Landschaft der Berggöttin

Der mythische Berg Gonzen bei Sargans über dem Rheintal

von Kurt Derungs erschienen in Hagia Chora 26/2007

Der Ethnologe Kurt Derungs hat bereits öfter in Hagia Chora seinen Ansatz der Landschaftsmythologie, die Aspekte aus Archäologie, Mythologie und Ethno-logie verbindet, vorgestellt. Hier interpretiert er die Ritual- und Kultlandschaft einer Berggöttin in der Region von Bad Ragaz und Sargans als Körperlandschaft der mit den Jahreskreisfesten verbundenen Orte.

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Das Schweizer Städtchen Sargans liegt unmittelbar zu Füßen des Gonzen zwischen dem Seeztal und dem Rheintal. Schon von weitem erblickt man den alles überragenden Berg und das Schloss Sargans mit seinem Turm. Vom Schlosshügel aus, der wie ein Sporn aus dem Berg hervorragt, lässt sich die Landschaft gut erkennen. In Sichtweite sind die beiden Kulthügel von Bad Ragaz, der Spil- und Freudenberg, der Tiergarten im Seeztal, die Orte Mels, Wangs und Vilters, aber auch die Kulthügel von Balzers und der imposante Fläscher Berg, der riesenhafte Drachenberg des Sarganserlandes. Einst verkörperte auch die Lebensader Rhein einen Drachenfluss, bevor er gnadenlos begradigt wurde. Älteste Funde finden wir in Sargans aus der Jungsteinzeit, so eine Silexspitze von der Flur Prod unterhalb des Gonzen. Ebenfalls in Prod wurde ein Messer aus der Bronzezeit entdeckt. Aus der Eisenzeit (frühe und späte Keltenzeit) sind zahlreiche Einzelfunde im Bereich Vilters, Mels und Sargans zu verzeichnen. Ab dem 5. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung besiedelten rätische Stämme das Sarganserland. Rätisches und Keltisches vermischten sich und bildeten eine kelto-rätische Kultur. Um 15 v.u.Z. eroberten die Römer die Region und kolonialisierten das Alpengebiet. Seither spricht man von einer räto-romanischen Kultur. Zeugnis davon gibt eine römische Villa, die in der Malerva ausgegraben wurde. Ab dem 5. Jahrhundert besiedelten Alemannen das Rheintal, doch die Landnahme drang nur langsam ins romanische Gebiet. Noch um 1400 sprach man im Sarganserland romanisch bzw. räto-keltisch-romanisch. In diesem Sprach-Amalgam, das wir durch die Ortsnamenkunde nachweisen können, befinden sich auch vorromanische, vorkeltische und sogar alteuropäische Reliktwörter. Der Ortsname Bad Ragaz kann zum Beispiel auf eine Grundform Reg-Iz-a zurückgeführt werden, die allgemein einen Wasserort bezeichnet. Man vergleiche dazu den Fluss Regen in Bayern. Ein solches Reliktwort ist auch der Name Sargans. Gerne wird er von einer „Gans“ hergeleitet, die das erste Tier gewesen sein soll, dass man bei der Landnahme antraf. Doch diese Worterklärung gehört ins Reich der Phantasie. So lautet der Ortsname um 765 Senegaune und um 843 Senegaunis. Deutlich erkennbar sind zwei Wortteile, nämlich sene- (und später sar-) sowie -gaunis. Das sen/sar dürfte ein Wasserwort sein, während sich bei gaunis die Wortwurzel gan/kan zeigt, wie z.B. auch im Ortsnamen Genf (Gen-ava). Das Wort stammt aus vorkeltischer Zeit Alteuropas und bedeutet Stein, Fels, Hügel oder Berg. Damit ist eindeutig der heilige Berg Gonzen bezeichnet. Senegaunis ist also der Wasser-Bergort oder der Berg-Flussort, was mit dem markanten Gonzen sowie den Flüssen Rhein und Seez gegeben ist. Einst traten diese jedes Jahr über die Ufer und bewässerten den Talboden. Unser Steinwort gan findet sich auch im Bergnamen Gonzen wieder. Noch heute kennen wir im Alpenraum den Ausdruck „verganden“, was den Vorgang meint, wenn eine Alp mit Steinen belegt wird. Und im Engadin bezeichnet „Ganda“ eine Geröllhalde. Immer wieder stoßen wir im Alten Europa auf dieses Steinwort, es existiert selbst als mediterranes Wort in hamito-semitischen Sprachen, denn gandal bedeutet dort wortwörtlich Stein.

