Der Kosmos ist Evolution

Ein Gespräch über das Leben

von Bruno Martin erschienen in Hagia Chora 29/2008

Wie konnte vor 3,5 Milliarden Jahren auf einem erkaltenden Klumpen aus Magma, Gasen und Wasser Leben entstehen? Und wie kam der Geist in das Ganze? Der Bewusstseinsforscher Bruno Martin und Johannes Heimrath entwickeln Gedanken zu einem lernenden, kreativen, lebendigen Kosmos.

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 Video: Der Kosmos ist Evolution (44 Minuten)

Es war schon lange der Wunsch der Hagia-Chora-Redaktion, das Autoren-Ehepaar Bruno Martin und Nana Nauwald kennenzulernen. Das neue Buch von Bruno Martin, „Intelligente Evolution“, gab den Anstoß, die beiden von der Lüneburger Heide nach Ostvorpommern an den Sitz der Redaktion zu locken. Bei ihrem Besuch wurde das folgende Gespräch zwischen Bruno Martin und Johannes Heimrath aufgezeichnet.


Johannes Heimrath: Was ist Leben? Mit dieser Frage beschäftigt sich Ihr Buch „Intel­ligente Evolution“. Mich fasziniert in diesem Zusammenhang folgende Überlegung: Wenn ich existiere, und irgendeine Instanz in mir sagt, du besitzt so etwas wie Geist oder Seele – wie sind dann Geist und Seele in die Materie hineingekommen? Sind alle Bausteine meines materiellen Körpers potenzielle Geist- und Seele-Träger? Gilt das für alle Materie im Kosmos?
Bruno Martin: Wenn wir die quantenphysikalische Erkenntnis eines Nullpunkt-Felds, eines „Nichts“, aus dem ständig Materie hervorgeht und wieder zurückkehrt, ernstnehmen, dann können wir uns vorstellen, dass alles Existierende eine Manifestation aus dem Bewusstsein des Ursprungs ist. Mit dieser Vorstellung können wir nicht mehr dualistisch zwischen Geist und „Materie“ trennen. Es scheint eher so, als ob ein schöpferischer Wille aus den Schwingungsfeldern der Bewusstseinsquanten immer wieder neue Visionen hat, die in immer neue Gestaltungen umgesetzt werden. Genauso wie virtuelle Elektronen zu aktuellen Elektronen werden, ist es denkbar, dass die Idee von lebendigen Wesen, die innerhalb dieses Bewusstseinsfelds ein selbstbestimmtes Dasein führen können, sich aus dem Ur-Bewusstsein herausgebildet hat. Wir benötigen dazu noch nicht einmal ein Gottesbild, eine Schöpferin oder einen Schöpfer. Man kann vielmehr davon ausgehen, dass sich der Kosmos in vielfältigen Formen aus sich selbst heraus entwickelt. Das ist ein schöpferischer Akt, kein mechanistischer Prozess.
• Beim Nachdenken über solche Fragen ging für mich die Unterscheidung zwischen „reiner Materie“ und lebendigen Organismen verloren. Heute sehe ich nur noch Wesens- und Komplexitätsunterschiede. Den Kosmos als Informationsfeld zu denken, das die Eigenschaft besitzt, sich generell als Materie und lokal in Form von sich selbst reproduzierenden Informationsträgern – das, was wir Leben nennen – zu manifestieren, ist mir sehr sympathisch. Wobei ich in Klammern hinzufügen möchte, dass es sicherlich noch andere Ausdrucksformen dieses Felds gibt, für die wir kaum Sensorien entwickelt haben.
• Ich denke, dass es immerhin einen Qualitätsunterschied zwischen schwingenden Feldern und lebendigen Wesen gibt. Ein lebender Körper mit Selbsterkenntnis oder Selbstbewusstsein kann eigenständig kreativ gestalten, ist aber dennoch nicht abgetrennt vom Ganzen. Wenn man von einem grundlegenden Bewusstseinsfeld ausgeht, dann ist alles, von der kleinsten Informationseinheit bis hin zu Lebewesen oder großen Planeten oder Sternen, eine Einheit. Alles hat unterschiedliche Qualitäten und Formen – man kann aber nicht sagen, es sei alles gleich. Der Kosmos erscheint als ein lernendes Gebilde.
Aber selbst mit Hilfe dieser Bilder kann man noch nicht erklären, wie aus dem in der Ursuppe wirkenden Informationsfeld ein Bakterium wird.
