Das weiße Land

Natur und Anderswelt im Altai

von Cornelia Künzel erschienen in Hagia Chora 24/2006

Die Chancen, Einblick in eine Gesellschaft zu erhalten, in der geomantische Vorstellungen zum Alltag gehören, sind rar. Cornelia Künzel kam in der Republik Altai in Kontakt mit einer zugleich fremdartig und vertraut erscheinenden Kultur.

Altai – Eine Reise ins weis(s)e Land der Seele“ versprach die Ankündigung im Prospekt eines Reiseveranstalters. Das hatte mich magisch angezogen. Der Altai ist ein Gebirge nördlich der Wüste Gobi im Herzen Asiens. Seit Jahrtausenden ist er besiedelt und war Zentrum bedeutender Kulturen. Unsere Reise in einer kleinen Gruppe führte in die Republik Altai, eine der 21 ethnischen Republiken der russischen Föderation, auch Hoch- oder Bergaltai genannt. Sie grenzt im Osten an Tuwa, im Südosten an die Mongolei, im Süden liegt China und im Südwesten Kasachstan.
„Bitte anschnallen, wir setzen zum Landeanflug auf Novosibirsk an. Die Außentemperatur beträgt fast 40 Grad.“ Plus, wohlgemerkt. Es ist Mitte August, aber an Sommerkleider habe ich nicht gedacht. Sibirien wirft alle Vorstellungen durchein–ander. Auf der langen Fahrt mit dem Bus von Novosibirsk über Akademgorodok ins Herz der Republik Altai überrascht mich vertraute Vegetation – Kiefern- und Birkenhaine, Wiesen mit rotem Klee, in den Dörfern Kartoffeln, Mohrrüben, rote Bete, Zwiebeln. Auf den Bergwiesen blühen kleine wilde, zartviolette Astern.
Beim Eintritt in den Altai begegnet uns bereits eines der sichtbaren Zeichen einer tiefen Verbundenheit zwischen den hier lebenden Menschen und den Wesen der Anderswelt, die mich mit einer Mischung aus Fremdheit und Vertrautheit erfüllt. Djima, der Fahrer unseres Kleinbusses, stoppt an einer monumentalen, weißen Stele, die die Grenze zwischen Russland und der -Republik Altai markiert. Feierlich überreicht unsere Reiseleiterin Galina allen weiße Stoffbänder. „Die sind für die Geister des Altai,“ erklärt sie. „Wir begrüßen sie und bitten um Einlass. Mögen sie uns wohl gesonnen sein.“
Eine Silberweide neben der Stele ist über und über mit Stoffstreifen behängt. Viele haben vor uns hier um Einlass gebeten. Hinter der Weide locken die in der Abendsonne blinkenden Wasser des Flusses Katun. So schnell eilt der Strom vorbei, dass wir uns nur vorsichtig vom Ufer weg ein paar Schritte hineinwagen können. Wohltuend umspült das klare, kalte Wasser meine Beine. Mit dem Reisestaub werden vorgefasste Meinungen und Vorstellungen abgewaschen, und ich öffne mich dem großen Abenteuer Altai.

Der Maler und die Poetin
An der Wohnungstür im ersten Stock in Gorno Altaisk empfängt uns die rothaarige, schlanke Tochter des Hauses. Wir werden ins Wohnzimmer geführt, und Galina macht uns mit dem Maler Leonid Safronow und seiner Familie bekannt. Leonid erweist sich als sehr zurückhaltend, aber seine Frau, eine Poetin, schwarzgekleidet, mit blondem Haar, erzählt uns vom Altai.
Der Altai ist ein Land der hohen Berge und der Steine. Der höchste Berg, die Belucha, ist ein Massiv mit zwei Spitzen, beide um die 4500 Meter hoch, kaum erreichbar für Menschen. Von ewigem Schnee bedeckt, strahlt sie in der Sonne leuchtend weiß, und das ist für die Altaier die Farbe der Seelen. Tage später, als ich die Belucha von Angesicht zu Angesicht erblicke, verstehe ich den tiefen Respekt, den die Menschen im Altai diesem Berg zollen.
Die Poetin erzählt uns auch von den uralten Steinwerkzeugen im Altai, die bis zu 300000 Jahre alt sind, und von den reichen Felszeichnungen aus der Jungsteinzeit, die man in einigen Tälern fand. Kaum vorstellbar, was für ein geschichtsträchtiges Land wir betreten haben, es soll die Wiege aller Religionen sein. Leonid Safronow hat einige Symbole der alten Steinritzungen für uns auf Steine gemalt. Hirsche mit der Sonne zwischen ihren Geweihstangen, Fabelwesen und natürlich das gleichschenkelige Kreuz im Kreis, das auf der ganzen Welt, von Nord-amerika über Lappland bis in den Fernen Osten, auf Felsritzungen zu sehen ist.
Ein Maler war es, Nikolas Roerich, der mit seinen zum Teil psychedelisch anmutenden Bildern aus den 20er- und 30er- Jahren des vorigen Jahrhunderts in vielen Menschen ein Fernweh – oder Heimweh – nach dem Altai weckte. Heute setzt sich ein Netzwerk von Menschen für den Erhalt der ethnischen Kultur des Landes ein – Museumsdirektoren, Lehrer und Künstler, Mitarbeiter des Nationalparks sowie Schamaninnen und Schamanen.

