Wasser - ein mehrdimensionales Wesen

Interview mit Franklin Frederick, dem Sprecher der International Free Water Academy

von Stefan Rist erschienen in Hagia Chora 18/2004

Wasser - ein mehrdimensionales Wesen
Im Zug der Proteste gegen die Ausbeutung einer der wichtigsten Ressourcen des Landes, der großen Mineralwasserquellen, entstand in Brasilien eine kulturell-kreative Bürgerinitiative. Für Hauptinitiator Franklin Frederick geht es nicht nur um Umweltschutz allein, sondern um ein ganzheitliches Bewusstsein für das Wesen des Landes, des Wassers und des Potenzials der Menschen.

Franklin Frederick wurde als Nachfahre indianisch-holländischer Großeltern in Brasilien geboren. An der staatlichen Universität von Rio de Janeiro studierte er Literatur und Psychologie und arbeitete dann als Berater des staatlichen Wasserunternehmens COPSA im Bezirk Minas Gerais. Er organisierte mehrere internationale Konferenzen zu den Themen Wasser, Gesundheit und Umwelt. Nachdem er 1989 in Deutschland Marko Pogacnik kennengelernt hatte, organisierte er für ihn 1995 in Brasilien die ersten geomantischen Workshops (die drei Jahre später in einem Lithopunkturprojekt mündeten). Bei dieser Gelegenheit besuchten sie gemeinsam erstmals die einzigartigen Wasserparks der Region Circuito das Águas, die bald darauf zum Gegenstand des Engagements einer erstaunlichen Umweltschutz-Allianz aus betroffenen Anwohnern, Künstlern und ganzheitlich motivierten Wissenschaftlern werden sollten - unter der maßgeblichen Mitarbeit Franklin Fredericks. Bisher konnte diese nicht nur für Brasilien neuartige Bürgerbewegung die örtlichen mineralreichen Quellen vor der drohenden weiteren Ausbeutung durch multinationale Konzerne verteidigen. Das folgende Interview basiert auf dem von Stephan Rist ursprünglich für das MRD-Magazin (Mountain Research and Developement, Nummer 23, 1/2003, www.mrd-journal.org) veröffentlichten Text. Es wurde von der Hagia-Chora-Redaktion übersetzt und in Rücksprache mit Franklin Frederick an einigen Stellen aktualisiert und erweitert.

Stephan Rist: Erzählen Sie uns doch bitte zunächst etwas über die brasilianische Bergregion Circuito das Águas, in der Sie einige Zeit gelebt und gearbeitet haben.
Franklin Frederick: Diese Region liegt inmitten eines riesigen Areals, das Serra da Mantiqueira genannt wird. Neben dem Circuito das Águas, dem "Wasserkreis" mit seinen stark mineralhaltigen Quellen, besitzt die Region mit dem Itatiaia Park einen der bedeutendsten brasilianischen Nationalparks, der für seine Aghulas Negras (Schwarze Nadeln) genannte Bergspitze weithin bekannt ist. Die Mineralwasserquellen liegen in so genannten Wasserparks, die sich auf vier kleine Ortschaften verteilen: São Lourenço, Caxambu, Cambuquira und Lambari. Diese Städtchen entstanden während des 19. Jahrhunderts um die Wasserparks herum, als die Quellen und ihre medizinischen Eigenschaften entdeckt wurden. Die Region entwickelte sich dann dank dieser medizinischen Eigenschaften des Wassers bis zum Anfang der 50er-Jahre prächtig. In den 40er-Jahren gab es sogar eine staatliche Kommission zur Entwicklung der mineralwasserbasierten Medizin, und an den Unis wurden entsprechende Kurse abgehalten. Doch um das Jahr 1950 änderte sich das alles grundlegend, und ich vermute stark, dass dies mit dem steigenden Einfluss der Lobby der pharma-(petro-)chemischen Industrie zusammenhängt, die nach dem zweiten Weltkrieg in Brasilien Einzug hielt: Die staatliche Kommission wurde aufgelöst, und die medizinischen Seminare der Unis wurden abgeschafft. In der Folge erlebte die Region einen stetigen sozialen und wirtschaftlichen Niedergang.