• Wie wollen wir zwischen Gras, Stein und Bakterium unterscheiden? Mir fällt der alte Kurzfilm „Zehn hoch“ ein oder das Gedankenexperiment mit der Küstenlinie Englands, die aus großer Höhe scharf und einfach zu berechnen erscheint. Aus Augenhöhe besteht die Küste bereits aus unzählbaren Windungen und Wirbeln des Meerwassers um Steine und Sandkörner, die sich auch noch ständig verändern, und auf der Ebene der Quarks ist die Küstenlinie Englands ein quasi unendliches Fraktal. Denkt man das für die ganze Welt zu Ende, entsteht ein in alle Ewigkeit verästeltes Gebilde, von dem unser Neuronensystem nur ein schwacher Abglanz ist.
• Klar, so gesehen ist alles Existierende ein unendliches, komplexes Netz. Meine These lautet, es müsse eine kreative Intelligenz innerhalb der Materie geben, die eine Selbst­organisation zu immer differenzierteren Erscheinungen antreibt. Zur Selbstorganisation gehört Intelligenz, und zwar eine nicht auf ein einzelnes Phänomen begrenzte Intelligenz. Wenn wir alle, die wir hier in diesem Raum sitzen, eine Gruppe bilden, die sinnvoll zusammenarbeiten will, brauchen wir eine kollektive Intelligenz, damit unser Zusammensein nicht in Chaos ausartet.
• Ja, eine kohärente Intelligenz …
• Und eine kohärente Intelligenz ist überall. Sie könnte in dem Bewusstseinsfeld in allen Zusammenhängen wirken. Sie erprobt neue Formen der Selbstgestaltung, vielleicht auch, um sich selbst wahrzunehmen. Wenn ich schlafe oder träume, nehme ich mich selbst nicht wahr, erst wenn ich ins Bewusstsein aufgewacht bin. Vielleicht sind deshalb Lebewesen entstanden. Die aus dem Bewusstseinsfeld hervorgebrachten Wesen konnten sich jedenfalls irgendwann selbst wahrnehmen. Nicht nur Menschen sind zur Selbstwahrnehmung fähig, Tiere können das auch. Elstern können sich z. B. im Spiegel erkennen. Intelligenz ist in der Natur weiter verbreitet, als man gemeinhin denkt.
• Meinen Sie, dass die Erde als Ganze – Gaia – zur Selbstwahrnehmung fähig ist? Was wären dann ihre Sinnesorgane?
• Der Planet Erde braucht das Sinnesorgan der Pflanzen und Tiere, um sich selbst wahrzunehmen. Das hat vor über 100 Jahren der deutsche Psychophysiker Gustav Theodor Fechner gesagt. Ohne Tiere und Pflanzen wäre die Erde tot, meinte er.
• Ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass Leben aus einem toten Brocken Materie kommen soll …
• Möglicherweise war das Potenzial des Lebens bei der Erde von Anfang an gegeben. Schließlich kann unser Sonnensystem, wenn es Leben hervorbringen will, dies nur an einer ganz bestimmten Stelle des Universums verwirklichen, nämlich auf der Erde.
 Das wäre das anthropische Prinzip, dessen Vertreter davon ausgehen, dass die Beschaffenheit unserer Umgebung unsere Existenz nur deshalb ermöglicht, weil der Kosmos sozusagen auf das – eiweißbasierte – Leben und den Menschen ziele. Aber bringt uns das in unserer Frage weiter? Wie kann aus Materie Leben entstehen, wenn das vollständige Lebewesen nicht wenigstens als Idee der Materie, ja dem ganzen Universum innewohnt?
• Sie sprechen das alte Thema „Einheit in der Vielheit“ an. Zunächst einmal haben wir ein Ganzes, ein Universum, in dem alles enthalten ist, und zugleich finden darin verschiedenste einzelne Entwicklungen statt. Aus anderen Bewusstseinszuständen kenne ich die Erfahrung, dass das ganze Universum in mir selbst ist. Erst die eigene Vorstellung und das Denken versuchen, alles voneinander zu trennen. In einem veränderten Bewusstseinszustand können wir erfahren, dass wir alles sind und alles immer wieder neu erschaffen. Wir sind dann die unendlich vielen Lebewesen auf der Erde und im Universum. Und unsere Visionen haben in diesem Feld die Macht, Gestaltungen hervorzubringen. Ich denke, der normale Verstand reicht nicht aus, um dieses Prinzip zu verstehen. Aber wir können es erleben.
• Aus solchen Erfahrungen entsteht womöglich eine Ahnung von der Ewigkeit. In der Ewigkeit kann sich nichts wiederholen, Unendlichkeit verlangt nach unendlicher Krea­tivität. So verstehen wir vielleicht, dass Evolution das kosmische Prinzip an sich ist.
