Der Kristallplanet, Teil 15

Ideengeschichte der globalen Gitternetze

von Marco Bischof erschienen in Hagia Chora 23/2006

Nach einem ausgedehnten Überblick über die Geschichte der pythagoräisch-platonischen Tradition, die hinter der Vorstellung einer kristallinen Natur der Erde steht, kehrt Marco Bischof in der vorletzten Folge seiner Artikelserie zu den platonischen Körpern und ihrer Bedeutung für die Kristrallstruktur unseres -Planeten zurück. Im Zentrum seiner Überlegungen stehen die geheimnisvollen antiken Bronze-Dodekaeder.

Vor dem Hintergrund der pythagoräisch-platonischen mathematisch-geometrischen Mystik können wir nun auch die Bedeutung der platonischen Körper, inbesondere des Ikosaeders und des Dodekaeders, in den Kristallplaneten-Theorien besser verstehen. Auf die Frage, wie wohl Plato ohne die Möglichkeiten der modernen Wissenschaften zu seinem Erdschema gekommen sei, haben Gontscharow, Makarow und Morosow, die Urheber der russischen Kristallplaneten-Theorie (siehe Hagia Chora Ausgabe 8), auf einen einzigartigen Fund hingewiesen, der die Archäologen seit langem vor ein Rätsel stellt. Es handelt sich um hohle Dodekaeder aus Metall mit knopfartigen Vorsprüngen an den Ecken und kreisförmigen Öffnungen im Zentrum der Flächen. Sie erwähnen, dass in Vietnam und Thailand 30 solche Dodekaeder aus Gold gefunden wurden, die angeblich zu einer etwa 7000 Jahre alten Kultur gehören sollen, berichten aber nur von einem einzigen bronzenen Fund in Frankreich. Gontscharow, Morosow und Makarow glaubten nicht an eine zufällige Übereinstimmung der Form dieser archäologischen Fundstücke mit ihrem Erdmodell, sondern vermuteten, dass die Metallgegenstände frühe Darstellungen des „Kristallplaneten“ sein könnten.
Da diese Gegenstände in der Diskussion um den Kristallplaneten immer wieder eine zentrale Rolle spielen, erlaube ich mir an dieser Stelle, die Angaben der russischen Forscher zu diesen Objekten zu ergänzen. Auch im Bereich des antiken Galliens, vor allem in Frankreich und in der französischen Schweiz, vereinzelt aber auch in Ungarn, England und in Deutschland, wurden nämlich vor allem im 19. Jahrhundert rund 50 solcher Dodekaeder gefunden (Saint-Michel 1951, Déonna 1954, Cervi-Brunier 1985); auf den gleichen Typ von Bronzedodekaedern stieß man bei Ausgrabungen in Etrurien (Chevalier & Gheer-brant 1974). Jede ihrer 20 Ecken, wo je 3 Flächen zusammentreffen, ist gekrönt von einer kleinen Kugel, jede Seite besitzt eine runde Öffnung. Ihre Größe variiert von 40 mm bis zu 85 mm, gemessen zwischen zwei parallel gegenüberliegenden Flächen, bzw. zwischen 49 und 103 mm, wenn man die Kugeln berücksichtigt. Sie stammen aus gallo-römischer Zeit (ca. 200-400), und im Gegensatz zu den asiatischen sind sie alle aus Bronze. Die Fundorte waren Gräber, Hortfunde (zusammen mit Münzen) und andere profane Orte, nie jedoch Heiligtümer.
