Keltisches Mostviertel

Spuren früher Kulturen im Herzen Österreichs

von Günter Kantilli erschienen in Hagia Chora 29/2008

Nicht nur der Apfel- und Birnenmost sorgt für das fröhliche Lebensgefühl der Bewohnerinnen und Bewohner des österreichischen Mostviertels, meint der Heimatforscher Günter Kantilli, es sei auch die geomantische Qualität dieses sanften Landstrichs, den er uns hier nahebringt.

 Diesen Artikel als Adobe Acrobat PDF herunterladen (1.97 MB)

Das Besondere am Mostviertel sind die sanften Hügel des Voralpenlands mit seinen vielen keltischen Naturheiligtümern. Das Mostviertel liegt im Westen Niederösterreichs, etwa im Gebiet zwischen der Westautobahn und der steirischen Grenze. Berühmt ist hier der Apfel- und Birnenmost, den wir in vielen Buschenschenken verkosten können. Hier lag auch das Zentrum der Grafschaft Ostarrichi, die erstmals 996 so genannt wurde.
Anlässlich meiner Forschungstätigkeit unternahm ich gemeinsam mit dem Baumeister Kurt Vogelauer und Edeltraud Hametner eine Wanderung auf einen prominenten Berg des Mostviertels, den Schmiedberg. Bei unserer geomantischen Untersuchung fanden wir rundherum eine Fülle von Hügeln, zu denen wir energetische Verbindungen spürten. Diese Vielzahl von Bezügen zu Orten, die vermutlich alte Heiligtümer waren, wirkte auf uns fast verwirrend. In mir tauchte die Frage auf, wie sich die mir bereits bekannten Heiligtümer in dieses Holon-System einfügen sollten und wie sie mit dem Schmiedberg zusammenhängen. Meiner Intuition und meinen radiästhetischen Untersuchungen folgend, fand ich auf dem nahegelegenen Wiesberg das Zentrum eines großen Holons, das den Landschaftsbereich, den wir uns hier zu erschließen versuchten, umfasst.
Der Begriff „Holon“ (von griechisch ­hólos = ganz, vollständig) hat sich in der Geomantie als Bezeichnung für ein energetisch zusammenhängendes Gebiet eingebürgert. Der Schriftsteller Arthur Koestler prägte den Begriff, um ein Ganzes, das wiederum Teil eines anderen Ganzen ist, zu beschreiben. So ist beispielsweise eine Zelle für sich ein Ganzes und zugleich Teil eines umfassenderen Ganzen, eines Organs, das wiederum Teil des Körpers ist. Dabei ist jedes Holon stets bestrebt, autonom zu bleiben. Heute wird in vielen Bereichen mit dem Begriff Holon gearbeitet, sei es in Philosophie, Physik, Ökologie, Sozio­logie oder Ökonomie.
Das auf dem Wiesberg verankerte Holon ist weitgehend identisch mit der Größe eines keltischen Siedlungsgebiets. Solche Siedlungen bestanden vermutlich in der Zeit von 350 v. Chr. bis zum Jahr 200 im Rahmen des Königreichs Noricum. Ich gehe davon aus, dass die Menschen, die heute im Mostviertel leben, knapp die Hälfte ihres geistigen und genetischen Erbes von den Kelten beziehen. Von den 20 Heiligtümern dieses Holons möchte ich nun einige beschreiben.

