Das Wunderbare liegt im Faktischen

von Herman Prigann erschienen in Hagia Chora 20/2005

Die Welt als lebendig zu begreifen ist ein Kernpunkt des sonst so vielschichtigen kulturell kreativen Weltbilds. Doch was bedeutet das? Der Künstler Herman Prigann meint in seinem herausfordernden Beitrag, dass es nicht sinnvoll ist, das Wunderbare, das Rätsel des Lebens, in einer Realität hinter den Dingen zu suchen, sunder das Wunderbare der Wirklichkeit ohne Umwege anzunehmen.

Das Faktische ist die Wirklichkeit, in der wir sind, die wir erkennen können. Dass wir existieren und wie wir existieren, macht aus, dass wir eine Welt erfahren, die uns so erscheint, als sei sie etwas Beobachtbares. Also sehen wir sie nicht wie sie ist, sondern sie ist, wie wir sie sehen Phänomen der subjektiven Wahrnehmung, das Paradoxon von Wahrheit und Wirklichkeit.
Was wir erkennen können, wird weitestgehend bestimmt durch unsere Sinne und die sensorische Apparatur der Naturwissenschaft, gewissermassen unsere techno-logischen Sinne. Mit dieser sich permanent ausweitenden Sensorik werden die noch unbekannten Räume in uns und um uns erweitert. Dies Paradoxon weist auf die Möglichkeit, dass das Leben hier und im gesamten Universum ein uns umtreibendes Rätsel bleibt. Jede Erkenntnis des Faktischen treibt unsere Phantasie zu Erkundungen des Unbekannten mit dem Ziel, es zu wissen, zu erkennen.
Wo, was ist dann das Wunderbare? Dass wir sind, hier im Sein, im Leben. Was suchen wir? Das Leben zu verstehen, uns zu verstehen.
Wunderbar ist auch, dass wir von Irrtum zu Irrtum überleben meistens. Wunderbar sind die Möglichkeiten der Ideen, der Kunst in all ihren Erscheinungsformen. Jede Erscheinung der Natur ist eine Offenbarung jenes Wunderbaren, das in und um uns seine Blüten treibt.
Wandlung ohne Anfang und Ende
Verstehen wir zuerst einmal, das Leben ist das Wunderbare, somit liegt das Wunderbare im Faktischen. Da der Raum des Lebendigen eine kosmische Dimension ist und diese in ihren Wechselwirkungen alles einschließt, was ist, wirkt es absurd, außerhalb dessen “Glaubenswelten" als Erklärungen zum Sinn des Lebens zu erfinden.
Wie weit ein Glauben von der Erfahrung der Realität wegführt, ja die Menschen in ihrer Erkenntnis derselben behindert, sei mit dem Beispiel des so genannten Sonnenlaufs erläutert. Alle sprechen nicht nur vom Sonnenauf- und Untergang, fast alle erleben dies Schauspiel auch wortgetreu. Doch alle wissen, die Erde bewegt sich, und diese Bewegung um die Sonne bestimmt ihr Erscheinen und Verschwinden. Wenn einmal alle Menschen diese Bewegung der Erde im All sinnlich erleben, den Ort ihres Seins auf ihr in unserer Galaxie orten, dann haben wir die ideelle Basis, zu verstehen, wie sehr das Wunderbare im Faktischen liegt.
Nichts ist hinter den Dingen, den Wesen, alles ist in ihnen dazwischen das, was wir Zeit nennen. In der Materie, den Kreaturen und um sie herum ist Raumzeit. Das All ist Bewegung in allem. Wir befinden uns in einem Tanz von Evolution und Entropie.
Wir behausten Höhlen, bauten Zelte, Häuser, Städte, Skyscrapers, bildeten Staaten, formten Landschaften und Gesellschaften. Aus der Nahsicht haben wir die Erde verändert, und nachts erscheinen die Lichterinseln der Großstädte aus 10000 m Höhe wie Abbilder der Sternbilder. Es wird auch wieder dunkler werden, und die Küsten haben dann einen anderen Verlauf. Die dann leben, bauen auf den Ruinen der Vergangenheit ihre Zukunft wie wir, wie immer schon in diesem Tanz.
Alle Bewegungen hinterlassen Spuren. Dies sind die „Muster“ des Lebendigen, ihre Gegenwärtigkeit evoziert den Wunsch, sie lesen, verstehen zu können. Von den Handlinien, Sternbildnamen, ihren Deutungen zur Zukunftsforschung, Paracelsus Lehre der Physiognomie der Pflanzen, angenommenen geomantischen Vernetzungen auf der Erde bis zu Spekulationen über die Struktur des Kosmos und Anfang und Ende der Welt, führt der Weg dieses Wunsches. Hier wird das Wunderbare hinter den Dingen, den Bewegungen vermutet. Es ist ein Versuch der Annäherung, doch das Sein, das Dao bleibt davon unberührt. Vermesse eine Wolke, berechne ihren Weg wirst du da sein, wenn es regnet, und einen Schirm haben?