Die Hypothesen über die Bedeutung und Funktion dieser Dodekaeder reichen von der Verwendung als Krönung eines Szepters oder Kommandostabs oder als Kerzenfassung in einem Leuchter, über einen Gebrauch als Spielzeug bis zu einem Einsatz als Kalibrierungsinstrument für Zylinder oder als Gesellenstück bei der Meisterprüfung von Elfenbeinschnitzern oder Blei- und Zinkgießern (Déonna 1954). Trotz ihrer profanen Fundorte hatte aber bereits 1910 P. Coulon vorgeschlagen, die Bronzegegenstände als kultisch-religiöse Objekte zu betrachten, in denen die gesamte pythagöräisch-platonische Konzeption des Universums in geometrischer Form codiert sei. Dem schlossen sich später Léonard Saint-Michel (1951) und W. Déonna (1954) an. In der Tat galt das Dodekaeder als zentrales Geheimnis der -Pythagoräer; Hippasos von Metapont soll für seinen Verrat mit dem Tod bestraft worden sein (Eisler 1910). Das Dodekaeder verkörpert in der Reihe der platonischen Körper die perfekte Synthese aller anderen Körper, und damit der Elemente Feuer (Tetraeder), Luft (Oktaeder), Wasser (Ikosaeder) und Erde (Kubus), und steht für den gesamten Kosmos. Bei Plato heißt es, das Dodekaeder habe dem Demiurgen (Weltenbaumeister) als Modell für den Bau des gesamten Kosmos gedient. Plutarch schreibt, das kosmische Dodekaeder widerspiegele die Teilungen des Himmels und der Zeit; es wurde auch als Bild des Jahres und des gesamten Tierkreises betrachtet. In der pythagoräischen Tradition wurden dem Dodekaeder außergewöhnliche mathematische, physische und mystische Eigenschaften zugeschrieben; Saint-Michel schreibt, -das Dodekaeder ist nicht nur Bild des Kosmos, sondern dessen Zahl, Formel, Idee; er verkörpert die ‚Erde der Glückseligen‘, die tiefe Realität des Kosmos, dessen innerste Essenz.“
Die Bronze-Dodekaeder stellen also das kosmische Dodekaeder dar; sie repräsentieren somit nicht etwa die Erde, sondern die -Welt“, d.h. das Universum, aber auch nicht das materielle Universum im modernen Sinn, denn als Symbole der Einheit von Erde und Himmel stehen sie für den -Weltgeist“ - das geistige Prinzip oder die höhere Wirklichkeit hinter dem materiellen Universum. Sie sind hohl, weil sie die Peripherie des Universums darstellen. Das Universum oder den Kosmos stellte man sich früher nämlich als kosmische Höhle oder Himmelszelt vor, das die Erde umgibt und einhüllt (Eisler 1910). Die Knöpfe auf den Ecken der Dodekaeder stellen die der Erde harmonisch zugeordneten Himmelskörper dar, die mit ihr eine Einheit bildeten. Was das Vorkommen der Bronzeobjekte im Gebiet der ehemaligen römischen Provinz Gallien betrifft, so haben die Gelehrten schon immer in der gallorömischen Kultur wie in der vorangehenden keltischen Kultur starke Verwandtschaften zum pythagoräischen Weltbild festgestellt. Wie der Schweizer Altertumswissenschaftler Déonna schreibt, besaß das einheimische keltische Weltbild offenbar genügend innere Verwandtschaft mit dem Pythagoräismus, so dass dieser bei seiner Ausbreitung im römischen Reich in Gallien auf fruchtbaren Boden fiel und sich mit den einheimischen Traditionen verbinden konnte. Saint-Michel schreibt, die gallorömischen Dodekaeder gehörten klar zur einheimischen keltischen Tradi-tion und hätten wahrscheinlich mit druidischen Praktiken zu tun. Die geographische Verteilung der Dodekaederfunde entspreche genau den Gebieten, in denen nach antiken Autoren das Druidentum florierte. Saint-Michel weist auch auf die Ähnlichkeit zwischen den Dodekaedern und den keltischen -Schlangeneiern“ hin, von denen schon der römische Naturforscher Plinius der Ältere in seiner Naturgeschichte (29, 12) berichtete. Sie sollen aus einem Knäuel von Schlangen bestanden haben, das wie eine Kugel oder ein Ei aussah; man schrieb ihnen alle Arten von magischen Kräften und Wirkungen zu. Ihr Besitz soll die Präsenz der Schlange garantiert oder ersetzt haben, die nach antikem Glauben den Genius loci verkörperte. Saint-Michel schlug vor, die gallorömischen Dodekaeder hätten die Rolle der altkeltischen Schlangeneier einnehmen können, wobei die kugelförmigen Vorsprünge an den Ecken die Schlangenköpfe versinnbildlicht hätten (Saint-Michel 1951).

