Beständig ist nur der Wandel

Globale geomantische Systeme und die Wirklichkeit der Erde

von Reiner Padligur erschienen in Hagia Chora 18/2004

Schon immer hat der Mensch versucht, die Naturereignisse und sein Schicksal durch Regeln zu erklären. Auch die globalen radiästhetischen Gitter sind ein solcher Versuch. Die Erde lässt sich jedoch nicht in solch ein Raster pressen.

Beständig ist nur der Wandel
Seit der dritten Ausgabe von Hagia Chora, in der Siegfried Prumbach sein pentagonales Energiesystem der Erde vorstellte (Hagia Chora 3, 1999), wird in dieser Zeitschrift angeregt über Vorstellungen globaler Energienetze diskutiert, bei denen jeweils ein regelmäßiges globales Flächensystem als Erklärung für den Standort von Kraftorten oder antiken Kultstätten herangezogen wird. Besonders die Beiträge von Marco Bischof zum Thema Kristallplanet (fortlaufend in Hagia Chora ab Heft 7, 2000) vermittelten bisher einen umfassenden Einblick in die Entwicklung und die Vielzahl der möglichen Kristallgit tersysteme, darunter vor allem diejenigen, die auf den platonischen Körpern basieren: Tetraeder-Systeme nach William Lowthian Green, Oktaeder-Systeme nach Hans Ulrich Schmutz, Ikosaeder, Pentagon-Dodekaeder- Systeme nach Walerij A. Makarow, Semjonowitsch Morosow, Nikolai F. Gontscharow, Siegfried Prumbach und anderen sowie Ikosaeder-/Dodekaeder-Systeme nach Èlie de Beaumont und Jon T. Sinkiewicz. Nicht zu vergessen auch die "Vereinheitlichte Vektor-Geometrie" von Richard Buckminster Fuller, die mit 121 Großkreisen und 120 gleichschenkeligen Dreiecken auf dem Globus 4 862 Schnittpunkte mit jeweiligen Kantenwinkeln von 30°, 60° und 90° ergibt. Auch in der Radiästhesie gibt es viele globale Systeme, die ebenfalls mit antiken Kultplätzen und deren Ausrichtung in Beziehung gebracht werden. In der Regel haben alle radiästhetischen Systeme eine magnetische Ausrichtung. Die geläufigsten Systeme sind dabei in die Haupthimmelsrichtungen Nord-Süd und Ost-West orientiert. Aber auch diagonale Gitter mit einer Ausrichtung Nordwest-Südost und Südwest- Nordost werden beschrieben.

Radiästhetische Gittersysteme
Die Entdeckung der radiästhetischen Gittersysteme begann in den 30er-Jahren des letzten Jahrhunderts. 1937 beschrieb der französische Arzt Francois Peyré erstmals ein Nord-Süd-/Ost-West-System mit einer Maschenweite von 4,0 m mal 4,0 m. In Deutschland folgte etwa um 1950 der Arzt Ernst Hartmann mit dem nach ihm benannten Hartmanngitter. Sein System war ebenfalls nach Nord-Süd und Ost-West ausgerichtet - allerdings mit einer Maschenweite von 2,0 m (Nord-Süd) mal 2,5 m (Ost-West) (Abb. 2). 