Unsere Kulturen, Religionen und Ideologien haben bestenfalls Allego-rien über uns und die Welt herausgebildet und vererbt; diese bestimmen alle vorgestellten Wirklichkeiten. Aufklärung und Wissenschaft operierten mit dem Phantom des Objektiven. Erkenntnisse der Quantentheorie zeigen, dass Subjekt und Objekt in ihrer Relation zueinander relative Größen sind. Wer will da noch an Anfang und Ende glauben? All jene, die glauben, Leben und Tod wären Gegensätze, die sich festhalten an der Kerze der Hoffnung, einen letzten Sinn in allem zu finden.
Stephen W. Hawking entwickelt in der „Kurzen Geschichte der Zeit“ die Suche nach der Urkraft des Universums" einige Gedankenmodelle, die das Ziel haben, jenen Sinn hinter allem zu entschlüsseln. Wie er, so operieren viele Physiker heute noch mit der Metapher des Urknalls und dem universalen Kollaps, also den Ideen vom Anfang und Ende. Diese Ideen sind seit der Bibel mit ihrer Schöpfungsgeschichte und dem jüngsten Gericht ein fester Bestandteil der Glaubenswelten der Menschen in vielen Variationen und Kulturen. Wir schließen aus der Tatsache der persönlichen Geburt und des Todes, dass dieses Gesetz universale Bestimmung ist, und vermuten den Sinn des Ganzen bei der Allmacht, die viele Namen und Vorstellungsformen hat.
Ein Sommerhimmel über dir, du liegst im Gras, Wind weht, Wolken ziehen, ihre Formen sind ständig in Wandlung. Ein Wintertag, das Gras ist abgestorben, verborgen seine Reste unter dem Schnee, Sturm treibt graues Gewölk über die schwarz-weiße Landschaft. Ein Frühlingsmorgen, zwischen Schneeresten die ersten Schneeglöckchen, Kraniche kommen vom Süden zurück, die Menschen feiern ihre Lichtfeste. In allem Vergehen begründet sich die Wiederkehr, das große Wunderbare ist ein Sternzeichen am Firmament: Wunderbare Wandlung.
Glauben bedeutet Ausgrenzung
Was ich erfahre, erlebe, erspart mir, es zu glauben, denn was ich glaube, entbehrt der Erkenntnis. Daher verhindern alle religiösen, esoterischen und ideologischen Welterklärungen die Erkenntnis, im Hier und Jetzt zu sein. Nicht in einer Idealvorstellung von der Welt und unseren Gesellschaften nähern wir uns dem Faktischen, nur die Gelassenheit, alles gleich gültig in seinen Wandlungen zu erkennen, eröffnet die Sicht auf das Wunderbare, die innere Schau des Lebendigen.
Eine Stadt ist mehr als die Summe ihrer Architekturen und Verkehrsnetze, sie hat Schichten, archäologische und mentale, sie ist ein Organismus. Während sie gebaut, erweitert wird, verfällt sie schon, unter dem Pflaster ist der Strand".
Wir wohnen in den Ruinen der Zukunft. In uns leben die vergangenen und zukünftigen Geschlechter der Menschen. In den Sprachen der Welt, den Ablagerungen von Wünschen und Erkenntnissen, in Poesie und mathematischen Gleichungen klingt das Echo der Vergangenheit ins Heute und weist ins Zukünftige.
“ItÕs a wonderful world É".
Schaue ich durch das Zeitfenster von heute, sehe ich in eine Welt voller “Glaubenskriege". Sicher, hinter der Fassade dieser verschiedenen "Wertvorstellungen" gibt es ökonomische und imperiale Machtinteressen, doch darüber will ich mich nicht aufregen, dies ist keine neue Entwicklung, das ist der ausgetretene Pfad in unserer Geschichte. Der Frieden scheint den meisten Menschen langweilig zu sein. Was hier paradox erscheint, ist die Gleichzeitigkeit verschiedener geschichtlicher Zustände Entwicklungen einer Erdbevölkerung, die Milliarden zählt.