Geomantie und Umweltschutz
Danil Mamyev, ein Mitarbeiter des Karakol-Nationalparks „Ooch Enmek“, begrüßt uns in seinem Büro in der Kleinstadt Ongudai. Ernst, sehr ernst blicken uns seine schmalen, dunklen Augen unter dem dichten Pony an.
„Ein Gespräch heute, zu dieser Zeit, an diesem Ort, mit dieser Mondstellung und Atmosphäre wird anders verlaufen als ein Gespräch morgen,“ betont er, bevor er eine Einführung in die Geschichte und Philosophie des Nationalparks gibt, der aufgrund einer Initiative der Organisation „Tengri“, einer „Schule für die Ökologie der Seele“, im Jahr 2001 gegründet wurde.
„Nach der Perestroika hat sich die Regierungspolitik in Fragen des Naturschutzes stark verändert. Land wurde privatisiert, dabei wurden keine Rechte von ethnischen Minderheiten vorgesehen. Früher wurden Naturschutzgebiete von oben eingerichtet, während dieser Nationalpark auf Wunsch der Einwohner geschaffen wurde. Für die traditionellen Völker des Altai ist Natur nicht nur die Lebensgrundlage, sie haben auch einen geistigen Kontakt zur Natur. Naturschutzgebiete sind für die Einwohner wichtig, um die heiligen Orte zu schützen. Es gibt Zonen, die gar nicht betreten werden dürfen, Zonen, die nur zu bestimmten Zeiten betreten werden und Zonen zum Leben. In diesem Naturschutzgebiet zeigen wir, warum diese Zonen notwendig sind.“
Das Territorium des Parks umfasst eine Fläche von 60551 Hektar. 810 Hektar sind streng geschützt, dort ist jegliche Aktivität verboten. Auf 4777 Hektar Fläche ist kommerzielle Nutzung mit Ausnahme von geführten Exkursionen untersagt .
Das Tal von Karakol wurde von der einheimischen Bevölkerung schon immer als heilig betrachtet. Für Danil Mamyev, der aus dem Tal stammt, bedeutet der Verkauf und die Zerstückelung heiliger Orte die Zerstörung von Beziehungen, die Jahrtausende lang für Harmonie gesorgt haben. Er meint dabei auch Verbindungen zwischen Erde und Kosmos und Beziehungen zwischen verschiedenen Plätzen auf diesem Planeten. Nach Danils Überzeugung sind Naturkatastrophen auf die Zerstörung heiliger Orte zurückzuführen.
Während Danil spricht, schaue ich mich in dem Büro um: ein modern eingerichtetes, helles Zimmer mit drei Schreibtischen und Computertischen, wie es das altmodisch wirkende, nach Bohnerwachs riechende Verwaltungsgebäude nicht erwarten lässt. Die Erfahrung mache ich im Altai immer wieder: Alt und Neu liegen dicht beisammen. „Unsere Arbeit verbindet die ethnische Kultur und die moderne Wissenschaft“ sagt Danil -Mamyev. „Wir lehren die Wissenschaftler Schamanismus und sie uns umgekehrt andere Dinge.“
Er selber scheint beides in einer Person zu vereinigen, den Wissenschaftler und den Schamanen. Er ist damit beschäftigt, einen wissenschaftlichen Ansatz zu entwickeln, auf dessen Grundlage der Verkauf von Landstrichen, in denen Naturheiligtümer liegen, verhindert werden kann.
In einem kleinen Bus fahren wir von Ongudai aus in den Nationalpark. Weit und grün erstreckt sich vor uns das Karakol-Tal bis zu einigen wolkenverhangenen Bergspitzen am fernen Horizont. Die Geomantie des Altai sagt: Auf den Bergen am Ende des Tals befinden sich die drei Fontanellen des Landes, an diesen Stellen ist die Verbindung zwischen Himmel und Erde besonders offen. Empfindliche, heilige Orte, die nicht betreten werden dürfen.
In der Mitte des Tals erhebt sich ein auffälliger, kleinerer Berg. „Das ist der Nabelberg, der Tek Penek,“ erklärt Danil. „Wie der menschliche Nabel Mutter und Kind verbindet, so ist der Nabelberg die Verbindung zwischen Erde und Kosmos.“ Das Karakol-Tal ist ein Akupunkturpunkt der Erde, Besucher sollten sich psychisch und physisch vorbereiten, klar denkend, rein und freundlich dem Ort begegnen – womit wir die Erde hier „füttern“, das gibt sie zurück.
Der Nabelberg ist umgeben von Kurganen, Gräbern aus der Pazyryk-Kultur, die vor etwa 2500 Jahren angelegt wurden. Danil achtet darauf, dass wir die Grabstellen vor 18 Uhr besuchen, zu einem späteren Zeitpunkt würden wir die Wesen der Anderswelt stören. Er hält uns zurück, bevor wir uns dem Kurgan nähern können. „In meiner Tradition,“ sagt er, „ist es wichtig, einen Ort und alles, was mit dem Platz zusammenhängt, genau wahrzunehmen wie die Wolken und die Richtung des Windes. Als wir ankamen, war hier zum Beispiel kein Wind, jetzt kommt er auf. Wichtig ist es, selber den Ort wahrzunehmen – jeder empfindet dort etwas anderes, und auch das kann von Tag zu Tag, von Stunde zu Stunde wechseln.“
Er fährt fort: „Es heißt, dass in den Kurganen die Urväter begraben sind, die bestimmte Informationen bewahren. Die Steine auf den Grabhügeln haben magnetische Kräfte. Sie bilden einen Ring und ziehen die Sonnenstrahlen an, die Wärme, Licht und Kenntnisse bringen. Der hohe Quarzanteil der Steine kann Energie speichern und an einem bestimmten Punkt wieder abgeben, so dass die Quarzkristalle transformieren, was mit den Sonnenstrahlen in sie eindringt. Aus den Gräbern strahlt dann die Energie zurück zu den Lebenden. In den 60er- und 70er-Jahren sind etwa 70 Prozent der Kurgane von Archäologen ausgegraben worden, und damit wurde das System, das in unserer Sprache ‚Hauptgebäude‘ genannt wird, zerstört. Viele reiche Grabfunde befinden sich heute in Museen. Die Zerstörung dieses Systems wirkt sich auch negativ auf die anderen Kurgan-Komplexe aus, denn alle halten Verbindung untereinander, und jeder hat eine Bedeutung für die Erde.“
Ich erinnere mich an die Aussage von Danil, dass die Demontage heiliger Plätzen zu einem grundlegenden Ungleichgewicht führt, das Naturkatastrophen zur Folge haben kann. Wie ernst dieser Satz gemeint ist, erfahren wir erneut in einem Gespräch mit der Museumsdirektorin von Gorno Altaisk, Rimma Erkinova.

