Drachenlinien und Seelenwege

von Elvira Recke erschienen in Hagia Chora 20/2005

Auf dem Fördermitglieder-Treffen anlässlich des 10-jährigen Jubiläums des Vereins zur Förderung der Geomantie Hagia Chora traf die Hagia-Chora Redaktion Elvira Recke und sprach mit ihr über ihre Art, die Stimme der Landschaft wahrzunehmen und zu verstehen.

Hagia Chora: Frau Recke, Sie haben in diesem Herbst ein Seminar mit dem Titel "Auf den Geisterpfaden des alten Volkes rund um den Pilatus" angeboten. Was hat Sie zu diesem Thema gebracht?
Elvira Recke: Das Seminar ergab sich aus der Zusammenarbeit mit Su-sanne Belz aus Basel, die im Rahmen ihrer Organisation "Women and Earth" eine vierjährige Ausbildung für Frauen in sozialen und therapeutischen Berufen anbietet. Sie hat mich schon vor vielen Jahren eingeladen, die Geomantie als Vervollständigung der Erdmedizin einzubringen. Auf der Suche nach Themen und passenden Orten stieß ich in der Schweiz am Vierwaldstädtersee auf die beiden Hausberge der Stadt Luzern: die Rigi - der Berg hat tatsächlich einen weiblichen Namen - und den Pilatus. Diese Polarität war für mich an sich schon ein interessanter Ausgangspunkt. Als ich begann, mich mit den Sagen der Gegend zu beschäftigen, fiel mir auf, dass es darin besonders häufig um Drachen geht.
Im Naturhistorischen Museum in Luzern gibt es beispielsweise einen Drachenstein. Es existiert ein Gutachten aus dem 15. Jahrhundert, das seine Heilkraft gegen Geschwüre, Blutungen und Ruhr bekundet. Angeblich wurde er gefunden, als ein feuerspeiender Drache von der Rigi zum Pilatus flog und "etwas" fallen ließ. Wo dieses "Etwas" aufkam, fand man in getrocknetem Blut diesen farbigen Drachenstein.
Was war das besondere Interesse der Frauen auf diesem Kurs?
Die Frauen kommen in der Regel aus dem sozialen und therapeutischen Bereich. Bei der Ausbildung im Rahmen von "Women and Earth" geht es in erster Linie um Persönlichkeitsentwicklung in enger Verbindung mit Erdmedizin und Schamanismus, kurz gesagt, um die Entwicklung einer Form von Lebensbegleitung und -beratung in und mit der Natur. Beim Thema Geomantie stand deshalb neben dem Entschlüsseln einer Landschaft und dem Einordnen ihrer geomantischen Phänomene auch die Entwicklung der persönlichen Wahrnehmungsfähigkeit und psychologische Arbeit im Vordergrund.
Wie haben Sie sich der Geomantie dieser Region angenähert?
Den ersten Zugang gewann ich über die Sagen und Volkstraditionen, die mit den beiden Bergen verknüpft sind. Vom Pilatus sind neben den Drachensagen auch viele Geschichten über Geister und Gespenster überliefert, ebenso vom "wilden Heer", angeführt von einer mythischen Figur, dem so genannten Türst. In den Geschichten wird von einem geisterhaften Zug, von Hundegebell und Sturm in pechschwarzer Nacht berichtet. Seelengeleiter holen dabei die Seelen der Verstorbenen und geleiten sie auf ihrem gefährlichen Weg ins Reich der Toten. Und dieses Heer - das kenne ich sonst nicht - hat eine weibliche Begleitung: die Sträggele, die auch Pfaffenkellnerin genannt wird.
Im Mittelalter war die Sträggele ein ungehorsames Edelfräulein gewesen, das sich dem Staat und der Kirche widersetzte. Sie beharrte darauf, in der Fastenzeit auf Hirschjagd zu gehen. Als Strafe wurde sie vom Türst geholt, denn dessen Gefolgschaft sind verdammte, arme Seelen, die für Untaten zu Lebzeiten büßen müssen. Die Nacht nach dem Luzia-Tag, also die Nacht vom 13. Dezember, ist die Nacht der Sträggele, in der sie an verschiedenen Orten erscheinen kann. Doppelbalkige Kreuze und Helgenstöcklein, eine Heiligenfigur, erinnern noch heute an Orte, wo sie auftauchen könnte. Solche mythischen Motive wie das der wilden Jagd und einer "wilden" Frau in einer dunklen Nacht erscheinen mir als ein altes, vorchristliches Bild für die Reise der Seelen in eine Unterwelt oder Anderswelt. Die Sträggele wäre darin eine Schamanin, welche die Seelen der Verstorbenen ins Reich zu Wotan führt. Das Wort Sträggele stammt vom italienischen Strega für Hexe.