• Und wir können uns als Mit-Schöpfer erleben. Wir sind da, und auch wir erschaffen die Wirklichkeit. Wir können in die Erfahrung der Einheit gehen und sehen, wie alles ausein­ander hervorgeht, und sehen, wie es wieder in die Einheit zurückgeht.
• Ja. – Dafür brauche ich allerdings keine Evolutionswissenschaft.
• Vielleicht doch! Wir haben ja auch den Drang in uns, die Welt zu begreifen und zu beschreiben, das heißt, wie ein Künstler eine Vision zu veräußerlichen, damit andere sie auch sehen und in Resonanz damit kommen können. Diese Erfahrungsebene, über die wir soeben gesprochen haben, könnte Wissenschaftler, die über Evolution nachdenken, unter Umständen inspirieren. Auch in „Intelligente Evolution“ spielen solcher Art Erfahrungen eine Rolle. Ich lasse im Buch eine fiktive Runde aus zwölf Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern miteinander diskutieren – Biologen, Astro- und Quantenphysiker, Gehirnforscher, Mathematiker, Psychologen, auch eine Künstlerin ist dabei. Sie sprechen nicht nur über theoretisches Wissen, sondern auch darüber, wie sie sich selbst und die Natur erfahren und wie sie ihr Bewusstsein erweitern können. Sie werden sogar zu Atem- und Qigong-Übungen eingeladen, so dass sie auf neue Gedanken kommen und sich gegenseitig dabei herausfordern, die gewohnten Denkbahnen zu verlassen. Sicherlich sind die Personen in meinem Buch idealisiert, aber auch wiederum nicht zu weit von der Wirklichkeit entfernt. Viele Wissenschaftler sagen heute, dass man das Bild der mechanistischen Evolution ablegen muss, aber sie haben noch keine wirklichen Erklärungsalternativen. Selbst in der Zeitschrift „Science“ wird inzwischen Darwins Theorie, alle Arten hätten sich langsam auseinander heraus entwickelt, in Frage gestellt.
• Warum finden Sie es bedeutsam, dass die Menschen ein weiter gefasstes Verständnis von Evolution entwickeln? Warum sollten Wissenschaftler so miteinander sprechen, wie sie es in Ihrem Buch tun?
• Die Wissenschaftler in „Intelligente Evolution“ brechen das Tabu, mit dem der Wissenschaftsbetrieb die Verbindung von philosophischen Fragen nach dem Sinn des Lebens mit der Wissenschaft belegt hat. Die Fragen nach der Kreativität des Lebens lassen sich nicht durch die Methode der klassischen Naturwissenschaft, durch das Experiment, klären. Trotzdem scheint es sinnvoll, diesen Fragen nachzugehen, und zwar mit allen Werkzeugen der Erkenntnis, die Menschen zur Verfügung stehen. Ich sehe es als wichtiges „Evolutionstraining“ an, dass Menschen lernen, nicht nur abstrakt zu denken, sondern die Wahrnehmung aller Bewusstseinsebenen – und damit auch die Subjektivität! – in ihre Erkenntnis einzubeziehen. Wir müssen auf eine Bewusstseinsebene gelangen, auf der wir Fel­der wahrnehmen können, nicht nur materielle Körper. Ein Mensch kann einen anderen nur töten, wenn er diesen als toten Gegenstand wahrnimmt. Unsere Wahrnehmung muss sich grundlegend ändern, damit wir nicht mehr in der Lage sind, Bomben zu legen. Die Lebendigkeit des anderen und der ganzen Natur wahrnehmen zu lernen, ist eine wichtige Aufgabe.
• Wie trägt Ihr Buch dazu bei?
• Mir scheint, dass die Menschen bisher viel zu wenig diesen ganz großen Entwicklungsprozess verarbeitet haben – was es bedeutet, dass die Natur immer intelligentere, inter­essantere Lebenserscheinungen hervorgebracht hat. Es scheint mir sehr heilsam, über diesen Prozess nachzudenken. Warum kam es eigentlich zu dieser Vielfalt in der Natur? Das muss einen Sinn haben, denn objektiv nötig wäre es nicht, die Erde könnte mit ein paar Bakterien und ein paar einfachen Pflanzen auch ganz gut zurechtkommen. Doch die Erfindung des Lebens brachte eine völlig neue Dimension ins Gesamtgeschehen – egal, ob es auch anderswo im Kosmos Leben gibt oder nicht.
