Kein vollständiger Zusammenbruch

Ein neuer Bericht zum Zustand der Welt:
„Global Trends 2025: A Transformed World“

von Expertenrat der am. Geheimdienste erschienen in Hagia Chora 31/2008

Kulturkreative wissen: Das alte System ist nicht mehr zu retten. Nun hat der Kollaps des globalen Wettsystems, hochtrabend Finanz­krise genannt, viele Menschen aufgerüttelt, die bisher wenig über die Perspektiven der nächsten zwanzig Jahre nachgedacht haben. Mit dem ­folgenden Textauszug bringen wir Ihnen diesmal näher, was eine Organisation denkt, die in unserer Szene den meisten fremd sein dürfte: der Expertenrat der amerikanischen Geheimdienste.

Das internationale System, wie es sich seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs herausgebildet hat, wird sich bis zum Jahr 2025 durch den Vormarsch aufstrebender Mächte, eine zunehmend globalisierte Wirtschaft, den in historischem Ausmaß stattfindenden Transfer relativen Wohlstands und wirtschaftlicher Macht von West nach Ost sowie den zunehmenden Einfluss nicht-staatlicher Akteure fast bis zur Unkenntlichkeit verändert haben: zu einem globalen multipolaren System, in dem sich die Kluft zwischen der nationalen Macht von Industriestaaten und Entwicklungsländern weiter verringern wird. Zusammen mit der Machtverlagerung zwischen den Nationalstaaten steigt die relative Macht diverser nicht-staatlicher Akteure, darunter Unternehmen, Stämme, religiöse Organisationen und kriminelle Netzwerke. Doch nicht nur die Akteure, auch die Tragweite und Bandbreite transnationaler Belange, die für den anhaltenden globalen Wohlstand von Bedeutung sind, verändern sich. Durch eine Überalterung in den Industriestaaten, eine zunehmende Energie-, Nahrungsmittel- und Wasserverknappung sowie durch Probleme im Zusammenhang mit dem Klimawandel wird zwar der Wohlstand begrenzt und geschmälert, dennoch wird die kommende Zeit von historisch einzigartigem Wohlstand geprägt sein.
Historisch betrachtet, sind aufstrebende multipolare Systeme instabiler als bipolare oder unipolare Systeme. Trotz der momentanen Volatilität der Finanzwelt, die dazu führen könnte, dass sich viele gegenwärtige Trends beschleunigen, gehen wir nicht davon aus, dass wir auf einen vollständigen Zusammenbruch des internationalen Systems zusteuern, wie zwischen 1914 und 1918 geschehen, als eine frühere Phase der Globalisierung endete. Dennoch bergen die kommenden zwanzig Jahre, in denen sich der Übergang zu einem neuen System vollziehen wird, Risiken. Obwohl sich die strategischen Rivalitäten aller Wahrscheinlichkeit nach um Handel, Investitionen sowie technologische Innovation und Akquisition drehen werden, können wir ein an das 19. Jahrhundert gemahnendes Szenario von Wettrüstung, territorialer Expansion und der militärischen Auseinandersetzungen nicht ausschließen.
Derzeit ist kein eindeutiger Ausgang dieser Entwicklungen auszumachen. Obwohl die Vereinigten Staaten der mächtigste einzelne Akteur bleiben dürften, wird die relative Macht der USA abnehmen und ihr Einfluss immer stärker eingeschränkt werden. Zugleich ist unklar, inwieweit andere staatliche und nicht-staatliche Akteure willens oder in der Lage sein werden, die zunehmenden Belastungen zu schultern.


Vormarsch aufstrebender Akteure durch Wirtschaftswachstum
Gemessen an Umfang, Geschwindigkeit und Strömungsrichtung ist der derzeit stattfindende Transfer globalen Reichtums und globaler Wirtschaftsmacht von West nach Ost ein in der modernen Geschichte einzigartiges Phänomen. Diese Verlagerung hat zwei Gründe: Erstens wurden in den Golfstaaten und in Russland aufgrund gestiegener Öl- und Rohstoffpreise unverhoffte Gewinne erzielt; zweitens verlagerten sich aufgrund geringerer Kosten und entsprechender Regierungsmaßnahmen die Standorte des produzierenden Gewerbes und einiger Zweige des Dienstleistungsgewerbes nach Asien.