Die Bewohner des Circuito das Águas haben nun vor kurzem eine Bürgerinitiative gegen die Produktion von "Pure-Life"-Wasser durch die Nestlé-Konzerntochter Perrier in São Lourenço gegründet. Was war der Anlass hierfür, und wie lassen sich die wesentlichen Schritte dieser Mobilisierung beschreiben?
Vor ungefähr drei Jahren begannen viele Menschen in São Lourenço, darunter auch ich selbst, eine Veränderung im Geschmack des Mineralwassers zu bemerken. Dazu kam, dass eine der berühmtesten Quellen des Wasserparks, die Magnesiana, immer weiter austrocknete, bis sie schließlich ganz versiegte. Wir vermuteten bald, dass beide Entwicklungen irgendwie zusammenhingen. Normalerweise benötigt das Wasser im Erdinneren mehrere hundert Jahre, um sich allmählich mit Mineralien anzureichern. Wird es jedoch in großen Mengen abgepumpt, die die Natur nicht mehr ersetzen kann, nimmt sein Mineralgehalt kontinuierlich ab. Dies bringt auch die Geschmacksveränderung mit sich, die uns allen aufgefallen war. Wir stellten also Nachforschungen an und entdeckten, dass Nestlé/Perrier für die Situation verantwortlich war. Also beschlossen wir, von dem Unternehmen eine Stellungnahme zu verlangen, und der Stadtrat hielt zu diesem Zweck eine Einwohnerversammlung ab, zu der auch einige Vorstandsmitglieder von Nestlé/Perrier Brasilien geladen waren. Die Firma konnte jedoch weder unsere Fragen beantworten, noch verstanden ihre Vertreter überhaupt, worum es uns eigentlich ging. Schlimmer noch: Sie gaben sich derart arrogant, dass allen klar war, dass von dieser Seite keine Hilfe zu erwarten sein würde. Als nächstes bildeten wir eine Wasser-Bürgerinitiative und sammelten Informationen über die Herstellung von Pure Life. Wir entdeckten, dass Nestlé/Perrier im Park riesige Wassermengen aus 150 Metern Tiefe abpumpte. Das Wasser wurde dann demineralisiert und zu Pure Life Tafelwasser verarbeitet. Weil die brasilianische Verfassung jedoch nicht erlaubt, Mineralwasser zu demineralisieren, gingen wir mit unseren Ergebnissen zum Staatsanwalt, der auf dieser Grundlage öffentliche Untersuchungen über Nestlés Aktivitäten in São Lourenço einleitete. Diese Untersuchungen führten Ende des Jahres 2001 zu einer Verurteilung des Unternehmens und zu weiteren staatlichen Ermittlungen. In der Zwischenzeit hatten wir Bürgerproteste gegen den Konzern organisiert und über 3 000 Unterschriften für eine Petition gesammelt.

Wie sieht die aktuelle Situation aus?
Das Ministerium für öffentliche Angelegenheiten steckt momentan noch in den Ermittlungen zum Fall; der Prozess der Öffentlichkeit gegen das Unternehmen beginnt aber wahrscheinlich noch im Jahr 2004. Auf der Kreisebene müsste der Prozess jetzt eigentlich jederzeit eröffnet werden, aber offen gestanden glaube ich gar nicht daran, dass ein Rechtsstreit zu einer echten Lösung führen wird. Ein solcher Prozess kann sich über Jahre hinziehen - Jahre, die der Wasserpark nicht hat! Nur durch öffentlichen Druck auf die Konzerne in Europa werden wir die Austrocknung noch verhindern können. Außerdem besteht die Gefahr der Privatisierung von natürlichen Ressourcen wie der Mineralquellen in anderen brasilianischen Regionen noch fort, nicht nur durch Nestlé, sondern auch durch andere multinationale Unternehmen, die das Land in wasserreichen Gegenden aufkaufen. Ihr begehrtestes Objekt ist gegenwärtig Guarani Aquifer im Süden - das weltgrößte unterirdische Trinkwasservorkommen, vollständig im Territorium Brasiliens gelegen. In- und ausländische Unternehmen arbeiten bereits daran, die Rechte zur legalen Ausbeutung zu bekommen.