• Gehen wir von der Unendlichkeit aus, die aller Entwicklung zugrunde liegt, erzwingt sie geradezu eine beständige Neuerfindung, weil die Unendlichkeit keine Wiederholungen kennt – anderenfalls wäre sie endlich …
• Ich vergleiche den Impuls der Evolution gerne mit dem Drang eines Künstlers, der immer wieder neue Bilder und Musikstücke schaffen will. So ähnlich ist die kreative Intelligenz in der Evolution vielleicht auch vorgegangen. Auch unsere eigene Fähigkeit, selbständig handeln zu können, hat die Evolution hervorgebracht. Dadurch sind wir nicht nur Sklaven eines Universums, das sich weiterentwickeln will. Wir können auch dar­in mitspielen, haben einen freien Willen und die Möglichkeit des Denkens. Die Intelligenz, die Neues erschaffen will, hat sich mit dem Menschen einen Mit-Kreateur geschaffen.
• Wenn Evolution das Prinzip des Kosmos schlechthin ist, dann ist es logisch und natürlich, dass in diesem Kosmos Wesen entstehen, die selbst zu Schöpfungen fähig sind. Und ebenso natürlich scheint es zu sein, dass es auch immer wieder zu Schnitten kommt, durch die Stränge der Evolution abreißen …
• Das ist interessant: Wenn es Entwicklung gibt, ist auch immer etwas da, das zerstört wird. Wir leben auf Kosten anderer Lebewesen, wir essen Pflanzen, Tiere und Pilze. Es ist schon ein eigenartiges Prinzip, dass wir andere Organismen in uns aufnehmen müssen, um zu existieren. Allerdings – wenn wir erfahren, dass alles eins ist, erleben wir solche Prozesse nicht mehr als zerstörerisch.
• Wenn dieses Einssein zunehmend rea­l wird, kann ich mir vorstellen, dass die Versorgung meines Körpers durch etwas anders geschieht als durch das Zerkauen anderer Lebewesen. Womöglich ernährt mich der Duft eines potenziellen Essens mehr als sein Gehalt an Kohlehydraten. Wenn sich die Evolution so entfaltet, dass wir mehr Sensorien für die Bewusstseinsbereiche hinter der materiellen Ebene ausbilden, macht uns vielleicht schon die Wahrnehmung einer gelben Rübe satt.
• Warum nicht, solange das dann auch noch genussvoll geschieht? – Aber zunächst denke ich darüber nach, welcher Sinn darin liegt, dass wir in genau diesem Zustand unserer Verkörperung bestimmte Wahrnehmungen haben, spezifische Erfahrungen machen, wie beispielsweise das Essen anderer Wesen.
• Sie sprechen von Verkörperung – heißt das, es gibt für Sie etwas „hinter“ dem Körper, das durch ihn hindurchklingt? Wo, würden Sie sagen, liegt der Fokus Ihrer Person – ich meine „Person“ im Sinn von lateinisch per sonare, „hindurchklingen“? Liegt er in Ihrem Körper?
• Das Wesen, das ich wirklich bin, ist zwar mit dem Körper verbunden, aber gleichzeitig ist es unabhängig von meinem Körper. Ich selbst, mein eigenes Wesen, hat sich für einen Moment diesen Körper geschaffen, um bestimmte Erfahrungen zu machen. Dann löst sich der Körper wieder auf. Vielleicht ist das auch eine Frage der Wahrnehmung. Wenn wir uns als ein schwingendes Feld sehen, sind wir nur vorübergehend verkörpert – zumindest auf der allgemein üblichen Wahrnehmungsebene.
• Ich frage mich, wieviel organische Materie sich zusammenballen muss, damit  Leben einzieht. Ist nicht schon das erste Quant eines werdenden Lebewesens „Leben“? Und woher immer es stammt – ist es dann nicht bereits vorher, also immer schon, „Leben“? Die Wissenschaftler geben darauf keine Antwort.
• Die Wissenschaft studiert nur funktionale Dinge. Mit solchen Fragen sind wir auf der Ebene von Erfahrung. Wir erfahren uns als Bewusstseinskonzentration, die sich zu einem Lebewesen differenziert. Wir erleben, wie wir während der Existenz in diesem Körpersystem wachsen und an Reife und Identität gewinnen. Wir erinnern uns an unsere Identität als kleines Kind, aber kaum an unseren vor-menschlichen Zustand, der sich irgendwann mit einem ­Embryo verknüpft hat.