Wachstumsprognosen für Brasilien, Russ­land, Indien und China (die sogenannten BRIC-Staaten) legen nahe, dass diese Länder zwischen 2040 und 2050 den Anteil der ursprünglichen G7 am Welt-Bruttoinlandsprodukt (BIP) erreicht haben werden. China ist bestens dazu gerüstet, in den kommenden zwanzig Jahren stärkeren Einfluss auf die Welt auszuüben als jedes andere Land. China wird bis 2025 die zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt und eine führende Militärmacht sein. Zudem könnte sich das Land zum größten Importeur natürlicher Ressourcen und zum größten Schadstoffemittenten entwickeln. Auch Indien wird weiterhin relativ schnelles Wirtschaftswachstum zu verzeichnen haben und eine multipolare Welt anstreben, in der New Delhi einen der Pole darstellt. China und Indien müssen sich entscheiden, in welchem Maß sie willens und in der Lage sein wollen, zunehmend globale Rollen zu übernehmen und wie ihr Verhältnis zueinander aussehen soll. Russland birgt das Potenzial, bis 2025 über mehr Wohlstand, Macht und Selbstbewusstsein zu verfügen, sofern es in Humankapital investiert und auf volkswirtschaftliche Expansion und Diversifizierung sowie eine Integration in die globalen Märkte setzt. Andererseits könnte die russische Wirtschaft beträchtlich schrumpfen, falls diese Maßnahmen nicht ergriffen werden und sich die Öl- und Gaspreise im Bereich von 50 bis 70 Dollar pro Einheit einpendeln. Keinem anderen Land wird ein mit China, Indien oder Russland vergleichbares Wirtschaftswachstum prognostiziert, und vermutlich wird kein anderes Land den individuellen globalen Einfluss dieser Nationen erreichen. Dennoch erwarten wir, dass sich die politische und wirtschaftliche Macht anderer Länder, z. B. Indonesien, Iran und Türkei, vergrößert.
China, Indien und Russland folgen größtenteils nicht dem westlich-liberalen Modell der Selbstentwicklung, sondern praktizieren das Modell eines „Staatskapitalismus“. Andere aufstrebende Mächte, wie Südkorea, Taiwan und Singapur, nutzen den Staatskapitalismus ebenfalls zur Entwicklung ihrer Volkswirtschaften. Die Tatsache, dass Russ­land und insbesondere China diesen Weg beschreiten, hat jedoch aufgrund der Größe und des Ansatzes der „Demokratisierung“ dieser Länder weitaus größere potenzielle Auswirkungen. Bezüglich der langfristigen Aussichten einer stärkeren Demokratisierung bleiben wir optimistisch, obwohl es nur langsame Fortschritte geben wird und viele junge Demokratien angesichts der Globalisierung zunehmend sozialem und ökonomischem Druck ausgesetzt sind, der liberale Institutionen leicht unterminieren kann.
Viele andere Länder werden wirtschaftlich weiter zurückfallen. Das subsaharische Afrika wird die für ökonomische Störungen, Spannungen unter der Bevölkerung, Bürger­unruhen und politische Instabilität anfälligste Region bleiben. Trotz zunehmender Nachfrage nach Rohstoffen und der Tatsache, dass die Subsahara-Staaten zu den wichtigsten Rohstofflieferanten gehören, ist es unwahrscheinlich, dass sich die Lage der Bevölkerung wesentlich verbessert. Der anhaltende Anstieg von Rohstoffpreisen und die damit erzielten Gewinne könnten in einigen Regio­nen korrupte Regierungen stärken und so die Aussichten auf demokratische und marktwirtschaftliche Reformen schmälern. Dies gilt auch für Lateinamerika. Obwohl dort viele wichtige Länder bis 2025 zu Mächten mit mittlerem Volkseinkommen aufgestiegen sein werden, werden andere zurückfallen, insbesondere Länder, die wie Venezuela und Bolivien seit längerer Zeit an populistischer Politik festhalten — und in manchen Ländern, z. B. in Haiti, werden Armut und Unregierbarkeit weiter zunehmen. Die wirtschaftliche Wettbewerbsfähigkeit Lateinamerikas wird insgesamt weiter hinter der Asiens und anderer schnell wachsender Wirtschaftsräume zurückbleiben.