Heilige Berge
Am Wiesberg (789 Meter) liegt ein Landschaftstempel, in dem man förmlich die Manifestation des Göttlichen in die Landschaft hineinfließen fühlt. Ich habe hier ein Potenzial von 38000 Bovis-Einheiten gemessen, das über den danebenliegenden Hofbauernberg im ganzen Holon verteilt wird. Zu etwa einem Drittel scheint mir ­diese Energie an jedem der Heiligtümer beteiligt. Der Name „Wiesberg“ weist darauf hin, dass das alte Naturheiligtum dieses Bergs eine heilige Wiese ist. Für mich ist klar, welche Wiese damit gemeint ist, sie liegt neben dem Holon-Zentrum und wird von drei kosmischen Einstrahlpunkten sowie von einem Jupiter-, Sonnen-, Merkur- und Venus-Einstrahlpunkt gespeist. Die Fülle dieser Qualitäten unterstützt bei Visions­suchen, Seelenreisen, Tanz, Heilung und Sternen-Beobachtung. An der ehemaligen heiligen Quelle saß wohl eine Schamanin am Platz der weiblichen ­Weisheit.
Der Schmiedberg (790 Meter) diente seit jeher als Wetter-Kultplatz, wo die Menschen um gutes Wetter beteten. In dieser Tradi­tion krönt heute ein Wetterkreuz die Spitze des Hügels. Ich begegnete hier zahlreichen starken Luftwesen, die für das Wetter verantwortlich sind. Es gibt auf dem Schmiedberg einen Ort, an dem der Sonnenaufgang zur Tagundnachtgleiche für die Bestimmung des Frühlingsfests ideal zu beobachten ist. Er strahlt viel Freude und Lebendigkeit aus. Seine Uranus-Qualität fördert Eigenschaften wie Intuition, Geisteswitz und Originalität, er vermittelt Freiheit im Fühlen und Neutralität im Handeln, Spontaneität und Waghalsigkeit. Starke Orte auf dem Berg stärken bei Frauen das Herz-Chakra (Liebe, Hingabe, Verzeihung) und bei den Männern das Kehlkopf-Chakra (Selbstwert, Ausdruck, Kommunikation). Ein Ort stellte sich mir als keltischer Kultplatz für Seelenreisen und Visionen vor. Wurden hier die Kelten für ihre Reisen in die Unterwelt und zu den Ahnen oder Totemtieren geleitet? Schamanische Kulturen kannten und kennen sogenannte Seelenpfade, auf denen sie solche Reisen unternehmen. Als geomantisches Pendant fand ich hier eine geomantische Linie. Heute haben wir an diesem Platz das Gefühl, vom Berg leicht abheben zu können, um in die Landschaft zu fliegen.
Ein weiteres Kultzentrum der Kelten im Holon lag im heutigen St. Leonhard am Wald. Hier übernahmen sie von der autochthonen Kultur einen Steinkreis mit sechs Monolithen. Er lag dort, wo heute der Volksaltar der Leonhardkirche steht, und hatte einen Durchmesser von 22 Megalithischen Yards1. Im rechten Kirchenschiff finden wir die Qualitäten der weiblichen Dreifaltigkeit: die weiße, rote und schwarze Göttin, in der christlichen Ikonographie auf dem rechten Seitenaltar als Jungfrau Maria unter Engeln und auf dem linken Seitenaltar bei der Unterweisung Mariä. Vor diesen beiden Altären erfahren wir eine zarte, aber starke Energie, die die liebevolle Zuwendung der Weiblichen Dreifaltigkeit bei allen Nöten bewirken kann. Wir finden diese Kraft auch an der Chorbrüstung, wo viele Triskelen, dynamische Sonnenräder mit drei Strahlen, dargestellt sind.

Der Herr der Tiere
Als Geomant ist es immer wieder interessant, den roten Faden der Kulttraditio­nen festzustellen. Einen solchen roten Faden fand ich in der Ortschaft Walcherberg, dessen Wallfahrtskirche dem heiligen Ägydius geweiht ist. Er ist unter anderen der Patron des Wildes, der Jäger und Bogenschützen, der Hirten und stillenden Mütter, weil er als Einsiedler in den Sümpfen der Provence von einer Hirschkuh genährt wurde, wie seine Legende berichtet. Der Hirsch erinnert uns an den keltischen Hirschgott Cernunnos. Nordwestlich der heutigen Kirche fand ich ein „Loch in die Anderswelt der Tiere“, also in den „Tierhimmel“. Man könnte ihn als optimalen Fruchtbarkeitsplatz für Tiere bezeichnen, einen Ort der Manifestation des Göttlichen in der Tierwelt. Wenn frühe Kulturen solche Orte fanden, weihten sie sie vermutlich der Tiergöttin oder dem „Herrn der Tiere“ als Beschützer von Wild und Jägern sowie der Seelen verschiedener Tierarten. So verwundert es nicht, dass hier diese Tradition durch den heiligen Ägydius fortgesetzt wurde.
Unterhalb der Ägydikirche liegt in der Nähe das Ägydibründl, ein „Mirakelheilbrunnen“ in einer Holzkapelle. In deren Mitte lässt sich aus einem fast drei Meter tiefen Brunnenschacht Wasser schöpfen. Meiner biokybernetischen Untersuchung zufolge wurde das Wasser des heiligen Bründls seit 450 v. Chr. verwendet. Ich nenne es auch „Männerbründl“, denn sein Wasser wirkt bei den Männern auf den Dünndarm-Meridian (Freude). Meistens sind Quellen mit einem männlichen Patron für Männer sehr heilsam.