Die Prinzessin
Wir treffen Rimma Erkinova in ihrem Büro. Die Direktorin ist interessiert an internationalen Verbindungen, da es ihr Anliegen ist, die „Prinzessin von Ukok“, eine Mumie, die 1993 bei Grabungen russischer Archäologinnen und Archäologen auf der Ukok-Ebene gefunden wurde, aus Novosibirsk wieder in den Altai zu holen. Die Mumie hat die Tätowierungen und Grabbeigaben einer Frau von hohem Rang. Sie war in eine Robe aus dünner Seide mit einem roten Gürtel gekleidet und trug einen prächtigen Schwanenkopfputz, um den Hals einen ursprünglich vergoldeten Reif. Der Fund war nicht nur eine archäologische Sensation, sondern auch ein Politikum in der Auseinandersetzung zwischen Wissenschaft und Tradition, Russland und seinen ethnischen Minderheiten.
Die Altaier betrachten die Prinzessin als ihre Urmutter und führen verstärkte Erdbebentätigkeit in den letzten Jahren auf den Verlust ihrer Kraft zurück. Die Museums-direktorin erklärt uns ein Modell für den Umbau eines Teils des Museums in Form eines traditionellen Grabmals. Hier soll die Prinzessin zunächst für ein, zwei Jahre ruhen, damit man beobachten kann, ob sich auch ihr Geist beruhigt, wenn ihre Gebeine wieder im Altai sind. Über 5000 Unterschriften sind bereits für die Rückführung der Prinzessin gesammelt worden. Dazu ein Zitat von Aulkhan Djatkam-bayev, einem Politiker aus dem Altai:
„Die Leute sagen, das Ausbleiben der Bestattung der Mumie brachte uns eine Reihe von Unglücken, und ich respektiere diese Meinung. Es ist nicht nur eine Frage von Erdbeben. Es ist auch das vermehrte Auftreten von Selbstmorden und Krankheiten. Ich respektiere die Wissenschaft, aber wir sind Nomaden, keine Wissenschaftler, und alle Menschen haben das Recht auf ihr eigenes Weltverständnis. Nur mit der Wiederbestattung der Mumie können wir die Geister zur Ruhe bringen und die Ängste der Menschen besänftigen.“
An den Kurganen halten wir uns nur kurz auf. Es ist nicht sinnvoll, allzu lange in ihrer Energie zu verweilen. Auf dem Rückweg vorbei an Felswänden mit alten Ritzzeichnungen lese ich in einem Prospekt, dass man daran arbeitet, die Objekte, aus dem Tal, die heute in Museen ausgestellt sind, wieder zurückzubringen. Fettgedruckt werden Freiwillige jeden Alters und jeglicher Spezialisierung eingeladen, an dieser Arbeit teilzunehmen.

