Mitte und Außen

Ein Kunstwerk verbindet Stadt und Land

von George Steinmann erschienen in Hagia Chora 27/2007

Ein dezentrales Kunstwerk, das die Verbindung zwischen zwei entfernten Orten sucht und sie wechselseitig „informiert“, ist Herausforderung und Wagnis zugleich. George Steinmann gelang eine solche Bezugnahme zwischen der Hauptstadt Bern und dem kleinen Bergdorf Saxeten.

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Das „Werk Saxeten, eine wachsende Skulptur“ ergab sich aus einem im Jahr 2002 vom Amt für Grundstücke und Gebäude des Kantons Bern und der Kantonalen Kommission für Kunst und Architektur ausgeschriebenen Studienauftrag für eine künstlerische Intervention am ehemaligen Frauenspital von Bern, in dem die kantonale Steuerverwaltung und ab 2003 Teile der Universität Bern untergebracht werden sollten.
Das „Werk Saxeten“ ist eine Recherche über eine Möglichkeit einer „Kunst-und-Bau“-Intervention mit zukunftsfähiger Wirkung. Es definiert Kunst als gesellschaftsbezogene Praxis, deren Potenzial primär in der Entwicklung und Bereitstellung spezifischer Denk- und Arbeitsweisen beziehungsweise Kompetenzen liegt. Dies impliziert ein transdisziplinäres Engagement an der Schnittstelle zwischen dem Kunstfeld und den verschiedenen Lebenswelten. Oberste Prämisse ist die Schaffung eines Kunstwerks mit gesellschaftlicher Relevanz. Der prozessorientierte Ablauf ist von zentraler Bedeutung und integraler Teil des Werkes.
Beim Studium der Leitgedanken der Steuerverwaltung fand ich erstaunliche Maximen, nach denen sich die Verwaltung in Zukunft richten wollte: Von „ganzheitlicher Bearbeitung der Aufgabe“, „Wechsel zu einem prozessorientierten Denken“ und von der „Verstärkung des Teamgedankens“ war dort die Rede. Das stand in Kontrast zu den Beschränkungen, die für das zukünftige Kunstwerk in der Ausschreibung aufgeführt wurden. Über bloße Dekoration hinaus schien es kaum möglich, in einem solchen Rahmen eine relevante Arbeit zu realisieren. So begann ich, die Struktur des gesamten Studienauftrags radikal zu hinterfragen und studierte deshalb auch die monetären Strukturen im Kanton Bern. Das Spannungsfeld zwischen Zentrum und Peripherie begann mich zunehmend zu interessieren. Ich lagerte die künstlerische Intervention kurzerhand aus – vom vorgesehenen Ort im Zentrum der Stadt Bern in eine der steuerschwächsten Gemeinde des Kantons Bern.
Der von mir gewählte Ort heißt Saxeten, ein auf einer steilen Südost-Hangschulter gelegenes, kleines alpines Dorf mit 120 Einwohnern. Wiewohl inmitten der Tourismusregion Berner Oberland gelegen, fließen die Besucherströme bis heute an Saxeten vorbei. Das Dorf hat dadurch weitgehend seine bauliche Identität bewahrt. Die geschwächte Infrastruktur besteht noch aus einem Schulhaus und einem Restaurant/Hotel. Der Laden im Dorf sowie das Postbüro wurden 2002 geschlossen.

Die Klause steht an einem geomantisch starken Ort.