Divinatorische Spiele
Déonna vermutet, die Bronzeobjekte seien wahrscheinlich in divinatorischen Spielen, Orakeln mit kosmisch-religiöser Bedeutung, verwendet worden. Nigel Pennick hat in seinem Buch -Spiele der Götter“ (1992) die geomantische Funktion solcher divinatorischen Spiele aufgezeigt. Wie wir bei Dornseiff (1925) lesen können, liebten Griechen und Römer divinatorische Würfelspiele, die mit Knöchelchen, Spielfiguren verschiedenster Formen und mit Würfeln oder anderen Polyedern gespielt wurden. Ihre Seiten wiesen manchmal Buchstaben, Zahlen oder Zeichen auf, manchmal waren sie aber auch ohne solche Beschriftung. Wenn es Polyeder waren, so meistens Ikosaeder mit 20 Seiten aus Materialien wie Stein, Bergkristall, Bronze oder ägyptischer Fayence. Im Münchener Münzkabinett befindet sich ein schönes Exemplar aus Kristall, das die 12 Tierkreiszeichen auf seinen Seiten trägt, wobei einige mehrfach vorkommen, vier Würfelseiten aber leerbleiben. Robert Eisler vermutet, dass man es hier mit einer Übertragung von einem ursprünglichen Dodekaeder zu tun hat, auf dessen 12 Seiten die Tierkreiszeichen besser passen. Ein griechisches Ikosaeder-Spiel ist allerdings bereits im Alexandrien des 3. Jahrhunderts bezeugt (Déonna 1952). Es gab aber offenbar auch ein Dodekaederspiel; ein -jeu de dodechedron de fortune“ ist noch in einem Losbuch von Jean de Meun (Ende 12. Jahrhundert) beschrieben (Dornseiff 1925). Ein silbernes Dodekaeder mit den lateinischen Namen der 12 Tierkreiszeichen, wahrscheinlich aus dem 4. Jahrhundert, wurde 1982 bei Ausgrabungen an der Kathedrale von Genf gefunden (Cervi-Brunier 1985). Die Spieldodekaeder, vermutlich kleiner als die anfangs beschriebenen, besitzen auch keine Kugeln an den Ecken, die ja für das Würfeln nicht gerade bequem sind, so dass offen bleiben muss, ob man es mit dem gleichen Phänomen zu tun hat.
In ihren Hypothesen zur Verwendung der tragbaren Dodekaeder haben die neueren Vertreter der -Kristallplaneten“-Hypothese vor allem die praktische Seite gesehen. Nach Critchlow (1979) wurden die Dodekaeder für das Studium, den Vergleich und die Analyse von sphärischen Systemen der Geometrie verwendet. Becker und Hagens (1984) vermuteten eine -mnemonische Funktion“, eine Gedächtnishilfe, mit Hilfe derer ein Wissenssystem erinnert und wieder abgerufen werden kann. Gleichzeitig seien die Dodekaeder auch, ähnlich wie die Armillarsphären in der Renaissance, als -Planungsinst-rument“ oder -Planungsmodell“ für die Verfertigung von Karten, für geometrische Aufgaben, für die Vermessung, für radiästhetische Zwecke und eventuell auch für astronomische Messungen verwendet worden (siehe auch Hagens 1991). Man darf aber auch den philosophisch-magischen Aspekt dieser Objekte nicht vergessen. Die Bronze-Dodekader waren -Taschen-Mikrokosmen“, die nach den Gesetzen der traditionellen magischen Entsprechungslehre in jeder Hinsicht dem Makrokosmos, den sie darstellten, ähnlich waren. Man betrachtete sie als in ihrer Essenz identisch mit dem realen und lebendigen Kosmos. Das Dodekaeder-Symbol war geeignet, die Seele zu einer mystischen Schau des Kosmos und der Dinge in ihm zu führen und konnte damit auch zu ihrer magischen Beherrschung genutzt werden (Chevalier & Gheerbrant 1974).
Die magische Verwendung dieser Bronze-Dodekaeder können wir uns ähnlich vorstellen wie eine magische Technik, die Jahrhunderte später der bereits erwähnte florentinische Renaissancephilosoph Marsilio Ficino (1433-1499) in seinem Werk -De vita coelitus comparanda“ vorgeschlagen hat (von Franz 1990). Ficino bezeichnete es als das Ziel dieser Technik, die stark von den eben wiederentdeckten -hermetischen Schriften“ der Spätantike beeinflusst war, archetypische Ideen und Teile der Weltseele in die irdische Welt herabzuziehen und an die Materie zu fesseln. Sie basiert auf der Vorstellung, dass das ganze All ein einziges lebendiges Wesen (Unus Mundus) sei, das aus einem Kosmos-Körper, der Weltseele und dem Nous, dem göttlichen Weltgeist, besteht; letzterer enthält die Ideen (Archetypen), die Weltseele die rationes seminales, der Weltkörper die species aller Dinge. Zwischen diesen drei Dingen bestehen magische Korrespondenzen, so dass man durch richtige Zusammenstellung von materiellen Substanzen die entsprechenden Ideen einfangen kann. Ficino meinte, besonders nützlich wäre in diesem Zusammenhang die Herstellung eines magischen Abbilds des Gesamtuniversums (Figura Mundi). Es solle aus einer Kombination von -Erz“ (d.h. Bronze), Gold und Silber hergestellt werden, also Jupiter-Sonne-Venus-Symbolik besitzen; die Herstellung solle im Zeichen des Mars begonnen und unter dem Einfluss der Venus fertiggestellt werden, solle die drei Farben grün, golden und blau und -drei Linien“ enthalten und schließlich einen Talisman in Mandalaform ergeben, den man sich an einer Kette um den Hals oder an die Wand hängen konnte. Über diese geometrische Figur müsse man in seiner Seele meditieren, dann könne sie den Kosmos positiv beeinflussen. Wer sich ein solches Bild in allen seinen Zügen einpräge, versetze sich in die Lage, wenn er aus seinem Haus trete und von den vielen Eindrücken der Außenwelt überwältigt zu werden drohe, deren Chaos durch das Bild der höheren Wirklichkeit zu einer Einheit zu führen.