Für das Bevölkerungswachstum der nächsten zwanzig Jahre werden nahezu ausschließlich Asien, Afrika und Lateinamerika verantwortlich sein, während die Bevölkerung im Westen um höchstens drei Prozent wachsen wird. Obwohl die Pro-Kopf-Einkommen Eu­ro­pas und Japans die der aufstrebenden Mächte China und Indien weiterhin um ein Vielfaches übertreffen werden, werden sie aufgrund des Rückgangs der Bevölkerung im arbeitsfähigen Alter um solide Wachstumsraten ringen müssen. In Bezug auf die Überalterung der Industriestaaten bilden die USA teilweise eine Ausnahme, da dort höhere Geburtenraten und mehr Immigration zu verzeichnen sein werden. Generell wird die Anzahl an Migranten, die von benachteiligten in relativ privilegierte Länder streben, zunehmen.
Neue transnationale Agenda
Die Ressourcenfrage wird international einen hohen Stellenwert einnehmen. Trotz positiver Auswirkungen in anderweitiger Hinsicht wird das weltweite Wirtschaftswachstum nie gekannten Ausmaßes dazu beitragen, dass sich eine Reihe hochstrategischer Ressourcen, wie z. B. Energie, Nahrungsmittel oder Wasser, weiter verknappen; zudem wird in zehn Jahren die Nachfrage das leicht verfügbare Angebot an diesen Ressourcen übersteigen. So wird beispielsweise die Förderung flüssiger Kohlenwasserstoffe — Rohöl, Erdgasnebenprodukte und unkonventionelle Rohstoffe, wie Teersand — durch Nicht-OPEC-Staaten nicht im Verhältnis zur Nachfrage steigen. Die Öl- und Gasförderung vieler Energieerzeuger nimmt bereits ab. Die Öl- und Gasförderung wird sich auf instabile Gebiete konzentrieren. Im Zusammenspiel mit weiteren Faktoren wird dies dazu führen, dass sich weltweit eine grundlegende Energiewende weg vom Öl, hin zu Erdgas, Kohle und sonstigen Alternativen vollziehen wird.
Schätzungen der Weltbank zufolge wird der Anstieg der Weltbevölkerung, der steigende Wohlstand und die Annahme westlicher Ernährungsgewohnheiten durch eine wachsende Mittelschicht dazu führen, dass die Nachfrage nach Nahrungsmitteln bis zum Jahr 2030 um 50 Prozent steigt. Der mangelnde Zugang zu beständiger Wasserversorgung, insbesondere für die landwirtschaftliche Nutzung, erreicht ein kritisches Ausmaß, und das Problem wird sich aufgrund der schnellen weltweiten Urbanisierung und des Bevölkerungsanstiegs um etwa 1,2 Milliarden Menschen in den kommenden zwanzig Jahren weiter verschärfen. Experten zufolge herrscht gegenwärtig in 21 Ländern mit einer Gesamtbevölkerung von 600 Millionen Menschen entweder Ackerland- oder Trinkwassermangel. Bis 2025 werden bereits 36 Länder mit insgesamt 1,4 Milliarden Menschen in diese Kategorie fallen.