Die großen multinationalen Konzerne fürchten nichts so sehr wie einen Schaden an ihrem öffentlichen Image. Wie können wir in Europa zum Beispiel auf den Nestlé-Konzern einwirken?
Wie schon angedeutet, bedeutet eine Unterstützung aus den europäischen Ländern den einzigen Ausweg - und zwar nicht nur für São Lourenço, sondern auch für viele andere Regionen. Eine Postkartenkampagne, die Nestlé zur Beendigung der Wasserausbeutung im Wasserpark von São Lourenço auffordert, wäre eine große Hilfe. Eine noch bedeutendere Sache, die wir gemeinsam angehen könnten, wäre jedoch, eine internationale Bewegung zur Verteidigung des Wassers ins Leben zu rufen. Es sollte zu den Menschenrechten gehören, dass Wasser Allgemeingut bleibt. Wasser darf keine Handelsware sein! Ich war mit diesem Anliegen bereits einige Male in der Schweiz; dort tut sich bereits etwas, und mehrere soziale Bewegungen wie etwa Attac und Greenpeace haben sich in meine Initiative eingeklinkt.

Was werden Sie in Zukunft tun? Planen Sie, auf der Basis des bislang Erreichten die soziale Mobilisierung und Kreativität der Menschen in der Region weiterhin zu fördern und zu unterstützen? Die Nestlé/Perrier-Sache hat die ganze Region wachgerüttelt. Andere Städte fürchteten, dass ihnen demnächst dasselbe Schicksal blühen könnte wie uns in São Lourenço, denn verschiedene Wasserparks standen kurz vor der Privatisierung. So sprang die Bürgerbewegung auch auf andere Orte über. Zur Verteidigung der Wasserparks sowie zur Bewusstmachung ihrer Einzigartigkeit und der Notwendigkeit, alternative Entwicklungsprojekte in der Region zu initiieren, gründeten sich mehrere NGOs [engl. Abk. für Nichtregierungsorganisationen bzw. Bürgerinitiativen]. Zusammen arbeiten wir an dem Konzept eines neuartigen Modellprojekts, das sich das fantastische Potenzial des Gebiets zunutze macht und dabei gleichzeitig die Verletzlichkeit der Wasserparks respektiert - immerhin ein hydrogeologisches Wunder, für dessen Entstehung die Natur Jahrmillionen gebraucht hat.

Während Ihrer Erfahrungen mit der wachsenden sozialen Bewegung hatten Sie Kontakt zu Wissenschaftlern, Politikern, lokalen Autoritäten, Geschäftsleuten, Kunsthandwerkern sowie einigen international bekannten Künstlern. In welcher Rolle sehen Sie in diesem Prozess die Wissenschaft?
Es dürfte allgemein bekannt sein, dass die Wissenschaft momentan einen sehr tiefgreifenden Paradigmenwandel erlebt. Vielleicht kann dies am Beispiel des Wassers und unserer Beziehung zu Wasser besser verstanden werden als auf irgendeinem anderen Gebiet. Die Wasser- Bürgerbewegung in Brasilien ist eine der wichtigsten sozialen Entwicklungen in einem Land, das nach zwanzig Jahren Militärdiktatur erst vor kurzem wieder zur Demokratie zurückgekehrt ist. Doch um einen wirklich effektiven Wandel einzuleiten, wird es auch der Wissenschaftler und deren sozialer Anliegen bedürfen. Bürger und Wissenschaftler werden zusammenarbeiten müssen, um den überkommenen Glauben an eine "neutrale" Wissenschaft hinter sich zu lassen, denn dieser Glaube ist nur das Alibi einer Wissenschaft, die im Dienst der Machtpolitik steht. Wir brauchen die politische Unterstützung durch die Wissenschaft für unsere Sache. Auch müssen wir gemeinsam ein neuartiges Verständnis von Wasser entwickeln, das als Basis eines alternativen Projekts dienen kann, dessen Hauptanliegen nicht die Ausbeutung von Mineralwasser ist. Dazu werden neueste Entdeckungen zum "Gedächtnis" des Wassers ebenso gehören wie einige neu entdeckte physikalische Eigenschaften, die allesamt die Vermutung nahelegen, dass Wasser viel mehr ist, als wir gemeinhin geneigt sind, anzunehmen. Sämtliche alten Traditionen der Welt - auch die der brasilianischen Ureinwohner - betrachteten das Wasser als etwas Heiliges und brachten ihm weit mehr Respekt entgegen, als wir es bislang taten. Die Entwicklung eines alternativen Projekts in Circuito das Águas, das den Blickwinkel der neuen Wissenschaft mit den alten Traditionen verbindet, könnte ein wichtiger Schritt hin zu einem neuen Verständnis unserer Beziehung zum Wasser sowie seines Potenzials sein.

