Der Körper als Zauberer

von Beatrix Pfleiderer erschienen in Hagia Chora 27/2007

 Diesen Artikel als Adobe Acrobat PDF herunterladen (78 KB)

Vor vielen Jahren erzählte mir ein bekannter deutscher Ethnologe, dass uns Menschen die Gabe innewohne, unseren menschlichen Körper zu verlassen, um als ein Tier erscheinen zu können. Vielleicht meinte er sogar, unseren menschlichen Körper in einen Tierkörper verwandeln zu können. Er schilderte mir mehrere Begebenheiten, in welchen Menschen eine solche Verwandlung beobachtet hätten. In der Landschaft von Hawaii stößt man überall auf solche Geschichten. Dort nennt man das Phänomen Shape Shifting: Das Bewusstsein gibt dem Körper die Form vor, die er dann auf wunderbare Weise annimmt. Warum sollte das nicht möglich sein, wo doch unser Bewusstsein ständig mit der gesamten Schöpfung schwingt? Die junge Heldin Pono hat in Kiana Davenports Roman „Haifischfrauen“ ihren Haifischkörper verlassen, gerade wieder ihren Menschenfrauenkörper angezogenen – sie hatte noch Seetang in den Zähnen –, als sie der Liebe ihres Lebens, Duke, am Strand in Kona in die Arme lief. So erleben wir uns in erweiterten Bewusstseinszuständen auch in Tierkörpern, wissen dann ganz genau, wie es sich anfühlt, wenn es eine Löwin in der Mähne juckt, wenn sie erregt ist.
 
Körper ohne Grenzen
Als Ethnologin habe ich gelernt, einer Geschichte Glauben zu schenken. Wenn sie auch nicht in mein Weltbild passt, so passt sie doch in das der anderen. Geckos, Lurche, und Eidechsen zeigen uns, dass sie zaubern können, wenn ein Teil des Schwanzes verlorengeht und sie ihn wieder wachsen lassen können. Wir können das auch. Wir haben es nur vergessen. Aber wir können wieder lernen, auch jenseits der von unserer Kultur erlaubten Grenzen zu leben, zu erleben, auf Reisen zu gehen. Manchmal begleite ich Menschen auf dem Weg zu solchen oft sehr intimen Pilgerreisen. Ich erlebe es immer wieder als große Ehre, Zeugin sein zu dürfen, wenn ein Mensch sich erlaubt, Impulsen seines Körpers nachzugeben, sich auf eine Führung zu seiner inneren Weisheit einlässt und erfährt, was er jetzt unbedingt wissen muss, um sein Leben auf den richtigen Weg zu bringen.
Unser Körper ist ein Tempel, ein Orakel, Hüter und Bewahrer unserer Weisheit. Zu unserem Körper zu gehen, wenn man Rat braucht, ist eine Pilgerreise auf Pfaden außerhalb der linearen Zeit. Sie zu beschreiten – wohl mit den feinstofflichen Anteilen unserer Existenz – scheint mir etwas ganz Natürliches. Davon wissen fast alle nicht-westlichen Kulturen. Mit der Professionalisierung der Medizin in Europa wurden unsere Körper kolonialisiert, und wir verloren die Vorstellung von unserer selbstregulierenden Heilfähigkeit.

