St. Jakob und Isis

Eine Templerkirche am Ammersee?

von Christoph Hintenender erschienen in Hagia Chora 28/2007

Auf der Suche nach dem Ursprung der besonderen Ausstrahlung der romanischen St.-Jakobs-Kirche in Schondorf am Ammersee stieß Christoph Hintenender auf Spuren der Templer: Tatzenkreuze und eine vermauerte Tür zur mysteriösen Oberkirche.

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Am Ammersee im südwestlichen Oberbayern steht eine kleine Kirche, die es mir seit Jahren angetan hat. St. Jakob in Schondorf, ein „Juwel in der Perlenkette des Jakobsweges“. Wenn man vom Dampfersteg kommt, ragt sie schmal und hoch direkt am Westufer auf. Die eigentlich kleine Kirche wirkt mächtig auf ihrem Jakobsbergerl, das hier hochwasserfest mit Stützmauer eingefasst ist. Eigenständigkeit spricht aus der Lage schräg zu den umgebenden Häusern, die alle im rechten Winkel zum Seeufer stehen. Nur einladend wirkt sie nicht, fast fensterlos aus dieser Perspektive.
Dafür hat die Umfassungsmauer eine Lücke mit Treppe, die auf ihren Hügel mit von Kastanien beschattetem Biergarten einlädt. So finden sich die meisten Menschen dort und nicht in der Kirche. Dieses sehr bayerische Konzept mag vom Kloster Andechs stammen, das im Südosten vom heiligen Berg über den See grüßt. Da St.Jakobs kreisrunde Apsis genau nach Osten zeigt, lässt sie es rechts liegen. Das ist keine Arroganz, denn sie ist viel älter als das weltberühmte Kloster, das damals die Burg der Andechs-Dießener Grafen war. Deren Ministeriale Konrad von Schondorf soll St. Jakob Mitte des 12. Jahrhunderts nach einem Gelübde auf dem Kreuzzug 1147–49 gebaut haben. Sie ist die älteste erhaltene Kirche am See. Reine, schmucklose Form in unverputztem Quadermauerwerk aus Ammerseetuffstein. Deshalb fallen die Lisenen (Mauerblenden) der Apsis umso mehr ins Auge. Sie längen diese durch Dreiteilung, und ziehen den Blick nach oben zu zwölf Halbkreisbögen am Gesims. Unverfälschte Romanik ist hier selten, wenig südlich des Sees liegt Kloster Wessobrunn, die Hochburg des bayrischen Barock. Über 1000 Kirchen wurden von dort aus barockisiert, verschleiert, versiegelt. Diese nicht. Keine figürlichen Botschaften, nur das Licht spielt in den Poren des Kalktuffs und verzaubert das Auge. Das Tympanon über der Türe, auf dem ein bidhauerischer Hinweis zu erwarten wäre, ist zerstört.

Zeichen der Templer
Wie kommt so ein Juwel, das nachgewiesenermaßen nie Pfarrkirche war, um 1150 in ein Fischernest, damals noch mit Namen „See“, dann Niederschondorf? Selbst der Jakobsweg ist hier nicht belegt, nur von Passau nach Lindau südlich der Seen. München existierte noch nicht.
Was soll die zugemauerte Türe in 5 Metern Höhe der sonst öffnungslosen Westwand? Der normale Eingang befindet sich nicht wie üblich im Westen, sondern neben dem Mittelpfeiler der Südwand, fast in der Mitte der Kirche.
Wer beherrschte in bäuerlicher Umgebung den sauberen Steinschnitt für ein fast fugenloses Quader-Mauerwerk? Und wofür war der sonderbare Raum über dem Gewölbe, der die Kirche so besonders hoch macht? Dort hinauf führt eine Treppe in den dicken Wänden, vom Kirchenraum, über die zugemauerte Türe in der Westwand, über das Gewölbe. Was ist unter dem Hügel, auf dem sie steht? Dieser hätte als Hochwasserschutz bereits ausgereicht, doch der Sockel der Kirche erhöht sie nochmals um anderthalb Meter.