Sie haben mir gegenüber bereits angesprochen, dass einige Lithopunktur- Künstler - eine Kunst aus dem Bereich der Erdheilung - bedeutsame Beiträge geleistet haben, indem sie eine innovative Verschmelzung von Wissenschaft und Kunst entwickelten. Wie kann die künstlerische und die wissenschaftliche Arbeit so kombiniert werden, dass die nachhaltige Regionalentwicklung einen entscheidenden Fortschritt erfährt? 1998 initiierte der bekannte slowenische Bildhauer Marko Poga ÿcnik ein Lithopunkturprojekt zur Unterstützung der spezifischen Kräfte der Wasserparks. Pogaÿcnik hat mit seiner Lithopunktur eine einzigartige Herangehensweise an die Natur entwickelt, die im Wesentlichen auf der Ebene der feinstofflich-subtilen Felder der Erde ansetzt. Wir müssen uns vergegenwärtigen, dass in der Geschichte Kunst und Wissenschaft von Beginn an mit Philosophie und Dichtung eng verknüpft waren. Heute haben sich diese Disziplinen jedoch derart stark voneinander entfernt, dass die Zeit für einen neuen Ansatz zu ihrer Vereinigung mehr als reif erscheint. Beide beschäftigen sich schließlich aus verschiedenen Blickwinkeln mit derselben Welt; gemeinsam bringen sie völlig neuartige Herangehensweisen hervor, die bei der Überwindung vieler heutiger Probleme immens hilfreich sind. Interessanterweise unterscheiden wir Menschen in unserem alltäglichen Umgang mit der Natur und der Welt kaum zwischen Wissenschaft und Kunst, diese Unterscheidung entsteht erst durch unseren heutigen spezialisierten Blickwinkel, der die bekannten Probleme nach sich zieht. Darum halte ich es für so bedeutsam, dass wir uns allen Dingen zunächst einmal als Menschen nähern - mit der Einfachheit unserer täglichen Erfahrung. Erst danach sollten wir mit größter Vorsicht unsere Rollen als Politiker, Wissenschaftler oder Künstler einnehmen. Was wir im Circuito das Águas zu entwickeln versuchen, könnte ein erster Schritt in diese Richtung sein.

Sie denken über die Gründung einer internationalen, freien Wasser- Akademie nach. Wird dies eine normale Universität sein, die sich auf das Thema Wasser spezialisiert, oder haben Sie andere Pläne?
Die "International Free Water Academy" wird keine konventionelle Universität sein. Ich spüre eher den Bedarf an einem Raum, in dem die Multidimensionalität des Wassers kreativ und interdisziplinär erforscht wird. Ich habe dies in den letzten Jahren mit vielen Menschen in Brasilien und anderswo diskutiert, mit Wissenschaftlern, mit Künstlern und mit Leuten, die sich in den sozialen Bewegungen zur Wasserfrage engagieren. In erster Linie sollte die International Free Water Academy ein offener Treffpunkt für alle Menschen sein, die verstehen möchten, was Wasser wirklich ist und wie wir auf der Suche nach kreativeren Wegen im Umgang mit den Problemen und Potenzialen des Wassers kooperieren können. Man betrachtet Wasser am besten als eine lebende, mehrdimensionale Entität; seine wahre Bedeutung können wir nur durch den ausführlichen Dialog verschiedener wissenschaftlicher und künstlerischer Ansätze erfassen. Wissenschaftler sollten mehr in die oftmals sehr komplexen sozialen Fragestellungen einbezogen werden. Der Dialog über die heiligen und spirituellen Dimensionen des Wassers, der zur Sensibilisierung der Öffentlichkeit mit Künstlern und sozialen Bewegungen geführt wird, kann auch einen starken Impuls für kreativere wissenschaftliche Methoden zum Verständnis des Wassers mit sich bringen. Mit der International Free Water Academy hoffen wir zum Beispiel, all die indianischen Traditionen mit Bezug zum Wasser zu erforschen und wieder aufleben zu lassen, ebenso wie das afrikanische Erbe, das mit den Sklaven nach Südamerika kam. Das umfangreiche Wissen dieser wichtigen Traditionen ist ja von wissenschaftlicher Seite nie wirklich ernstgenommen worden. Heute ist es aber an der Zeit, wieder dem zu lauschen, was die uralten Wassergöttinnnen und -götter der indianischen und afrikanischen Kultur uns zu sagen haben. Die Weltbank, der IMF und andere internationale Investment-Institutionen zwingen die armen Staaten gegenwärtig dazu, ihre Gesundheitsund Erziehungssysteme zu privatisieren. Dieser Prozess vollzieht sich weltweit, und ich glaube nicht, dass wir ihn aufhalten können, bevor wir nicht wieder gelernt haben, die Erde und das Wasser als etwas Heiliges zu begreifen. An diesem Punkt treffen Geomantie, Wissenschaft, Politik und die neuen sozialen Bewegungen zusammen. Die gemeinsame Arbeit an der Erschaffung einer neuen sozialen und politischen Vision, die auf einem tiefem Verständnis unseres Planeten gründet, stellt eine einzigartige Gelegenheit dar, die Gefahr durch den gegenwärtigen Prozess, der die Erde zur bloßen Handelsware degradiert, abzuwenden. Dies ist gleichzeitig die Hauptidee hinter dem Projekt der International Free Water Academy: ein Ort der Begegnung für soziale Bewegungen, Künstler, Wissenschaftler und Geomanten, die hier an der Konkretisierung gemeinsamer Projekte arbeiten können. Es gibt so viele fantastische Menschen auf der Welt und großartige Organisationen, die versuchen etwas zu bewegen - ich persönlich finde, dass sich die Geomantie viel mehr in diese Diskussionen einbringen müsste. Die International Free Water Academy steckt noch immer in den Kinderschuhen; aufgrund vieler Veränderungen in der sozialen und politischen Situation Brasiliens konnten wir in letzter Zeit keine konkreten Fortschritte machen. Ein Netzwerk ist jedoch im Aufbau begriffen, und die Idee schlägt immer tiefere Wurzeln. Als nächstes wollen wir eine Homepage einrichten.