Während Ficino mit diesem Talisman in dem triadischen Schema (drei Metalle, drei Farben etc.) eines christlichen Platonismus blieb, konstruierte der 100 Jahre später lebende Giordano Bruno (1548-1600) eine Reihe magischer Mandala-Talismane mit heidnisch-ägyptisch beeinflusster Symbolik. Auch nach Bruno trägt der Mensch das Bild des Universums in sich; durch ein solches kosmisches Mandala kann man sich nach seiner Auffassung diesen inneren Kosmos umkonstellieren - durch eine solche Neukristallisierung der inneren Imagination würden bestimmte geistige Kräfte in die Persönlichkeit hineingezogen. Wie der indische Tantrismus ging Bruno davon aus, dass durch eine Identifikation des inneren (Mikro-)Kosmos mit dem Mak-rokosmos des Universums die gesamten kosmischen Kräfte im feinstofflichen Organismus des Menschen wirksam gemacht werden könnten und der Mensch so mit dem Ganzen bzw. mit Gott identisch werden und entsprechende Fähigkeiten und Kräfte entwickeln könne. Brunos kreisförmiges Kosmos-Mandala war gleichzeitig ein mnemotechnisches System zur inneren Ordnung alles Wissens, doch das eigentliche Ziel dieser magischen Technik war die Prägung und Formung der inneren Person durch die für die Gedächtnis-Einprägung verwendeten Bilder und Symbole. Die runde Form des Mandalas bezog sich auf Brunos Überzeugung, dass Gott Omnia infinitas ubique totus (die umfassende, überall vollständige Unendlichkeit) und damit die -Seele der Weltseele“ sei. Die Kunst, das Wissen zu erreichen, wie man mit der höheren Wirklichkeit der Welt-seele in Kontakt treten könne, und die Kunst, das -Intelligible“ der archetypischen Welt hinter der sichtbaren materiellen Welt von Raum und Zeit zu erkennen, nannte -Bruno -Mathesis“.

Die Metaphysik der Erde
Während wir uns damit die Funktion der Bronzedodekaeder als Modell des lebendigen Kosmos und als geometrisch-magisches Instrument gut vorstellen können, bedarf ihre symbolische Bedeutung noch weiterer Vertiefung. Dabei hilft uns der amerikanische Theosoph Gordon Plummer (1904-1999), der in seinem Buch -The Mathematics of the Cosmic Mind“ (1966) schreibt, dass das Ikosaeder, aus dem alle anderen platonischen Körper entstehen, in der indischen mathematisch-geometrischen Mystik für den Körper des Purusha, den -kosmischen Menschen“ (Anthropokosmos) stehe, der das -Samen-Bild“ Brahmas, des Schöpfers des Universums sei, und deshalb den Plan des Universums darstelle. Wie das Ikosaeder -von den anderen Formen unberührt“ (Lawlor 1982) ist, so ist Purusha unmanifestiert und von der Schöpfung unberührt. Das Dodekaeder hingegen galt in Indien als Repräsentation der Prakriti, der weiblichen Kraft der Schöpfung und der Manifestation, der universellen Mutter und Quintessenz des natürlichen Universums. Das Dodekaeder berührt alle Formen der Schöpfung in ihrem stillen, beobachtenden Partner (d.h. Purusha). Wie Plummer schreibt, stellen diese beiden transzendenten Prinzipien die unmanifestierte Urdualität der Schöpfung dar. Diese Dualität hat ihre manifestierte Form in der sternförmigen Figur von zwei zueinander reziproken, ineinander verschachtelten Tetraedern. Als Resultat ihrer Interaktion entsteht der Kubus, das Symbol der materiellen Existenz, der vier Materiezustände Erde, Wasser, Luft und Feuer. Das Oktaeder, das den Kern des Stern-Tetraeders bildet, deutet Plummer als Symbol der Kristallisation, der statischen, gereinigten Perfektion der Materie; es sei der -Diamant, das Herz des kosmischen Körpers, die transformierte und geklärte Lichtlinse, die Doppelpyramide“ (Lawlor 1982). Daraus wird das