Erloschenes Urheberrecht

von Nigel Pennick erschienen in Hagia Chora 22/2005

Vor einigen Jahren wurde die Laufzeit von Urheberrechten verlängert. Bis dahin gehörte das Urheberrecht für die Werke eines Autors noch fünfzig Jahre nach dessen Tod seinen Erben. Einige fanden das nicht ausreichend, und so wurde die Frist europaweit auf siebzig Jahre ausgedehnt. Das Urheberrecht einiger Werke, deren Autoren damals vor gut fünfzig Jahren verstorben waren, so dass es nach der alten Regelung bereits als erloschen galt, wurde dadurch wieder gültig. So war es auch mit dem literarischen Werk von Alfred Watkins, dessen Buch -The Old Straight Track“ so etwas wie der Initialfunke für viele britische Geomanten war.
Alfred Watkins lebte von 1855 bis 1935. Von Beruf war er Geschäftsmann, der die -Imperial Mills“ in seiner Geburtsstadt Hereford betrieb und geschäftlich häufig in deren Umgebung umherreiste. Während Watkins heute nur mehr für seine geomantische These bekannt ist, derzufolge prähistorische Stätten oft auf geraden Linien angeordnet sind, die sich unsichtbar durch das Land ziehen, war er zu Lebzeiten vor allem berühmt durch sein dunkles Brot mit Weizenkeimen, das er -Vagos“ nannte und als optimal verdaulich anpries. Abgesehen von seinem Beitrag zur Geomantie begründete sich Watkins Bekanntheit außerdem auf seiner Forschung auf dem Gebiet der fotografischen Belichtung, die schließlich zu der Watkins-Formel sowie zu einem Unternehmen zur Herstellung fotografischer Lichtmesser, der Watkins Meter Company, führte.
Watkins war langjähriges Mitglied eines jener lokalen Clubs von Altertumsforschern, die vor dem ersten Weltkrieg überall auf den Britischen Inseln verbreitet waren. Sein Verein nannte sich -Woolhope Naturalists Field Club“ und widmete sich allen möglichen Fragen von antiquarischem, historischem und allgemein wissenschaftlichem Interesse. Er befasste sich mit regionalen Besonderheiten ebenso wie mit historischen Bauwerken oder der Flora und Fauna; zum Beispiel schrieb Watkins mit einigen anderen Vereinsmitgliedern einen Bericht über das Erdbeben von Herefordshire im Jahr 1889. Andere seiner Artikel befassten sich etwa mit den Taubenschlägen oder den alten Steinkreuzen der Grafschaft. Für letztere besuchte und fotografierte Watkins alle 120 in der Region bekannten Überreste solcher Stätten und veröffentlichte seine Ergebnisse im Jahr 1929 in dem Buch -The Standing Crosses of Herefordshire“.
Seine berufliche Arbeit wie auch sein gesellschaftliches Engagement entsprachen durchaus dem, was zu seiner Zeit von einem talentierten Geschäftsmann erwartet wurde, anders als seine spätere Leidenschaft für lineare Phänomene in der Landschaft. In seinen Schriften behauptete Watkins, dass seine Ideen zu den geraden Linien gänzlich aus seiner eigenen Erfahrung entsprungen waren. An einer Stelle seines ersten Buchs zum Thema, dem 1922 veröffentlichten -Early British Trackways“, gibt er sogar das genaue Datum seiner Entdeckung mit dem 30. Juni 1921 an. Später wurde dieses Datum von den -Ley Hunters“ (Ley-Jägern) des späten 20. Jahrhunderts mit -mystischen Picknicks“ und anderen Festlichkeiten begangen. Aus dem Buch erfahren wir, dass Watkins an jenem Tag beim Kartenstudium erstmals eine solche Linie entdeckte, die mehrere landschaftliche Besonderheiten miteinander verband. Mit Enthusiasmus und Entdeckerfreude - das spricht aus seinen Büchern - stellte er fest, dass auch anderswo Entsprechendes zu finden war, wo zu seinem Erstaunen immer neue Linien durch dieselbe Art von Objekten zu laufen schienen. Von diesen Objekten vermutete er, dass sie einstmals -praktische Aussichtspunkte“ gewesen waren.

