Leys – auf den Boden gebracht

Das Phänomen der schnurgeraden Geisterpfade

von Paul Devereux erschienen in Hagia Chora 27/2007

Seit Jahrzehnten geistern die unterschiedlichsten Mythen über das Wesen der Leys durch die geomantische Ideenwelt. Ebenso lange forscht Paul -Devereux über das Phänomen der geraden Linien in der Landschaft – und stieß auf einen weltweiten archaischen Geisterglauben.

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Die „Cataloo Steps“, Trittsteine auf dem Lych Way, einem Leichenweg im Dartmoor.

Obwohl manchen vielleicht bekannt, will ich zunächst die Entwicklung des Ley-Konzepts nachzeichnen, um den heutigen Mythos einzugrenzen.
!1921: Der walisische Geschäftsmann und Fotograf Alfred Watkins erklärt erstmals öffentlich Alignments (engl.: geradlinig angeordnete Objekte) und spricht von steinzeitlichen Vermessungsexperten, die mit Hilfe von Pfosten und Signalfeuern schnurgerade Handelswege über das Land angelegt und diese mit Steinen, Erdwerken und Wasserstellen gekennzeichnet hätten. Einige jener Plätze seien später zu Kapellen, Steinkreuzen und Kirchen christianisiert worden. Heute könne man die vergessenen geraden Wege an den Resten ihrer Markierungspunkte festmachen. Watkins suchte auf Karten und vor Ort weitere Hinweise für seine Idee, was seine historisch durchaus wertvolle Dokumentation der Landschaft des walisischen Grenzlands immer umfangreicher werden ließ.