Steinerne Ahnin
So wollen wir den Gonzen und seine Umgebung näher betrachten. Am Fuß des heiligen Bergs liegt nicht nur das Schloss Sargans, sondern – oberhalb der Flur Prod – auch ein Steingarten mit einem Schalenstein. Es handelt sich um einen größeren Block, auf den man hinaufsteigen kann. Oben lassen sich zwei ausgeprägte Schalen mit einem Durchmesser von 10–16 cm erkennen. Es dürfte sich um einen Ritual- und Opferstein gehandelt haben, eine Art Gabenort für den Gonzen. Geradewegs gegenüber – auf der östlichen Seite – liegt Retell. Hier, ein Stück oberhalb an steiler Halde, entdecken wir einen weiteren Kultstein: Am „Läiterstäi“ holten sich die Frauen der Region die Kinder- und Ahnenseelen, um sie in einem Ritual spirituell zu empfangen und wieder ins Leben zu führen. Dies wurde in der Region an vielen Stein- und Wasserorten praktiziert. Erst später rutschte dieses alte mythologische Ritual wie die Mythenmärchen in die Kinderstube, wo die Kinderherkunft „von oder hinter dem Stein“ schmunzelnd erklärt wird. Ein Kinder schenkender Stein ist sicherlich ein weiblicher Stein. Er repräsentiert, wie vermutlich auch der Schalenstein bei Prod, eine Ahnfrau der Region. Sie wurde später mit der heiligen Barbara in Zusammenhang gebracht, denn es heißt, diese sei vor der Spleekapelle erschienen und habe auf die reichen Schätze im Bergheiligtum Gonzen hingewiesen. Darauf sei der Bergbau am Gonzen in der neueren Zeit wieder entstanden. Zudem ist die heilige Barbara die Schutzpatronin der Bergleute. Die Christianisierung der Steinahnin zeigt auch die Überformung mit Maria. So wird in Vild nordöstlich von Sargans-Retell von einer Marienstatue berichtet, sie stamme aus der Region Wartau. Während der Reformation habe man sie auf einem Stein über der Straße platziert. Ein Vilder nahm sie in sein Haus, doch am nächsten Morgen stand sie wieder draußen auf dem Fels. Dort erstellte man dann einen Bildstock. In einer anderen Version wird die Muttergottes aus dem Rhein gezogen. Sie soll bei St. Antönien ins Wasser geworfen worden sein. Später wurde eine Kapelle gestiftet. Solche Marienwunder und Marienerscheinungen sind in ganz Europa bekannt. Sie dienen einerseits der Missio-nierung der „heidnischen“ Bevölkerung, andererseits wird damit eine alteingesessene Landschaftsgöttin überdeckt, die im Volk immer noch verehrt wird oder zumindest in Erinnerung ist. Spuren von ihr finden wir in den Sagen, wo die weiße Frau die ehemalige Ahnin darstellt. Die Legende von Vild weist zudem auf zwei charakteristische Erscheinungen in der Region hin, nämlich auf einen Kultstein und auf die Lebensader Rhein. Durch diesen kirchenmythologischen Bezug erhalten wir in der Rückschau den naheliegenden Kontext, dass dieser Marienstein ebenso einer Steinahnin geweiht war wie der Kindlistein von Retell. Der Rhein war ihr heiliges Gewässer. Die „Marien“-Ahnfrau von Vild besaß außerdem einen männlichen Begleiter: eine entsprechende Figur aus der Eisenzeit wurde am Ort gefunden.

Aspekte der Berggestalt

Der Fläscher Berg gegenüber des Gonzen, der Drache der Berggöttin.