Berge weiblicher Kraft
Von weitem leuchtet das weiße, trutzige Kirchlein von Windhag in die Landschaft. Das Turmdach ließe auf eine Frauenkirche schließen. Doch siehe da, sie ist dem heiligen Nikolaus geweiht. Biegt sich das Dach ein wenig nach innen, so dass die Dachkante die Form einer Mondsichel annimmt, haben wir meist eine „Antenne“ für Mond-Energie in so einer Kirche. Meiner langjährigen Erfahrung nach stellt das Patronat des heiligen Nikolaus die sanfte Form der Patriarchalisierung der vorchristlichen weiblichen Dreifaltigkeit dar, worauf auch die Ikonografie und die Atmosphäre der Kirche hinweisen. Nikolaus steht am alten Hochaltar in einem schwarzen Bogen mit einem Sternenkranz, wie es eigentlich für die heilige Maria üblich wäre. Wir finden außerdem einen Mond-Einstrahlpunkt und einen Jupiter-Einstrahlpunkt, der auch für die Qualität der Erdmutter steht. Die Grundthemen dieser Kirche würde ich mit Heiterkeit, Öffnung, sozialen Fähigkeiten und Einfühlungsvermögen beschreiben. Ihre hohe Energie von 30 000 Bovis-Einheiten stammt von den geomantischen Zonen, die die Kirche durchfließen. Meine Untersuchung ergab, dass sie zu Samhain (1. November.) am stärksten ist und bei den Männern das Kehlkopf-Chakra und bei den Frauen das Stirn-Chakra fördert. Auf der Südseite der Kirche fand ich Hinweise auf einen Baumkultplatz.
Etwas östlich von Windhag liegt der Schobersberg (751 Meter). Der Ausblick von dieser Anhöhe ist so fantastisch, dass man sich Gefühlen von Freiheit, Schönheit und Glück hier kaum verwehren kann. Auf dem Höhenplateau lag in der Zeit von 1220 v. Chr. bis ins Jahr 400 meiner Meinung nach ein Frauenkultplatz, der auch von den Kelten genutzt wurde. Zwischen der Kapelle und einer gespaltenen Esche fand ich einen besonderen Ort, einen spirituellen Tanz- und Traum-Kultplatz, der die Frauen vor allem im Scheitel-Chakra stärkt. Unweit davon fand ich einen Erd­ausatmungspunkt, der die Qualität hat, ein Ort für eine „Schule“ zu sein. Unser Wort „Schule“ (von lateinisch schola) kommt aus dem Bereich des Klosterwesens, wo es „Muße, Ruhe, wissenschaftliche Beschäftigung während der Mußestunden“ bedeutete. Solche Art des Lernens finden wir bei schriftlosen Kulturen, die das Wissen ihres Stamms in Mythen und Liedern überlieferten, wie es wohl auch bei den Kelten der Fall war. Dafür brauchen Menschen geeignete Orte, deren Qualität die Vermittlung von Wissen und Weisheit an die Schülerinnen und Schüler unterstützen. Der Ort der „Schule“ am Ausatmungspunkt vermittelt Geistigkeit, Aufnahme- und Merkfähigkeit, bildhafte Vorstellungskraft, Anregung und Entfaltung der Sinne sowie optimale Konzentrations- und Kombinationsfähigkeit. Es gibt auch einen entsprechenden Erdeinstrahlungspunkt, den wir so interpretieren können, dass Mutter Erde den Frauen viel über sich zu erzählen hatte. Dieser vergnügliche Platz könnte auch heute den Frauen so manches offenbaren.
Ein weiterer besonderer Ort auf dem Schobersberg, den ich als Heil-Kultplatz bezeichne, erhält seine Kraft durch einen Uranus-Einstrahlpunkt – eine Qualität, die ich bereits beschrieben habe. Dieser Ort kann Frauen und Männer bei der Suche nach neuen, unkonventionellen (Heilungs-)Lösungen ihrer Probleme unterstützen – vor allem in Angelegenheiten, die die heutige neue Zeit der integrativen Bewusstseinsstufe betreffen. Allen Menschen wird hier das Herz-Chakra gestärkt, denn nur so lassen sich die heutigen Aufgaben lösen.
Der Schobersberg besitzt auch die außergewöhnliche Qualität eines Landschafts­engels – land­schafts­mythologisch gesprochen die göttliche Mani­­festation im mehrdimensionalen Landschaftsraum. Sie ist für das harmonische, reiche Leben in der Natur im Bereich des Holons verantwortlich. So zeigt sich der Landschaftsengel als über­regional wirksam und für die seelisch-­geistige Koordination der Landschaft bei der Zusammenführung von kosmischen und irdischen Kräften zuständig. Die Evolution von Erde und Mensch ist seit jeher miteinander verbunden. Beide haben sich meist gegenseitig gefördert. Durch die Achtung und Verehrung der Natur sowie durch die Riten für die Gottheiten, die hinter dieser lebendigen Natur wirken, wurden solche Naturwesen gestärkt.