1953 beschrieb dann Anton Benker ein System innerhalb des Hartmangitters mit einer Maschenweite von 10,0 m mal 10,0 m. Auch in Frankreich wurde 1952 durch Lucien Romani, den technischen Direktor des Eiffel-Labors, ein Nord-Süd-/ Ost-West-Gitter beschrieben, das ebenfalls in Beziehung zum Hartmanngitter steht, allerdings nur eine Maschenweite von 1,10 m bis 1,50 m haben soll. Parallel zu den Entdeckungen der Nord-Süd-/Ost-West-Gitter wurde 1951 in Deutschland von Siegfried Wittmann ein diagonales Gitter mit einer Ausrichtung Nordwest-Südost und Südwest- Nordost gefunden, das von ihm mit einer Maschenweite von 10,0 m bis 11,0 m beschrieben wurde. Dieses System wurde erst durch den deutschen Arzt Manfred Curry 1952 bekannt gemacht. Er beschrieb die Maschenweite allerdings mit 3,0 m bis 4,0 m. Darüber hinaus wurde dieses System auch mit dem Benkergitter in Verbindung gebracht, da bei einer Maschenweite von 3,54 m mal 3,54 m beide Systeme auf einer ebenen Fläche gleiche Kreuzungspunkte haben können (Abb. 3). In der Radiästhesie wurde seitdem eine Vielzahl von weiteren Gitternetzsystemen entdeckt, die als gemeinsamen Nenner eine magnetische Orientierung in den Haupthimmelsrichtungen oder in den Diagonalrichtungen dazu haben. Darüber hinaus wurde von mehreren Rutengängern auch eine breitengradabhängige Verkürzung des Ost-West-Maschenabstands in nördlichen Breitengraden und eine Verbreiterung in südlichen Breitengraden festgestellt. Besonders genaue Messungen der jeweiligen breitengradabhängigen Veränderungen der Maschenweiten wurden von Horst F. Preiss in Skandinavien, in Grönland, in Afrika, in den Anden, in der Antarktis und vielen anderen Ländern durchgeführt. Es ist bemerkenswert, dass man bei all diesen geomantischen Betrachtungen immer von einem statischen Bezug des Energiesystems zum jeweiligen Ort ausgeht. Bei den geomantischen Netzgittersystemen, die einen direkten Bezug zur magnetischen Himmelsrichtung haben, wird oft auch eine Permanenz der Magnetfeldausrichtung über längere Zeiträume vorausgesetzt. Zum Teil wird die Lebensdauer dieser Systeme in menschlichen Zeiträumen von 10 bis 50 Jahren eingeschätzt, zum Teil auch in geschichtlichen Zeitdimensionen von über 10000 Jahren, über deren Dauer sie fest verortet sind. Besonders wenn mehrere antike Kulturorte in einen direkten Bezug zum jeweiligen System gebracht werden, wird offensichtlich von einer dauerhaften Beständigkeit des Systems ausgegangen. Darüber hinaus basieren alle globalen Energiesysteme auf einer Grundform der Erde als Kugel. Mit exakten Berechnungen der Winkel und Abstandsmaße wird die Regelmäßigkeit des Systems begründet bzw. vor Ort bestätigt. Dabei wird meist von einer gleichmäßigen Rotation der Erde mit gleichmäßiger Kugelform ausgegangen, auf die ein regelmäßiges, geometrisches geomantisches System projiziert wird. Auch bei Orten auf verschiedenen Kontinenten wird immer von einer Permanenz des örtlichen Bezugs ausgegangen, wie zum Beispiel bei einer exakten Ausrichtung von Gebäuden nach einem Netzgittersystem in Afrika und Amerika. Wenn antike Kulturstätten betrachtet werden, müssten diese Gebäude seit 2000 bis 3000 Jahren in einem exakten Raumbezug zueinander stehen. Im Folgenden möchte ich die permanenten globalen geomantischen Energiesysteme mit einigen wissenschaftlichen Untersuchungsergebnissen hinterfragen.