Ikosaeder wiedergeboren, als exakte Reinkarnation des ursprünglichen, zeugenden Ikosaeders des Purusha (Lawlor 1982). Dieser Transformationszyklus der platonischen Körper, der uns stark an Buckminster Fullers -Jitterbug“ erinnert (siehe Hagia Chora 11), vollzieht den kosmischen Schöpfungsprozess eines ständigen Wechselspiels zwischen dem Ikosaeder des männlichen Purusha mit seinen Dreiecken (die Drei ist eine dynamische, -männliche“ Zahl) und dem Dodekaeder der weiblichen, oder vielmehr androgynen, Prakriti (ihre Zahl Zwölf entsteht aus der männlichen Drei und der weiblichen Zwei). Der Stern, der als Resultat ihrer Hierogamie (kosmischen -heiligen Hochzeit“) entsteht, wird als Konfiguration des kosmischen Menschen, des Vollenders des Lebens und des goldenen Schnitts gedeutet. Wie Plummer schreibt, war in der Hindu-Metaphysik offenbar jeder der platonischen Körper auch Symbol für einen der unsichtbaren feinstofflichen Körper des Menschen, die wir nach deren Auffassung als Entsprechung zu den subtilen Ebenen der Wirklichkeit besitzen. Auch in der Rangordnung der feinstofflichen Körper findet der Wandlungszyklus der platonischen Körper seinen Ausdruck. Während das zentrale Ikosaeder am Anfang des Zyk-lus für das Idealbild des physischen Körpers steht, repräsentiert das Oktaeder den physischen, das Tetraeder den Lebensenergie- und der Würfel den Denkkörper. Das Dodekaeder steht für den Intelligenzkörper, und das Ikosaeder schließlich symbolisiert den Wonnekörper des Erleuchtungszustandes (siehe Tabelle oben rechts).
Somit hat Fuller mit seinem -Jitterbug“, der auch von Becker und Hagens aufgegriffen wurde (siehe Folgen 4 und 5 dieser Serie), etwas wiederentdeckt, was bereits die altindische Metaphysik kannte, nämlich die geometrisch codierte Lehre von einem Transformationszyklus, der die Phasen der Emanation bzw. Manifestation vom Weltgeist bis zur materiellen Erde (und wieder zurück) repräsentiert. In dieser -Metaphysik der Erde“ wird die Erde, wie alle Himmelskörper, als ein lebendes Wesen betrachtet, dessen leuchtender Energiekörper aus verschiedenen Kraftfeldern besteht, die jene planetare Intelligenz enthalten, die die Antike als Gottheit betrachtete. Die physische Erde ist dabei nur die sichtbare Repräsentation eines hochkomplexen Organismus, der im Lauf der Zeit verschiedene Inkarnationen durchmacht und wie der menschliche Organismus aus verschiedenen -Körpern“ oder Schichten besteht. Diese Bestandteile des Erdorganismus sind, wie die entsprechenden -feinstofflichen Körper“ des Menschen, mit den ihnen entsprechenden Dimensionen des Gesamtkosmos verbunden.
Giorgio de Santillana und Hertha von Dechend weisen in der -Mühle des Hamlet“ (siehe Hagia Chora 18) darauf hin, dass Plato mit dem Ausdruck, das Dodekaeder stehe für -die Struktur des Ganzen“, den -Rahmen des Ganzen“, gemeint habe, es repräsentiere den Kosmos und den Äther, und dass Plato das Dodekaeder auch mit der -wahren Erde“ gleichgesetzt habe. Auch in Plummers Modell steht das Dodekaeder nicht nur für den Kosmos, sondern auch für die -andere“ oder -innerste“ Erde, die -Erde der Glückseligen“, die ideale Erde, die weibliche -Erd-Prakriti“, die Erdseele oder Weltseele Gaia. Das Ikosaeder hingegen steht für den männlichen Erd-Purusha, den Erd-Geist, das Erd-Selbst. Durch die Vereinigung dieser weiblichen und männlichen höheren Erd-aspekte entsteht der Funke des göttlichen Bewusstseins, der den innersten Kern des menschlichen Bewusstseins und der realen Existenz der Erde bildet. Der Mensch bzw. die Menschheit ist das -Juwel im Lotos“.

