Steine des Danks

Wie ein Ort zu seinem neuen Dorfplatz kam

von Eva-Gesine Wegner erschienen in Hagia Chora 31/2008

Der Bilderhauerin Eva-Gesine Wegner ist es ein besonderes Anliegen, dass sich ihre Skulpturen mit dem Ort, für den sie gedacht sind, ebenso verbinden wie mit den dort lebenden Menschen, deren Zuwendung ein Werk erst mit Leben füllt. Dies zeigt sich auch an einem Steinkreis, der im Rahmen eines Seminarprojekts der Künstlerin für die Gemeinde Sedrun in Graubünden entstand. Acht Steinskulpturen markieren hier einen Platz, den die Gemeinde durch die künstlerische Intervention neu für sich entdeckte. Der Impuls für dieses Werk war der Dank an das Wasser, das in dieser Region reichlich entspringt und mächtige Flüsse nährt

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Zusammen mit den Schweizer Eheleuten Veronika und Walter Wyss wandere ich im Jahr 2003 erstmals im Gotthard-Gebiet vom Olberalppass aus auf den Calmot im Kanton Graubünden. Auf etwa 2000 Meter Höhe stoße ich auf einen wunderschön gelegenen Steinbruch mit einem traumhaft schönen Blick auf die Alpenlandschaft.
Eine Tafel informiert mich darüber, dass hier Speckstein gebrochen wird, aus dem seit 300 Jahren im Tal die traditionsreichen Specksteinöfen entstehen. Außerdem lese ich, dass ich mich im Hauptquellgebiet der Alpen befinde, dass sich dem Steinbruch gegenüber der junge Vorderrhein schlängelt und in der Nähe alle weiteren großen Alpenflüsse wie die Rhône, die Reuss und die Aare entspringen. Mein Herz beginnt zu jubeln, als ich diese Nachricht lese. Was für ein Ort! Hier bin ich richtig. Hierhin möchte ich zu einem Bildhauer-Workshop einladen, und dessen Thema soll sein: Im Angesicht des Ursprungs des Rheins und im Wissen um die weiteren Quellen dieser Region „Steine des Danks“ an Mutter Erde und ihre Wasser zu arbeiten.
Einige Jahre vorher hatte ich auf der Rückfahrt von einem Seminar bei Marko Pogaˇcnik eine innere Stimme in mir sagen hören: „Du wirst mit vielen Quellen auf der Welt zu tun bekommen.“ Zunächst tastend und dann immer öffentlicher hatte ich in den folgenden Jahren kleine Skulpturen aus Alabaster gearbeitet und sie als „Steine des Danks“ an Quellen gesetzt. Mehrfach unterhalb des Chiemsees, in Österreich, im Schwarzwald und im Odenwald. Nun führte der Weg mich in die Schweiz.
Quellen sind geheimnisvolle Orte, wo die Erde immer und immer wieder ihr Wasser aus ihrem dunklen Schoß ins Licht entlässt. Es sind Orte, wo die Erde großzügig und fortwährend gibt und uns mit dem lebensspendenden Wasser beschenkt. In einer ökologisch so gefährdeten Zeit wie der unseren, in der uns der natürliche Ausgleich zwischen Nehmen und Geben so gänzlich verlorengegangen ist, möchte ich mit diesen Steinen einen Beitrag zum Umdenken leisten. Ich meine, es ist heute wichtig, dass wir dort, wo wir von der Erde nehmen – wie hier beim Wasser – ihr wieder unseren Dank sichtbar zurückgeben. Durch ihre fortdauernde Präsenz vor Ort können „Steine des Danks“ immer mehr Menschen mit diesem Denken neu in Berührung bringen.