Der Feuerberg
Der interessante Ortsname „Oberrauchegg“ führte mich zu einem megalithischen Vermessungspunkt und Feuer-Kultplatz. Hier war meiner Meinung nach ein Beob­­achtungs- und Signalberg, wo früher mit Rauchsignalen Nachrichten übermitteltet wurden. Höhenfeuer, auch Kreuthfeuer, Greitfeuer oder Kreudenfeuer genannt, waren das früheste Nachrichten-Übermittlungssys­tem. Die „Feuerberge“ waren nach einem sinnvollen System angelegt, so dass Informationen binnen weniger Stunden über weite Entfernungen übermittelt werden konnten. Die Botschaft über die Niederlage der drei Legionen des Varus im Jahr 9 im Teutoburgerwald durch die Germanen beispielsweise traf innerhalb eines Tages im gut 1500 Kilmeter entfernten Rom ein. Auch zu den acht vorchristlichen Jahresfesten und anderen kultischen Zeiten wurden Feuer an solchen Orten angezündet. Ebenso wurde das Feuer zur kultischen Reinigung eingesetzt. Man sprang über das Feuer oder trieb das Vieh durch. Der Feuer-Kultplatz bei Oberrauchegg liegt genau über einer Diagonal-Gitternetzkreuzung – ideal für eine Feuerstelle. Hier brennt das Feuer auch gut bei Niederdruckwetter und bei feuchter Witterung und lässt sich gut anfachen.
Die letzte Silbe „-egg“ von Oberrauch­egg weist auf eine etwa 4000 Jahre alte Erdvermessung hin. Bereits vor den Kelten und Germanen war bekannt, dass die Erde rund ist und konnte die Erde in Längen- und Breitengrade einteilen. Der Sprachforscher und Paläolinguist Richard Fester2 schreibt, dass Orts-, Flur- und Bergnamen, die ein- oder mehrmals Begriffe wie Stock, Stein, Kreuz, Horn, Eck (Egg) und heilig enthalten, in Systemen miteinander verbunden sind. Diese Begriffe bedeuten eigentlich ein und dasselbe: Steinsetzung, Kultmal oder Ortung. Verbindet man solche Orte miteinander, entsteht oft ein rechtwinkliges Gitternetz mit einer Winkelabweichung von 9° zur Nordrichtung. Daraus lässt sich folgern, dass diese „Vermessungstechnik“ mittels Kultmalen aus einer Zeit stammt, in der die Pol­achse anders war und ursprünglich die Ausrichtung den genauen Himmelsrichtungen entsprach. Solche Orte wurden oft mit „Stoa­mandln“ (Steintürmchen) oder Feuer­plätzen zur Orientierung markiert.
Auf dem Heiligen Berg in Oberrauchegg sorgt ein Jupiter-Planeteneinstrahlpunkt für ein Gefühl von Großzügigkeit und Reichtum. Daneben lag einmal eine heilige Quelle, die den Frauen den Milz-Pankreas-Meridian und damit das ­Vertrauen in die Zukunft stärkte. Einstrahlpunkt und Quelle versorgten alle Kultplätze des Bergheiligtums mit der sehr hohen Energie, die zur Herbst-Tagundnachtgleiche am stärksten ist. Als heiliger Berg wurde er meiner Intuition zufolge in der Zeit von 1000 v. Chr. bis zum Jahr 350 und ab 450 v. Chr. von den Kelten verwendet. Gleich neben dem Feuer-Kultplatz nehme ich auch einen Tanzplatz wahr, denn bei keinem der früheren Feste fehlten Feuer (gleiche Wortwurzel wie Feier) und Tanz.
Dies waren einige Beispiele von den vielen Naturheiligtümern im Holon des Mostviertels. Als ich die verborgenen Schätze dieser Landschaft erforschte, war mein Ziel, den offenen Menschen dieser Region ihre religiösen Wurzeln aufzuzeigen. Auf diese lange Tradition können sie stolz sein und sich heute an den wunderbaren Plätzen erfreuen. Diese Landschaft nährt uns mit ihren besonderen und vielfältigen Qualitäten von Weitblick, Vision und ihrem Reichtum an Herzenswärme. Es ist eine Region, in der die Menschen ­gerne wohnen und offen und fröhlich auf ihre Besucher zugehen. +


Anmerkungen: (1) 1 Megalithisches Yard = 0,829 Meter; (2) Richard Fester: Protokolle der Steinzeit, München 1974; (3) Im altisländischen Harbandslied weist Odin dem Thor den Weg mit „Eine Stunde ist’s bis zum Stock, eine zweite bis zum Steine, dann schlage den Weg zur Linken ein ...“ (nach O. S. Reuter: Germanische Himmelskunde, S. 80)