Kunstgeschichtler haben über sie geschrieben, mit Be- und Verwunderung. Das treffendste Wort fällt mehrfach: „Kathedral“ wirke sie, obwohl der Grundriss nicht mal 10 × 20 m misst. Kathedra – so hieß einst der Thron der Isis.
Meiner Auffassung nach ist dies ein ehemaliger Isis-Tempel. Wer das für Ketzerei hält, lese bitte das Hinweisschild an der gegenüberliegenden ­Klosterkirche ­St. Niko­laus und Elisabeth in Andechs. „Diese Kirchen sind ebenso heilig wie Christuskirchen“ ist dort zu lesen. Ihre schwarze Madonna unter einer Venus-Aphrodite mit reichlich geschnitztem Schaum unter der weiblichen Dreifaltigkeit in der Kuppel hat die entsprechenden Energien, die „eine Klosterdisziplin sehr erschweren“.
Und ein Madonnenbild mit Kind schaut einen auch als erstes an, wenn man in St.Jakob eintritt und sich schlagartig in eine andere Welt versetzt fühlt. Dem eigenartigen Südeingang gegenüber grüßt sie mit Kind hoch vom Mittelpfeiler. Diese Wandmalerei ist mit zwölf Tatzenkreuzen um die Wandkerzenleuchter der einzige originale Schmuck aus dem 12. Jahrhundert. Beides könnten die entscheidenden Hinweise sein: Weibliche Energien sind im Norden deutlich zu spüren, und die Tatzenkreuze soll der Templerorden (neben anderen) verwendet haben. Nur wenig späteres Beiwerk lenkt das Auge ab: Der geschnitzte Altaraufsatz mit schwarzem Jakob und fünf Muscheln stammt aus der Renaissance. Der originale Altar darunter ist ein Block aus Ammerseetuff. Das Kruzifix aus dem frühen 13. Jahrhundert wirkt auf mich deplaziert. Übrigens hatte meines Wissens auch keine der gotischen Kathe­dralen des 12. und 13. Jahrhunderts im Original eine Kreuzigungsdarstellung.
Die Kathedrale in Sens wurde etwa zeitgleich mit St. Jakob in Schondorf gebaut, Bourges geplant. Was bringt mich auf den verwegenen Vergleich? Die Architektur scheint die Energien dieses Orts in einer Weise zu verstärken, schafft hier einen „Klangraum der Seele“, wie ich es sonst nur von der französischen Hochgotik kenne und von einer kleinen Templerkirche bei Island. Die hat einen Strebepfeiler, den ich einfach umarmen musste, und so geht es mir auch in St. Jakob. Dabei habe ich den Vorteil, unter den Kerzenleuchter zu passen. An dem Marienpfeiler kann ich Energien tanken, die mich tagelang begleiten.

Kirchen-Impressionen
In kleinen Gruppen befassten wir uns geomantisch mit St.Jakob und dokumentierten unsere intuitiv gewonnenen Eindrücke:
Auf die mentale Frage nach der zentralen An-Wesenheit zeigte sich das innere Bild einer schwarzen Frau mit leuchtender Aura. Die türlose Westwand vibriert, sie „brummt“ geradezu, auch der nördliche Mittelpfeiler „singt“, nur mit tieferen Frequenzen – eine ganz ähnliche Schwingung wie in Andechs, wo ich die schwarze Madonna im Strahlenkranz mächtig mit einem tiefen Klang im Solarplexus spüre, während die Schaumgeborene darüber Liebe ins Herz-Chakra sendet.