Einerseits ein wissenschaftliches Erkenntnispotenzial über den Menschen und seine Mitwelt, das sich jenseits von Glaubensbekenntnissen manifestiert, das das faktisch Wunderbare des Lebendigen in allem erfahren lässt, und dann parallel dazu eine sich mehr und mehr ausbreitende Gläubigkeit an irrationales, mehr gefühltes und sich auf so genanntes altes Wissen berufendes Handeln. Wir können feststellen, dass Glauben immer die Intoleranz mit sich führt: Es gab und gibt Glaubenskriege, es hat noch nie Erkenntniskriege gegeben. Altes Wissen ist gut aufgehoben in den aktuellen Erkenntnissen, denn diese gehen im Sinn der Kultur-Evolution aus dem Alten hervor.
Doch mit den überlieferten Fragmenten aus Büchern, die altes Wissen beinhalten, heute zu behaupten, man verstände, was das meinte, ist naiv. Es gibt den kulturellen Kontext, die lebendige Gesellschaft, die dies Wissen lebte, nicht mehr, daher auch keine Chance der Rückfrage und des Diskurses.
Es stimmt melancholisch, zu sehen, dass das Wunderbare des Lebendigen, der faktischen Welt, den meisten Menschen nicht genügt und sie in Allegorien ihr Heil suchen. Wie oft erlebe ich Menschen, die vor einem Kunstwerk stehen und fragen: Was soll das bedeuten? Nicht die Evidenz des Kunstwerks an sich lässt sie das Wunderbare erfassen, sie brauchen Bedeutungsbrücken zur Annäherung, alles muss doch symbolisch sein, oder es hat keinen Sinn. Mit dieser Grundhaltung wird dann die interpretierende Sicht vor das Kunstwerk gestellt, und nun hat es einen Sinn. So wird im allgemeinen das Besondere nicht erkannt, die Welt, wie sie ist, in allegorischen Phrasen versteckt. Wer diesen Sachverhalt näher betrachtet, wird erkennen, dass dies eine Form der Beherrschung der Wirklichkeit durch Ent- und Verfremdung ist.
Verbunden mit den Prozessen des Lebendigen
Der Philosoph Ernst Bloch sagte einmal: “Der Mensch steht in der Natur wie in Feindesland." Wir wollen ergänzen: Die Natur des Menschen neigt zur Ausgrenzung des Anderen und zur Vereinnahmung des ihm Nützlichen. Ein Wald ist für den einen ein poetischer Raum, für den anderen eine Menge von Brettern, für den Naturwissenschaftler ein .kosystem, der Esoteriker begrüßt den Bruder Baum, und der Specht hackt Löcher in die Rinde, um die Insekten zu fressen. Die Aneignung der Mitwelt ist vielfältig und subjektiv. Die Wirklichkeit hat viele Ebenen, die Erkenntnis viele Wahrheiten, einige führen in die Irre. Esoterik, Geomantie, Geheimlehren aller Art sind seit alter Zeit Versuche, das Unbekannte, was man hinter den Erscheinungen der Welt vermutet, in Denksysteme einzubinden, um Macht über Geister, Mächte, Kräfte zu gewinnen.
An diesem Ziel hat sich auch bei den Bemühungen der aktuellen Wissenschaft nichts geändert, nur die Namen, die Begriffe, die Arbeitsweise, um Erkenntnisse zur Herrschaft über die Natur zu gewinnen, scheinen pragmatischer und logischer zu sein. Doch zweifelsfrei bleibt vieles unsicher. Mir scheint, dass die kreative Freude des Zweifelns vielen Menschen fremd ist, man wärmt sich lieber am gemeinsamen Feuer des Glaubens, das die individuelle Einsamkeit in der Welt aufzuheben scheint. Dies ist die Basis aller Heilsverkünder, aber auch der Grund für alle Ausgrenzung Andersgläubiger. So werden Menschen weiterhin ihre mentalen und territorialen Ausgrenzungs- und Überzeugungskriege führen.
Das Wunderbare liegt im Faktischen. In diesem Sinn können wir in uns und um uns täglich Phänomene erleben, die einen Hinweis geben, dass wir in Prozessen des Lebendigen eingebunden sind, deren Wechselwirkungen undurchschaubar sind, da sie komplex sind und über uns hinaus weisen. Im Faktischen lebt das Wunderbare, kein Geist schwebt über den Wassern, keine Allmacht spielt den Steuermann im Universum, alles ist Wandlung aus sich selbst. Der Sinn der Materie und der Kreatur tritt in ihnen selbst in Erscheinung, und wir können nicht von außen die universalen Prozesse in ihrer Komplexität beobachten, vermessen und beurteilen, nur Ausschnitte, Aspekte. Aber wir können uns verantwortlich sehen für unser Handeln im Sinn des Humanen in unserer Mitwelt.