Das Universum im Ail
Eigentlich wollten wir Nikolaj Shadojew, den Leiter des kleinen Museums in Menbur-Sokkon, mit dem Bus abholen. Doch er ist uns schon vorausgeritten und empfängt uns an der hölzernen Stele neben dem Museum, während sein Schimmel vor dem Haus grast. Der kleine Mann mit dem freundlichen, manchmal verschmitzt lächelnden Gesicht, macht uns mit der Stele bekannt. Der geschnitzte Pferdekopf oben auf dem Pfahl verkörpert eine Gottheit des Altai und dient zum Schutz. Aus sieben Elementen besteht die Stele, und in jede der sieben Ausbuchtungen des Holzes sind geheimnisvolle Zeichen eingeritzt – die Stele als Chakrenbaum. So wie vieles im Altai auf verschiedensten Ebenen wirkt, hat auch die Stele eine ganz praktische Funktion: Besucher binden ihre Pferde an den Pfahl.
Dass einfache Dinge im Altai oft in einem komplexen Zusammenhang stehen, wird mir bewusst, als Nikolaj Shadojew uns in ein Ail neben dem Museum führt. Ails sind hölzerne Jurten, die neben den Häusern der Altaibewohner zu finden sind. Den Rahmen der weißen Eingangstür schützt und schmückt ein hellblau gestrichenes, kunstvoll gefertigtes Brett. Weiß und Blau sind die Farben, die sich an vielen Fensterrahmen und in der Fahne des Altai wiederfinden: blau für den Himmel und die Flüsse, weiß für die Schneeberge.
Beim Eintreten sehe ich, dass links des Eingangs Symbole für das Göttliche, die Pflanzen, Tiere und Menschen in die blaue Leiste geritzt sind. Und so habe, erklärt uns der Leiter des Museums, das ganze Universum seinen Platz im Ail. Der Fußboden bestehe aus Erde, damit die Energien der Erde ungehindert aufsteigen und sich entfalten können. Vier Arten von Strahlen gingen von der Erde aus: weiße und dunkle Strahlen sowie Strahlen, deren Qualität zwischen Gut und Böse läge und Strahlen, die die ersten drei in sich vereinigten. Diese vier mütterlichen Strahlen verliefen pyramidenförmig nach oben.
In der Mitte des pyramidenförmig zulaufenden Dachs ist ein Loch, durch das die väterliche Strahlung des Himmels einströmt, so dass sich beide Kräfte im Ail mischen, und diese Mischung ist Gott. Im Ail leben die Menschen mit Gott zusammen.
Nikolaj erklärt weiter, dass in der Vorstellung der Altaier in der Empfängnis ein männlicher und ein weiblicher Strahl zusammentreffen, und zwar in der Brust, dort, wo das Herz sitzt. Wenn jemand stirbt, verlässt der männliche Strahl den Körper. Der weibliche bleibt immer im Körper. Das passiert auch im Traum oder in der schamanischen Reise – der männliche Strahl verlässt den Körper, er ist nicht ängstlich, kann nur denken, nicht fühlen, und bringt Erkenntnisse zurück, die die weibliche Energie untersucht und erdet.
Der Rundgang durch das Museum macht die ethnische Kultur bildhaft deutlich. Mir hat sich vor allem die Darstellung des Ülgen, der höchsten Gottheit des Altai, eingeprägt: Weit breitet er seine Arme aus, unter denen die Menschen, Tiere und Pflanzen in Frieden leben.