In St.Jakob erleben wir dieselben Grundenergien wie in Andechs, nur nicht gleichgerichtet, sondern sie strahlen aus je einer Hauptachse des Schiffs und überkreuzen sich. So entsteht ein vielschichtiges Interferenzmuster – genauso wie es in einem rechteckigen römischen Isistempel zu erwarten wäre, wo die beiden Formwellen sich im Verhältnis 3 zu 4 überlagern, wie Vitruv die Proportionen angibt. In beiden Exedren, den fensterlosen Nischen beiderseits der Apsis, kann pausenlos eine Stimme gehört werden, wenn man den Kopf hineinsteckt. Sie spricht mit der Seelenruhe eines Weisen, unbeeindruckt von den modernen Außengeräuschen, die auch hier stärker hörbar sind. Fassungslos zog ich meinen Kopf wieder aus der Nische, als ich die Stimme zum ersten Mal hörte. Gerne wäre ich geblieben, bis ich ihre Sprache verstehen lernte.
Mit einem Blick, der hinter die Oberfläche der Materie schaut, kann man in dem Steinaltar ein Feuer brennen sehen. Dahinter scheint ein brunnenähnliches Rohr in die Tiefe zu gehen. Ist das der „Antrieb“ dieses geomantischen Systems durch den Ammersee? Das könnte der „Motor“ sein für die besondere, tiefe Schwingung, die den ganzen Raum erfüllt. Jedenfalls nehmen wir wahr, wie von dort eine Energiespirale in den Kirchenraum wirbelt. Eine zweite kommt von oben bei der Westwand, verwirbelt sich mit der ersten und wird stark linksdrehend empfunden. Das ist umso bemerkenswerter, als sich herausstellte, dass die Kirche bis 1499 im Dachgeschoß einen zweiten Altar hatte. Doppelaltarkirchen sind hier äußerst selten. Als Ersatz bekam die im Original turmlose Kirche das Glockentürmchen auf die Westwand balanciert. Das scheint nicht nur den Doppelwirbel zu bewirken, sondern ein Sender-Empfänger-System mit der 50 Meter höhergelegenen St.Anna-Kirche in Oberschondorf aufzubauen.
Zwischen diesen beiden Polen sind die Orte Schondorf und See in den folgenden 500 Jahren zusammengewachsen. St.Anna steht als „Sternentor“ auf der oberen Moräne im Wind, St.Jakob unten am Wasser. Im 19. Jahrhundert wurden „Himmel und Erde“ durch die Bahnhofstraße verbunden. Beim Einkaufen fragte ich mich, warum das eine Café dort floriert, das andere nicht. Wie in Bourges, wo wir mit
Siegfried Prumbach beobachteten, wie vor dem ­Bäckerladen die Leute anstanden, fand ich so auch hier das Solarplexus-Chakra des Orts in diesem Café. An dem anderen geht man auf halbem Weg hinunter zum Jakobsbergerl vorbei, ebenso an einem Kreisverkehr, dem Nabel. Das Herz-­Chakra liegt mit der modernen Heilig-Kreuz-Kirche neben der Achse, wie auch das Herz im Körper. Und oben, zur Hauptstraße hin, liegt die Musikschule als Kehl-Chakra noch vor dem Rathaus auf der anderen Seite als geistiges Zentrum. Mit St. Anna als Scheitel-Chakra ergibt sich eine schlüssige Gestalt, der durch Staatsstraße und Bahn aber ganz schön die Kehle zugeschnürt wird.
