Frau symbolisiert. Insofern stehen matriarchale Kulte in der spirituellen und religiösen Tradition der Naturverehrung. Auch wenn einige Autoren meinten, dass die Erde verschiedene Ausdrücke von Geschlechtlichkeit habe und z. B. von Dornen-Bergen als „Erd-Männliches“ und von Windungs-Bergen als den „Brüs­ten der Erde“ sprechen, war man sich aber insgesamt einig, dass die Erde ein weibliches Tier sein müsse. Weil das Fortbestehen der Menschen ganz offensichtlich von der Schwangerschaft und dem Gebären der Frau abhing, stellte sich die Fortpflanzung durch die Frau als absolutes Gesetz der Natur und als große, mythische Kraft dar. Die Gebärorgane der Frau wurden kultisch verehrt und als Ausdruck der Himmels- und der Erdkraft angesehen.
In der frühen chinesischen Kultur­geschichte verfügte man wohl über die zunächst verschwommene Kenntnis der menschlichen Fortpflanzung als ein Ergebnis der Vermischung zweier Geschlechter, jedoch nahm die Frau darin die weit bedeutendere Stellung ein. Schon 4000 Jahre vor Christus wurde in der „Rote-Berge-Kultur“ oder Hongshan-Kultur in der Provinz Liaoning für die Gebärfähigkeit der Frau ein besonderes Zeichen verehrt: das Delta als Sinnbild der weiblichen Scham, als das Symbol, aus dem Leben entsteht. Gleichzeitig war die Schlange seit dem frühen Altertum Chinas ebenso ein Symbol der Fortpflanzungskraft, des weiblichen Geschlechtsorgans und des Yin-Komplexes, weshalb sie in chinesischen Mythologien in enge Verbindung mit der Weiblichkeit gebracht wurde. So ist in den Mythen des frühen chinesischen Altertums die Urmutter der Welt gleichzeitig der Körper einer Drachenschlange. Alle inneren und äußeren Geschlechtsorgane der Frau wurden zu Devotionalien des matriarchalen Kults.
Das Zeichen für „Mutter“ 母 (mu) ist auf das nebenstehende Piktogramm zurückzuführen, das eine schwangere Frau darstellt. Die Vorstellung von Wasser als dem Feinststofflichen des Yin und der Wurzel des Bluts ist eine Erweiterung der Auffassung von der Erde als Organismus und als Gebärmutter, in der alle Dinge verwurzelt sind. Von diesem archaischen Denken und der himmelsbezogenen Ausrichtung ausgehend, sahen die Menschen die Schwangerschaft vollständig im Mysterium der Erde begründet. Wie die Früchte und Pflanzen zu Beginn eines Jahrs in der Erde verborgen schienen, war auch das Kind bis zur Niederkunft im mütterlichen Leib verborgen. Die Fähigkeit der Frau, Kinder zu gebären, ging parallel mit der Fähigkeit der Erde, die Wesen wie Tiere und Pflanzen und damit in der Verlängerung der Nahrungskette auch den Menschen hervorzubringen. Laozi nannte dies „das Tor der mysteriösen Weiblichkeit“ 玄牝之門 (xuan­pin zhi men) und sah das Universum als eine gigantische Gebärmutter an, welche die Wurzel des Hervorbringens von Himmel und Erde ist. Die Verehrung der Erde als Mutter war dasselbe wie die Verehrung von Mutterschaft an sich. Auch das Yijing sah die Trigramme Qian 乾 und Kun 坤 als Vater und Mutter an. Kun übernahm dabei die Symbolik der Urmutter. Der Kommentator Zheng Xuan (127–200) schreibt im Werk „Hong Fan“ („Der breite Maßstab“) im Kapitel „Wuxing Chuan“ („Überlieferungen zu den fünf Wandlungsphasen“): „Die Schlange ist eine Art Drache.“
Im Buch „Huainanzi“, Kapitel „Tianwen Xun“ („Anweisungen zum Himmelsbild“) wird berichtet: „Der Drache ist ein Wasser-Wesen. Das Wasser gehört zur Yin-Wesenheit, deshalb ist der Drache mit Sicherheit ein weibliches Tier.“
Wang Tingxiang schreibt in „Shen Yan“ („Vorsichtige Worte“) über den „Körper des Dao“ 道體 (daoti): „Berge, Sümpfe, Wasser, Erde werden von Qi durchdrungen und erhalten Gestalt. Gemeinsam bilden sie einen ‚großen Verweilungsort‘ [Naturraum] 大宅 (dazhai).“
Im „Han Shu“ („Geschichtschronik der Han-Dynastie“) steht: „Das, was hinter der Erde steht, ist der Reichtum der Urmutter. Wenn es im Meer still ist, dann ist das die Kraft der Trächtigkeit.“
Auch hinsichtlich der „Wasser-Methode“ 水法 (shuifa) heißt es: „Obwohl der Xue 穴 [Austrittsort des Qi] am Berg liegt, befindet sich das Glück beim Wasser. Deshalb liegt die Methode der Fixierung des Wassers darin, dass das Wasser dort stillsteht. Der Berg ist wie die Frau, und das Wasser ist wie der Mann. Die Frau folgt der Wertschätzung des Mannes.“
In den Kommentierungen zum Yijing steht: „Die beiden Qi resonieren miteinander und ergänzen sich gegenseitig. Wenn Himmel und Erde miteinander resonieren, dann bilden sie die zehntausend Dinge. Die Üppigkeit des Lebens von Himmel und Erde ist die Wandlung und Vergärung der Dinge. Der Austausch von Feinststoffen von Mann und Frau ist das Wandeln und Erzeugen von allen Dingen.“
Im „Zilin“ („Zeichenwald“ = Enzyklopädie) steht: „Der befruchtende Dunst ist das ausgeglichene Qi von Yin und Yang. Die Vereinigung von Himmel und Erde gleicht der Vermischung der Feinststoffe von Mann und Frau.“
Die Entwicklung einer Erzeugung und das darauffolgende Leben vollziehen sich nach den Darstellungen der klassischen chinesischen Literatur in diesen Schritten: verstecktes Wachsen, Hervorbringen bzw. Gebären, Versorgen, Reife, Stillstand.