All dies faszinierte mich zunehmend. Ich habe weitere Sagen über die Sträggele gelesen und festgestellt, dass sie zum Teil exakte Ortsangaben enthielten. Da waren Straßenzüge in und um Luzern angegeben, wo diese Frau immer wieder anzutreffen war. Ich zeichnete sie in eine Karte ein und stellte fest, dass sie alle zum Pilatus hinführen. Möglicherweise haben wir es hier mit dem Phänomen der Seelenwege zu tun; der Pilatus wäre dann ein Berg, an dem sich Seelen sammeln.
Alle Kulturen haben Vorstellungen über Jenseitsreiche und über die Reise der Seelen Verstorbener dorthin entwickelt. Nach Mircea Eliade ist allen das Motiv gemeinsam, dass sich die Toten auf zwei verschiedenen Bahnen bewegen: auf dem vertikalen Seelenweg, der die Jenseitsreiche des Himmels und der Erde verbindet, und auf dem horizontalen Weg, der verschiedene materienahe Ahnenplätze, Plätze der Anderswelt, miteinander verbindet. Um diesen Vorstellungen in Bezug auf den Pilatus auf die Spur zu kommen, nahm ich Kontakt mit Kurt Lussi auf, einem wissenschaftlichen Mitarbeiter des Historischen Museums in Luzern. Sein Forschungsgebiet ist der Volksglauben und die Volksmedizin im Alpenraum. Er spricht vom Pilatus als Walhalla, dem Sitz der Seelen, die von Walküren auf windschnellen Rossen ins Jenseits geleitet werden. Auch er ist auf die unterschiedlichen Orte in den Sagen aufmerksam geworden und weist der Sträggele ebenfalls schamanische Züge zu.
Welche Bedeutung haben für Sie solche traditionellen Vorstellungen? Begreifen Sie einen "Seelenweg" als etwas, das eine für Sie nachvollziehbare Realität hat, oder eher als historisches Konzept?
Für mich gehören die Seelenwege zu den geomantischen Phänomenen. Sie wirken auf mich wie Transportbahnen, auf und in denen sich Seelen von Verstorbenen bewegen, um in einen Jenseitsraum zu gelangen oder um zwischen verschiedenen Ahnenplätzen zu wechseln.
Aus Holland sind Totenwege überliefert. Das sind alte mittelalterliche Straßen mit vorgeschriebener Breite, die regelmäßig inspiziert wurden und schnurgerade zu Friedhöfen führten. So war es verboten, Leichen auf anderen Wegen als auf diesen vorgegebenen Totenwegen zu transportieren. Andere Namen dafür sind auch Leichenwege, Spokenweg, Spukweg. Diese Linien sind auf Orte in der Landschaft ausgerichtet, z.B. auf Berggipfel, wo ein Geist, eine Lokalgottheit wohnt, meist spielt Wasser, etwa in Form eines Sees, eine Rolle. Auch auf dem Pilatus gab es bis ins Mittelalter einen See, von dem der Volksglaube meinte, dass darin die Seele des Pontius Pilatus wohne, nachdem sein Leichnam in diesem See versenkt wurde. Sicherlich war dieser See ein alter Kultort, an dem selbst im Mittelalter noch Rituale abgehalten wurden. So ist von feurigen Drachen die Rede, die im See hausen. Er wurde als prophetischer Zeitbrunnen genutzt, um den herum eine Schar von Zwergen lebte. So wie im Schwarzwald die Hexen auf den Belchen fahren oder im Harz auf den Brocken, fliegen sie in der Schweiz auf den Pilatus.
So viel Volksglaube war im Mittelalter nicht opportun, und so war es unter schweren Strafen verboten, den Berg zu betreten. Vielleicht war der See so etwas wie ein Sammelbecken von Seelen Verstorbener, die von dort auch wieder ins Leben eintreten konnten, wenn sie das wollten. Der Glaube an die magische Kraft des Sees, den man auch für das Wetter verantwortlich erklärte (es soll z.B. Stürme und Unwetter ausgelöst haben, wenn Steine in den See geworfen wurden, ), war so stark, dass die Honoratioren der Stadt ihn schließlich durch einen Durchbruch durch den Felsen ausgelassen haben. Heute gibt es Bestrebungen, den Durchlass wieder zuzumauern.
