Die Landschaft ist ein Lesebuch

Zur Entwicklung der Landschaftsarchäologie

von Peter Fowler erschienen in Hagia Chora 23/2006

In England hat sich mit der Landschaftsarchäologie eine seriöse Fachrichtung etabliert, deren Sicht auf das Land mit der Geomantie durchaus verwandt ist. Peter Fowler ist einer der Pioniere dieses neuen Wissenschaftszweigs.

Landschaft - das ist heute in der Archäologie ein großes Thema. Die UNESCO nimmt „Kulturlandschaften“ in die Kandidatenliste für Denkmäler des Weltkulturerbes auf und hat auch bereits viele solcher Gegenden ausgewiesen. Seit März 2004 ist die vom Europarat vorgeschlagene Europäische Landschaftskonvention in Kraft, die die unterzeichnenden Regierungen zum Schutz von Landschaften verpflichtet, analog zum Schutz baulicher Denkmäler. Allerdigs sind noch nicht alle europäischen Länder der Konvention beigetreten, auch in England und Deutschland dauert die Diskussion über den Beitritt noch an.
Im englischprachigen Raum existieren heute eigene wissenschaftliche Zeitschriften, die sich allein mit dem Thema „Landschaft“ befassen. Und unter den archäologischen Neuerscheinungen findet sich eine ganze Reihe umfangreicher Werke, die sich unter die Überschrift „Landschaftsarchäologie“ stellen. Jeden Tag startet eine Arbeitsgruppe von Archäologen fast schon routinemäßig ein neues Landschaftsarchäologie-Projekt. So sieht heute die archäologische Feldforschung aus. Hier hat eine Revolution stattgefunden, aber freilich war es nicht immer so. Es gab eine Zeit „v.La.“ („vor der Landschaftsarchäologie“) - ich habe sie selbst erlebt.
Im Grund hat bereits Graham Clarke mit Kollegen aus dem Fachbereich der Paläo-Ökologie in der Gegend der Fenlands (Feuchtgebiete in Ostengland) in den 1930er-Jahren so etwas wie Landschaftsarchäologie betrieben, aber das Thema erlangte erst Mitte des 20. Jahrhunderts eine gewisse Reife mit der Arbeit des Archäologen Osbert Guy -Stanhope Crawford („Archaeology in the Field“, 1953). Crawford, der für die amtliche Landvermesung tätig war, betonte immer wieder, dass Landschaftsarchäologie nicht nur Arbeit unter freiem Himmel bedeutet, sondern auch ein gutes Stück dokumentarische und kartografische Forschung. Der entscheidende Aspekt, den Crawford einbrachte, war jedoch die gedankliche Arbeit, durch die er in der spezialisierten Archäologenwelt, die am Fachwissen über Myriaden von Einzelobjekten zu erstarren drohte, die Landschaft insgesamt als ein einziges, umfassendes Forschungsobjekt einführte, das von seiner Definition her nicht einer einzelnen Periode zugerechnet werden kann.
Ihren Kristallisationspunkt erfuhr die Landschaftsarchäologie allerdings erst in den 70er-Jahren. Einer von mehreren Gründen für den damaligen Durchbruch war der in den 50er- und 60er-Jahren massiv zunehmende Ackerbau, dem riesige Flächen mit Erdwerken und anderen Bodendenkmälern zum Opfer fielen. Ein weiterer Grund war die Weiterentwicklung der Luftbildfotografie durch JK St -Joseph zu eben dieser Zeit, durch die das Ausmaß dieser Zerstörung mit erschreckender Deutlichkeit sichtbar wurde. Ein dritter Grund lag im Aufkommen einer Nachkriegsgeneration von Archäologen, die von dem Landschaftshistoriker William George Hoskins (-The Making of English Landscape“, 1955) inspiriert war. Dessen revolutionären Thesen zufolge liegen die Ursprünge der heute existierenden Landschaft sehr, sehr viel weiter zurück, als bis dahin allgemein angenommen. Zur Zeit von Hoskins Veröffentlichung war man noch der Meinung, dass die Landschaft fast ausschließlich ein Produkt des 18. Jahrhunderts sei.

Eine verengter Blick
Ich selbst hatte insofern Glück, als Landschaft - und nicht nur die jeweilige archäo-logische Stätte - in meiner Forschung schon früh eine große Rolle spielte. Der Hadrianswall, dem ich einen großen Teil meiner Lebenszeit gewidmet habe, ist weit mehr als nur eine Wallanlage: Überall -reagiert er auf die Landschaft, in die er eingebettet ist, und die Landschaft verdankt dem Wall viel von ihrer Pracht. Obwohl wir bei Gwithian in Cornwall, wo ich während meiner Studienzeit in den 50er-Jahren an Grabungen teilnahm, einzelne, -isolierte“ Stätten ausgruben, arbeiteten wir doch mit einem Landschaftskonzept, in das die Vielzahl von Stätten aus dem Mesolithikum bis zur Neuzeit, die man dort entlang des unteren Verlaufs und an der Mündung des Red Rivers gefunden hatte, eingebunden war.
Obwohl ich damals noch keinen akademischen Abschluss hatte, leitete ich - für heutige Verhältnisse höchst ungewöhnlich - zur selben Zeit bereits meine erste Einzelausgrabung am Madmartston Hillfort in North Oxfordshire. Diese Hügelfestung war so offensichtlich Bestandteil einer Reihe benachbarter Stätten und eines sich von der Vorgeschichte bis ins Mittelalter immer weiter entwickelnden Siedlungsgeflechts entlang eines Tals, dass selbst ein Student mit erst wenigen Vorkenntnissen zumindest unterbewusst die Idee einer sich entwickelnden Landschaft in sich aufnehmen musste. Als es mir einige Monate später gelang, die Archäologie zu meinem Broterwerb zu machen, lautete mein Paradigma deshalb -Landschaft“; aber ich kam in eine Berufswelt, in der noch immer die Stätte die Stellung einer Alleinherrscherin innehatte. Für die English Royal Commission inventarisierte ich Stätten in Dorset und Wiltshire und besuchte eine Menge Grabungsfelder, wo man tätig geworden war, weil die Plätze - zur Hauptsache Grabhügel, von denen man als -vorgeschichtliche Monumente“ sprach - vom Pflug bedroht waren. Ich hörte Vorträge über Stätten, die gerade ausgegraben wurden, aber niemand sprach über die Landschaft, in der sie angelegt worden waren.

