Editorial

von erschienen in Hagia Chora 27/2007

 Liebe Leserinnen, liebe Leser,

kann die Erde schreien? Freunde hatten uns an den Rand des Braunkohle-Tagebaus Welzow-Süd in der Niederlausitz geführt. Beim Öffnen der Autotür ließ uns ein Kreischen die Haare zu Berge stehen. Es klang, als flatterten Scharen verlorener Seelen mit grausigem Keifen, Krächzen, Quietschen, Poltern und Schaben, Heulen und Jaulen, Jammern und Klagen unter dem unwetterschwangeren Abendhimmel rastlos umher. Doch in der horizontweit klaffenden Erdwunde hundert Meter unter uns mit ihren in der weiten Tiefe wie Heuschreckenarme wirkenden Förderbrücken bewegte sich nichts. Das schaurige Gebrüll verursachte ein einzelner, entfernter Schaufelradbagger-Gigant, der sich in ein gerodetes Waldstück hineinfraß, um das Erdreich über dem Braunkohleflöz abzuräumen. Das Flöz selbst ist nur 6 bis 16 Meter dünn, darüber liegen über 100 Meter mächtige Erdschichten. Tag und Nacht wird die unter Kreischen abgenagte Erde zur „Rekultivierung“ auf die bereits ausgebeutete Seite des Zyklopenlochs transportiert. Der gewaltige Aderlass wandert quer durch die Landschaft und vernichtet Hügel und Täler, Wasserläufe und Seen, Wiesen, Felder, Wälder, Häuser, Dörfer und Städte. 17 Ortschaften waren es hier, 30 weitere Ortschaften sollen der nächsten Grube um Cottbus herum zum Opfer fallen. Ein unerhörtes Maß an totaler Auslöschung von Natur, Kultur, Volksvermögen und Heimat – in Friedenszeiten. Alles nur für die paar Bröselchen Kohle?
„Vattenfall verdient sich eine goldene Nase“, meinte unser Begleiter trocken. Auf erstaunlichen Schautafeln am Aussichtspunkt rühmt sich der schwedische Staatskonzern, er stehe für „umwelt- und sozialverträglichen Bergbau“. Hinterher sei die neue Kunstlandschaft ökologischer als vorher, es gebe dann Rodelberge in der einst flachen Landschaft, Seen und Erholungsgebiete, man wolle bei „unvermeidbaren Umsiedlungen hinsichtlich neuer Wohnstandorte und Wohnformen sicherstellen, dass die begründeten Interessen der Betroffenen berücksichtigt werden“, wie es das Brandenburgische Landesplanungsgesetz vorschreibt. Aus ihrer Heimat Vertriebene fühlen das anders: Umsiedlung heißt endgültige Zerstörung persönlicher Geschichte. Die Begründung, das Wohl der Allgemeinheit rechtfertige die Entwurzelung Einzelner – und seien es Tausende – geht an der Frage vorbei, ob wirklich genug getan wird, das „Unvermeidliche“ zu vermeiden: Ressourceneinsparung, Nutzung nicht-fossiler Energieträger, Recycling-Kultur.
Als engagierter Bürger kennt man freilich die Tagebau-Problematik. Das reale Erlebnis sorgt dennoch immer wieder für wertvolle Erschütterung. Danach drückt man recht nachdenklich den Knopf, der ein Fahrzeug startet, das mit Hilfe von Strom aus Braunkohle erzeugt wurde. Und sind nicht auch die Edelmetalle und das Erdöl, aus denen der moderne Chipschlüssel besteht, erschürft?
Erst später wurde uns deutlich, was jener schreiende Ort besonders vermissen lässt: die Schwingung der Dankbarkeit. Ihr Fehlen überlässt der Gier das Feld. Dankbarkeit erzeugt ein natürliches Maß. Wer dankbar ist, nimmt nicht ohne Maßen und wünscht zudem, etwas zurückzugeben, was die Quelle speist – das ist das „Re-“, das zur „Source“ zurückführt. Insofern wird nicht „Braunkohle gewonnen“, sondern sie geht verloren. Hat sich der Tagebau kreischend durch das Land gefressen, ist die Ressource, und mit ihr das alte Land, ein für allemal weg.
„Danke“ ist eines der ersten Wörter, die wir unseren Kindern beibringen. Dankbarkeit ist kinderleicht – warum lernt sie nicht unsere Industrie? Der nötige Bewusstseinsschritt ist gar nicht so groß: Schon eine graduelle, aber bedeutsame Verschiebung der inneren Koordinaten kann die Grundempfindung der Dankbarkeit nicht nur gegenüber unserer eigenen Spezies, sondern für alles, was dieser Planet hervorbringt, öffnen. So leicht es jedoch ist, sich für den reifen Herbstapfel zu bedanken, so schwer lässt sich das Grausen beim Anblick eines Tagebaus in Dankbarkeit überführen. Zu fern scheint die Verbindung zwischen der grausamen Grube und dem Papier, auf dem dieser sanfte Text steht. Es ist aber so: Grausen wendet uns ab, Dankbarkeit wendet uns zu, und nur durch Zuwendung erfahren wir, was zu tun ist, um die Ausbeutung der schreienden Erde zu beenden.
Für Sie eine goldene Erntedankzeit,


Lara Mallien und Johannes Heimrath