Himmelssphäre und Geist der Erde
Das Dodekaeder versinnbildlicht die Him-melssphäre, das vom archaischen Menschen als Klang wahrgenommene, lebendige Fluten einer immateriellen Ursubstanz, das uns in den letzten Folgen im Zusammenhang mit den Arbeiten von Marius Schneider, Antonio de Nicolàs und Ernest McClain immer wieder begegnet ist. Die einzelnen Himmelskörper in dieser Sphäre, wie die Planeten und die Erde, in der Antike als Götter betrachtet, fasste man als Teil dieses klingenden Flutens auf. Wie De Quincey schreibt, stellten die Götter der Orphik, auf deren Vorstellungen Platons Philosophie basiert, eine Art -Rhythmen oder Kraftmuster in wellenartigen Feldern von Formen und kosmischen Beziehungen“ dar (De Quincey 2002). Eine schöne Illustration dieses Zusammenhangs zwischen Musik, Kosmologie und der Erde findet sich bei dem Musikethnologen Ernst Moritz von Hornbostel, den wir bereits als Lehrer Marius Schneiders kennengelernt haben. Nach arabischen und chinesischen Quellen symbolisiert die Wölbung des Lautenkörpers die sichtbare Welthalbkugel, während die sieben Töne der Lauten-Tonleiter auf die Planeten verweisen und die Zwölfzahl von Saiten (4), Wirbeln (4) und Bünden (4) mit den Tierkreiszeichen in Verbindung gebracht werden. Auch viele andere Beispiele zeigen, dass Gestalt und Aufbau von traditionellen Musikinstrumenten nicht nur von musikalischen Notwendigkeiten bestimmt wurden, sondern auch durch Maßnormen mit kosmologischer Bedeutung (Hornbostel 1928).
Wie der Begriff -Firmament“ zeigt, stellte man sich die gleiche Himmelssphäre noch im Mittelalter als soliden, aus Kristall bestehenden Dom vor. Im ptolemäischen Weltbild bestand der Kosmos bzw. das Sonnensystem aus einer Serie hohler, ineinandergeschachtelter kristalliner Sphären. Diese Vorstellung stammt aus der uralten schamanischen Tradition, wonach der Himmel, das Jenseits, die Geisterwelt kristalliner Natur sind. Der Bergkristall repräsentiert das Unvergängliche, die geistige Einheit, die der scheinbaren Vielfalt der materiellen Erscheinungen zugrundeliegt, die Einheit der fünf Elemente, mithin also den Äther. Die Eigenschaft des Kristalls als zur Erde gefallene Himmelssubstanz, geronnenes Licht und kondensierter Geist erklärt auch die zentrale Rolle von Bergkristall und Diamant in Schamanismus und östlichen spirituellen Traditionen (Eliade 1954). Der Aufbau eines kristallinen oder diamantenen -heiligen Körpers“ durch Inkorporation himmlischer Substanz verleiht dem Schamanen und dem Yogi magische Kraft und Fähigkeiten wie Hellsichtigkeit, Heilkraft, Prophezeiungsgabe, Flugkraft und Weisheit. Die amerikanischen Indianer verehren Bergkristalle als Gehirnzellen der Großmutter Erde. Da für schamanische Kulturen die Lebenskraft oder Seele nicht im Fleisch des Körpers, sondern in den Knochen sitzt, sind die Kristalle als Bestandteile des Skeletts der lebendigen Erde die Zellen ihres Geist-organs. Sie sind der Geist der Erde, durch den der universelle Geist mit allen Teilen des Erdorganismus kommuniziert.

Das Dodekaeder als Mandala
Letztlich stellt das Dodekaeder, auch und besonders in seiner vermuteten geodätischen, geomantischen und magischen Verwendung, eine Art dreidimensionales Mandala dar. Wie Marie-Louise von Franz schreibt, sind die ältesten Denkmodelle der Menschheit meist Mandala-Modelle, besonders häufig Kugelmodelle (von Franz 1990). Die Quelle dieser Vorstellungen im Abendland war vermutlich die bereits erwähnte Orphik (ca. 2000-1000 v.Chr.), die selbst eine Fortsetzung von sehr viel älteren schamanischen Vorstellungen ist. Für die Orphiker hatten Gott und das Universum Kugelform. Das Universum stellten sie sich als Gottes Leib vor (Makros Anthropos, Purusha etc.), als -großen Königsleib, in dem dies alles hier kreist“, wie es in einem alten orphischen Hymnus heißt. Auch spätere griechische Philosophen wie Empedokles, Xenophanes, Plato und Plotin stellten sich Gott und das All als unendliche Kugel vor. Diese Tradition sphärischer Kosmologien, die sich bis zum Beginn der Neuzeit fortsetzte, ist in dem Buch -Unendliche Sphäre und Allmittelpunkt“ von Dietrich Mahnke beispielhaft beschrieben worden (siehe Hagia Chora 15). Wie von Franz schreibt, ist das kosmische Mandala in einigen dieser Weltmodelle des Altertums außerhalb der materiellen Raumzeit gedacht, in anderen wird es als materiell aufgefasst, wieder in anderen als eine die Weltmaterie durchdringende, aber eigenständige nicht-materielle Struktur verstanden. Plato habe diese Widersprüche in einem Doppelmodell vereint, das auch die zeitliche Dimension berücksichtigte und eine zeitlos-immaterielle mit einer sich in der Raumzeit zyklisch bewegenden Struktur kombiniert habe. Diesem im -Timaios“ (37c-38a) beschriebenen Modell entstammen die platonischen Körper. Hier nimmt Plato die Existenz eines ewigen, außerzeitlichen Bereichs an, in dem diese geo-metrischen Figuren, in sich ruhend, als kosmische Struktur zeitlos koexistieren. Von dort werden sie nicht simultan in den raumzeitlich-materiellen Kosmos übertragen, sondern nacheinander entsprechend der Ordnung der natürlichen Zahlen in ein sich bewegendes, rotierendes Mandala-Abbild der ewigen Einheit und ihrer zeitlos koexistierenden Ordnung transformiert. Dadurch entsteht die Zeit, die die Brücke zwischen den zwei Modellen bildet.