Geschichten wie diese zeigen, dass an solchen Orten etwas Besonderes in der Landschaft existent ist, das Menschen wahrnehmen können. Wenn ich mit Gruppen dorthin gehe, interessieren mich deshalb die Wahrnehmungen der Menschen heute. Ich bin davon überzeugt, dass Menschen die besondere Qualität dort nicht nur wahrnehmen und von anderen Orten unterscheiden können, sondern auch, dass diese Ortsqualitäten eine enge Wechselwirkung mit menschlichem Bewusstsein eingehen.
Wenn ich z.B. von einer Drachen-Sage lese, bin ich einfach neugierig darauf, diesen Ort kennenzulernen. Wenn ich davon lese, dass da Fischer in ihrem Boot auf dem Luzerner See sitzen und über ihren Köpfen einen Drachen von der Rigi zum Pilatus hinüberzischen sehen, dann nehme ich an, dass dort irgendetwas Energetisches vorhanden sein muss. Dem will ich nachspüren.
Wie fühlt sich so etwas zum Beispiel an?
Das ist sehr unterschiedlich und vor allem abhängig davon, bei welchem Menschen welche Wahrnehmungsart am ausgeprägtesten ist. Bei mir sind es vor allem kinästhetische Dinge wie Druckgefühle, z.B. das Gefühl, einen Hut aufzuhaben, oder auch das "Wissen" um das, was an meinem Ort los ist. Ich beschäftigte mich über eine längere Zeit hinweg mit einem Waldstück, durch das eine Drachenlinie führt. Dort war ich ebenfalls mit einer Seminar-Gruppe der Schweizer Frauen zu unterschiedlichen Zeiten im Jahr, um immer wieder diesen Weg zu gehen und der Atmosphäre des Ortes nachzuspüren. Durch das Gehen in diesem Feld entsteht eine Art Trancezustand. Die Frauen aus der Schweiz sagten, dass sich beim Gang durch den Wald bei ihnen sehr bald ein Zustand einstellte, der sich sonst erst nach stundenlanger Bergwanderung ergibt. Andere erinnerte der Zustand an das Gefühl bei einem langen Dauerlauf. Mich interessiert immer besonders, was ein geomantisches Phänomen bei Menschen bewirkt - also moderne, uralte Ökopsychologie.
Wir als moderne Menschen sprechen jetzt über Drachen. Die Bedeutung, mit der das Wort aufgeladen ist, holen wir vermutlich aus einer sehr alten Bewusstseinsschicht heraus. Warum verwenden Sie diesen Begriff, statt nach einem neuen Wort zu suchen?
Wenn ich das Wort Drache höre, sehe ich nicht in erster Linie feuerspeiende Wesen mit langen Schwänzen und Flügeln. Ich habe gar keine konkrete Vorstellung, vielmehr verbinde ich damit eine bestimmte Qualität. Das hängt sicherlich auch mit meiner Art der Wahrnehmung zusammen. Am ehesten könnte ich dies mit Adjektiven beschreiben - also als etwas, das lebendig ist, das sich bewegt, sich schlängelt oder gradlinig verläuft. Insofern hat der Begriff des Drachen eine positive Konnotation für mich - anders als in der christlichen Mythologie.
Auf so genannten Drachenwegen kann ich diese ursprüngliche Lebenskraft spüren, die für mich mit dem Begriff "Drache" verbunden ist, diese ursprüngliche Wildheit und Lebendigkeit. Wenn ich mit einer Gruppe an solchen Orten arbeite, nehmen manche diese Kraft auch als negativ wahr. Ich lade dann dazu ein, die Wahrnehmungen nicht zu werten, sondern zunächst nur zu beschreiben. Diese Empfehlung gebe ich, weil ich weiß, dass die Art und Weise unserer Lebenseinstellung, unser Bezugssystem natürlich Auswirkungen auf unsere Wahrnehmung hat.
Wildnis scheint wichtig für uns zu sein. Heute gibt es ja keine Wildnis mehr in unserem Kulturraum, entsprechend gibt es auch keine Wildheit.
Eine kühne Behauptung. Aber ja, das ist für mich immer wieder eine schmerzliche Erfahrung, dass unsere Wildheit, unsere Ursprünglichkeit mit der Wildheit in der Natur korrespondiert - und wo finden wir die heute noch? Berge und das Meer sind für mich der Inbegriff wilder Natur. Nach Stunden Wanderung an einem wilden Bergbach war ich einmal an einer Stelle, an der ich das Gefühl hatte, nun wirklich ganz allein fern von aller Zivilisation zu sein - aber drei Schritte weiter stand ein Wegweiser an einer Wegkreuzung. Die Vorstellung, etwas Unberührtes in unserer Kulturlandschaft zu finden, ist naiv.