Bildhauerei im Angesicht der Rheinquelle
Mein erster Kontakt mit dem Bürgermeister von Sedrun verläuft sehr befriedigend. Wir einigen uns darauf, dass die Gemeinde Steine unserer Wahl im Steinbruch zur Verfügung stellt und sie später bearbeitet in der Landschaft als Dankessteine aufstellt. Auch die Gemeinde stimmt dem Vorhaben zu, ebenso die Steinbruchpächter, die Ofenbauer-Familie Giger aus Sedrun, die eine solch neuartige Belebung des Steinbruchs spannend finden.
So kann ich im September 2004 mit einer Gruppe von acht hochmotivierten Frauen die Arbeit im Steinbruch beginnen. Bei schönstem Sonnenschein nähern wir uns langsam dem Wasser und dem Gestein der Gegend. Am Vorderrhein sitzend, gestaltet jede Teilnehmerin einen handgroßen Stein aus lokalem Speckstein, der sie in den nächsten Tagen beim Arbeiten in der Höhe begleiten wird.
Vater und Sohn Giger erwarten uns am Tag darauf bei dichtem Nebel am Steinbruch. Liebevoll haben sie große Steinstücke guter Qualität ausgewählt und für uns beiseite gelegt. So fällt die Wahl leichter. Auf einer Plattform, die sie derzeit nicht für den Abbau brauchen, darf jede Frau sich ihren Arbeitsplatz auswählen. Es ist spannend, wie die beiden Männer in bewährter Zusammenarbeit die Steine positionieren und standfest machen. Voller Bewunderung beobachten wir, wie Sohn Giger mit seinem Bagger nicht nur geschickt, sondern höchst feinfühlig umzugehen versteht.
Es ist ein Geschenk, dass das Wetter an diesem ereignisreichen Tag einen Vorhang zwischen uns und die Welt gezogen hat. So können wir uns voll auf die Stein- und Platzwahl konzentrieren. Denn der Anblick des überwältigenden Alpenpanoramas, das uns am folgenden Tag empfängt, hätte uns anfangs völlig überfordert. Tag für Tag und bei schönstem Sommerwetter wird dieser Blick aus mehr als 2000 Meter Höhe nun unsere inspirierende Arbeitskulisse sein!
Erst am dritten Tag fällt mir auf, dass die Steine, so wie wir sie im Nebel aufgestellt haben, wie ein megalithisches Alignment wirken. Gen Osten, zum Sonnenaufgang ausgerichtet und mit einem Abschlussstein, der lange vorher schon dort am Hang gestanden hatte. Nicht weit entfernt von uns – in Ferrara – ist vor einigen Jahren eine alte Megalithreihe wiederentdeckt und freigelegt worden. Es ist klar, dass wir sie aufsuchen. Auch eine Wanderung auf die gegenüberliegende Höhe zum Ursprung des Rheins ist Teil der gemeinsamen Zeit.
Nach zehn Tagen kreativen Schaffens müssen wir uns von unseren Skulpturen verabschieden und sie Winter, Eis und Schnee in Graubünden überlassen, bis wir ein Jahr später wiederkommen werden. Eine Schreckensnachricht erreicht uns in Deutschland: eine Skulptur ist mutwillig umgeworfen worden. Kopf und Körper sind getrennt. Wir spüren Trauer und Hilflosigkeit. Vandalismus so hoch in den Bergen? Wir hoffen auf Neugestaltung im Jahr darauf.
Im Verlauf der Monate reift bei den Vertretern der Gemeinde der Wunsch heran, dass die Skulpturen nicht verstreut in der Landschaft aufgestellt werden, sondern alle Skulpturen ins Tal nach Sedrun kommen sollen. Also reise ich wieder nach Sedrun. Zusammen mit Veronika Wyss entdecke ich mitten im Ort in der Nähe von Kirche und Friedhof neben einem Wildbach einen schönen, fast quadratischen Platz. Der Platz drängt zu einem Steinkreis in der Formation der Neun – acht Skulpturen und die dort befindliche, im Wind gebogene Föhre.
Die Verantwortlichen der Gemeinde sind begeistert. Und ich bin tief beglückt darüber, dass wir in Sedrun in der Schweiz nun mit dem Symbol des Steinkreises an die archaisch kraftvolle Tradition unserer Vorfahren anknüpfen dürfen.
Doch vorher gilt es noch ein Problem zu bewältigen: Der Platz gehört der Kirchengemeinde, die sich mit der politischen Gemeinde nicht gut versteht. Zum Glück wird der für das Projekt sehr engagierte Bauamtsleiter selber die Verhandlungen führen.
Als von der Kirchengemeinde grünes Licht kommt, folgt ein aufwendiger Transport der von Gigers sorgfältig auf Paletten verpackten, meist halbfertigen Skulpturen vom Steinbruch auf den Platz neben der Kirche. Gemeindearbeiter platzieren die Werke in der gewünschten Entfernung und Zuordnung. Alle Beteiligten sind mit großer Achtsamkeit und eigener Anteilnahme dabei.
Der Steinkreis wird zu einer Aktion vom Dorf für das Dorf, hier wird der neue Dorfplatz von Sedrun gestaltet. Die Exi­s­tenz dieses Platzes fängt die Gemeinde erst jetzt an, wahrzunehmen, und fühlt sich beschenkt. Nun passt auch, dass die Gruppe bei ihrer Wiederkehr September 2005 nicht mehr hoch in den Bergen weiterarbeitet, sondern mitten im Ort sichtbar, erlebbar, befragbar. Eine große Herausforderung für die Teilnehmerinnen, der sie sich aber bereitwillig stellen und unter der sie ihrer Skulptur den letzten Schliff geben.
Acht Frauen – zwei Schweizerinnen, sechs Deutsche – haben in acht Skulpturen mit intensivem Einsatz ihren ganz unterschiedlichen Ausdruck für ihren Dank an Mutter Erde gefunden; den Dank dafür, dass sie uns ohne Unterlass mit dem so lebensnotwendigen Wasser versorgt. Auch die Gemeinde hat in diesen Dank mit einem gemeinsamen Fest und Ritual gerne eingestimmt. Wasserteilen, Kreistanz und Alphornbläser begleiten das Ritual der Übergabe. In meinen Abschlussworten formuliere ich meine besondere Dankbarkeit dafür, dass die Kirchengemeinde den geschichtlichen Quantensprung hat vollziehen und den Platz für einen Dank an Mutter Erde freimachen können. Noch lange stehen wir inmitten der Steine im Gespräch zusammen. +