  • 1922: Watkins’ erstes Buch „Early British Trackways“ („Frühe Handelswege in Britannien“) erscheint.
  • 1925: „The Old Straight Track“ („Gerade Pfade des Altertums“), Watkins’ Hauptwerk über Leys, wird veröffentlicht.
  • 1927: Watkins veröffentlicht „The Ley Hunter’s Manual“ („Das Handbuch der Ley-Sucher“). Er prägt den Begriff Ley (altenglisch für ein gerodetes Stück Land) für die von ihm gefundenen Alignments, hält ihn jedoch nicht unbedingt für geeignet und ersetzt ihn 1930 durch -Archaic track – „frühgeschichtlicher Weg“.
  • 1932: „Archaic Tracks Round Cambridge“ ist Watkins’ letztes Werk zum Konzept der Ley-Linien vor seinem Tod 1935.
  • 1936:  Die Okkultistin Dion Fortune publiziert den Roman „The Goat-Foot God“ („Der ziegenfüßige Gott“), in dem sie von Alignments zwischen prähistorischen Stätten als magischen Kraftkanälen spricht.
  • 1938: Arthur Lawtons Buch „Mysteries of Ancient Man“ („Geheimnisse des Frühen Menschen“) erscheint, in dem er behauptet, die Platzierung alter Kultstätten bilde Muster, die sich als kosmische Energien mit der Wünschelrute erspüren lassen.
  • 1961: Ein Ex-Pilot der Royal Air Force, Tony Wedd, verbindet in dem Pamphlet „Skyways and Landmarks“ (Himmelsstraßen und Landmarken“) Watkins’ Ley-Linien mit Vorstellungen über UFOs, die entlang „magnetischer Pfade“ fliegen sollen. Dies verschafft dem inzwischen vergessenen, zu Watkins’ Zeiten jedoch sehr populären Ley-Hunting (der „Jagd“ bzw. Suche nach Leys) neue Aufmerksamkeit.
  • 1962–1966: Philip Heselton und Jimmy Goddard gründen den Ley Hunter’s Club; das Ley-Hunter-Magazin erscheint erstmals. Das Thema wird Gegenstand gegenkultureller Publikationen der 60er-Jahre. Die Erfindung der Radiokarbon-Methode revolutioniert die Archäologie, und die neue Zunft der Archäo-astronomie beweist, dass die Megalith-Bauwerke weitaus älter sind und die Steinzeitmenschen weitaus intelligenter waren, als man bis dato gedacht hatte. Der Zeitgeist begünstigt das Aufkommen von Ideen wie „prähistorische Raumfahrt“ und verwurzelt sie geistig im Themenkomplex der Ley-Linien.
  • 1967: Alexander Thoms Buch „Megalithic Sites in Britain“ („Megalithstätten in Britannien“) sichert der Archäoastronomie den Rang eines wissenschaftlichen Fachgebiets. Der Unversalgelehrte John Michell verknüpft in seinem Buch „The Flying Saucer Vision“ (etwa: „Was uns fliegende Untertassen sagen“) die Idee der prähistorischen Raumfahrt mit dem Ley-Thema. Für das immer breiter werdende Feld der Ancient Mysteries („frühgeschichtliche Rätsel“) wird der Begriff Geomancy – „Geomantie“ – geprägt.
  • 1969: Michell veröffentlicht sein bahnbrechendes Werk „The View Over Atlantis“ (die später erweiterte Ausgabe wurde 1984 von Marco Bischof unter dem Titel „Die Geomantie von Atlantis“ ins Deutsche übersetzt), in dem er die Ley-Theorien auf ein neues Niveau hebt und mit Themen wie Psychologie, Geheimlehren, heilige Geometrie oder Gematrie sowie einigen vom Feng Shui beeinflussten Ideen verknüpft. Im gleichen Jahr nimmt der Journalist Paul Screeton die Herausgabe des Ley-Hunter-Magazins wieder auf.
  • 1972: Janet und Colin Bord veröffentlichen „Mysterious Britain“ („Geheimnisvolles England“), das die Vorlage für viele ähnliche Werke bildet. Ley-Linien werden hier in den weiten Kontext der „Ancient Mysteries“ einbezogen.
  • 1974: Der „Whole Earth Catalog“ („Eine-Welt-Katalog“) nennt die Themen-Mixtur rund um die alten Kultstätten Earth Myst-eries („Erdgeheimnisse“). Der Begriff verdrängt das Wort „Geomancy“ im englischen Sprachraum. Michell veröffentlicht „The Old Stones of Land’s End“ („Die alten Steine von Land’s End“), einen Forschungsbericht zu Alignments von Menhiren und alten Kreuzen in Cornwall. Der amerikanische Rutengänger Terry Ross identifizert in einem Artikel für die „American Society of Dowsers“ Ley-Linien mit Energien, die radiästhetisch gefunden werden können. In der Folge assoziiert die aufkommende New-Age-Konsumbewegung diese Sichtweise automatisch mit dem Begriff Ley. Die Tautologie Leyline – „Ley-Linie“ – bürgert sich allgemein ein.
  • 1975: Nigel Pennick gründet das „Institute of Geomantic Research“, das zahlreiche Bändchen über die Archiv- und Feldforschung zur Geomantie herausgibt.
  • 1976: Screeton übergibt mir die Herausgeberschaft des Ley-Hunter-Magazins. Im Rahmen der Zeitschrift organisiere ich eine Reihe von jährlichen Konferenzen, bei denen über Energie-Vorstellungen debattiert wird. Es entzünden sich hitzige Diskussionen mit Archäologen und Statistikern über das Ley-Phänomen und Alignments generell. Im selben Jahr erscheint Tom Graves’ Buch „Dowsing: Techniques and Applications“, das die modische Assoziation von Rutengehen, „Energien“ und Ley-Linien weiter nährt (deutsch: „Radiästhesie. Pendel und Wünschelrute. Theorie und praktische Anwendung“, Herrmann Bauer Verlag, 1987).
  • 1979: Gemeinsam mit Ian Thomson veröffentliche ich den „Ley Hunter’s Companion“, einen Führer zu britischen Alignments im Sinn von Watkins’ seinerzeitiger Definition. Für das Buch unternahmen wir eine detaillierte Feldforschung und ein ausgedehntes Kartenstudium, legten über 7000 Kilometer zurück und untersuchten mehr als 300 veröffentlichte Leys. Für die meisten angenommenen Leys konnten wir beweisen, dass sie den Namen zu Unrecht trugen, hoffnungslos ungenau waren und manchmal schlicht nicht existierten.
  • 1989: Während der gesamten 80er-Jahre florieren die sogenannten Earth Myste-ries; das Neuheidentum breitet sich aus, und immer neue Bücher und Artikel zum Thema erscheinen. In der Ley-Linien-Szene zeichnet sich eine Dreiteilung ab zwischen a) traditionellen Ley-Hunters im Sinn Watkins, b) kritischeren, auf wissenschaftliche Forschung setzenden Ley-Hunters sowie c) Rutengängern und New-Age-Anhängern, die das modische Verständnis von Ley-Linien als Energiebahnen popularisieren. In dem aussichtslosen Versuch, eine verlässliche Einschätzung des gesamten Ley-Konzepts vorzulegen, veröffentliche ich gemeinsam mit Nigel Pennick das Buch „Lines on the Landscape“, in dem wir die Ideengeschichte und die Tatsachen aufführen, um die Aufmerksamkeit auf die Rätsel um authentische frühgeschichtliche -Linien-Phänomene zu lenken (deutsche Übersetzung: „Leys und lineare Rätsel in der Geomantie. Geheimnisvolle Muster in der Landschaft“, J.u.T.-Verlag 1991).
  • 1993: Die Lagerbildung der Ley-Jünger kompliziert sich weiter durch  mein Buch „Shamanism and the Mystery Lines“, (deutsche Übersetzung: „Schamanische Traumpfade“, AT-Verlag 2001), in dem ich anstelle einer energetischen eine anthropologische Herangehensweise vertrete. Ich führe zahlreiche, den Nazca-Linien ähnliche Phänomene in den beiden Amerikas an und bringe sie in Zusammenhang mit schamanischen Praktiken zahlreicher präkolumbianischer Indianerstämme. Ebenso plädiere ich für die Beschäftigung mit Gehirnforschung, um zu einem Verständnis linearer Phänomene zu gelangen.
  • 1996: Ich gebe die Herausgeberschaft des Ley-Hunter-Magazins an -Danny Sullivan weiter. Bis zu ihrer Einstellung 1999 regt die Zeitschrift weiterhin eine wisschenschaftsbasierte Forschung an.
  • 1999–2007: Die drei Lager haben sich etabliert. Die traditionellen Ley-Liebhaber überleben in der „Society of Leyhunters“, Rutengänger und Esoteriker bleiben bei ihren „Energielinien“, während die wissenschaftlichen Ley-Forscher herauszufinden suchen, wohin die Leys eigentlich zeigen. Die akademische Wissenschaft, die angesichts dieses Themas so gut wie nie Äpfel von Birnen unterscheiden kann, liefert zur Diskussion kaum Beiträge.