Ein ähnliches, möglicherweise noch älteres Doppelmodell finden wir in der chinesischen Kultur. Es sind die Luoshu und Hetu-Diagramme und die von ihnen abgeleiteten, tausend Jahre jüngeren Systeme des Königs Wen Wang und des Fuxi (Granet 1963, Govinda 1983, Kubny 1995). Die sogenannte -vorweltliche“, -frühe“ oder -ältere Himmelsordnung“ des Hetu entdeckte der Legende nach der von Drachen abstammende, schlangenschwänzige Kulturheros Fuxi, als ein Pferd aus dem Fluss auftauchte, das auf seinem Rücken die Zeichen des Hetu-Diagramms trug. Dieses steht für die nicht-materielle, nicht-dualistische Realität, für die urweltliche, pränatale Ordnung und die überzeitlichen, göttlichen universellen Gesetze. Die -späte“ oder -jüngere Himmelsordnung“ des Luoshu bzw. des Königs Wen Wang, des Gründers der Zhou-Dynastie, soll von Yu, einem späteren sagenhaften König, auf dem Rücken einer Schildkröte, die einer Flut entstieg, entdeckt worden sein. Das Muster des Luoshu repräsentiert die raumzeitliche, postnatale Ordnung aufeinanderfolgender Ereignisse, den zeitlichen Ablauf derselben Gesetze, die irdische Oberfläche des Bewusstseins und die Welt des Äußeren. Beide Diagramme spielen noch heute eine wichtige Rolle in der chinesischen Geomantie, dem Feng-Shui.

Dodekaeder als Unus Mundus
Kugel und Mandala sind nach C.G. Jung -psychisches Äquivalent des Unus Mundus“. Damit bezeichnete der Schweizer Psychologe jene Einheitserfahrung, die sich in jenen seltenen Augenblicken der -Synchronizität“ einstellt, wenn innere und äußere Welt, psychische und materielle Realität zur Deckung kommen, die Außenwelt den Charakter der -Numinosität“ erhält und voller Bedeutung wird. Jung betrachtete den -Unus Mundus“ als fundamentale Basis-Ebene unserer Realität, die sowohl der objektiven Realität der materiellen Welt wie auch der subjektiven Realität unseres Innenlebens und Bewusstseins zugrundeliegt und die Ursache für die gleichartige Strukturierung von Psyche und Materie ist, die Jungs Schülerin Marie-Louise von Franz in ihrem Buch -Zahl und Zeit“ nachgewiesen hat. Diesen -Unus Mundus“ repräsentiert das Dodekaeder. Mit anderen Worten, es lässt sich einerseits zwar sagen, dass das Dodekaeder für die -innere Erde“ steht, für das Erkennen des eigenen Selbsts als innersten Kern der Welt. Es gilt jedoch auch das Umgekehrte, nämlich dass es für die Erkenntnis steht, dass das Bild des innersten Selbsts auch ein Bild der Welt ist. Wie die eben erwähnten Mandala-Modelle ist das Dodekaeder ein Ausdruck der doppelten Natur der Erde, die immer berücksichtigt werden sollte. Wenn wir uns mit der äußeren Erde befassen, sollten wir gleichzeitig die innere Erde in ihr sehen, und wenn wir die innere Erde betrachten, dürfen wir nicht den Kontakt mit der äußeren Erde verlieren. Das eine sollte immer durch das andere hindurch gegenwärtig und das andere für dieses transparent bleiben, im Sinn von Jean Gebsers Transparenz der Gegenwart für den transzendenten Ursprung (Gebser 1978). Die tiefe Beschäftigung mit der Erde, z.B. in der Geomantie, ist gleichzeitig eine Beschäftigung mit dem eigenen Selbst, mit dem tiefsten Potenzial meiner eigenen Person, meiner eigenen möglichen Zukunft. Der Herrscher, Wächter oder Engel des Planeten, der Geist der Erde, ist gleichzeitig mein eigenes tiefstes göttliches Selbst, das, was ich werden könnte und eigentlich bin; deshalb nennen die Sufis den höchstentwickelten Menschen des Planeten, der das Potenzial des Menschseins am besten verkörpert, den Qutb, d.h. die -Achse“ der Erde. Wie eine Mutter ihr Kind immer an seine höchsten Entfaltungsmöglichkeiten erinnert, so erinnert uns das Bild der tiefen inneren Erde immer an das höchste Potenzial menschlicher Existenz. +