Das metrische Maßsystem und die unterschiedlichen Erdradien
In der Regel werden die Längenmaße aller geomantischen Systeme im metrischen Maßsystem angegeben. Hier drängt sich die Frage auf, warum nur selten diejenigen Maßsysteme angegeben bzw. wiedergefunden werden, die seinerzeit bei der Kultanwendung oder Stadtgründung verwendet wurden, wie Elle oder Fuß. Besonders die radiästhetischen Gittersysteme sind meist mit Abständen definiert, die glatte Metermaße aufweisen. Als Begründung dieser glatten Maße wird oft der Zusammenhang zwischen dem Meter und dem Erdumfang herangezogen. Der "Urmeter" gilt per Definition als der zehnmillionste Teil der Entfernung zwischen Nordpol und Äquator. Der Meter als ein bestimmter Kreisabschnitt des Erdumfangs könnte demnach auch ein glatter Teil einer Eigenschwingungsresonanz der Erde sein. Das Problem bei allen Beziehungen zwischen einem feinstofflichen System mit glattem Metermaß in Bezug auf den Erdumfang besteht zum einen darin, dass der Urmeter von 1795 nicht dem zehnmillionsten Teil eines Viertel eines Meridianabschnitts entsprach. Bei seiner Berechnung ist dem beteiligten Astronomen Pierre-Francois- André Méchain ein Rechenfehler unterlaufen, so dass der Urmeter um 0,2 mm zu kurz geriet. Dieser Fehler wurde auch 1889 von der Internationalen Meterkonvention beim "Urmeter", einem Platin-Iridium Stab, übernommen. Auch die heutige Definition des Meters als die Strecke, die das Licht in 1/299 792 485 Sekunden zurücklegt, bezieht sich auf den fehlerhaften Urmeter. Für den Alltag hat diese Ungenauigkeit keine Bedeutung, wohl aber für alle radiästhetischen Systeme, die einen Bezug zum tatsächlichen Erdumfang oder Erdradius haben. Diese Systeme haben zudem das Problem, dass der Polradius der Erde mit 6 356 752 Metern deutlich kleiner ist als der Äquatorradius mit 6 378 137 Metern. 1/10 000 000 des Abstands zwischen Nordpol und Äquator entspricht also in Wirklichkeit 0,9985 Meter und die entsprechende Länge am Äquatorradius wäre 1,0019 Meter. Bei einem aus dem Erdumfang abgeleiteten feinstofflichen System müssten also ungerade Längenmaße entstehen. Soll also die Maschenweite des Benkergitters ein Viermillionstel des Erdumfangs betragen, müsste sie 10,02 m statt 10,0 m groß sein. Auch ist erstaunlich, dass bei allen Netzgittersystemen, die in ihren Maschenweiten die Verkürzung eines Breitengrad-Abstands nach Norden und dessen Verbreiterung zum Äquator hin berücksichtigen, ausgerechnet in Mitteleuropa Abstände der Nord-Süd-Linien mit glatten Meterabständen gefunden wurden, z. B. das Hartmangitter mit 2,50 m. Nur aus Skandinavien, z. B. bei Ivala (Finnland) mit 1,32 m, oder in Afrika, z. B. bei Misallat (Ägypten) mit 3,48 m, werden ungerade Maße in der Nord-Südmaschenweite berichtet. Selbst innerhalb von Deutschland müsste in Bezug auf den Wohnsitz seines Entdeckers bei Eberbach das Hartmannbzw. Globalnetzgitter in München mit 2,57 m (Benkergitter 10,28 m) und in Hamburg mit 2,27 m (Benkergitter 9,08 m) Ost- West-Maschenweite gefunden werden. Bei allen glatten metrischen Maßen innerhalb der Geomantie drängt sich der Verdacht auf, dass vielleicht einem tatsächlich vorhandenen feinstofflichen Liniensystem schlicht eine metrische Normierung übergestülpt wurde. Seltsam ist es auch, wenn z. B. eine Steinreihe in Frankreich oder die Sockelkantenlänge der Pyramiden in Ägypten exakt der Breite eines geomantischen Systems oder einer geomantischen Zone entsprechen. Bei allen geomantischen Systemen, die sich nach dem geographischen Nordpol richten, wie z. B. die Kristallplanet-Theorien, ist das System nach der Erdachse hin orientiert. Diese ist zwar ein feststehender rechnerischer Punkt am Nord- und Südpol und bestimmt somit auch die Zuordnung aller Breiten- und Längenangaben. Aber die tatsächliche Rotationsachse kann sich innerhalb eines halben Jahres um bis zu 20 Meter dazu verschieben. Die Erde eiert etwa wie ein wackeliger Kreisel (Abb. 4). Wenn sich ein geomantisches System in seiner Theorie auf die Erdachse bezieht und diese nicht nur eine rechnerische Größe sein soll, sondern die Theorie mit der Erde als drehender Kugel oder gar mit kosmischen Bezügen in Verbindung gebracht wird, sollte sich die Unregelmäßigkeit der Rotationsachse in einer Lageveränderung der geomantischen Linien widerspiegeln.