Saxeten liegt in einem abgeschlossenen Talkessel, durch den der Saxetbach fließt. Die Landschaft ist sehr ursprünglich, wild und lieblich zugleich. Je enger das Tal in Richtung der Berge hin zuläuft, desto schroffer die Felswände. Die Bergbauern aus Saxeten sind auf Subventionen angewiesen, ein Teil der Einwohner arbeitet in Interlaken. So drängt einem dieses Dorf die Fragestellungen zur Beziehung von Stadt und Land, von Zentrum und Peripherie geradezu auf. Kann ein solcher Ort heute nur durch Subventionen überleben? Wie könnte eine nachhaltig wirkende Eigenständigkeit gefördert werden? Welche verborgenen Werte hat die Peripherie für Menschen aus dem urbanen Raum zu bieten? Kann ein „Mangel“ an Entwicklung auch Vorteil sein?
Das „Werk Saxeten“ besteht aus drei Teilen: Aus einer Fußgängerbrücke, einer Klause und einer Verortung des Werks an der Universität Bern, indem dort die Sitzungssäle nach Flurnamen des Saxettals benannt wurden und neben jeder Tür Landschaftsfotos von Saxeten aus verschiedenen Jahreszeiten montiert sind.
Ein solches Werk ist nur vernetzt realisierbar, vor allem zusammen mit der lokalen Bevölkerung. Damit beginnt die Begegnung von Zentrum und Peripherie, von Innen und Außen: Der Künstler aus der Stadt trifft auf die Bauern im Dorf.
Der Werkprozess war auch nur möglich im Dialog mit der Natur. Zunächst habe ich im Tal nach dem -Genius loci gesucht, nach dem landschaftlich und energetisch bestmöglichen Ort für Brücke und Klause. Der ursprünglich geplante Standort der Brücke sollte von einem Wanderweg über den Bach hinweg auf ein ansonsten unzugängliches Gelände von besonderer Naturschönheit führen: hohe, alte Bäume, die Stämme bis oben mit Moos und Flechten bedeckt, Farne, vielfältige Gras-und Pflanzenarten. Nach gut 100 Metern sollte der Pfad in die Klause münden. Der Sommer 2005 brachte jedoch verheerende Unwetter in die Schweiz – das erste im Juni ein paar Tage bevor die Fundamente des Stegs gelegt werden sollten. Nach weiteren schweren Unwettern war bis Ende August der Wanderweg auf ca. 25 Meter weggespült und der Perimeter der Klause von Geröll verschüttet. Der von mir ausgesuchte Ort war nicht mehr verwendbar.
An diesem Punkt stellte ich das gesamte Werk in Frage. Ich erlebte hautnah, dass wir über die Natur keine absolute Kontrolle haben. Alles Machbare stößt an Punkte, an denen es gilt, loszulassen.

Eingangshalle der Universität Bern im ehemaligen Frauenspital. Die Räume tragen Flurnamen des Saxettals.