Mit dem Neubau der dritten Kirche auf dem mittleren Seeberg neben dieser Achse hat die katholische Kirche ihre neue Achse von St.Jakob weggedreht. Doch Jakob hat ältere Verbindungen. Abgesehen von dem nördlichen Breitengrad, auf dem sie mit dem Kloster Beuron steht, stehen die drei erwähnten Kirchen alle auf keltischen Plätzen. Um die Seen wimmelt es nur so davon, und um Schondorf verdichtet sich das noch. Unweit südwestlich liegt die Achselschwanger Schanze, St.Anna steht auf einem Keltenwall, der einen, von Norden kommend, wie in einen Trichter an den westlichen Ammersee führt, und gegenüber im Weingarten, unweit nördlich St. Jakobs, liegen vierzehn Hügelgräber, die auf einen hallstattzeitlichen Herrensitz schließen lassen. Das spätere Jakobsbergerl als Endpunkt der unteren von zwei seebegrenzenden Seitenmoränen haben sich die Kelten bestimmt nicht entgehen lassen – oder gar überformt, wie sie die obere Moräne zum Wall feilten? Kalkgleie unter der nördlichen Straße weist auf eine unterirdische Umspülung des Hügelchens. Der Straßenname Kalkbrünnerl etwas oberhalb deutet auf die Quelle. Damit ist alles beisammen, was ein weibliches Heiligtum so braucht. Die Weihe auf St.Jakob tut dem keinen Abbruch, er fungiert meiner Erfahrung nach öfter als Patron besonderer Marienenergien und stellt den männlichen Ausgleich dar, wie er in den 12 Kerzenleuchtern und den 3 (weiblich) mal 4 (männlich) Halbkreisen an der Apsis symbolisch dargestellt ist. Wenn die Kelten und Vorgängerkulturen, wie sie im Landkreis bis 4000 v. Chr. archäologisch detailliert nachgewiesen sind, diese natürlichen Vorgaben mit ihrem Wissen nutzten und gestalteten, sind die Grundlagen der irdischen Energien dieser Kirche(n) geschaffen. Eine radiästhetische Untersuchung zur Kalkwasserader und dem mental georteten Brunnenschacht steht noch aus.
Die Verbindungslinie zu zwei weiteren Jakobskirchen, über den See nach Hochstadt und die Amper hinunter nach ­Dachau, laufen nicht über Kirchen, sondern vor allem über keltische Plätze, darunter mehrere Schanzen bei Schöngeising und ein Bichlberg. Diesen starken Bezug zu vorchristlichen Stätten halte ich für charakteristisch bei Jakobskirchen, die hier in der Regel auch an Altstraßen stehen und nicht an einem Jakobsweg.

Der Jakobsweg erneuert Europa
Von der Kirche wurden also nur bestimmte ältere Heiligtümer überformt, andere nicht. Daraus ergibt sich die Frage, warum St.Jakob hier steht und nicht woanders.
Konrads Gelübde ist eine Sache, das große Ganze hat beim Gelingen aber immer ein Wörtchen mitzureden. Der Standort ist im Windschatten der nördlichen Ammerseespitze verkehrstechnisch gar nicht so günstig für eine neue Station auf einem Jakobsweg, der hier nur vom Osten nach Westen zum Bodensee hin sinnvoll verlaufen würde. Mitte des 12. Jahrhunderts ist der Pilgerweg schon fast 400 Jahre alt und erlebt eine Renaissance, wie es erst heute wieder der Fall ist. Eine weitere Parallele der Zeiten ist, dass im 8. und 12. Jahrhundert auch mit den Pilgerwegen nach Jerusalem, Rom und Santiago die Infrastruktur Europas jeweils neu wieder­errichtet wurde. Das geschah vor allem mit Klöstern und Kirchen als Kristallisationspunkten, im 12. Jahrhundert vermehrt mit Stadtgründungen. Die Bevölkerung wächst um das drei- bis fünffache. Eine Boomzeit, die bis ins 14. Jahrhundert den Löwenanteil der heutigen Städte nach geomantischen Gesichtspunkten schafft und nur mit dem heutigen Wachstum seit dem 19. Jahrhundert vergleichbar ist. Das folgende Katastrophenjahrhundert halbiert die Bevölkerung wieder, es bleiben aber immer noch doppelt so viele Europäer wie vorher. Dabei gibt es ein erstaunliches Kontinuum des Wissens, das über alle Katastrophen erhalten blieb. Die dem Hochmittelalter in Bayern vorangegangene Katastrophe heißt Ungarnkriege. Von 900 bis 955 wurden praktisch alle Klostergründungen aus dem 8. Jahrhundert wieder zerstört und geplündert. Nach 1000 beginnt wie in ganz Europa der Wiederaufbau. Nach 1100 kommt durch die Kreuzzüge zu dem traditionellen Wissen ein neues, das in Frankreich dann die Gotik entstehen lässt und meiner Meinung nach – sozusagen auf einem Weg dorthin – auch St. Jakob so besonders macht.