Wie das Genie Körper zum Krankheitsträger verkam
Als man anfing, Kranke durch Krankheiten zu ersetzen, wurden Modelle über das Leben gestülpt. Eine Krankheit war ein Modell, dem der Kranke eingepasst wurde. Sein Körper war unbekanntes Land, die Anatomie war die Wissenschaft, um das Körperland zu erforschen. Der Körper war schweigendes Land. Man gab vor, seine Zeichensprache nicht zu erkennen. Im 17. Jahrhundert stellte der englische Mediziner Thomas Sydenham fest, dass das Narrativ des Patienten verstummt sei und man deshalb die beobachtende Wissenschaft bräuchte, um diese Terra incognita, die der Körper dann wäre, durch Zeichen, die von außen codiert würden, zu erschließen. Diese Erkenntnis war die Geburt der Gerätemedizin, wenn die Geräte zunächst auch noch harmlos gewesen sein mögen. Krankheiten waren Modelle, wissenschaftliche Tatsachen, die von außen kamen, die vom Körper Besitz nahmen. Der Kranke, den es nicht mehr gibt, weil er zum Körperbesitzer und dieser zum Krankheitsträger geworden ist, ist mit der Einführung des Stethoskops stumm geworden; die Krankheit jedoch, die er hat, macht Zeichen, die der Arzt, und nur der, mit seinem privilegierten Ohr abliest und interpretiert. Was damals begann, wurde über die Jahrhunderte intensiviert und brachte uns schließlich an einen Ort, wo der Körper in voller Entmachtung die Medikalisierung normaler Lebensphasen wie Geburt und Kindheit, Menopause und Altern erleiden muss. Die Phasen des Übergangs werden nämlich dazu benutzt, den pharmakologischen Zugriff auf das Individuum unter der Flagge der Verantwortlichkeit durchzuführen. Ein einziger Besuch in einer ganz normalen Allgemeinmedizinpraxis genügt, um das zu erkennen.

Das innere Land finden
Auch Sie können ihn wieder entdecken, Ihren eigenen inneren Tempel – mit der Unterstützung von ausgebildeten Reisebegleitern oder auch ganz für sich alleine. Für eine solche Reise ist kaum eine andere Vorbereitung nötig als ein wenig Bereitschaft, Unerwartetes zu erwarten.
Suchen Sie einen geschützten Ort auf, dies kann Ihr Schlafzimmer sein oder sonst ein Raum, in dem Sie sich wohlfühlen und sicher sein können, dass er für eine gewisse Zeit nur Ihnen gehört. Sie können zum Beispiel auch jenen geheimnisvollen Moment kurz vor dem Einschlafen nutzen: Spüren Sie ihn auf, vielleicht schon heute Abend, und erlauben Sie sich einfach, diese besondere Wahrnehmungsqualität bewusst zu erleben und auszuweiten. Ob Sie Ihren Ort nun im hauseigenen Meditationsraum, unter einem Dachflächenfenster oder unter Ihrer Bettdecke finden: Ernennen Sie Ihren Körper zu Ihrem Reisebegleiter, und spüren Sie den Impulsen nach, die er Ihnen anbietet. Werden Sie zum Reh oder zur Wölfin, und nehmen Sie Witterung auf. Vertrauen Sie auf die Weisheit und das Wissen Ihres Körpers, und erlauben Sie ihm, Sie in Ihr inneres Land zu führen. Der Wiener Körperpsychotherapeut Peter Bolen beschreibt diesen – im Übrigen sehr heilsamen – Zustand mit folgenden Worten: „In diesem Augenblick, hervorgerufen durch nichts anderes als die bewusste Wahrnehmung, tritt die Selbstregulation wieder in Kraft. Dieses Prinzip ist einfach, wird jedoch gerade wegen seiner Einfachheit oft nicht verstanden. Wir sind alle erzogen worden, uns anzustrengen, und man hat uns oft genug gesagt, dass nur Fleiß und Bemühen zum Ziel führen. Das Gegenteil davon ist bei der Selbstregulation der Fall.“ (emotion. beiträge zum werk von wilhelm reich, Nr. 17/2007)
Es ist Zeit, aufzuwachen. Wir schlafen tief. Am tiefsten schlafen unsere Körper. Unsere Dornröschenkörper. Aber die gute Nachricht ist, dass es jede Menge Prinzen gibt, die Lust haben, Dornröschen zu wecken. Ihrer Namen sind viele, von A bis Z gehen sie, vielleicht A für Akupunktur und Z für Zen … Zwischen A und Z gibt es so viele Wege, das grenzenlose Genie Körper wiederzuentdecken, kennen- und bewohnen zu lernen. Nutzen wir sie! Damit es wieder lustig wird.