Editorial

von erschienen in Hagia Chora 28/2007

 Liebe Leserinnen, liebe Leser,

vor kurzem haben wir eines dieser neuen Wahrsagekästchen angeschafft, die dem Vielfahrer den steten Neuerwerb eines Stapels seitenstarker, zu schnellem Zerfleddern neigender Stadt­atlanten zu ersparen versprechen – nicht ohne Unbehagen. Fragt doch das gaiabewusste Gewissen heute bei jedem Media-Konsumakt: „Nun sag’, wie hast du’s mit dem Elektrosmog?“ Die
im Erddrehungstempo um den Planeten sausenden GPS-Satelliten erhöhen die Mikrowellenheizleistung der mitt­lerweile rund 9000 künstlichen Erdtrabanten um einige Watt – ob wir sie nutzen oder nicht. Freibrief fürs Navigationssystem?
Dann der ökologische Fußabdruck! Was bläst mehr CO2 in die Luft, verbraucht mehr Öl und Strom: Waldpflege, Holzernte, Papierherstellung, Schwerlastverkehr, Druck, Transport tonnenschwerer Druckerzeugnisse, Papier-Recycling – oder Kunststofferzeugung, Edelmetallgewinnung und die Heizung unzähliger Büros, in denen Ingenieure zwar keine Tonnen von Materie bewegen, doch mit ihrer Programmierleistung Jevons’ Paradox befeuern? William Stanley Jevons, englischer Ökonom, publizierte 1865 seine Bebobachtung, dass die steigende Effizienz, mit der eine Ressource – damals war es die Kohle, die in der Dampfmaschine ungleich mehr Arbeit verrichtete als zuvor – genutzt wird, den Verbrauch der Ressource nicht reduziert. Im Gegenteil: Die sinkenden Kosten lassen ihren Verbrauch mit jeder Effizienzsteigerung ebenfalls steigen. (Je weniger Kraftstoff „umweltfreundliche“ Autos verbrauchen, um so unverhältnismäßig mehr Kilometer werden gefahren – aufgrund des vermeintlichen Spareffekts und des guten Gewissens. Keine Technik entkommt Jevons’ Paradox. Es hilft allein konsequenter Verzicht.)
Die ersten zwei Navi-Fahrten führten glatt in die Irre – Grund zur neuro-geo­manti­schen Selbsterforschung. Wo in der pränavigatorischen Epoche durch die planende Betrachtung der Landkarte ein gefühltes Bild von Route und Zielort im vorausschauenden Gedächtnis des Wagenlenkers entstanden war, das die Einschätzung eines Fehlers – Himmelsrichtung, Entfernung, Alternativroute – ermöglichte, implodierte nun bei der Entdeckung des Sich-verfahren-Habens im Gehirn schockartig ein Vakuum, ein fast panischer Moment völliger Orientierungslosigkeit. Das Befolgen der freundlichen Computeranweisungen hatte verhindert, dass die Reise zur inneren Gestalt geworden war. Das Einschwingen auf den Zielort, das den im Geist bereits Reisenden beim Studieren der Landkarte mit den Qualitäten der Strecke verbindet, hatte nicht stattgefunden. Die Autorität des Kästchens hatte bereits beim ersten Einsatz das aufgeklärte Gehirn des Anwenders entmündigt und ihn zum bequemen und gedankenlosen sequenziellen Abarbeiten fremder Anweisungen verleitet – genau das Gegenteil von dem, wofür einige von uns vor 39 Jahren sich die Haare haben wachsen lassen: Selbstbestimmung, Selbstverantwortung, Selbststeuerung.
Auch die Fahrt selbst hatte die vertraute innere Landkarte nicht erzeugt, die sich oft derart nachhaltig eingeprägt, dass man einen einmal besuchten Ort noch nach Jahren auswendig wiederfindet. Wohl deshalb: Das Lesen eines Wegweisers, eine Tätigkeit vornehmlich der linken Gehirnhemisphäre, verbindet sich mit dem Landschaftsbild und der Ortsqualität, Domänen der rechten Hemisphäre, zu einem gekoppelten und darum dauerhaft in der Erinnerung gespeicherten, gestalthaften Eindruck: Die Wörter auf dem Wegweiser mögen nicht mehr abrufbar sein, aber das entsprechende Bild der Büsche, der Bebauung, der Landschaft hinter dem Wegweiser genügt, um sich augenblicklich wieder an die gesuchte Abzweigung zu erinnern. Der gesprochene Computerhinweis und der Blick auf den Bildschirm­ausschnitt des Navigationsgeräts hingegen stören die Prägung solcher Koppelung. Das Gehirn ist mit der Interpretation einer stereotypen akustischen Anweisung und einer schematischen Grafik beschäftigt, während die reale Welt ohne Beeindruckung unseres Gefühls und Erinnerungsvermögens vorbeirauscht. Wir verlieren unser gestalthaftes, topografisches Denken und Erinnern. Es brauchte den Augenblick des Erschreckens, um den Grad der inneren Verarmung durch diesen neuen Segen der Technik in seiner persönlichen und kulturellen Tragweite zu erfahren.
Also nur einschalten, wenn unbedingt nötig? – „Sie haben Ihr Ziel erreicht.“
Allzeit gute Fahrt wünschen

Lara Mallien und Johannes Heimrath