Schwerefeld und Form der Erde
Bei den meisten globalen geomantischen Systemen wird außerdem eine homogene Kugelgestalt der Erde angenommen, was allerdings in keiner Form der Wirklichkeit entspricht. Die Dreh- und Fliehkraft der Erde verursacht an den Polen eine Abplattung von insgesamt etwa 21 Kilometern. Diese Ellipsenform der Erde wird z. B. bei der Satelliten-Höhenbestimmung durch das rechnerische WGS84-Ellipsoid als Grundlage angenommen, um daraus die jeweilige Höhe des Standorts zu berechnen. Dieses Ellipsoid entspricht jedoch wiederum nicht der Wirklichkeit. Eine lokale GPS-Höhenangabe würde nur in den seltensten Fällen tatsächlich mit der lokalen Meereshöhe übereinstimmen. Genauere Messungen ergeben gegenüber der rechnerischen elliptischen Grundform bei den mittleren Breitengraden auf der Südhalbkugel eine Vergrößerung und auf der Nordhalbkugel eine Verkleinerung des Erdumfangs. Und die nördliche Polkappe wölbt sich hervor, während sich die südliche Polkappe zusätzlich abplattet (Abb. 5). Auch diese Birnengestalt entspricht noch nicht der wirklichen Form der Erde. Erst wenn man sich die tatsächliche Höhenlage der Erdoberfläche anschaut, wie beim allgemein geläufigen Höhenbezug zur mittleren Meereshöhe (einer Höhenangabe, die sich auf die reale Erdoberfläche bezieht, wenn sie gleichmäßig mit Wasser bedeckt wäre), erkennt man die reale Form der Erde, das sogenannte Geoid, das stark vom errechneten Ellipsoid abweicht. So gibt es südwestlich von Grönland und nördlich von Australien bei Neuguinea jeweils eine Ausbeulung von über 80 Metern und in der Nähe der Antarktis eine Einbuchtung von 80 Metern. Am extremsten ist die Delle an der Südspitze Indiens von über 110 Metern. Diese gravierenden Abweichungen gehen ebenso wie die Unregelmäßigkeiten der Polkappen auf eine unterschiedliche Masseverteilung im Erdinneren zurück. Statt einer schönen Kugelform hat die Erde deshalb in Wirklichkeit eher die Form einer runzeligen Kartoffel (Abb. 6). Leider sind diese Regionen mit markanten Schwerefeldabweichungen und die Unregelmäßigkeiten in der Form der Erde nicht in den regelmäßigen globalen geomantischen Systemen wiederzufinden.