Ist es dann auch eine naive Vorstellung, sich mit der eigenen Wildheit beschäftigen zu können?
Naiv nicht. Nur taucht dabei für mich die Frage auf: Was bedeutet das - Wildheit? Vielleicht ist es möglich, so einen Zustand zu erreichen . Wir können uns dem annähern, eine Ahnung davon bekommen, was es heißen könnte, frei zu sein, unser Potenzial zu leben. Durch unsere Zivilisation sind wir so, wie wir im Moment sind, eben zivilisiert. Wir können uns vielleicht dem So-Sein der Erde anschließen, dorthin zu kommen, wohin wir eigentlich wollen. Eine Ahnung von der Kraft der Natur vermitteln uns die Naturgewalten, die wir nicht in der Lage sind zu bändigen. Im Kleinen reicht dazu schon das Bild aus, wie eine Pflanze mit ihren zarten Blätterstielen Asphalt durchdringt.
Unternehmen Sie für sich allein geomantische Forschungsprojekte?
Das Verfolgen der Drachenlinie zu unterschiedlichen Jahreszeiten war für mich ein Forschungsprojekt. Oder bei mir zu Hause arbeite ich mit Geomantie-interessierten Menschen zusammen. Wir erarbeiten uns die Landschaft unserer Heimat mit ihren geomantischen Phänomenen, Sagen und Geschichten und setzen sie in Bezug zu den Menschen, die dort leben. Wir forschen in Familiengeschichten, ihren Krankheiten und persönlichen Dramen und lernen viel über die Zusammenhänge zwischen Landschaft und Mensch.
In letzter Zeit kommen mir immer wieder Zweifel darüber, was ich hier eigentlich tue. Gerade dann, wenn es um das Dokumentieren und Erfahrbarmachen von geomantischen Phänomenen geht. Diese sind für mich erfahrbar und nutzbar, aber wenn mir klar ist, dass ich mich vor allem mit Bewusstsein beschäftige, dann könnte ich auch sagen, "das brauche ich alles nicht". Geomantie ist unter diesem Blickwinkel "nur" ein Medium. Um deutlich zu machen, was ich meine: Vor einigen Jahren bin ich zu einer Visionssuche in die Wüste Sinai gefahren. Im voraus habe ich mich sehr darauf gefreut, dort ganz in Ruhe während meiner Auszeit geomantisch zu forschen. Aber als ich dann in der Wüste stand mit meiner Rute und nach Wasseradern oder Drachenlinien suchen wollte, da erschien mir das alles so gleichgültig - es ging hier nicht um irgendwelches Suchen und Finden, es ging hier nur um das Sein.
Das können wir gut nachvollziehen. Wir haben auch zunehmend Probleme, für das, was wir in der Landschaft mit Menschen tun oder erleben, Begriffe wie Radiästhesie oder Geomantie zu verwenden.
Die Schwierigkeit, die ich mit dem Begriff Geomantie habe, ist, dass eigentlich die ganze Welt Geomantie ist. Alles kann unter diesem Begriff zusammengefasst werden. Es gibt aber Zustände, da löst sich alles auf, da sind die Methoden oder Begriffe egal. Ich kann Geomantie gut als ein Medium sehen, das Bewusstseinsprozesse in Gang bringt, aber das könnte auch ein anderes Medium sein, z.B. eine Psychotherapie. Das Wesentliche ist für mich die Entwicklung einer inneren Haltung zu sich selbst und zur umgebenden Natur. Und dabei spielt die Schulung von Wahrnehmung und Intuition eine große Rolle. Methoden oder Fachbegriffe werden bei so einer Herangehensweise immer unwichtiger.
Für das Auslösen des Bewusstseinsprozesses spielt es eine entscheidende Rolle, ob die Methode, das Werkzeug, zu der jeweiligen Person passt.
Das ist auch meine Erfahrung. Deshalb brauchen wir in der Geomantie auch eine Methodenvielfalt in der Vermittlung von Wahrnehmungsprozessen und Schulung von Intuition.
Auch Intuition und Wahrnehmung können nur Werkzeuge sein. Eine extrem ausgeprägte intuitive Wahrnehmungsfähigkeit macht aus uns noch keine besseren Menschen .
Geht es in der Geomantie darum, "bessere" Menschen zu machen? Das ist für mich in diesem Zusammenhang eine unzulässige Wertung. Ich meine, letztlich geht es doch um die Fähigkeit zu einer Empathie, die über mich hinausgeht, die transpersonal ist - um Spiritualität eben.
Frau Recke, herzlichen Dank für das Gespräch.