Weisen der Kinder- und Marienstein auf die Verehrung der weiblichen Landschaft hin, so sehen wir dies ausgeprägt im Erscheinungsbild des Gonzen selbst. Von Süden her erscheint der 1829 Meter hohe Berg als eine markante Pyramide, welche die ganze Region überragt. Schon allein durch diese Dreieckform ist der Gonzen ein weiblicher Berg. Außerdem ist das Gebirge dreigeteilt: Zwei Kuppen begleiten den Gipfel auf jeweils einer Seite. Diese Dreigestalt finden wir zum Beispiel bei den gallo-römischen Matronasteinen wieder. Sie zeigen, wie zwei Muttergöttinnen mit Fruchtschalen links und rechts von einer jeweils erhöhten Ahnfrau sitzen. Vermutlich sahen die Menschen einst ihren heiligen Berg in derselben Frauendreiheit. Ein weiteres Sinnbild entsteht, indem wir die Kuppen als Schulterpartien auffassen, während der mittlere Gipfel den Kopf darstellt, der mit seinem natürlichen Zipfel einen Scheitel andeutet. Solche „Scheitel“ existieren tatsächlich im Steinkult der Menhire der Westschweiz. Bis jetzt sind wir auf der Suche nach Bildern von einer horizontalen Perspektive ausgegangen, doch das ganzheitliche Erkennen früher Menschen bedingt auch eine vertikale Wahrnehmung. In der Vertikalen zeigt sich der Gipfel wie ein Gesicht mit einer Nase. Außerdem sehen wir eine weibliche Brustform vor uns. Aus dem Scheitel in der Horizontalen ist in der Vertikalen eine Brustwarze geworden. Es ist derselbe Berg, seine Apspekte sind so vielgestaltig wie diejenige der Landschafts-ahnin in ihren Mythen und Sagen. Beeindruckend ist die Berggöttin auch aus anderen Richtungen betrachtet. Von Nordosten sehen wir den Gonzen im Profil. Der Berg zeigt sich in seiner Silhouette mit einer Kopfpartie, mit schweren Brüsten und einem schwangeren Bauch. So ergibt sich das Bild einer sitzenden Muttergöttin, die thronend über ihre Landschaft blickt. Wir verstehen nun umso deutlicher, warum die Frauen zum Kinderstein zu Füßen der schwangeren Berggöttin gingen, um zu empfangen. Bei Wangs gegenüber von Sargans führt ein Weg den Grossbach entlang zu einem Wasserfall. Bei der Flur Tobel am Waldrand liegt ein bearbeiteter Stein mit halbkreisförmigen Spuren. Von hier aus erblicken wir wieder den mystischen Gonzen, doch nun erscheint das Gebirge als Doppelhorn und mit einer Einsattelung. Vom Zeichenstein in Wangs führt die Sichtlinie zu diesem Joch, wobei man genau nach Norden blickt. Es dürfte sich um einen Altarstein für den heiligen Berg handeln, der hier in seiner Doppelgestalt und in Analogie zum Körper wiederum als Busenberg erscheint. Nicht weit von Wangs-Tobel liegt die Flur Fontanix. Dort soll einst eine junge, schwangere Zwergenfrau ihr Kind zur Welt gebracht haben, während ihr eine Frau der Gegend bei der Geburt half. Als Dank erhielt die Hebamme Kohlen, die sich in Gold verwandelten. Diese geheimnisvolle, Reichtum und Erdschätze schenkende „Zwergin“ scheint die verniedlichte Ahnfrau der Region zu sein, wie es in den Mythensagen oft geschildert wird.