Wie denken Sie über das Verhältnis der Wissenschaft zu anderen Wissenstraditionen?
Wie sollte diese Beziehung aussehen, damit sie signifi- kante Beiträge zu einer nachhaltigen Entwicklung leisten kann, die alle Sphären des menschlichen und natürlichen Lebens betrifft? Ich denke, die abendländische Wissenschaft hat sich zu sehr isoliert; nur in Ausnahmefällen interagiert sie noch mit dem Wissen, das in den alten Traditionen, Ritualen und alltäglichen Praktiken der traditionellen Gesellschaften der ganzen Welt fortbesteht. Die Art und Weise, wie sich Wissenschaft der Wirklichkeit annähert, hat von Beginn an eine starke Einseitigkeit mit sich gebracht, zum Beispiel indem sie von vornherein die Mehrdimensionalität von Wasser ablehnt. Wir alle können heute sehen, wohin uns diese Einstellung gebracht hat. Wenn wir uns den schwierigen Herausforderungen, die vor uns liegen, wirklich stellen wollen, ist jedoch eine erweiterte Sicht erforderlich. Eine neue Herangehensweise kann nur auf der Basis des respektvollen Dialogs zwischen den verschiedenen Wissenstraditionen entstehen. Wenn wir die Mehrdimensionalität von Wasser annehmen, nehmen wir auch unsere eigene Mehrdimensionalität als Menschen an. Eine nachhaltige Zukunft des ganzen Planeten muss auf unserer eigenen Ganzheitlichkeit gründen. Ich bin deshalb davon überzeugt, dass gerade die Geomantie einen sehr wichtigen Beitrag liefern kann, wenn es darum geht, unserer Gesellschaft dabei zu helfen, ihre Sichtweise und ihr Verhalten unseren Planeten und Lebensstil betreffend, zu verändern. Insbesondere durch den anhaltenden offenen Dialog mit all jenen Wissenschaftlern, die gegenwärtig neue Paradigmen entwickeln, kann die Geomantie sich an der Bildung einer globalen Zukunftsvision und neuen Weltordnung beteiligen.


Letzte Meldung: Nestlé gibt klein bei!