Der Klimawandel wird die Ressourcenknappheit weiter verschärfen. Zwar wird dies regional unterschiedlich ausfallen, doch in einer Reihe von Regionen werden sich erste negative Effekte abzeichnen, insbesondere in Form von Wasserknappheit und sinkenden landwirtschaftlichen Erträgen. Die regionalen Unterschiede bei landwirtschaftlichen Erträgen werden sich vermutlich im Lauf der Zeit verschärfen, wobei ein überproportional hoher Rückgang in Entwicklungsländern, insbesondere im subsaharischen Afrika, zu verzeichnen sein wird. Für viele Entwicklungsländer sind dies vernichtende Aussichten, da der Anteil der Landwirtschaft an diesen Volkswirtschaften beträchtlich ist und viele ihrer Bürger nahe am Subsistenzminimum leben.
Derzeit ist keine der gegenwärtigen Technologie-Alternativen geeignet, die traditionelle Energiearchitektur in dem benötigten Ausmaß zu ersetzen, zudem werden neue Technologien bis 2025 wohl nicht wirtschaftlich rentabel sein oder weite Verbreitung gefunden haben. Der Schlüssel liegt hier in der Geschwindigkeit technologischer Innovation. Selbst wenn durch politische Maßnahmen und Fördermittel ein förderliches Umfeld für Biotreibstoff, saubere Kohle oder Wasserstoff geschaffen wird, wird der Umstieg auf neue Treibstoffe langsam vonstatten gehen. Einer aktuellen Studie zufolge dauert es im Energiesektor durchschnittlich 25 Jahre, um eine neue Technologie zur Energiegewinnung weitflächig einzuführen.
Auch wenn es gegenwärtig unwahrscheinlich erscheint, können wir nicht ausschließen, dass bis 2025 eine Energiewende stattfindet. Das größte Potenzial eines relativ schnellen und kostengünstigen Umstiegs liegt in verbesserten erneuerbaren Energieerzeugungsquellen (Fotovoltaik und Wind) sowie einer Verbesserung der Akkumulatorentechnologie. Bei vielen dieser Technologien wäre die Hürde der Infrastrukturkosten für individuelle Projekte geringer, wodurch vielen kleineren ökonomischen Akteuren ­ermöglicht würde, selbst Projekte zur Energiewende zu entwickeln, die ihren eigenen Interessen direkt dienen, z. B. stationäre Brennstoffzellen zur Versorgung von Wohn- und Büroeinheiten, an der Steckdose aufladbare Hybridautos und eine Energieeinspeisung ins Stromnetz. Zudem könnte sich durch Pläne zur Energieumwandlung, z. B. zur Gewinnung von Wasserstoff mittels Elektrizität in der eigenen Garage, die Entwicklung einer komplexen Infrastruktur zum Wasserstofftransport erübrigen.

Nukleare Bedrohung
Zwar bleibt das Risiko eines Einsatzes von Atomwaffen innerhalb der kommenden zwanzig Jahre nach wie vor sehr gering, dennoch wird es aufgrund einer Reihe zusammenlaufender Trends aller Wahrscheinlichkeit nach steigen. Die Verbreitung von Atomtechnologien und Fachkenntnissen erregt Besorgnis über die Möglichkeit, dass sich neue Atommächte her­anbilden und terroristische Gruppierungen an atomares Material gelangen könnten. Anhaltende Streitigkeiten von geringer Intensität zwischen Indien und Pakistan schüren weiterhin Ängste, dass sich diese Auseinandersetzungen zu einem größeren Konflikt zwischen den beiden Atommächten hochschaukeln könnten. Zudem wirft die Möglichkeit einer künftigen Umwälzung in Form eines Regimewechsels oder -zusammenbruchs in einer Atommacht wie Nordkorea die Frage auf, ob schwache Staaten überhaupt zur Kontrolle und Sicherung ihrer Atomwaffen in der Lage sind. Kommen in den nächsten fünfzehn bis zwanzig Jahren Atomwaffen zum Einsatz, so wird dies aufgrund der unverzüglich eintretenden humanitären, ökonomischen und politisch-militärischen Konsequenzen einen internationalen Systemschock zur Folge haben. Ein künftiger Einsatz von Atomwaffen würde wahrscheinlich beträchtliche geopolitische Veränderungen herbeiführen, da einige Staaten Sicherheitsbündnisse mit existierenden Atommächten schließen oder intensivieren würden, während wieder andere auf eine weltweite atomare Abrüstung pochen würden.