Die sogenannten Feenstufen auf einem Leichenweg in Cumbrien, England.

Der Begriff „Leyline“ wird heute im angelsächsischen Raum praktisch nur noch im Neuheidentum, das die Earth-Mysteries-Bewegung aufgesogen hat, verwendet. Wie ich bei Kongressen feststellen konnte – zuletzt diesen Sommer in Rheinfelden –, hält die deutsche Geomantie-Szene mehrheitlich am energetischen Konzept der Ley-Linie fest. Zugleich rezipiert sie aber auch meine kritischen Bücher zum Thema und scheint an seriöser Forschung erfreulicherweise sehr interessiert zu sein.
Schamanische Landschaften
Das Problem bei den Forschungen zu Leylines war, dass die meisten Ley-Enthusiasten ihre eigenen Ideen auf unterschiedliche Weise auf die Vergangenheit projizierten. Das kleine Häuflein wissenschaftsorientierter Ley-Hunter befasste sich hingegen mit den tatsächlichen archäologischen Fakten, und sie waren bereit, in die Richtung zu blicken, wohin die Leys zeigten. Sie gingen auf eine Reise, während der sie eine Reihe unerwarteter Funde machten: Sie entdeckten, dass die Techniken früher Kulturen zur Erlangung veränderter Bewusstseinszustände auch Markierungen in der Landschaft einbezogen, sie enträtselten eine bislang unverständliche Shakespeare-Passage, und sie stießen auf eine alteuropäische spirituelle Geografie.
Als ich in den späten 80er-Jahren den Begriff der „schamanischen Landschaft“ prägte, wurde der Gedanke, der Gebrauch von Drogen habe für alte Kulturen eine wichtige Rolle gespielt, noch als allzu fantastisch abgetan. Zwischenzeitlich hat jedoch die Bedeutung von Zuständen erweiterten Bewusstseins für die Erklärung einer ganz bestimmten Bildersprache der frühgeschichtlichen Felskunst weitgehende Akzeptanz erfahren. Da sich frühgeschichtliche Markierungen in der Landschaft aus einer ganz ähnlichen Quelle speisen wie jene Felskunst-Bilder, darf man Phänomene wie die Nazca--Linien nicht als „Landebahnen außerirdischer Raumschiffe“ fehlinterpretieren, sondern muss sie als Zeichen einer Kultur sehen, die ihren inneren Raum erkundete. Ja, der menschliche Geist hat manche überraschende Spur in den Planeten geritzt.
Die Leys führten ihre Erforscher mitunter zur Entdeckung bislang völlig verkannter Phänomene in der Welt unserer Vorfahren.