Unbeständigkeit des Erdmagnetfelds
Problematisch wird es auch bei allen geomantischen Systemen, die sich auf magnetisch Nord beziehen, wie die Gitternetze, bei Angaben des Luopan im Feng Shui und bei allen mit einem Kompass gemessenen Ortswinkelangaben. Der magnetische Nord- und der magnetische Südpol entsprechen nicht den geographischen Polen; der magnetische Nordpol befindet sich zur Zeit westlich der Nordspitze Grönlands ca. bei 90° westlicher Länge. Die Deklinationsabweichung gibt dabei die an einem Ort gemessene horizontale Winkelabweichung der Kompassnadel gegenüber geographisch Nord an. Als Entstehungsursache und Quelle des Erdmagnetfelds wird ein Dipolfeld favorisiert, das im äußeren Erdkern (2 900 bis 5100 Kilometer tief) durch eine thermoelektrische Wirkung von langsamen Strömungen entsteht. Über 95 Prozent des irdischen Magnetismus werden darauf zurückgeführt. Die restlichen Anteile haben ihre Ursache in lokalen Abweichungen durch unterschiedlich magnetisierte Ortsgesteine und durch den äußeren Einfluss der Sonne. Bei der Betrachtung des Erdmagnetfelds ist festzustellen, dass das tatsächliche Feld nicht dem idealisierten theoretischen Bild eines Dipolfelds entspricht (Abb. 7). Unklar ist auch, warum ausgerechnet im südlichen Teil Brasiliens und des Südatlantiks ein "magnetisches Loch" existiert. Die Intensität des Erdmagnetfelds verringert sich dort in 450 km Höhe auf unter 60 Prozent des Normalwerts. Dies bewirkt eine schwächere Abschirmung vor kosmischen Winden und eine erhöhte kosmische Partikeleinstrahlung. Flugzeuge dürfen diese Region daher nur in geringer Flughöhe durchfliegen, und Satelliten werden möglichst anderswo positioniert. Die großflächigen magnetischen Abweichungen haben keinen Bezug zu den ober- flächigen tektonischen Strukturen der äußeren Erdkruste. Es gibt einige erdmagnetisch aktive Zonen mit Kernbereichen in Nord-, Mittel- und an der Südspitze Südamerikas, im Himalaja, im Indischen Ozean und in Südchina. Die Dynamik dieser Strukturen lässt unterschiedliche Strömungsbewegungen im Erdinneren vermuten, deren Aktivitätszentren, über einen längeren Zeitraum betrachtet, um jährlich 0,3 Längengrade (etwa 30 Kilometer) nach Westen wandern. Bei der Betrachtung der Veränderung der Deklinationsabweichungen spielt besonders die so genannte Säkularvariation des Erdmagnetfelds eine große Rolle. So hat sich beispielsweise in Europa die 0°-Isogrammlinie (Linie der Orte ohne Deklinationsabweichung) in den letzten 200 Jahren um etwa 23° in Richtung Westen verschoben. Verglichen mit tektonischen Bewegungen kann man hier von einem rasanten Tempo sprechen (Abb. 8). Abbildung 9 zeigt die für London und Paris seit Beginn der wissenschaftlichen Messungen des Erdmagnetfelds im Jahr 1540 gemessenen Werte der Deklination und Inklination. Hatte ein Ort in London um 1580 noch 11° östliche magnetische Abweichung gegenüber geographisch Norden, so war um 1800 an dem gleichen Ort eine Missweisung von 24° westlicher Abweichung feststellbar. Dies bedeutet eine Änderung der Deklination von 35° in nur 220 Jahren. Diese säkulare Variation des Erdmagnetfelds wurde schon 1634 von dem englischen Mathematiker und Astronomen Henry Gellibrand entdeckt. Die damaligen Untersuchungen des Erdmagnetfelds gingen vor allem von dem "Göttinger Magnetischen Verein" aus, der unter Leitung von Alexander von Humboldt, Carl Friedrich Gauß und Wilhelm Eduard Weber weltweit