Editorial

von Johannes Heimrath , Lara Mallien erschienen in Hagia Chora 24/2006

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

seit drei Jahren sind wir mit unseren Zeitschriften – darunter Hagia Chora – und dem Buchprogramm des Drachen-Verlags auf der Frankfurter Buchmesse. Mit unseren Kollegen von der Mediengruppe Kulturell Kreative besiedeln wir dort einen Gemeinschaftstand. Die künstliche Welt, die in den Hallen für fünf Tage aufersteht, reizt zu geomantischer Betrachtung. Über Nacht wird da eine Landschaft aus der Virtualität in die Realität hinein aufgeklappt, die in vielfältigsten Mikrokosmen die Identitäten der einzelnen Verlage manifestiert. Jeder Stand ist ein heiliger Ort mit seiner spezifischen Architektur, mit seinen magischen (Werbe-)Symbolen und den immergleichen (Kommunikations-)Ritualen. Obwohl diese Tabernakel der ehemals heiligen Glyphen untereinander kaum Beziehung aufnehmen, hat jeder Gang im Messelabyrinth seine eigene Atmo-sphäre, sein eigenes Numen; ein jeweils typischer Gesamtklang vibriert zwischen den aufgereihten Bekenntnissen. Deutlich sind auch die unterschiedlichen Geister der einzelnen Messehallen zu spüren. Wer studieren möchte, wie sich kollektive Bewusstseinsfelder als Summen individueller Beiträge im Raum ausbilden, könnte kein interessanteres Forschungsfeld finden.
Für die meisten Aussteller ist die Buchmesse ein enormer Stressor. Er äußert sich jedoch überwiegend als Eustress – „schöner“, positiver Stress, den wir brauchen, um Höchstleistungen aus uns hervorzukitzeln, im Gegensatz zum Distress, der durch überfordernde Belastung die Kräfte entleert. Dieser Eustress hat etwas tief Befriedigendes an sich. Zu allen Zeiten sind Menschen von weither zusammengekommen, haben ihre beste Kunst und die teuersten Speisen – oft noch lebend, wie neolithische Überbleibsel verschmauster Opferrinder zeigen – mitgebracht, um gemeinsam die Fülle ihrer Schöpferkraft und Lebensfreude zu zelebrieren und an die Geister der Welt zu verschenken. Tief im Stammhirn scheint das Bedürfnis des Menschen zu residieren, die Essenz seiner jeweiligen Kultur in Massenfesten und Riesenversammlungen zu verdichten. Die Messe macht es leicht, archaische Stammesriten hinter den geschickt ausgeleuchteten Verkleidungen zu erkennen. Zur Messe (althochdeusch Missa, von lat. mittere – „schicken“) geht man als Gesandter seines Stamms. „Ite, missa est“, so sprachs der katholische Vermittler einst vor der Zeit der Volksaltäre: „Geht hin, ihr seid ausgesandt“ … und bringt die frohe Botschaft zurück in eure Clans.
Nun wird man einer Kommerzveranstaltung wie der Frankfurter Buchmesse kaum derlei spirituelle Aspekte zugestehen mögen. Doch nur wenige Verlage ziehen konkreten Gewinn aus all ihrem Aufwand. Man kommt heute zusammen, um Kontakte zu knüpfen und Austausch zu pflegen, man investiert in Verbindungen und freut sich über das Potenzial von neuen, unerwarteten Begegnungen. Der immaterielle Wert der Beziehung schwebt als seltsamer Attraktor über dem Chaos des wirbelnden Bewusstseinsfelds in den vollen Hallen. Wir nahmen ihn fast körperlich wie einen neuen Geist wahr, der sich um Inkarnation bemühte. Doch scheint der kollektive Körper noch nicht zur Empfängnis bereit. So jedenfalls erklären wir uns die empfundene Sehnsucht nach einer Kultur, in der Herzens-beziehungen, vertrauensvolle Verbindungen und schöpferischer Austausch anstelle von Macht, Kommerz und Konsum die Hauptrolle spielen.
Viele Besucherinnen und Besucher, die unseren Teetisch im Stand als temporäre Heimat nutzten, schienen diese Sehnsucht mit uns zu teilen – über unterschiedlichste Überzeugungen hinweg. Ein Bild war dabei fruchtbar: Wir blicken in gegensätzliche Richtungen, wenn wir uns gegenüberstehen. Denken wir die eigene Richtung für uns allein, so blicken wir meist in einsame Fernen, als stünden wir Rücken an Rücken. Wenden wir uns die Gesichter zu, so bleiben unsere Richtungen je unterschiedlich. Das Erblicken das Anderen aber zeugt eine gemeinsame Mitte, in der das gemeinsame Dritte schwingt. Das ist der Geist, für den es sich lohnt, die Messe zu singen.
Mit den besten Wünschen für inspirierte Herbsttage,
Lara Mallien und Johannes Heimrath