Die Ahnfrau mit der Schlange
Unter der Berggöttin Gonzen fließt als Lebenswasser und Drachenfluss der Rhein. Die Göttin mit der Schlange gilt in der Mythologie als Ursymbol der Schöpfung. Aus sich selbst oder im Spiel mit der Schlange erschuf sie die Welt. Darum wird sie oft schwanger dargestellt, manchmal archaisch, indem die Lebensschlange aus ihrem Schoß hervorgeht. Der Name dieser Ahnin ist Ana/Dana. Sie war vom Mittelmeer bis nach Irland die alteuropäische Große Ahnfrau. Wir kennen sie als Anat im Alten Orient und als Tinit in Nord-afrika, als Anahita in Persien, im Landschaftsnamen Anatolien, auf Kreta als Danaë, in Italien als Anna, in Tirol als Göttin Tanna des sagenhaften Volks der Crodères, im Bergnamen Anis in der Auvergne, in den Flussnamen Donau und Don, als Göttin Iduna in Nordeuropa und als Dana in Irland. In Graubünden und besonders in der Region Kunkelspass-Taminatal wurde die Ahnfrau mit ihrer Drachenschlange als heilige Margaretha umgedeutet, obwohl die Volkstradition immer zwischen der alten „heidnischen“ Margaretha und der christlichen Märtyrerin unterschieden hat. Ihr entspricht die sagenhafte Madrisa der Region Klosters, wo sie als wundersame Sennerin und als Berggöttin erscheint. Der Name „Madrisa“ leitet sich von Mater Rita ab, also Mutter Reitia. „Mutter“ ist eine übliche Anrede der Ahnfrau, und Reitia war eine Große Göttin der rätischen Alpenregion. Sie ist inschriftlich und archäo-logisch auch im Gebiet Tirol belegt. Die Umdeutung der Reitia geschah mit einem ähnlich klingenden Wort Marga-Retha, so dass ihr eine christliche Herkunft unterschoben werden konnte. Im Volkslied, dem bekannten Margarethalied, erscheint sie ebenfalls als Sennerin, zudem als eine sak-rale Frau, die mit dem Steinkult verbunden war, denn sie rutscht auf einem „Staffel“ aus, d.h. auf einem heiligen Stein, um eine Kinder- und Ahnenseele zu empfangen. Auch in Graubünden wurde das Ritual, auf einem solchen Stein zu rutschen, noch lange von Frauen praktiziert. Margaretha besitzt auch einen männlichen Begleiter, der als naiver Hirte beschrieben ist. Im Volkslied ist sie die Reichtumspenderin der üppigen Landschaft, worin sie mit den Wiesen und Quellen identisch erscheint. Denn wenn sie vertrieben wird, nimmt sie auch den Segen der Erdkräfte mit, und das Land verödet. Gegenüber ihrem Hirten bewirkt sie seine Zeit der Wandlung, seine Jenseitsreise im Herbst und seine Wiedergeburt zu Mittwinter. Sie ist also auch eine Leben-im-Tod-Göttin. In der Landschaftsmythologie finden wir häufig den geographischen Raum nach weiblichen und männlichen Kriterien eingeteilt. Im Sarganserland ist, wie wir gesehen haben, der Gonzen der Ahninberg. Ihm gegenüber liegt der Fläscher Berg, der das Symboltier der Göttin, den Drachen verkörpert, in dem sich das männliche Prinzip manifestiert. Damit besitzen wir eine weiblich-männliche Polarität in einem geographischen Ost-West-System, und dazwischen fließt der Rhein als Lebensader der Landschaftsahnin. Wiederum ist damit die Schöpfung und Wandlungskraft der Ahnfrau beschrieben. Diese Zusammenhänge können die männlichen Figürchen bei Balzers-Gutenberg und Sargans-Vild erklären, die auf den Begleiter der Göttin hinweisen.

Kultlandschaft des Jahreskreises

Gravuren auf dem kinderschenkenden Schälchenstein bei Prod am Gonzen.