einheitliche Messungen initiierte. Heute werden von über 50 erdmagnetischen Observatorien die Werte im "Intermagnetprojekt" zusammengetragen. Eines davon ist das dem Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrologie angeschlossene Erdmagnetische Observatorium in Wingst. Seit 1939 wird hier das Erdmagnetfeld beobachtet, und die täglichen Messungen geben Aufschluss über die bei uns auftretenden Veränderungen: Bei der Betrachtung magnetisch begründeter geomantischer Liniensysteme müssen die lokalen Veränderungen der Deklination berücksichtigt werden. Eine Winkeländerung der Deklination von nur wenigen Graden oder Bogenminunten wirkt sich bei der Orientierung eines magnetisch ausgerichteten Liniensystems auf längere Distanzen bereits beachtlich aus, wie die Tabelle zu Abb. 10 zeigt. Bedenkt man, dass die modernen Gitternetzsysteme von Ernst Hartmann, Siegfried Wittmann, Manfred Curry, Reinhard Schneider und Paul Schweizer vor etwa 50 Jahren erforscht wurden und viele Rutengänger in der Geobiologie auf eine Vielzahl von Krankheitsfällen durch Gitternetzkreuzungen an Schlafplätzen in Wohnungen vor mehreren Jahrzehnten verweisen, dann müssten die damals gefundenen magnetisch orientierten Gitternetzkreuzungen inzwischen entsprechend weitergewandert sein. In 10 Jahren wird bei der Veränderung der Deklination von 1°30? im Abstand von 10 Metern der dortige Gitternetzkreuzungspunkt bereits um 26 cm verschoben. Bei geomantischen Untersuchungen wirkt sich besonders bei großen Kultobjekten die Änderung der Deklinationsabweichung über längere Zeiträume wesentlich gravierender aus. So müsste in einer Kirche, die im 16. Jahrhundert erbaut wurde, eine Deklinationsabweichung von 10 Grad berücksichtigt werden. Eine oft festgestellte "falsche" Ostrichtung des Kirchenschiffs würde sich dann womöglich relativieren. Innerhalb der Kirche würden zwei damals korrekt magnetisch orientierte Punkte, z. B. Kanzel, Altar, Eingang oder Säulen, die einen Abstand von 6 Metern haben, inzwischen um 1,06 Meter (und bei einem Abstand von 10 Metern bereits um 1,76 Meter) verschoben sein. Noch gewaltiger sind die Veränderungen bei längeren Distanzen wie bei Leylinien oder geomantischen Zonen. So würde beim Vergleich zweier magnetisch orientierter Punkte aus dem 16. Jahrhundert mit einer angenommenen Distanz von 2 Kilometern der Punkt B um 352,65 Meter und bei 10 Kilometern bereits um 1763,27 Meter gegenüber A verschoben sein.

Nichts bleibt, wie es ist
Zu guter Letzt gibt es auch noch die Plattentektonik. Sicherlich kennt jeder Grafiken der Erdgeschichte, bei denen die Lageveränderungen der Kontinente seit der Urzeit der Erde dargestellt werden. Und auch die vielen Erdbeben, die wir heute dank der Medien hautnah miterleben können, haben etwas mit den Bewegungen und Verschiebungen der Erdplatten im Untergrund zu tun. Bei uns verhält sich die Erde verhältnismäßig ruhig, denn die großen Bewegungen der Kontinente fanden in der Urzeit der Erdgeschichte statt - meint man (Abb. 11). Diese Annahme trifft für Deutschland jedoch nur lokal gesehen und nur für kurze Zeiträume zu. So maß die Erdbebenstation Bensberg bei Köln im Jahr 2003 mehr als 50 Erdbeben mit einer Stärke über der Magnitude 2,0 (auf der Richterskala) und vier Erdbeben mit mehr als Magnitude 3,0, ja sogar eines mit der Magnitude 5,4. Kleinere Beben unter 3,0 haben überwiegend bergbaubedingte Ursachen, die größeren werden von