Verwendete Literatur: William Becker/BeTHE HAgens: The Planetary Grid: A New Synthesis. Pursuit, Vol. 17, (wieder abgedruckt in David H. Childress: Anti-Gravity and the World Grid, Adventures Unlimited Press, Kempton, Illinois, 1987.). • Franz Boll: Sphaera. Teubner, Leipzig 1903. • Walter Burkert: Weisheit und Wissenschaft. Nürnberg 1962. • Isabelle Cervi-Brunier: Le dodécaèdre en argent trouvé à St. Pierre de Genève. Zeitschrift für Schweizerische Archäologie und Kunstgeschichte, Bd. 42, Heft 3 (1985). • Jean Chevalier/Alain Gheerbrant: Dictionnaire des Symboles. Éditions Seghers, Paris 1974. • Keith Critchlow: Time Stands Still. Gordon Fraser, London 1979. • W. Déonna: Les dodécaèdres gallo-romains en bronce, ajourés et bouletés. Bulletin de l’Association Pro Aventico, No. 16 (Avenches 1954), S. 18-89. • Franz Dornseiff: Das Alphabet in Mystik und Magie. Teubner, Leipzig 1925. Reprint Fourier Verlag, Wiesbaden 1985. • Robert Eisler: Weltenmantel und Himmelszelt. C.H. Beck Verlag, München 1910. • Mircea Eliade: Schamanismus und archaische Ekstasetechnik. Rascher Verlag, Zürich 1954 • Marie-Louise von Franz: Zahl und Zeit - Psychologische Überlegungen zu einer Annäherung von Tiefenpsychologie und Physik. 2. Aufl. Klett-Cotta, Stuttgart 1990. • Jean Gebser: Ursprung und Gegenwart. Gesamtausgabe, Bde. II-IV. Novalis Verlag, Schaffhausen 1978. • Lama Anagarika Govinda: Die innere Struktur des I Ging. Aurum, Freiburg i. Br. 1983. • Marcel Granet: Das chinesische Denken. Piper, München 1963. • Bethe Hagens: Venuses, bolas, and other hand-held earth models. In: Andersen, M./Merrell, F. (Hrsg.): On Semiotic Modeling. Mouton de Gruyter, New York 1991. • Ernst Moritz von Hornbostel: Die Maßnorm als kulturgeschichtliches Forschungsmittel. In W. Koppers (Hrsg.): Festschrift/Publication d’hommage offerte à P.W. Schmidt. Wien 1928 • Manfred Kubny: Qi - Lebenskraftkonzepte in China. Karl F.Haug Verlag, Heidelberg 1995. • Robert Lawlor: Sacred Geometry - Philosophy and Practice. Thames & Hudson, London 1982. • Françoise Le Roux: Notes d’histoire de religion II. Ogam - Tradition Celtique, tome 7ème, Rennes 1955. • Dietrich Mahnke: Unendliche Sphäre und Allmittelpunkt. Max Niemeyer Verlag, Halle 1937. • Nigel Pennick: Spiele der Götter - Ursprünge der Weissagung. Walter Verlag, Olten 1992. • Gordon Plummer: Mathematics of the Cosmic Mind. Theosophical Publishing House, Wheaton, Illinois 1970. • Christian De Quincey: Radical Nature. Invisible Cities Press, Montpelier, Vermont, USA, 2002. • Léonard Saint-Michel: Situation des dodécaèdres celto-romains dans la tradition symbolique pythagoricienne. Bulletin de l’Association Guillaume Budé, Nouvelle Série, No. 4, Paris 1951. • Giorgio de Santillana/Hertha von Dechend: Hamlet’s Mill - An Essay on Myth & the Frame of Time. Gambit, Boston 1969.