Das Rätsel um Puck
In Shakespeares Sommernachtstraum sagt der Kobold Puck (im Deutschen „Droll“):
„Now it is that time of night,
That the graves all gaping wide,
Every one lets forth his sprite,
In the church-way paths to glide.“
Der deutsche Übersetzer August Wilhelm von Schlegel versteht das Bild ganz offensichtlich nicht und dichtet nach:
„Jetzo gähnt Gewölb und Grab,
Und, entschlüpft den kalten Mauern,
Sieht man Geister auf und ab,
Sieht am Kirchhofszaun sie lauern.“
Wieviele Schauspieler, die diese Worte gesprochen haben, wieviele Zuhörer haben verstanden, was uns Puck, der archetypische Naturgeist, hier sagen will? Irgendetwas über Gespenster? Und was soll ein „church-way path“ („Kirchsteig“) sein?
Pucks Worte beziehen sich auf das lose Ende eines tiefverwurzelten Geisterglaubens, dessen Ursprünge in Zentralasien liegen. Er war schließlich in ganz Eur-asien zwischen Irland und China zu finden und so archaisch und weitverbreitet, dass er vermutlich auch heute noch vielen Afrikanern bekannt sein mag. Den ernsthaften Ley-Hunters wurde mit der Zeit deutlich, dass Alfred Watkins mit einigen der von ihm „Kirchen-Leys“ genannten Strukturen unwissentlich Teilstücke alter Kirchsteige, von denen Puck spricht, gefunden hatte.
Zwar ergaben sich über die verschiedenen Kulturen und Zeiten leichte Varia-tionen des Themas, doch der Kern des tiefverwurzelten Geisterglaubens besteht darin, dass die unterschiedlichen Ausprägungen von Geistern – Totengeister, Trugbilder von Lebenden oder auch Naturgeister wie etwa Feen – sich durch die physische Landschaft entlang spezieller Bahnen bewegen. Zumindest in ihrer Ideal-form werden diese Bahnen immer als völlig geradlinig beschrieben. Gewundene oder verschachtelte Strukturen hingegen hindern das Geistwesen daran, sich fortzubewegen.
Shakespeares „church-way paths“ beziehen sich auf eine bestimmte Art alter Pfade bzw. Straßen, die in Europa unter der Bezeichnung „Leichenwege“ oder „-Totenwege“ bekannt sind. In erster Line handelt es sich hier um mittelalterliche oder frühmoderne Phänomene. Viele sind mittlerweile verschwunden, und die ursprüngliche Bedeutung derjenigen, die noch als Fußwege existieren, geriet größtenteils in Vergessenheit.
Auf diesen Wegen konnte man auf Trauerzügen die Leichen direkt zum Friedhof transportieren. Oft führten sie von abgelegenen Orten zur Hauptkirche im Zentrum des Kirchspiels, denn nur diese hatte das Recht, Bestattungen durchzuführen. Für einige Gemeindemitglieder bedeutete dies, dass die Verstorbenen über ziemlich lange Distanzen transportiert werden mussten, mitunter auch über schwieriges Terrain. In England beispielsweise hatten von Kirchsteigen durchkreuzte Felder oft Namen wie „Churchway Field“, so dass es heute manchmal möglich ist, den Verlauf eines vergessenen Leichenwegs anhand der Abfolge alter Feldnamen zu rekonstru-ieren.
Shakespeares Puck spielt auf eine ver-bor-gene Geschichte der Wege an. Im Sinn des viel älteren Geisterglaubens verliefen solche Pfade ja nicht nur durch die physische Landschaft, sondern auch durch die unsichtbare Geografie, also durch das mentale Terrain der vorindustriellen Landbewohnerinnen und -bewohner. Überreste dieses archaischen Glaubens lassen sich an einer Reihe von virtuellen und physischen Strukturen im gesamten Alten -Europa festmachen.

Die Geisterwege Europas

Prähistorische Bodenmarkierung im Death -Valley, Kalifornien.