Veränderte Perspektiven
Im Gegensatz dazu akzeptiert man heutzutage die Beschäftigung mit Landschaft als Normalität. Archäologen ziehen heute als erstes die Landschaft heran, sie liefert die Perspektive und den Kontext einer Stätte. Ob im Norden Schottlands, im Heideland von Cheviots und Yorkshire, in den East Midlands, in Wiltshire und Dorset oder den Granit-Höhenzügen des Dartmoors und Bodmin Moors - die Landschaftsarchäologie erweitert nicht nur unser Verständnis, sondern stellt auch neue Fragen über die Landschaften der Zukunft. Eine Institution, die sich solche Fragen vor dem Hintergrund, was wir uns als Gesellschaft von der Landschaft des 21. Jahrhunderts wünschen, stellt, ist das English Heritage Historic Landscape Characterization Project.
Landschaftsarchäologie lässt sich überall praktizieren, es kommt nur auf die richtige Bewusstseinsverfassung an. Wer akzeptiert, dass sich das -Lesen“ der Landschaft am ehesten mit dem Notenlesen eines Musikstücks vergleichen lässt, kann diese Kunst lernen. Dabei wandelt sich die Sichtweise: Anstatt wie bisher eine kulissenhafte Landschafts-Szenerie zu sehen, nimmt man eine Landschaft wahr, in der es nicht nur Hecken, Felder und Wälder zu sehen gibt, sondern Muster zu entziffern. Das gilt für Städte und Großstädte ebenso wie für ländliche Gegenden.
Die Wahrnehmung erweitert sich vom gewöhnlichen Erkennen der drei Dimen-sionen um eine vierte Dimension: Man lernt, die Zeit zu sehen - und wenn nicht die Zeit selbst, so doch ihre Auswirkungen. Indem wir ihre Formen, Gerüche, Klänge und Farben erfassen, wird die Szenerie einer ländlichen Region oder Stadt zu einer Landschaft, die über die Jahrhunderte hinweg entstanden ist und die sich noch immer weiterentwickelt - das Ergebnis einerSynergie zwischen Menschheit und Natur. In der Praxis registrieren Auge und Gehirn nun solche Beobachtungen, von denen sie gelernt haben, dass sie bedeutsam sind: So verschwindet etwa ein alter Damm auf einem Hügel in einer Fichtenpflanzung (oder andersherum betrachtet: geht daraus hervor) und zeigt damit an, dass letztere jünger ist als er selbst; oder das Muster von heckenumstandenen, rechteckigen Feldern überlagert die Wellenmuster einer früheren Acker-Oberflächenstruktur.
Mit solchen Betrachtungen kann man jederzeit im eigenen Umfeld beginnen. In den vergangenen Jahrzehnten hat ein wichtiger Wandel in der Wahrnehmung von Landschaft insofern stattgefunden, als dass Orte von -nationalem“ oder gar von -globalem Interesse“ nicht -besser“ oder wichtiger sind als Orte, deren Geschichte in einem regionalen oder persönlichen Zusammenhang von Bedeutung sind. In England wird heute von offizieller Stelle nicht geringe offizielle Unterstützung zur Bewahrung solcher lokal bedeutender Orte gegeben, beispielsweise durch die Erträge aus der Heritage Lottery (Kulturerbe-Lotterie). Ein witziger Autoaufkleber bringt es auf den Punkt: Land-scape archaeologists do it on their doorstep (-Landschaftsarchäo-logen machen es auf ihrer Türschwelle“). Wenn Sie einmal angefangen haben, so lassen Sie sich ruhig Zeit: Verankern Sie das Land in Ihrem Leben, und lassen Sie die Landschaft langsam zu Ihnen kommen. +

Dieser Artikel erschien erstmals in der Zeitschrift -British Archaeology“ Nr. 62, www.britarch.ac.uk.
Übersetzung aus dem Englischen: Jochen Schilk.

Soeben ist im AT Verlag das neue Buch von Paul Devereux erschienen, das die Erkenntnisse der Landschaftsarchäologie mit Forschungen aus der Ethnologie und Geomantie in Zusammenhang bringt: -Der heilige Ort“, www.at-verlag.ch.