Editorial

von Johannes Heimrath , Lara Mallien erschienen in Hagia Chora 23/2006

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

kürzlich zeigte uns Marko Pogacnik seine Steinsetzung „Solarplexus Europas“ an einem Flussarm der Sava am Südrand der kroatischen Hauptstadt Zagreb. Es ist einer der Geopunkturkreise, die Marko zusammen mit Peter Frank und anderen weltweit installiert. Es war ein merkwürdig verlorenes Gefühl, zu dritt ganz allein, als relativ kleine Menschlein, in der geordneten Ansammlung relativ großer Steinbrocken umherzuwandeln, auf der eigenartig weit wirkenden Parkfläche, unter einem dünnschaligen Morgenhimmel von leicht abblätternder hellblauer Farbe. Der Boden wollte das Regenwasser des vorangegangenen Tages noch nicht wieder hergeben, die Bäume hatten die Schultern hochgezogen und schienen den zaghaften Frühlingsimpuls kaum zu bemerken, eine deplatzierte Baustelle im Steinkreis entschuldigte sich mit einem nagelneuen himmelblauen Hydranten für ihr grellorange leuchtendes Absperrnetz, die Stadt am anderen Ufer rüstete sich geräuschvoll zum neuen Arbeitstag. Über dem Platz lag eine zaghaft lächelnde Melancholie. Ein uralter Ort, erst hauchdünn verbunden mit der Gegenwart. Was wollen wir hier bewirken?
Wenige Tage später in einer internationalen Konferenz zum globalen kulturellen Wandel: Die neuesten Klimamodelle sagen einen Temperatursprung um 8° nach oben voraus, und zwar bald und unentrinnbar. Wir dürften keinesfalls die Luftverschmutzung reduzieren: Die Aerosole aus Industrie und Verkehr bilden eine kühlende Schicht in der Stratosphäre. Der Meeresspiegel steigt um mehr als 6 Meter, die sozialen Folgen sind unvorstellbar, die Ernährungskrise wird so grausam sein, dass nur 10 Millionen Menschen überleben. Wer jünger als 50 ist, wird erleben, wie die Katastrophe ihren Lauf nimmt.
Unentrinnbar? Welchen Sinn hat unser Tun angesichts der Kräfte, die Gaia entfaltet, wenn sie sich auf ihrem kosmischen Meditationspolster ein bisschen anders setzt, sich mal ein bisschen kratzt, durch die Haare fährt, schneuzt, die Falten ihres Gewands neu ordnet, bevor sie bereit ist für die nächste erdgeschichtliche Epoche in ihrem unbedingten Dasein, ihrem All-Verbundensein?
Besser ist es wohl allemal, sich dieser Verbundenheit nicht zu widersetzen, sich ihr zu öffnen, einzusinken in den uralten Ort Gaia, sich anzufüllen mit dem Bewusstsein, nichts anderes zu sein als sie, als irgendwo außerhalb zu existieren (wo eigentlich?), gefährdet von Katastrophen, die alle doch nur das Ich des Menschen bedrohen, unsere Wehleidigkeit, unsere überhebliche Meinung, wir seien es wert, in unserer derzeitigen Gestalt erhalten zu bleiben, wir – als einzige Art im ganzen großen Universum – hätten ein Vorrecht, ein Sonderrecht, das uns ausnimmt aus den äonenlangen Zyklen, in denen schon andere, vielleicht herrlichere Entwürfe von prallem Leben aufgeschienen und wieder vergangen sind.
Vermutlich ist alles eine Frage der Schönheit. Die Innigkeit und die Hingabe seiner Schöpfer, die als verströmende Qualitäten den Steinkreis an der Sava beseelen, bringen die Schönheit des uralten Orts bis in die ästhetische Ebene hinein zum Vorschein. Und es ist ethisch schön, etwas Reines rein sein zu lassen. Darum ist es richtig, aufzuhören, Gaias unendliche Sphären zu beschmutzen, zu verletzen, zu missbrauchen, gleichgültig, ob wir damit unser Vergehen als Homo insapiens verhindern können oder nicht.
Darum ist es richtig, sich weiterhin und immer mehr um das Wohlergehen dieses kosmischen Kleinods Gaia zu kümmern, richtig, uns in das Wunder der Selbstregulation aller Lebensprozesse ohne Widerstand einzufügen, richtig, uns selbst auf einen Kurs zu steuern, der Gaias Atemzügen folgt. Rührt vielleicht aus diesem Empfinden unsere Hoffnung, Geomantie hätte eine Funktion, würde etwas bewirken, was mit dem Wort „Heilung“ immerhin entfernt umschrieben ist? Die Melancholie kommt aus der Furcht, zu wenige zu sein, zu spät zu kommen, zu schwach zu sein. Sie verschwindet genauso wie die Hybris, sobald wir in der Schönheit unseres Tuns Werke vollbringen, die wahrhaftige Manifestationen des Verbundenseins sind.
In diesem Sinn wünschen wir Ihnen erfüllte Frühlingstage,

Lara Mallien und Johannes Heimrath