Unter den virtuellen Strukturen sind volkstümliche Vorstellungen zu verstehen wie der Glaube an eine „Leichenflugbahn“ im russischen Nemen. In der Stadt gab es einen litauischen und einen deutschen Friedhof, und es hieß, dass die Geister der dort Begrabenen zwischen beiden Orten hin- und herwechselten. Sie würden auf direktem Weg knapp über dem Boden fliegen, weshalb man die gerade Verbindungslinie frei von Zäunen, Mauern und anderen Bauten hielt, um die dahinflitzenden Geistwesen nicht zu behindern.
Auch in Deutschland waren sogenannte Geisterwege bekannt. Die Menschen waren sehr darauf bedacht, sie nachts nicht zu betreten. Das deutsche „Handbuch des Aberglaubens“ beschreibt sie wie folgt: „Ein solcher von Geistern gewählter Weg beginnt und endet meist auf einem Friedhof. Er gilt als Tummelplatz der Geister, die geradewegs auf ihm dahinziehen, querfeldein über Wasser und Sümpfe, und der Mensch tut gut daran, ihn zu meiden.“
In Irland gab es wie in anderen Gebieten keltischer Kulturüberprägung Feen-Wege, die ebenfalls nicht zu sehen waren, aber dennoch derart stark in der geografischen Realität der Landschaft verankert waren, dass sie niemals von Bauten versperrt wurden – dies in verblüffender Analogie zu Vorstellungen aus dem chinesischen Feng-Shui. In China mussten Wohnhäuser und Ahnengräber vor geraden Zuwegen oder anderen geradlinigen Strukturen („Pfeilen“) bewahrt werden, um unheilbringende Geister, die auf ihnen reisen, abzuhalten. In Irland wusste man von Leuten, die an Krankheit, Poltergeistphänomenen oder anderem Unglück litten, wenn ihre Häuser „im Weg“ oder „am falschen Platz“ standen, sprich einen Feenweg behinderten.
Feenpfade verbanden sogenannte Feenburgen (meist eisenzeitliche Ringwallanlagen), Spukberge bzw. -hügel, Dornbüsche, Quellen, Seen, Felsaufschlüsse oder steinzeitliche Monumente. Die meisten Quellen zum Phänomen der Feenwege lassen darauf schließen, dass diese Wege schnurgerade verliefen. -Patrick Kennedy beschrieb sie in seinem Buch von 1870, „The -Fireside Stories“, unmissverständlich: „Feen bewegen sich auf gerader Linie; sie gleiten dahin, als ob sie in geringem Abstand über dem Boden schwebten.“ Andere Berichte behaupten, dass Feen, wenn sie auf ein Hindernis wie etwa einen Busch treffen, einfach darum herumgehen, um sodann ihren vorherigen Kurs auf der anderen Seite wieder aufzunehmen.
Ein Beispiel dazu: In den 80er-Jahren erzählte der letzte Bewohner von Knock-een-creen in der Provinz Kerry von den Schwierigkeiten seines Großvaters, dessen Vieh immer wieder aus unerklärlichen Gründen verstarb. Ein vorbeiziehender Zigeuner erklärte dem Großvater, dass sein Haus auf einem zwischen zwei Hügeln verlaufenden Feenpfad läge, und er wies ihn an, die Vorder- und die Hintertür des Nachts leicht angelehnt zu lassen, um den freien Durchgang der Feen zu gewährleisten. Der Ratschlag wurde angenommen, und das Problem trat nicht wieder auf.
Die virtuellen Geisterstraßen wurden stets als völlig geradlinig wahrgenommen, die physischen Leichenpfade Europas waren es jedoch nicht in allen Fällen. Das liegt wohl daran, dass virtuelle Wege nur wenig von den realen geografischen Umständen beeinflusst werden. Die holländischen Doodenwegen wurden allerdings in früheren Zeiten alljährlich von offizieller Stelle auf ihre Geradlinigkeit und vorgeschriebene Breite hin überprüft.
Im Alten Europa scheint es also eine Art „virtueller Blaupause“ gegeben zu haben, die zur Annahme unsichtbarer Geisterwege und schließlich zu physischen Leichenwegen führte. Deren genaue gesellschaftliche Bedeutung wurde bislang noch nicht ausreichend erforscht. -Shakespeare lässt jedenfalls wenig Zweifel daran, dass die Leichenwege schließlich als Geisterstraßen wahrgenommen wurden und dabei Qualitäten der archaischen „Blaupause“ annahmen. Es gab eine Reihe von Vorstellungen, wie Verstorbene auf den Leichenwegen befördert werden sollten, damit ihre Geister nicht auf ihnen als Spukgestalten zurückkehrten. So sollten beispielsweise die Füße einer verstorbenen Person auf dem Weg zum Friedhof nicht in Richtung des Hauses der Familie zeigen. Oder der Leichentransport zum Friedhof sollte über Brücken, über offene, fließende Gewässer, über Zauntritte oder andere Orte des Übergangs führen, da Geister solche Hindernisse nicht überqueren können. Zu diesen Orten zählten auch Kreuzungen. Hier wurden die sterblichen Hüllen von Selbstmördern bestattet, um ihren Geist an diese Stelle zu „binden“;  auch Galgen standen häufig an Kreuzungen. Die Lebenden unternahmen einigen Aufwand, um die Toten davon abzuhalten, als verlorene Seelen durch das Land zu spuken.
Im belgischen Aalst singen noch heute die Trauernden: „Geist, geh du voran; ich folge dir.“ Offenbar nahm man an, dass auf den Leichenwegen tatsächlich Geister reisen. Dies unterstützt auch die Tatsache, dass der holländische Begriff für Leichenweg, Spokenweg („Spuk-“ bzw. „Gespensterweg“) lautete. Puck wusste also, wovon er sprach.
Durchaus möglich scheint auch, dass der archaische Geisterglaube die Inspiration für vorgeschichtliche Bauten bildete. Auf den britischen Inseln zum Beispiel verbinden von Erdwällen begrenzte, oft kilometerlange, geradlinige Bahnen, sogenannte Cursus-Monumente, mehrere Grabhügel. Der Zweck dieser Strukturen ist unbekannt, doch ihre Funktion als Geisterwege drängt sich geradezu auf. Analog gibt es einige neolithische und bronzezeitliche Ahnentempel in England, Irland und Frankreich, von denen Steinreihen ausgehen, die gelegentlich an einem großen Stein enden, der wirkt, als sollte dort etwas blockiert werden.