• Mir gefällt die Vorstellung, dass wir zumindest mental zum Keim unseres Wesens zurückkommen können. Auch der Baum wird sich auf seine Weise an seinen Samenkern erinnern. Seine Gestalt reflektiert, was im Keim angelegt war. Das „fertige“ Wesen wäre demnach nichts anderes, als die vollständig manifestierte Erinnerung an das ursprüngliche Potenzial im Keimzustand. Wenn wir nun analog versuchen, in der Geschichte des Lebens auf der Erde an den Ursprung zurückzugehen, wo ist dann der Keim, der uns als Potenzial enthält?
• Der Keim ist sicherlich die Information in diesem Bewusstseinswissen. In diesem Informationskeim liegt die Möglichkeit, dass aus dem Nichts etwas entsteht und sich entwickeln kann. Insofern ist diese ursprüngliche Information einerseits ein unreifer Zustand, dem seine Entfaltung noch bevorsteht, und andererseits enthält er zugleich das unendliche Potenzial des Lebens.
• Für mich hat dies eine ethische Konsequenz: Wenn wir die reife Erinnerung des Keimzustands sind, dann ist es nicht nur eine Worthülse, wenn wir von der Einheit sprechen, sondern dann tragen wir die volle Verantwortung dafür, die Evolution kreativ zu fördern, uns selbst zu entfalten und mit anderen gemeinsam kokreativ zu wirken.
• Leben hat etwas Selbständiges. Es ist die Einheit im Ursprung, es kann sich selbst bewegen und neue Dinge hervorbringen. Die ursprüngliche Ursuppe von Information hat sich selbst übertroffen. In ihr lag nicht nur die kosmische Transformationskraft, es kam ein Faktor ins Spiel, der völlig Neues, Unvorhergesehenes – zum Beispiel uns – hervorgebracht hat.
• Aber wenn diese Entwicklung von innen her kam, muss all das Neue im Keim bereits angelegt gewesen sein …
• Da bin ich mir nicht sicher. Vielleicht erlebt auch der Kosmos Momente des Staunens: „Wow, da ist etwas, das sich niemand in den kühnsten Träumen ausgedacht hat …“
• … andererseits halte ich den Übergang vom Nichts zum ersten Quant für derart revolutionär, dass die Entstehung der ersten Bakterien in irgendeiner Ursuppe gar nicht mehr so ungewöhnlich erscheint.
• Aber gibt es überhaupt so etwas wie einen Anfang? Vielleicht ist dieses Denken in einem linearen Zeitstrahl nur auf unsere eigene Wahrnehmungswelt beschränkt. Die Inder haben beispielsweise ganz andere Zeitvorstellungen, vielleicht entfaltet sich das Universum beständig aus sich selbst heraus.
• Ganz sicher ist das so. Doch ist da auch der tiefe Wunsch, die Evolution möge als Ganze einen Sinn haben …
• Wir sprechen über Sinn, weil wir ihn als Menschen suchen. Deshalb lasse ich auch die Wissenschaftler in meinem Buch über solche Fragen nachdenken. Trotz einer gesunden Skepsis vor Gedankenausflügen in transrationale Bereiche sollten Wissenschaftler versuchen, weiterzugehen, und nicht vor der Kreativität des Lebens zurückschrecken.
• Ich denke, dass die Menschheit heute vor einem gewaltigen Evolutionsschritt steht, der nur gelingen kann, wenn sie sich die Bereiche, über die wir gerade gesprochen haben, zu erschließen beginnt. Der Zeitgeist begünstigt die Wahrnehmung von Feldern – und das offene Sprechen darüber –, in denen man sich solchen Themen annähern kann. Ich wünsche mir, dass wir dafür in Zukunft einen neuen Wortschatz ausbilden und nicht mehr so viele Umschreibung nötig haben.
• Dafür müssen wir die Menschen zuerst an dem Punkt abholen, an dem sie stehen, müssen eine wissenschaftlich angemessene Sprache finden, die den Dualismus zwischen Geist und Materie hinter sich lässt. Wer versucht, das Leben anders zu sehen, als es materialistische Wissenschaftler tun, und sich ernsthaft auf die Suche macht, findet bald zu einem neuen Lebensbild, und daraus kann neuer Lebenssinn entstehen. Den muss freilich jeder für sich selbst finden.
• Vielen Dank für das anregende Gespräch.

 

Das Interview wurde auch als Film dokumentiert, der auf www.geomantie.net veröffentlicht ist.

Literatur: Bruno Martin: Intelligente Evolution, Hugendubel Verlag, München 2007.