Die Schamanin
„Gibt es einen Heiler in deiner Familie?“ fragt Maria, die Schamanin, während wir bei ihr in dem rauchigen, halbdunklen Ail um ein paar glimmende Holzscheite sitzen. Die Frage überrascht mich. Ich hatte der Schamanin von den periodisch wiederkehrenden, schweren Unfällen und Krankheiten in meiner Familie erzählt, die jetzt auch unseren Sohn ereilt und mit dem Tod konfrontiert haben. Maria hüllt sich in ihren Mantel, den sie über den Kittel geworfen hatte, zieht ein paar Mal an ihrer Pfeife und schaut ins Feuer.
„Ein Heiler? Nicht dass ich wüsste …“ meine ich zögernd und nachdenklich.
Dann fällt mir mein Großvater ein, der sechs Monate vor meiner Geburt von einem Zug überrollt wurde. Ich erinnere mich, wie mir eine alte Frau erzählte, dass der Großvater gerne Ratschläge gegeben habe. „Wenn deine Augen brennen, schau ins Grüne,“ hatte er gesagt. „Grün ist gut für die Augen.“
„Gerade ist mir mein Großvater eingefallen,“ sage ich, unsicher, ob diese Erinnerung von Bedeutung sei. In diesem Augenblick betritt ein alter Mann den Ail, ein guter Freund der Heilerin, und setzt sich zu uns in die Runde.
„Ja, die Unfälle und Krankheiten haben mit deinem Großvater zu tun,“ sagt Maria und schaut mich an. „Er hat viel Schuld auf sich geladen, seine Seele ist nicht zur Ruhe gekommen.“ Ich weiß von der Schuld meines Großvaters, auch wenn in der Familie viel dafür getan wurde, sie unter den Tisch zu kehren. Zwei Rituale trägt mir die Schamanin auf, um seinen Geist zu beruhigen. Ein Kerzenritual in einer orthodoxen Kirche und eine Zeremonie an einer Quelle in meinem Geburtsort.
Auf der Rückfahrt von Tyungur halten wir an der orthodoxen Kirche von Ust-Koksa. In diesen Gotteshäusern gibt es Plätze, an denen Kerzen für die Verstorbenen entzündet werden und Plätze, wo Kerzen für die Lebenden stehen. Reich geschmückt leuchten die Zwiebeltürme der Kirche. Gesang schallt uns entgegen – ein Gottesdienst wird zelebriert. Unsere Reiseleiterin Galina bewirkt, dass wir die Kirche trotzdem betreten dürfen. Wir bleiben eine Weile auf der linken Seite, der Frauenseite, zwischen den betenden Frauen in langen Röcken mit bedeckten Köpfen stehen. Auch wir verhüllen unsere Haare.
Während der Pope in einem glänzenden, hellblauen Gewand mit einem gleichschenkligen, goldenen Kreuz ein Weihrauchfaß schwenkt und uns umrundet, bete ich unaufhörlich für meinen Großvater. Dann nähere ich mich dem Platz, wo die Kerzen für die Verstorbenen aufgestellt werden. Eine Kerze, damit ihm seine Sünden vergeben werden, eine Kerze, damit seine Seele Ruhe findet. Und eine Kerze am Platz für die Lebenden, damit wir in Ruhe leben können. Zurück an meinem Platz zwischen den betenden Frauen merke ich, dass sich mein Gebet unmerklich verändert hat. Nun bitte ich nicht mehr, ich bedanke mich dafür, dass die Seele meines Großvaters Frieden gefunden hat und wir Lebenden Ruhe haben.
Wieder in Deutschland, beginne ich, in unserer Familiengeschichte zu forschen. Im 19. Jahrhundert finde ich drei Ärzte – im 20. Jahrhundert keinen einzigen. Meine Mutter wollte Ärztin werden, aber nach dem zweiten Weltkrieg wurden Studienplätze vorrangig an die heimkehrenden Soldaten vergeben. Irgendwann muss in dieser Familie etwas grundlegend schiefgegangen sein. Meine Vermutung ist, dass Macht und Reichtum gegen heilerische Fähigkeiten eingetauscht wurden. Die Frage von Maria – „Gibt es einen Heiler in deiner Familie?“ – öffnete eine Tür für mich, die mir bislang verschlossen war.