Ein komplexeres internationales System
Aufgrund des Auftretens neuer globaler Akteure, der Verschärfung institutioneller Defizite, der potenziellen Expansion regio­naler Blöcke und der anhaltenden Stärke nicht-staatlicher Akteure und Netzwerke ist es wahrscheinlich, dass sich der seit einigen Jahrzehnten anhaltende Trend einer stärkeren Autoritäts- und Machtstreuung beschleunigt. Die Multiplizität der Akteure auf der internationalen Bühne könnte zu einer Stärkung oder aber zu einer weiteren Fragmentierung des internationalen Systems und einer Schwächung der internationalen Zusammenarbeit führen. In Anbetracht der Verschiedenheit der Akteure erhöht sich die Wahrscheinlichkeit, dass in den kommenden zwei Jahrzehnten eine Fragmentierung stattfindet, insbesondere angesichts der Bandbreite an Herausforderungen, die auf die internationale Gemeinschaft zukommt.
Zwar ist es unwahrscheinlich, dass die aufstrebenden BRIC-Mächte das internationale System herausfordern werden, wie Deutschland und Japan dies im 19. und 20. Jahrhundert taten. Aufgrund ihres zunehmenden geopolitischen und ökonomischen Einflusses werden sie jedoch bei ihren politischen und ökonomischen Strategien ein hohes Maß an Gestaltungsfreiheit walten lassen, anstatt die Normen des Westens zur Gänze zu übernehmen. Zudem ist es wahrscheinlich, dass diese Staaten bestrebt sein werden, ihre politische Gestaltungsfreiheit beizubehalten, und anderen den Großteil der Belastungen im Zusammenhang mit Terrorismusbekämpfung, Klimawandel, Proliferation und Energiesicherung überlassen werden.
Bestehenden multilateralen Institutionen — die groß und behäbig sind und für eine andere geopolitische Ordnung konzipiert wurden — wird es schwerfallen, sich schnell genug anzupassen, um neue Missionen ausführen zu können, wechselnden Mitgliederstrukturen gerecht zu werden und ihre Ressourcen auszuweiten.
Zwar werden Nichtregierungsorganisa­tio­nen (NGOs), die sich jeweils auf bestimmte Bereiche konzentrieren, zunehmend zu einer festen Größe werden, doch meist sind NGO-Netzwerke nur in begrenztem Umfang dazu in der Lage, Wandel ohne die konzertierten Anstrengungen multilateraler Institutionen oder Regierungen herbeizuführen. Bestrebungen einer stärkeren Einbeziehung könnten es internationalen Organisationen erschweren, sich transnationalen Herausforderungen zu stellen. Die Tatsache, dass abweichende Ansichten der Mitgliedsstaaten respektiert werden, wird weiterhin die Agenda internationaler Organisationen prägen und die Lösungen, die so erzielt werden, einschränken.
Ein wesentliches Element der zunehmend komplexer werdenden und sich überlappenden Rollen von Staaten, Institutionen und nicht-staatlichen Akteuren ist die unkontrollierte Streuung politischer Identitäten, was zur Gründung neuer Netzwerke und zur Rückbesinnung auf Gemeinschaften führt. Im Zeitraum bis 2025 wird wahrscheinlich in den meisten Gesellschaften keine einzelne politische Identität dominieren. Unter Umständen handelt es sich bei religiösen Netzwerken im Grundsatz um Netzwerke von Interessengruppen, denen in ihrer Gesamtheit bei vielen transnationalen Themen wie Umweltschutz und Gleichberechtigung eine wichtigere Rolle als säkularen Gruppierungen zukommen könnte.

2025 – Welches Zukunftsszenario?