Der geistige Impuls der Templer
Wissensträger aus dem Orient war vor allen der Templerorden, von Bernhard von Clairvaux eigens dafür und zum Schutz der (Pilger-)Straßen gegründet, 1118 vom Papst bestätigt. Sie waren zumindest eine Generation später in Bayern. Eine ihrer Kirchen in München-Fröttmaning ist auch auf 1147 datiert, nahe zur Isarbrücke des Erzbischofs von Freising, die Heinrich der Löwe im Jahr 1157, also höchstens zehn Jahre nach unserem Kirchenbau, anzünden ließ, um Kunden für seine neue Brückenstadt München zu bekommen. Diese Kirche hat ihren Altar auch aus Kalktuff. Der Turm hat römische Grundmaße, und unter dem Putz fanden sich keltische Sonnenräder-Zeichnungen wie sonst nur in Pisa. Das wirft die ­Frage auf, ob die Templer in Bayern keltische ­Kultplätze im 12. Jahrhundert reaktiviert haben. Dazu passt, dass die Entscheidungs­schlachten zwischen Welfen und Staufern um das (welfische) Herzogtum Bayern und die (noch salische) Kaiserkrone an keltischen Plätzen ausgefochten wurden: Welf VI. siegte bei Valley an einer der größten keltischen Schanzenanlagen, und Stauferkönig Konrad III. gewann abschließend am Flochberg im Donauries. Offenbar nutzten sie die Kraft der Plätze und der Ahnen.
Mitten in der Auseinandersetzung rief Bernhard in Regensburg beide Parteien zum nächsten Kreuzzug, dem auch Konrad der Schondorfer folgte. So kam er in Kontakt mit damaligen Hochkulturen, Konstantinopel und den Arabern. Schon 200 Jahre früher war Graf Rasso, Inntalverteidiger während der Ungarnkriege, in Jerusalem auf Pilgerfahrt. Danach baute er unter seine Burg am Amperdurchbruch nördlich des Ammersees eine Wallfahrtskirche mit Kloster als seinen Ruhesitz in Grafrath. Die Brücke vom Kloster in die Kirche ist ein arabisches Bauelement. Im spanischen Alcazar führt ein sogenannter Sabat wie eine geschlossene Brücke über die Straße in die Moschee, wie hier über die Bundesstraße 471 in die Apsis der Grafrather Kirche.
Dieser Ort ist, von Norden kommend, das Tor zum ganzen Ammersee, wie Schondorf das Tor zur Westseite ist. So liegt es nahe, dass Konrad es Graf Rasso gleichtat und nach der Rückkehr aus dem Kreuzzug ebenfalls eine Kirche mit Kloster bauen ließ, in das er sich zur geistlichen Ruhe setzte. Dafür spricht zum einen seine Kinderlosigkeit, jedenfalls wird Schondorf an eine Nebenlinie vererbt, zum anderen vor allem eine bautechnische Kuriosität: die bereits erwähnte zugemauerte Türe in der Westwand, die vom Parkplatz aus in etwa 5 Metern Höhe zu erkennen ist. Ich finde, dass ein „Sabat“ die wesentlich schlüssigere Erklärung für diese Tür ist als ein „Pilgereingang für eine Herberge“ im Obergeschoß, wie in der Literatur diskutiert. Dort oben war ein Altar. Ein geheiligter Raum widerspricht einer Herberge – und bei diesen Energien kann man vermutlich sowieso nicht schlafen. Die Templer haben ihre Riten unter Ausschluss der Öffentlichkeit zelebriert, mancherorts in fensterlosen Kirchen. Das Obergeschoß St. Jakobs wäre dazu bestens geeignet gewesen. Bis heute sind Einweihungsriten nichts für die Öffentlichkeit. In ihren französischen Notre-Dame-Kathedralen weist vieles darauf hin, dass sie den weiblichen Energien auf dem inneren Weg nach ­Sant­iago (oder zum Gral) einen zentralen Stellenwert beimaßen. Das esoterische Wissen, das sie aus Jerusalem mitbrachten, reicht nach Ägypten zurück, deshalb „Isis-Tempel“. Der Ausgleich weiblicher und männlicher Kräfte ist grundlegend für das Christusbewusstsein. Dies hat die männlich dominierte Zeit seit dem Verbot des Ordens negiert, darum sind die von ihm geschaffenen „Emanzipations-Orte“ heute so wichtig wie damals.