Verschiebungen innerhalb des Oberrheingrabens durch den Druck der Alpen nach Norden verursacht. Weltweit werden durchschnittlich zweimal täglich Erdbeben der Magnitude 5,0 und fast wöchentlich ein Beben der Stärke über Magnitude 6,0 gemessen. Beben von Magnitude 3,0 gibt es weltweit etwa alle 10 Minuten. Die Erde rüttelt und schüttelt sich also ständig. Auch wenn dies für unsere Region geomantisch gesehen weniger relevant ist, so sollte es bei globalen Systemen doch berücksichtigt werden, denn beispielsweise wandern die Kontinente Amerika einerseits und Afrika mit Europa andererseits jährlich um durchschnittlich 2 bis 5 cm auseinander. Kolumbus musste vor 500 Jahren rund 10 Meter weniger weit segeln als ein Boot heutzutage. Kultstätten, die vor 2000 Jahren in Nordamerika und Europa errichtet wurden, liegen heute 40 Meter weiter voneinander entfernt, für Südafrika und Südamerika ist die Entfernung sogar auf 100 Meter angewachsen. Betrachtet man diese Verschiebung über einen längeren Zeitraum unter dem Aspekt, dass sich frühere Kulturen an geomantischen Strukturen orientiert haben sollen, die wir heute vorfinden, dann kann dieses geomantische System global nicht permanent sein. Alle geomantischen Strukturen, die heute so schöne geometrische Formen auf dem Globus ergeben, hätten vor 2000 Jahren nur schiefe Eier statt Kreise und ungleichschenkelige Rhomben oder Dreiecke ergeben - und genauso unregelmäßig würden sie auch nach 2000 Jahren wieder aussehen.

Ein nachdenkliches Resümee
Bei geomantischen Betrachtungen, die die Erde in ihrer Gesamtheit sehen, ist erstaunlich, dass diese die Dynamik der Verschiebung des Erdmagnetfelds, die Unregelmäßigkeit des Erdschwerefelds, der Erdrotationsachse und der realen Form der Erde sowie die Plattentektonik nicht berücksichtigen. Die Sehnsucht nach geometrisch korrekten geomantischen Regeln, die unser Schicksal bestimmen, scheint durch die schnellen und unrythmischen Veränderung der Erde leider nicht in Erfüllung zu gehen, denn das Eigenleben der Erde weist eben eine äußerst komplexe Dynamik auf. Meiner Ansicht nach sind in der praktischen Geobiologie und Geomantie daher eher lokale tektonische, hydrologische und geologische Eigenschaften entscheidend als erdmagnetische. Die radiästhetisch gemuteten regelmäßigen Liniensysteme können meines Erachtens besser durch Interferenzmuster aus der Schwingungsphysik (Schall, Seismik und Hochfrequenz) erklärt werden als durch eine Orientierung am Erdmagnetfeld. Mit den Chladni-Klangfiguren (benannt nach ihrem Entdecker Ernst Chladni, 1756- 1827) und mit den Versuchen von Hanns Jenny mit Beispielen mechanischer Schwingungsstrukturen auf Oberflächen in gasförmigen Stoffen und in viskosen Flüssigkeiten können gitternetzähnliche Strukturen auf (Erd-)Oberflächen anschaulich erklärt und erzeugt werden (Abb. 12). Lokale Interferenzmuster sind immer abhängig von der jeweiligen Eigenresonanz des Untergrunds und der Form des Resonanzmediums. So gibt es nach neuesten seismischen Untersuchungen des Geoforschungszentrums Potsdam in der Erdbebenmikrozonierung zum Beispiel spezifische Bodengrundresonanzfrequenzen von 0,6 Hz im Raum Hürth bei Köln, von etwa 1,0 Hz bei Leverkusen und bis zu über 4,0 Hz bei Bergisch- Gladbach. Ich bin deshalb der Ansicht, dass lokale geomantische Schwingungsstrukturen der Erde möglich sind, und ich finde sie bei meiner geomantischen Arbeit auch, doch sollte man vorsichtig