Der heilige weiße Berg
Vom Ail der Schamanin aus haben wir ihn schon gesehen, den heiligen weißen Berg in der Ferne, auch goldener Berg genannt. Ein Wiesenpfad führt uns näher, zuerst durch Abfälle, die am Dorfrand verstreut auf den Weiden liegen, dann durch Edelweiß und Enzian, schließlich an den Fluss Cscharys am Fuß des Bergs. Hell und weiß leuchtet uns der Berg entgegen, umgeben vom sommerlichen Grün der Weiden. Maria hat uns ein wenig von dem Geheimnis des Bergs erzählt. Es gibt einen Eingang in die Anderswelt in diesem mächtigen Felsmassiv. Noch trennt uns der Fluss Cscharys vom heiligen Berg, dann überqueren wir auf einer Brücke ein quellenreiches, sumpfiges Stück Land und stehen unmittelbar vor den massigen Felsbrocken. Wir verteilen uns, es zieht uns an verschiedene Plätze. Ich bleibe am Fuß des Bergs bei den Quellen. Sie sind mir vertraut, lebe ich doch in den Bückebergen bei Hannover, einem Gebiet, in dem es in regenreichen Frühjahren Dutzende von Quellen gibt. Doch der Berg lässt nicht locker, er ruft mich unerbittlich, näherzukommen. Ich zögere. Schon einmal hat mich ein Berg gerufen, und dieser Ruf hatte schwerwiegende Folgen für mich. Dieses Mal halte ich mich zurück und schaue mich um. Als sich bei näherer Betrachtung unsichtbares Leben in der steinernen Welt offenbart, zieht mich der Berg mehr und mehr in seinen Bann. Ich entdecke Kräuterbüschel in Felsspalten und gelborangefarbiges, moosiges Geflecht auf den Steinen. Spinnen ziehen ihre Netze, ein Wiesel huscht davon, aus der Höhe tönt der Ruf eines Bussards – oder ist es ein Adler?
Schließlich lehne ich mich dicht an den Berg, zunächst Bauch, Gesicht und Handflächen den Felsen zugewandt. Dann nehme ich, mit dem Rücken an die Steinwand gelehnt, die Kraft des Bergs an und auf – die Kraft der Manifestation. Es donnert in der Ferne. Ich bedanke mich und nehme Abschied. Als ich wieder auf der Brücke stehe, sehe ich im Osten des Massivs einen doppelten Regenbogen.
Mag sein, dass es die Kraft des weißen Bergs war, die geholfen hat, einen Traum wahr werden zu lassen: Schließlich ist es mir gelungen, Maria, die Schamanin aus dem Altai, nach Deutschland einzuladen. Hoffen wir, dass uns im Jahr 2007 auch Danil Mamyev, der Mitarbeiter des Karakol-Nationalparks besuchen wird. +

Der Artikel basiert auf der Broschüre „Eine Reise ins weis(s)e Land der Seele“, erhältlich bei der Autorin corneliazumwalde@gmx.de.
Soeben ist das Buch von Nikolaj Shadojew „Der altaiische Bilik - Alte Weisheitslehren aus dem sibirischen Altai“ erschienen, herausgegeben von Ulla Kallhammer, zu bestellen bei: ullakall@aol.com.