Der Kampf der Bürgerinitiative zur Erhaltung des einmaligen Wasserparks von São Lourenço hat zuletzt noch eine unerwartete Wendung erfahren. Anfang des Jahres 2004 beteiligte sich Franklin Frederick an den globalisierungskritischen Veranstaltungen, die parallel zum alljährlichen "Weltwirtschaftsforum" der Großkonzerne im schweizerischen Davos stattfinden. Angesichts der wachsenden Proteste gegen den demokratisch nicht legitimierten Kreis der Befürworter einer einseitig wirtschaftlichen Globalisierung hatten die Veranstalter dieses Jahr ein so genanntes Open Forum eingerichtet: eine öffentliche Podiumsdiskussion mit Publikumsbeteiligung. Obwohl verschiedene Nichtregierungsorganisationen bereits vergeblich versucht hatten, ein Gespräch zwischen Frederick und der ebenfalls anwesenden Konzernleitung der Schweizer Nestlé-Gruppe zu initiieren - die Vertreter des Unternehmens hatten dies immer abgelehnt -, konnte Frederick als Zuschauer des Open Forums den auf dem Podium sitzenden Nestlé-Chef Peter Brabeck in aller Öffentlichkeit zu der Situation in Brasilien befragen. Dort sieht sich der Konzern nach langwierigen Ermittlungen der Staatsanwaltschaft mit einer Klage des zuständigen Bundesministeriums konfrontiert. Brabeck zeigte sich über diese Provokation sichtlich verärgert und gab mit knappen Worten bekannt, dass Nestlé sich von der Wasserförderung in São Lourenço zurückziehen und die dortige Fabrik schließen wird. Franklin Frederick will den Konzern nach diesem Erfolg nun auf Reparationszahlungen für die angerichteten Schäden im Wasserpark verklagen und eine internationale Kampagne ins Leben rufen, die dafür eintritt, dass Wasser als ein Menschenrecht und öffentliches Gut anerkannt wird. Doch trotz der Rettung des Wasserparks von São Lourenço ist die generelle Gefährdung wertvoller Wasserreservoirs durch die Ausbeutung transnationaler Konzerne keineswegs gebannt. Franklin Frederick bittet die Hagia-Chora-Leserinnen und -Leser deshalb, die weitere Entwicklung kritisch zu verfolgen und der brasilianischen Botschaft sowie den Nestlé-Verantwortlichen in Deutschland schriftlich oder telefonisch ihre Besorgnis über die fortwährende Plünderung der Wasservorkommen mitzuteilen (Adressen siehe unten). Die Strategien der multinationalen Unternehmen am Beispiel des Lebensmittelriesen Nestlé sind außerdem Gegenstand eines Treffens mehrerer Nichtregierungsorganisationen in Vevey am Genfer See im Juni. Frederick wird dort als Vertreter der brasilianischen Wasser-Bürgerbewegung zusammen mit Organisationen wie Greenpeace, Attac, Erklärung von Bern (CH) und Save our Springs (USA) über Fragen zu Gentechnik in Lebensmitteln, Flaschenabfüllung von Mineralwasser, Arbeitsbedingungen oder Babynahrung debattieren. Stärker als über die Wasser-Bürgerbewegung in Brasilien ist in den Medien in letzter Zeit über die lokalen südindischen Initiativen berichtet worden, die sich gegen die katastrophalen Folgen der Grundwasserausbeutung durch den Coca-Cola-Konzern wehren. Dieser betreibt seit 1992 allein in Indien 26 Abfüllstationen. Jedoch befand auch hier zuletzt das Bundesgericht des Staates Kerala, dass das Wasser Gemeineigentum sei und nicht maßlos von einer Interessensgruppe mit negativen Konsequenzen für die Allgemeinheit genutzt werden dürfe. Der US-Konzern, der sich vorgenommen hat, innerhalb eines Jahrzehnts globaler Marktführer im lukrativen Geschäft mit abgefülltem Tafelwasser zu werden, will jetzt die betroffene Anlage in einen Nachbarstaat verlegen .

Franklin Frederick freut sich über Interesse an seiner Arbeit und an der International Free Water Academy. Kontakt zu ihm kann über folgende EMail- Adresse erfolgen (Franklin Frederick spricht Portugiesisch, Englisch und Deutsch): franklinf@painet.com.br

Brasilianische Botschaft, Wallstraße 57, D-10179 Berlin Tel.: +49 (030) 72628-0 (Abteilung Umwelt: -230) Fax: +49 (030) 72628-32, brasil@brasilemberlim.de

Nestlé Deutschland, Dr. Gunter Fricke (zuständig für Fragen zu Qualität und Umwelt), Tel.: +49 (069) 66712688, gunter.fricke@de.nestle.com