Hellseher im Totenreich
Man stieß auch auf eine Form der „nekro-mantischen Divination“, in Großbritannien church porch watch („Kirchenportalwache“) genannt: Ein Hellseher hielt zwischen elf und ein Uhr nachts Wache vor der Kirchentür, auf dem Friedhof, am Tor für den Leichenzug oder an einer nahegelegenen Straße (vorzugsweise einem Totenweg), um nach den Geistern derjenigen Ausschau zu halten, die in den folgenden zwölf Monaten dahinscheiden würden. Typischerweise fanden diese Wachen am 24. April – dem Abend vor dem Fest des heiligen Markus –, zu Allerheiligen, in der Neujahrsnacht oder am Vorabend von Mittsommer oder Weihnachten statt. Die Geister der todgeweihten Gemeindemitglieder erschienen dem Seher in Form einer Prozession, die über das Kirchengrundstück in die Kirche hinein verlief und auf gleichem Weg zurückkehrte. Vor allem in Wales vernahmen die Wachenden eine körperlose Stimme, welche die Namen der demnächst Sterbenden aufzählte. Vieles spricht dafür, dass diese Geisterprozessionen auf Leichenwegen in die Kirchumfriedung gelangten. Eine alte Bewohnerin von Fryup in Yorkshire war beispielsweise allseits dafür bekannt, dass sie die Tradition der Nachtwache am Vorabend des St. Markus-Tags aufrechterhielt, da sie an einem Leichenweg namens Old Hell Road („Alte Höllen-Straße“, die Göttin Hel wurde zur „Hölle“ korrumpiert) wohnte.
Ähnlich glaubte die holländische Volkstradition, dass sogenannte Voorlopers bzw. Veurkiekers („Hellseher“) voraussehen konnten, wer in der Gemeinde bald sterben würde, indem sie an Totenwegen Geister-Trauerprozessionen wahrnahmen. Der Volkskundler W.Y. Evans Wentz dokumentierte eine ähnliche Tradition in der Gegend des bretonischen Carnac. In Norwegen sahen Hellsichtige die Geister der Toten während Trancesitzungen (utiseta = „draußen sitzen“) in Friedhöfen oder an vorchristlichen Grabhügeln. Auch aus Ungarn ist eine ensprechende Tradition als „Lucia-Stuhl“ bekannt, denn die Sitzungen fanden zwischen dem Tag der heiligen Lucia (13. Dezember) und Weihnachten statt.
Eine volkstümliche Überlieferung aus Cornwall erzählt vom Geist des toten Gatten einer Frau, der sie über die Baumwipfel zu einem Zaunübertritt auf dem Weg zur Ludgvan-Kirche trägt, wo sie vorüberziehende Geister befragen konnte. Von Zaunübertritten hieß es häufig, dass sie von Geistern bevorzugt als Sitzgelegenheiten genutzt würden.