sein, diese zu systematisieren und in regelmäßige Energiemuster zu gliedern. Hierbei kann man wie bei der optischen Wahrnehmung Trugschlüssen unterliegen. Bereits 1870 beschrieb der deutsche Professor Ludimar Hermann die Effekte einer optischen Gestaltvervollständigung bei regelmäßigen Linienmustern, die so genannten Hermann-Gitter. Aus geometrisch angeordneten, einfachen Linien werden unwillkürlich Kreuzungen, oder an scheinbaren Überschneidungen erscheinen Kreise oder dunkle Kreuzungspunkte. Diese Täuschungseffekte sind vielfältig und können auch in der Geomantie dazu verleiten, etwas zu sehen, was nicht da ist (Abb. 13). Außerdem sollte bei der Betrachtung feinstofflicher Energiekonzepte nie der Effekt der morphischen Resonanz außer acht gelassen werden. Bei der Anwendung einer geomantischen Regel auf einen Raum bzw. eine Himmelsrichtung werden mental die vorhandenen morphischen Resonanzbezüge aktiviert. Je mehr Menschen diese Regeln in ihrem Bewusstsein tragen, desto stärker wirken sie und werden sie wahrgenommen. Wenn jemand an Krebs gestorben ist, kann dies also meines Erachtens nicht an einer magnetisch orientierten Linie eines Netzgittersystems im Schlafbereich gelegen haben. Aber es könnte vielleicht eine starke lokale lineare Struktur der Eigenresonanz des Orts bzw. der Erde im Schlafbereich zur Krankheit beigetragen haben. Auch können zwei zueinander entfernt gelegene antike Kultorte zu ihrer Entstehungszeit magnetisch oder geographisch betrachtet nie über die gleichen globalen Bedingungen verfügt haben wie heute. Aber beide Orte können damals wie heute über eine gleiche geomantische Eigenstruktur verfügt haben, die wir heute wie damals wahrnehmen. Doch wird sie sich kaum in ein weltweit einheitliches geometrisches System fügen. Die Begeisterung für Strukturen sollte uns nicht dazu verleiten, die Ereignisse dieser Welt mit globalen geomantischen Systemen erklären zu wollen. Wissenschaftlichen Betrachtungen halten sie nicht stand.

Literaturquellen für Text und Grafiken: Rolf Müller, "Der Himmel über dem Menschen der Steinzeit", Berlin 1970. Marco Bischof, "Der Kristallplanet", in "Hagia Chora", Heft 7ff., Klein Jasedow, 2000. Dr. Ernst Hartmann, "Über Konstitution Yin Yang und Reaktionstypen", München 1986. Käthe Bachler, "Erfahrungen einer Rutengängerin", Linz 1984. M. L. Mettler, "Atmosphärische Reizstreifen - Das Maß- System antiker Völker", Zürich 1986. Franz Ruso, "Wie global sind die Gitternetze", in "Wetter- Boden-Mensch", Heft 15, Waldbrunn-Waldkatzenbach, 1984. Waltraud Wagner, "Die englische Meile und das Einmal- Zweiundsiebzig am Himmel", in "Wetter-Boden-Mensch", Heft 15, Waldbrunn-Waldkatzenbach, 1984. Hans Israel, "Einführung in die Geophysik", Berlin 1969. Prof. Walter Kertz, "Einführung in die Geophysik, Bd. 1", Mannheim 1969. Leopold Stadler, "Über die langfristige Änderung des Erdmagnetfeldes", in "Plus Lucis" 2/95. Roland Brinkmann, "Abriß der Geologie", Stuttgart, 1980. Reiner Padligur, "Einflussfaktor Erdstrahlen - Eine Einführung in die Wünschelrutenpraxis", Witten, 2003. Reiner Padligur, "Wo ist der magnetische Norden?", in "Feng Shui Journal" Nr. 6, Klein Jasedow, 2004. Hanns Jenny, "Kymatik", Basel, 1974. Interessante Internetadressen zum Thema: Geoforschungszentrum Potsdam, www.gfz-potsdam.de Bundesanstalt für Seeschifffahrt und Hydrographie "Erdmagnetisches Observatorium", Am Olymp 13, D-21789 Wingst, www.bsh.d400.de.