Die restliche Fläche des Jakobsbergerls genügt, um ein kleines Kloster oder gar eine Templerkomturei aufzunehmen. Erhalten ist von den zugedachten Gebäuden allerdings nichts, vielleicht wurden sie auch nie ausgeführt. Denn die politischen Zeiten waren sehr unruhig. Konrad hatte sich mit seinen Andechs-Dießener Grafen gegen die Welfen mit den Staufern verbündet – in der Hoffnung auf das bayerische Herzogtum. St. Jakob war der Schutzpatron der Staufer, und Schondorf trägt ein weißes Einhorn auf rotem Grund als Wappen. Vieles spricht also für die Verbindung des Kirchenbaus zu den Staufern, die von Kaiser Barbarossa bis Friedrich II. die nächsten 100 Jahre Europas prägten. Diese gaben aber Heinrich dem Löwen das Herzogtum Bayern als sein welfisches Erbe zurück. Und der änderte in Bayern die komplette Infrastruktur ab 1157, also kurz nach unserem Kirchenbau. Das mag die Andechs-Dießener unter Druck gesetzt und Konrads Pläne durchkreuzt haben. Mit der gleichzeitigen Gründung der Brückenstädte München, Innsbruck und Landsberg schuf er ein bis heute gültiges neues Wegenetz für das Handelskreuz im Alpenvorland. Das muss nicht das Aus für die Jakobskirche in Schondorf gewesen sein, denn sie lag nahe der Straße zur neuen Lechbrücke in Landsberg. Aber der Weg um den See nach Wessobrunn war jetzt nicht mehr der einzig sinnvolle.

Ein zeitloser Ort
Wie immer es gewesen sein mag, am wichtigsten ist für uns, dass es Orte wie St. Jakob gibt. Bei allem Interesse, wie man so etwas erschafft, bleibt letztlich nur, hinzugehen, sich einzulassen und zu beten oder zu meditieren. Solche Orte, meine ich, wandeln einen wirklich. Wer sie betritt, ist in einer anderen Welt, und die ist reich an Unsichtbarem. Nicht nur unsere Vergangenheit ist da, Zeitlosigkeit, Wissen, Geist und Liebe. Meine Dankbarkeit gilt deshalb den Erbauern und den Schondorfern mit ihren Pfarrern, die sie erhalten haben, auch in schwierigsten Zeiten.
Der Geist des Orts drückt sich hier heute aus. Unweit von St. Jakob stehen zwei moderne Steinfiguren im See, die in zwei entgegengesetzte Richtungen schauen, den beiden betenden Figuren auf dem Altarteppich gleich. Die eine schaut nach Andechs und die andere – in eine erdbedeckte Garage wie in der Templerkirche von Island. Dort weist die Kirchenachse auf einen Weinkeller, hier wird die Achse am Ammersee zurückgespiegelt.
Dass der Geist der Templer hier noch weht, zeigt sich auch in der gerade abgeschlossenen Renovierung der erwähnten Heilig-Kreuz-Kirche. Der meterhohe Christus, der die moderne Kirche beherrschte, wurde vom Kreuz genommen, das jetzt mitten in der Kirche steht, so dass der Christus seine Arme nun wie schützend ausbreitet. Die Kreise schließen sich. Es wird Zeit. +


Literatur: Fritz Fenzl: Der bayerische Jakobsweg, Nymphenburger, 2004 • J. Kirmeier (Hrsg,) Herzöge und Heilige, Haus der bayerischen Geschichte, 1993 • P. C. Mayer Tasch: Ver- und Entzauberung der Welt und Europa Unterwegs, Scheidewege 36 und 37.