Schließlich fand sich in Absprache mit der lokalen Behörde weiter oben im Tal ein neuer Standort für die Brücke, die gleichzeitig den neu erstellten Saxeter Wanderweg erschloss. Der neue Standort der Klause fand sich gut 300 Meter unterhalb der Brücke auf einem kleinen Hügel in einer Wiese. Früher stand dort eine Scheune, die wie die meisten alten Scheunen mit einem klaren Bewusstsein für gute Orte platziert war.
Der schlichte Holzbau der Klause ist in Nord-Süd-Richtung orientiert, um optimale Lichteffekte im Inneren zu erreichen. In der Decke ist ein Glas so eingesetzt, dass die Sonne den ganzen Tag ein Licht- oder Schattengemälde auf die Wand projiziert. Die Klause ist inmitten der vielgestaltigen Natur bewusst karg gestaltet, sie will den Assoziationen der Besucher keine Vorgaben machen. In der Klause gibt es lediglich eine Sitzmöglichkeit und einen Tisch, in den ein Aquarell aus Arnikasaft und Bienenhonig eingelassen ist.
Gelegentlich werde ich gefragt, was eigentlich in dieser Klause passiere – denn darin sei ja gar nichts. Genau darum aber geht es. Man kann dort über Fragen nachdenken wie: Was heißt heute Landschaft? Was bedeutet „Schönheit der Natur“? Oder man kann über die Funktionalität einer Landschaft reflektieren, über die Spannung zwischen Landwirtschaft, Wildnis, Tourismus. Man kann sich mit Phänomenen wie Klimawandel im Alpenraum beschäftigen oder aber nur die Leere und Stille wirken lassen. Meditieren.
Man kann nie sicher sein, ob es gelingt, einen Ort der Stille zu schaffen. Bei der Klause scheint es gelungen. Ich erhalte viele Zuschriften von Menschen, die über die Wirkung dieses Raums berichten. Kürzlich schrieb mir ein Besucher aus London, der im Saxettal unterwegs war. Wegen eines Gewitters musste er zwei Stunden in der Klause verbringen. Für ihn war das eine besondere Auszeit, auch wenn nicht viel passierte: Er hat den Duft des Lärchenholzes wahrgenommen, den Regen gehört, über das Leben nachgedacht und ist nach dem Regen weitergezogen.
Mit dem Lärchenholz der Klause und der Brücke verbindet sich eine besondere Geschichte. Am Eingang des Saxettals liegt ein Staatswald, der vor 200 Jahren von einem der Begründer der nachhaltigen Forstwirtschaft, dem Förster und Staatsmann Karl Albrecht Kasthofer, selber angelegt worden war. Davon erfuhr ich erst, nachdem ich mich für Saxeten entschieden hatte, und es war mir sofort klar, dass das Holz für mein Werk nur aus diesem Wald stammen konnte. Kasthofer, ein Forstpionier, erklärte seinen Zeitgenossen: „Nachhaltig wird ein Wald benutzt, wenn nicht mehr Holz gefällt wird, als die Natur darin erzeugt, und auch nicht weniger, da sonst entweder der Wald erschöpft oder veralten und zusammenfallen müsste.“ Auch, dass ein gesunder Wald zur Verschönerung der Landschaft beiträgt, hat er betont.
Diese Verbindung ist ein Paradebeispiel für Synchronizitäten. Selbstverständlich musste das von mir verwendete Holz aus Kasthofers Forst stammen, da mich das Thema Nachhaltigkeit in der Kunst seit langem beschäftigt. Die Bäume wurden dann in der richtigen Mondphase geschlagen. Die Verarbeitung erfolgte nach baubiologischen Kriterien.
Die Geschichte vom Holz zeigt mir einmal mehr, dass man Prozessen vertrauen kann. Und lebendige Prozesse haben die Eigenschaft, sich kontinuierlich selbst fortzuschreiben. Als Beispiel: Vor kurzem ist eine Gruppe von Portfoliomanagern des Kantons Bern an mich herangetreten, weil sie in Saxeten eine Weiterbildungstagung zum Thema nachhaltiges Bauen abhalten wollten. Eine wunderbare Resonanz des Werks! Und solche Ereignisse sind letztlich auch für Saxeten wertvoll: Es wurden an die zwanzig Personen mit dem Postauto ins Dorf gefahren, im Restaurant verpflegt, und dadurch wurde Einkommen für die lokale Bevölkerung generiert.
Dies ist nur eines der vielen Beispiele für die Verbindungen, die seit der Eröffnung des Werks im Juli 2006 zwischen Zentrum und Peripherie entstanden sind. Die Arbeit ist auf der materiellen Ebene exemplarisch für das Leitbild nachhaltiger Entwicklung. Das Besondere daran sind aber vor allem die Energien, die durch die Menschen im Dorf kumuliert werden. Auf diese Weise entwickelt das Werk vor Ort seine Kraft und seine Verwurzelung. Aber auch der umgekehrte Kräftefluss ist wichtig. Durch die Medienberichte spricht man in Kunstkreisen und in der Uni Bern über das Dorf und die Strukturprobleme ländlicher Regionen. Inzwischen hat der Gemeinderat von Saxeten auch die Universität Bern besucht. Solche Kontakte sind symbolischer Brückenschlag und Zeichen für einen Dialog zwischen Stadt und Land. Ein lebendiges Kunstwerk entzieht sich dem musealen Aspekt. Es entwickelte vielmehr seine eigene Dynamik, so dass viele Kräfte dazu beitragen, seine Bedeutung zu entfalten.

Der Text basiert auf einem Interview der Hagia-Chora-Redaktion mit George Steinmann sowie auf dem Buch „Das Werk Saxeten. Eine wachsende Skulptur“ mit Beiträgen von Hildegard Kurt, George Steinmann und Peter J. Schneemann, herausgegeben vom Atelier Steinmann, www.george-steinmann.ch.