Der ideale Aufenthaltsort
Schwangerschaft, Weiblichkeit und Naturkraft sind die Ziele des matriarchalen Kults, für den die Erde eine schwangere Frau ist. Alle Gedichte des sehr frühen Klassikers „Shi Jing“ („Buch der Lieder“) vergleichen das Weibliche mit Bergen und Hügeln. Die Dunstbildung zum Abend hin wurde mit den Haaren der Frau und die Bäche in den Tälern mit der Vagina verglichen. Das Feng Shui kann daher in der Tat als eine sublimierte und spezialisierte Form eines frühen matriarchalen Kults angesehen werden, der sich zu einer Wissenschaft entwickelte. Diese Erkenntnis wird auch in der aktuellen chinesischen Fachliteratur gestützt, welche die Beschaffenheit des „Xue“ (zu übersetzen als „Austrittspunkt des Qi“) in der klassischen Feng-Shui-Literatur untersuchte und Vergleiche mit historischen Abbildungen zog. Es zeigt sich, dass die traditionelle chinesische Feng-Shui-Literatur den idealen „Verweilungsort“ in einer Landschaft wiederfand, welche dem Erscheinungsbild der Vagina entspricht. Die anatomisch korrekten und daher deutlich identifizierbaren Abbildungen enthalten alle Begrifflichkeiten des klassischen Feng Shui, wie auf den Abbildungen links zu ersehen ist. Die Bezeichnungen beschreiben die chinesischen Termini technici des Feng Shui und die Anatomie der Vagina. Es gibt noch viele weitere solcher Illustrationen, beispielsweise in der berühmten Feng-Shui-Enzyklopädie der Ming-Zeit, dem „Dili Renzi Xuzhi“ („Was jedermann über die Erdstruktur wissen muss“).
Die bisherigen Ausführungen zeigen, dass sich das Feng Shui tatsächlich als Technik verstehen lässt, deren tiefste kulturelle Grundlage die Verehrung der Gebärfähigkeit der Frau ist. Hinter dieser natürlichen Erscheinung vermutete man ein derart gewaltiges Prinzip, dass man, wie bei Laozi, darin die gesamte Natur des Universums zu erkennen glaubte. Dies ist insofern nicht ungewöhnlich, da wir entsprechende Bilder auch aus dem europäischen Kulturkreis kennen. So kommen zum Beispiel Analysen der Symbolik der Megalithbauten zu ähnlichen Ergebnissen. Der Unterschied zur chinesischen Kultur liegt aber darin, dass die Vorstellungen über die Erotik und Sexualität der Frau trotz sich verändernder Gesellschaftsformen als Ausdruck eines kollektiven Unterbewusstseins in den klassischen chinesischen Techniken der Landschaftsdivination überlebten. Wie weit die nach außen getragene Prüderie der konfuzianischen Gesellschaftsordnungen diesen Sublimationsvorgang, zum Beispiel in der Philosophie oder eben in den Divinationstechniken wie dem Feng Shui, begünstigten, ist bis heute nicht untersucht worden, lädt aber zu einigen Spekulationen ein. In Anbetracht dieser Zusammenhänge sind jedenfalls politisierte Matriarchatsdiskussionen, die in den letzten Jahren im Zusammenhang mit Feng Shui immer wieder aufkamen, insofern fragwürdig, weil bereits die Ausführung einer Feng-Shui-Tätigkeit in ihrem Kern und aufgrund ihrer archaischen Wurzeln die (vielleicht) unwissentliche Ausübung eines matriarchalen Kults per se ist. +

Dieser Artikel basiert auf einem Kapitel des soeben erschienenen Buchs von Manfred Kubny: „Feng Shui: Die Struktur der Welt. Geschichte, Philosophie und Konzepte der tradtionellen chinesischen Raumpsychologie“. Drachen Verlag, Klein Jasedow 2008.
Die erste Veröffentlichung zu diesen Forschungen erschien in der Ausgabe 10 von „Feng Shui Spezial“, der Beilage von Hagia Chora im Jahr 2001.