Die in dieser Zusammenfassung genannten Trends legen das Auftreten größerer Diskontinuitäten, Schocks und überraschender Ereignisse nahe. Dazu gehören der Einsatz von Atomwaffen oder eine Pandemie. In manchen Fällen handelt es sich bei dem Überraschungselement nur um eine Frage des Zeitpunkts: So ist eine Energiewende beispielsweise unausweichlich; die Frage ist nur, wann und wie abrupt bzw. sanft sich eine solche Wende vollziehen wird. Der Umstieg von einem Energieträger (fossile Brennstoffe) auf einen anderen (alternative Energieträger) hätte beträchtliche Auswirkungen auf Energieproduzenten im Nahen Osten und in Eurasien und könnte potenziell den endgültigen Niedergang einiger Staaten als Global- oder Regionalmächte zur Folge haben. Andere Diskontinuitäten sind weniger vorhersehbar. Wahrscheinlich gehen sie aus dem Zusammenwirken verschiedener Trends hervor und hängen auch von der Qualität der Führerschaft ab. In diese Kategorie stufen wir unsichere Faktoren ein, so z. B. die Frage, ob sich China oder Russland zu Demokratien entwickeln werden. Obwohl Chinas wachsende Mittelschicht dies wahrscheinlicher werden lässt, ist es nicht zwingend zu erwarten. In Russland scheint politischer Pluralismus angesichts mangelnder ökonomischer Diversifizierung unwahrscheinlicher. Möglicherweise wird dieses Thema durch Druck von unten forciert oder durch einen politischen Führer initiiert, um die Wirtschaft zu stützen oder das Wirtschaftswachstum zu beschleunigen. Eine anhaltende Flaute des Öl- und Gaspreises würde die Chancen auf eine stärkere politische und ökonomische Liberalisierung Russlands erhöhen. Sollte in einem der beiden Länder eine Demokratisierung stattfindenden, würde dies eine weitere Demokratisierungswelle auslösen, die weitreichende Auswirkungen auf viele andere Entwicklungsländer hätte.
Ungewiss ist zudem, welchen Ausgang die demographische Herausforderung nehmen wird, mit der sich Europa, Japan und selbst Russland konfrontiert sehen. Die technologische Entwicklung, der Faktor Immigration, ein verbessertes Gesundheitswesen sowie Gesetze, die eine stärkere Teilnahme der weiblichen Bevölkerung an der Wirtschaft fördern, sind nur einige Beispiele für Maßnahmen, welche die Richtung der gegenwärtigen Trends verändern könnten, die auf schwächeres Wirtschaftswachstum, zunehmende soziale Spannungen und einen möglichen Niedergang hindeuten.
Ob es globalen Institutionen gelingt, sich auf die Verhältnisse einzustellen und ihren Einfluss wieder zu stärken, ist auch eine Frage der Führerschaft. Die gegenwärtigen Trends legen nahe, dass aus der verstärkten Autoritäts- und Machtstreuung ein globales Führungsdefizit erwachsen wird. Zur Umkehrung dieser Trends wäre eine starke Führung der internationalen Gemeinschaft durch eine Reihe von Mächten unter Einbeziehung aufstrebender Staaten erforderlich. In diesem Bericht betonen wir insgesamt ein erhöhtes Konfliktpotenzial — wobei einige Konfliktformen die Globalisierung gefährden könnten. In diese Kategorie stufen wir einen terroristischen Einsatz von Massenvernichtungswaffen und ein atomares Wettrüsten im Nahen Osten ein. +

Übersetzung aus dem Amerikanischen: ­Matthias ­Fersterer. Redaktion: Human Touch. – Der Text ist ein Auszug aus der einleitenden Zusammenfassung des Reports „Global Trends 2025: A Transformed World“, verfasst vom National Intelligence Council (NIC) der USA. Der NIC wurde 1979 als Expertengruppe für die strategische Planung gegründet. Er setzt sich aus Geheimdienst­offizieren aller 16 amerikanischen Nachrichtendienste zusammen. Ursprünglich war das NIC dem CIA unterstellt; seit 2005 berichtet es an den Director of National Intelligence (DNI). Der umfangreiche Report ist im Internet abzurufen unter: www.dni.gov/nic/NIC_2025_project.html.