Die Bedeutung der Ley-Linien
Meine in den 70er-Jahren durchgeführte Recherche im Archiv des Woolhope Naturalist Field Clubs brachte zutage, dass Watkins an einem Treffen teilgenommen hatte, auf dem man ähnliche Theorien des viktorianischen Altertumsforschers William Henry Black diskutiert hatte. Die Idee von unsichtbar die Landschaft durchziehenden Linien war also letztlich nicht neu. Doch indem Watkins, anders als seine vergessenen Vorgänger, dem Phänomen einen Namen - Ley - gab, verhalf er seinem eigenen Werk zur Beständigkeit. Der Begriff, nun in einer gewissen Tautologie zur -Ley-Linie“ erweitert, war Watkins Interpretation eines angelsächsischen Wortes, das in vielen englischen Ortsbezeichnungen auftaucht und ursprünglich -Wald“ und später -Einschlag, Lichtung“ bedeutete. Watkins interpretierte dies als einen geradlinigen Einschlag durch den Wald, doch es scheint auch möglich, dass viele der Ortsnamen, die er auf solchen geraden Linien fand, auf --ley“ endeten, z.B. Didley und Bitterley, die auch in seinem ersten Buch beleuchtet werden. Sein Hauptwerk zum Thema war das 1925 publizierte -The Old Straight Track“, und es liegt wohl an der ununterbrochenen Erhältlichkeit des Buchs bis in die 60er-Jahre hinein, dass es zu einem wiedererwachenden Interesse an Watkins Werk kam und eine neue Generation den Sport des Ley-Hunting aufnahm.
Tatsächlich passte Ley-Hunting hervorragend zum Hippie-Ethos jener Ära. Die Pirsch nach Leys in der Landschaft war eine Art mystisches Abenteuer wie die Mission der Helden in Tolkiens -Herr der Ringe“, ein Roman, der damals die Fantasie vieler Menschen anfachte. Es herrschte die verbreitete Meinung, Watkins habe eine Vision von leuchtenden Linien gehabt, und auch die Hippies auf dem Glastonbury Tor sahen diese Linien in der Landschaft, wenn auch nur in psychedelischen Räuschen. Nun gab es wieder einen Markt für Watkins’ Idee, wenn sich auch die Interpretation all dessen, was der viktorianische Geschäftsmann und radikale Traditionalist ursprünglich gemeint haben mochte, komplett verändert hatte. Zwei von Watkins’ vier Büchern über Leys wurden 1970 und 1977 wieder aufgelegt - und in der Folge verkündeten Rutengänger, Channel-Medien und andere Mystiker ihre Sichtweise über Leys und änderten sogar den Terminus in Leylines.
Als ich 1975 das -Institute of Geomantic Research“ ins Leben rief, war Watkins erst vierzig Jahre tot. Das letzte lebende Mitglied seines Straight Track Clubs, Egerton Sykes, starb ungefähr zu jener Zeit. Heute sind seit Watkins’ Tod siebzig Jahre vergangen, und die Urheberrechte laufen aus. Mir ist zu Ohren gekommen, dass -The Old Straight Track“ und vielleicht weitere seiner Bücher über Leys wieder veröffentlicht werden sollen. Doch möglicherweise haben sich die Ansichten zu den Landschaftslinien in den vergangenen achtzig Jahren auch derart stark verändert, dass nun niemand mehr etwas mit Watkins’ Ideen anfangen kann. Wenn Watkins sehen könnte, was die Leute aus seiner Idee gemacht haben, so wäre er sicherlich schockiert. Doch das ist nun einmal das Los aller Ideen und ihrer Begründer. #

Übersetzung aus dem Englischen: Human Touch