Diese beiden Steinkultplätze zu Füßen des Gonzen können ergänzt werden durch den interessanten Abhang Passati westlich von Prod. Gemäß der Sage handelt es sich um einen Ort des Todes. Damit ist erkennbar, dass die Berggöttin nicht nur das neue Leben bei ihrem Kindlistein schenkte, sondern in unmittelbarer Nähe bei Passati auch wieder zu sich nahm. Sie war die Tod-im-Leben-Göttin, die Herbst- und Winteralte, genauso wie die schwangere Schöpferahnin der Wiedergeburt. Die folgende Sage berichtet diese mythischen Zusammenhänge, jedoch verpackt als Rittersage mit einem Unterdrücker und einer Liebesromanze. „An der Basatienwand bei Sargans hört man in mondhellen Nächten oft ein Rufen, Wimmern und Klagen. Das rührt von zwei Liebenden her, die dort unselig gestorben sind. Im Proder Feld wohnten sie, Rupp, der kühne Junge und seine Mathilde. Einst kam Graf Kuno, dem das Mädchen auch gefiel, aus dem Tal herauf. Er wollte die Maid frech entführen. Mathilde aber weigerte sich, auf sein Schloss zu kommen. Er befahl seinen Knechten, die Widerspenstige einzufangen und ihm aufs Ross zu bringen. Im roten Gemach des Schlosses sollte sie Gehorsam lernen. Nun eilte Rupp herbei und wollte sich seiner Braut annehmen. Aber Graf Kuno befahl, man solle ihn binden und in den tiefen Turm werfen. Der entschlossene Jüngling wirft den ersten Schlossknecht nieder. Als aber die andern auf ihn eindringen, fasst er seine Braut und stürzt sich mit ihr über die Felswand hinab. Der frevelnden Hand sind sie entronnen; aber ein freiwilliger Tod führt immer zu einem unseligen Ende. Bis zum jüngsten Tag müssen sie dort mit Rufen, Wimmern und Klagen ihre Sünde büßen und müssen die Stelle unheimlich machen, wenn nicht eine unschuldige Seele, eine reine Jungfrau, sich ihrer erbarmt und sie erlöst.“ Die Passatiwand war ein mythischer Ort des „Liebestodes“, d.h. der Jenseitsreise des Vegetationsheros, der hier im Kultdrama der jahreszeitlichen Mysterienfeier seine Zeit der Wandlung erlebte. Seine Reise in die Unterwelt erfuhr er im Spätsommer und Herbst, wenn sich die Liebesgöttin und die Kräfte der Natur ins Jenseitsreich zurückziehen, um sich zu regenerieren und zu verjüngen. So verweist die Geliebte „Mathilde“ in dieser Sage auf die ehemalige Sommerfrau, die sich wie die Landschaft zur Herbstalten wandelt. Andererseits steht sie für die Venusgöttin, die den Geliebten nach der hohen Zeit der Heiligen Hochzeit an die Zeit der Jenseitsreise erinnert. Vielleicht bewirkte sie diese selbst wie die Göttin Artemis gegenüber ihrem Geliebten Aktaion. Oder es erscheint ein grimmiger Geselle, eine schwarze Todesgestalt des Winters, und nimmt durch einen „Unfall“ den Heros mit ins Reich der Schatten. Auf jeden Fall war diese Unterwelt keine Hölle, sondern ein Paradies mit Schätzen, Musik und der Gewissheit auf eine Wiedergeburt durch die Erdgöttin. Denn schon bald nach dem Fest der Ahnen Anfang November (Allerseelen) folgte an Mittwinter die Feier der wiederkehrenden Erdkräfte. Damit haben wir eine ganze Kultlandschaft wiederentdeckt. Sie liegt zwischen dem Fläscher Drachenberg, dem Ahninberg Gonzen und dem Georgenberg im Seeztal. Das mythische Jahr endete mit der Jenseitsreise des Geliebten der Göttin am Ort Sargans-Passati. Als Stätte des Jenseits-paradieses konnten wir den Drachenberg bei Berschis erkennen. Hier ruhen die Ahnen und der Vegetationsheros im Herbst. Die Wiedergeburt zur Wintersonnenwende und zum Jahresbeginn wurde in Sargans-Retell dramatisiert – in der Nähe des Orts, wo nach alter Auffassung die Unterweltfahrt begann. Im Frühjahr wandelte sich die Herbst- und Winteralte zur weißen Frau und initiierte den jungen Heros im Gebiet von Spilberg und Freudenberg bei Bad Ragaz. Im Mai und zur Sommersonnenwende feierte die Landschaftsahnin als Venusgöttin auf dem roten Kulthügel Tiergarten die Heilige Hochzeit mit dem Jahreskönig. Diese Zeit der Blüte, der Liebe und der Früchte endete im Spätsommer und Herbst. Die Jenseitsreise begann, und das mythische Jahr nahm von neuem seinen ewigen Kreislauf.

Literatur: Kurt Derungs und Christina Schlatter: Quellen Kulte Zauberberge. Landschaftsmythologie der Ostschweiz und Vorarlbergs. edition amalia, Grenchen 2005. (www.amalia.ch)