Die Geister kontrollieren
Eine weitere Facette solcher Weissagungs-Traditionen kannte man in Island, wo der Seher eine Kreuzung aufsuchte, von der aus „vier absolut gerade Straßen zu vier Kirchen führen“, oder von der aus am Neujahrsabend bzw. an St. Johanni vier Kirchen gleichzeitig zu sehen waren. Er bedeckte sich mit dem Fell eines Bullen oder Walrosses und lenkte seine Aufmerksamkeit auf die glänzende Klinge einer Axt, wobei er die ganze Nacht starr wie ein Toter verharrte. Um die Geister der Verstorbenen aus den Kirchfriedhöfen zur Kreuzung herbeizufrufen, damit sie ihn dort mit Informationen aus ihrem Reich versorgten, rezitierte der Seher einen Kanon von Beschwörungsformeln.
Kreuzungs-Divination wurde in früheren Zeiten auf den britischen Inseln wie in anderen Teilen Europas durchgeführt, wobei es in manchen Traditionen sogar hieß, dass man den Teufel an diesen Orten herbeirufen könne – vor diesem Hintergrund spielt auch die bekannte Geschichte über den legendären Blues-Musiker -Robert Johnson, dem nachgesagt wurde, er habe dem Teufel an einer Kreuzung seine Seele im Tausch für musikalisches Talent verkauft. Passend zu der Vorstellung, dass geradlinige Wege die Fortbewegung von Geistern erleichterten, glaubte man, dass Strukturen wie Kreuzungen oder Labyrinthe ihren Weg aufzuhalten vermochten.
All dies hatte mit der allgemein verbreiteten Furcht zu tun, Geister könnten in Wohngebäude gelangen. In Bayern finden sich bis zum heutigen Tag an alten Türschwellen verschachtelte Muster aus Kieselsteinen, in denen sich gefährliche Wesenheiten verfangen sollen. Gelegentlich sind direkt hinter der Eingangstür kleine, antennenartige Geisterfallen an die Deckenbalken geheftet. In ganz Europa verbreitet waren sogenannte Hexenflaschen – mit Fäden befüllte Flaschen oder Glaskugeln, nicht selten mit eingeflochtenen Talismanen, die den nächtlichen Flug der Hexen unmöglich machen sollten. Leichen legte man gekreuzte Schnüre auf die Brust, um zu verhindern, dass ihre Geister vor dem Begräbnis umhergingen, und an Kirchsteigen, an denen es angeblich spukte, stellte man Pfosten auf, an deren Spitze sich Netze aus Fäden befanden. Selbstverständlich kamen auch außerhalb Europas derartige Vorrichtungen zur Anwendung, beispielsweise in Tibet, wo man mdos genannte Fadenkreuze als „Teufelsfänger“ an den Dachfirsten – und in größerem Maßstab um ganze Klöster herum – installierte. All diese  Vorrichtungen gleichen den  bekannten „Traumfängern“ der indianischen Tradition Nordamerikas,  was die erstaunlich nahe beieinander liegenden weltweiten Vorstellungen über die Bewegung der Geister verdeutlicht.
Das alles mag seltsam erscheinen, solange man nicht die Prämisse akzeptiert, dass diese Vorstellungen einer gemeinsamen und sehr alten Quelle in Zentralasien entspringen. Eine alternative Erklärung wäre, dass die grundlegende „Verdrahtung“ des menschlichen Gehirns in Gesellschaften auf ähnlichem technologischem Niveau auch ähnliche Konzepte hervorbringt. Oder haben womöglich die vormodernen Menschen überall auf der Welt auf die Geistwesen, die sie in der Landschaft ziehen sahen, ähnlich reagiert?
Die Deutung linearer Phänomene in der Landschaft im Kontext solcher Forschungen führt uns zu einem tieferen Verständnis der sakralen Geografie unserer Vorfahren. Und das mag uns selbst dazu anregen, unsere eigene innere Landschaft mit den äußeren Landschaften, durch die wir gehen, in Beziehung zu setzen – und umgekehrt.